Frühgeschichte
Auszug aus der Stadtchronik von August Reuter
Wenn ich früher gefragt wurde, wann wohl die erste Siedlung in Oerlinghausen entstanden sei, dann antwortete ich stolz: „Vor 2000 Jahren etwa!“.
Aber die Forschungen der letzten Zeit, die von Schulrat Schwanold - Detmold und Lehrer Hermann Diekmann - Oerlinghausen gerade in der nächsten Umgebung unserer Stadt mit großem Eifer betrieben wurde, haben ergeben, daß menschliche Siedlungen bis in die ältere Steinzeit (Paläolithicum) zurückzuverfolgen sind. Aus dem Mesolithicum und dem Neolithicum sind besonders viel Funde gemacht worden. Was die nächsten Monate noch an Entdeckungen aus der Steinzeit bringen werden, ist noch garnicht abzusehen. Jedenfalls steht fest, daß schon in der Steinzeit in und um Oerlinghausen (Schopketal, Triftweg, Menkhausen, Heisterbrink und Snakenbach) menschliche Siedlungen waren, daß hier Menschen gelebt, gedarbt, gekämpft und geliebt haben.
Auch aus der Bronzezeit sind bei Oerlinghausen wertvolle Funde gemacht worden. Schulrat Schwanold - Detmold hat uns von dem für die Forschung wichtigen Bronzezeitgrabe auf dem Kamm des Tönsberges erzählt [Fußnote: Vrgl. Band XII der Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, S.106 ff. Detmold 1926; ferner Diekmann's Berichte in der Landeszeitung, Jahrgang 1928.und Diekmann, Steinzeitsiedlungen im Teutoburger Walde. Wittekind - Verlag, Bielefeld 1931.Ferner Nebelsiek, Leo, Ausgrabungen in Lippe 1933 - 1936 Mitt. Bd XVI, S. 139 ff.] und vor allem bewiesen, auf welch hoher Kulturstufe die Menschen der Bronzezeit standen. Man darf wohl daraus, daß oben auf dem Kamm des Tönsberges Gräber der Bronzezeit gefunden wurden, den Schluß ziehen, daß wir es in unserem Tönsberg, der zur Besiedelung sich ja nicht eignete, mit einer uralten Kult- und Opferstätte zu tun haben, da schon den Bronzezeitmenschen irgendeine heilig war und wert erschien, dort ihre Toten zu bestatten. Die Bronzezeitgräber auf dem Tönsberge liegen kurz vor dem Eingang zum sogenannten „Sachsenlager“. Somit darf ich folgern, daß dieser östliche Teil des Berges nicht nur die Burg, die Verteidigungsanlagen enthielt, nicht nur der Zufluchtsort in Zeiten der Not war, sondern daß dieser Teil auch eine alte Kultstätte barg. Christliche Kapellen sind mit Vorliebe dort gebaut worden, wo heidnische Altäre gestanden hatten. Dies würde auch eine Erklärung für den Standort der Hünenkapelle sein.
Die uralten Wohnplätze der Menschen aber dürfen wir nicht auf dem Bergrücken suchen, sondern im Tale oder am Abhang, wo eine Quelle ihnen Wasser und der nahe Wald die nötige Nahrung boten. An solchen Stellen liegen unsere alten Meierhöfe Stapelage, Wistinghausen, Niederbarkhausen, Menkhausen, Arendmeier, Selhausen u.a. Oerlinghausen selber muß anderen Ursprung haben. Es wird entstanden sein, als sich die im Tale wohnenden Besitzer der Einzelgehöfte für den Fall der Not zusammenschlossen, gemeinsam ein befestigtes Lager auf dem schwer zugänglichen, leicht zu verteidigenden Ostabhang des Tönsberges bauten [Fußnote: Über den Bau des Lagers vergl. Hölzermann, Lokaluntersuchungen und Schuchardt, Atlas vorgeschichtl. Befestigungen in Niedersachsen. Hierin genaue Pläne.], gemeinsam einen Priester für ihr Heiligtum, einen Führer für den Krieg wählten. Auch für die krieglose Zeit war ein Richter nötig, der verwischte Grenzen wieder festlegte, Streitigkeiten schlichtete und Acht gab auf die Paßstraße, die durchs Gebirge führte (Oerlinghauser Paß).
Es liegt nahe, anzunehmen, daß ein solcher Führer, der Herr des befestigten Lagers auf dem Tönsberge, in kriegloser Zeit seinen Wohnsitz nicht auf dem rauhen Bergrücken, sondern in der Nähe der Paßstraße hatte, wo Acker und Weiden zur Verfügung standen. Und es hat etwas Bezwingendes, den Namen „Oerlinghausen“ auf diesen „Herrn“, den altsächsischen Oerl (englisch earl; dänisch iarl) bzw. auf die „Herrlinge“ zurückzuführen, zumal wir hier im Niedersachsenland mehrfach eine solche Verwandtschaft oder nahe Beziehung zwischen Ortsnamen und Befestigungsanlagen beobachten können, z.B. bei Herlingsburg bei Schieder und bei Erlinghausen bei Niedermarsberg.
Wenn wir diese Deutung zu Grunde legen (und ich finde keine bessere!), so haben wir es in Oerlinghausen mit dem Hofe des „Herrn“, des Burgherrn oder Führers zu tun, dessen Nachkommen, die „Oerlinge“, der Anlage den Namen gaben.
Aber wann diese Siedlung zuerst enstand, wissen wir nicht; ob sie schon da war, als Varus im Teutoburger Walde fiel; ob er sein Lager auf dem Tönsberge hatte, wie Professor Deppe -Heidelberg behauptet, oder ob Hermann der Befreier vom Tönsberge auch den Beginn der Vernichtungsschlacht im Jahre 9 leitete, wie Stanford in seiner lesenswerten Schrift „Das Schlachtfeld im Teutoburger Walde“ - Cassel 1892 - so anschaulich schildert, all das vermögen wir nicht zu beweisen.
Wir wissen nur, daß später die Sachsen, die von der cimbrischen Halbinsel kamen, um das Jahr 500 in unserem Land herrschten. Sie müssen sich schnell mit den alteingesessenen Cheruskern und den keltischen Rassen vermischt haben und lagen oft im Kampfe mit den südlich wohnenden Brukterern, daß das befestigte Lager auf dem Tönsberge in diesen Kämpfen eine große Rolle spielte, kann nicht zweifelhaft sein. Dies nimmt auch - wie er mir schrieb - Professor Otto Werth - Detmold, der beste Kenner der Geschichte unserer Gegend und in Oerlinghausen aufgewachsen, an.
Als das fruchtbare Sachsenland dem Frankenkönig Karl dem Großen begehrenswert erschien, und als Karl sich anschickte, es zu erobern, um es seinem Reich einzuverleiben, da wurde unter den Sachsen wieder ein Herrführer gewählt, und diese Wahl fiel auf Widukind. Wir kennen den schweren dreißigjährigen Freiheitskampf der Sachsen und wissen, mit welcher Erbitterung er geführt wurde. Wir wissen das Karl 784 bei Detmold fast geschlagen wurde und mit seinem Heere nach Osnabrück zog, wo seine überlegene Feldherrnkunst den Sachsen eine vernichtende Niederlage bereitete. Und wir stellen uns vor, wie bei diesem Zuge von Detmold nach Osnabrück das Frankenheer vom Lagerherrn des Tönsberges arg bedroht wurde. Wir denken auch an das furchtbare Blutbad von Verden, daß entsetzlichste in der deutschen Geschichte. Karl läßt in seinem Zorn 4 500 Sachsen enthaupten.
Karl blieb Sieger und erbaute zum Dank eine Kapelle. Der ehrwürdige Schlaten, Geschichtsschreiber des Bistums Paderborn vermutet in unserer Hünenkapelle diese "capella sancti adjutorii" Schaten, [Fußnote: annal. Paderborn.I S.15. In der Landesbibliothek zu Detmold, (Magistratsbibliothek).].
Die Niederlage der Sachsen bedeutet auch den Wendepunkt in der Geschichte unserer engsten Heimat. Karl der Große gründete das Bistum Paderborn und schenkte die durch das Verdener Blutbad leegewordene Sachsenhöfe in unserer Gegend dem Paderborner Bischof. "Unterm Krummstab ist gut wohnen" sagt ein mittelalterliches Sprichwort, und wir können feststellen, daß die jetzigen Höfe eine im ganzen ruhige Entwicklung genommen haben, solange sie zu Paderborn gehörten. Aber das Besitzrecht hatte sich mit der Frankenherrschaft von Grund auf geändert.