„Es ist eine Lust, hier zu leben!“

Dr. Arnold Ebert

 

Wenn eine Stadt einen so abgerundeten Zeitabschnitt ihres Bestehens feiern kann, liegt der Wunsch nahe nach einem Rückblick in die Vergangenheit und einer Ausschau in die Zukunft.

Oerlinghausen, schon 1036 urkundlich erwähnt, war im 12. und 13. Jahrhundert Sitz eines Archidiakonats und der Synode, hatte also schon früh eine hervorragende Stellung. Daß es diese Bedeutung später verlor, lag unter anderem an den furchtbaren Drangsalen, die es wegen seiner Lage als Grenzort des lippischen Landes erlitt und an den Fehden sowie Kriegswirren des Mittelalters, die es zu erdulden hatte. In den Zeiten nach den Bauernkriegen wurde es auch von dem umliegenden Großgrundbesitz eingeengt, niedergehalten und verlor in den sich bis ins 19. Jahrhundert erstreckenden Kämpfen eine Gerechtsame nach der anderen. Wenn es trotzdem im Laufe des 19. Jahrhunderts wieder zu einer gewissen Blüte kam und Industrie, Handel sowie Gewerbe in der abgelegenen Berggemeinde wieder Bedeutung erlangen konnten, so ist das ein Zeugnis für die bewundernswerte Unternehmungslust der Bürger. Trotz seiner damaligen Verkehrsabgeschiedenheit, obwohl der Ort bis 1903 keine Bahn besaß und der Personen- sowie Frachtverkehr auf Pferd und Wagen 12 km bis Bielefeld oder 9 km bis Lage zurückzulegen hatte, entwickelte sich hier eine echte Industriegemeinde. In Oerlinghausen befand sich als einzigem lippischen Ort neben Lemgo eine Legge, wo das Leinen durch die fürstlichen Beamten auf seine Güte untersucht wurde.

So ist es verständlich, daß im vorigen Jahrhundert hier der Wunsch laut wurde, für die Heimatgemeinde die Stadtrechte zu erstreben. Die Stadtwerdung einer Dorfgemeinde ist kein alltägliches Ereignis, die Entwicklung zur Stadtfähigkeit ist meist an lange Zeitspannen gebunden. Und selbst, wenn die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen vorliegen, setzt der Akt der Verleihung von Stadtrechten die Gunst der Stunde und ein kluges Zusammenwirken der Verantwortlichen einer Gemeinde voraus. Die Verleihung der Stadtrechte ist auch den Oerlinghausern nicht in den Schoß gefallen. Ihr ging seit dem Jahre 1888 ein zähes Ringen mit der Lippischen Regierung voraus, das mit bewundernswertem Geschick geführt worden ist. Zahlreiche Anträge, Bitten und Gesuche an das Hohe Fürstliche Kabinettsministerium in Detmold und später an Abgeordnete aller Parteien sind bis zum Jahre 1926 immer wieder ausgearbeitet, formuliert und auf die Reise geschickt worden.

Im Jahre 1885 gelang es dem damaligen Gemeindevorsteher Reuter in einer Audienz beim Prinzregenten Adolf den langjährigen Wunsch auf Verleihung der Stadtrechte vorzubringen. Der Landesherr war aber nur bereit, ihm den Titel Bürgermeister zu verleihen. Charakteristisch für die Einstellung der Oerlinghauser war jedoch die spontane Ablehnung: „er sei nicht für sich, sondern für seine Gemeinde gekommen“.

Im Auftrage der Gemeinde hat dann vor allem Rechtsanwalt Oskar Asemissen im Jahre 1889 ein auf 28 Seiten begründetes „gehorsamstes Gesuch“ nach Detmold gerichtet. Die Haushaltspläne anderer lippischen Gemeinden und Städte wurden da bis zur Hundesteuer und zum Gehalt des Nachtwächters genau durchleuchtet und verglichen.

[Bild: Blick vom Steinbült, Zeichnung Prof. Seng]

Da wurde geltend gemacht, daß die Bevölkerung Oerlinghausens sich ausschließlicher von Industrie, Handel und Gewerbe ernähre als die Bewohner irgendeiner Stadt des Lipperlandes, vielleicht nur Detmold ausgenommen. Die wirtschaftliche Bedeutung Oerlinghausens wurde dabei auch durch die Statistik der Reichspost belegt, wonach es hier damals mehr Fernsprechanschlüsse pro Einwohner gab als in Lemgo, Blomberg oder Barntrup. In der Eingabe wurden auch die Nachteile aufgezeigt, welche daraus resultierten, daß Oerlinghausen, welches von unvordenklichen Zeiten an bis 1879 Sitz einer Verwaltungsbehörde gewesen sei, nun schon 10 Jahre „von dem weit entfernten Schötmar aus verwaltet würde“. Es fehlte nicht der Hinweis, daß die Bewohner Oerlinghausen „außerordentlich viel Wege nach Schötmar machen und dadurch außer Zeitversäumnis bei der weiten Entfernung unvermeidlich für alle kränklichen und schwachen Leute, Frauen und Greise, Ausgaben für Wagen, Trinkgeld und auch für die rüstigen Leute Auslagen für Verzehr entstehen“. Schließlich trug Rechtsanwalt Asemissen vor, daß es für Oerlinghausen wichtiger sei, eine eigene, selbständige Verwaltung zu bekommen und „erlöst zu werden aus den Fesseln einer unerträglichen Verbindung mit einer seinen Interessen in vielen Beziehungen feindlichen oder doch wenigstens ablehnend gegenüberstehenden Landbevölkerung“.

Noch im gleichen Jahre antwortete die lippische Regierung kurz und lakonisch, daß der Verleihung der Stadtrechte unverändert die Gründe für die ablehnende Verfügung vom Jahre 1896 entgegenstünden. Man war besorgt, Präzedenzfälle zu schaffen und wußte offenbar nicht, wie man bei anderen Gemeinden eine Versagung hätte rechtfertigen können, wenn man den Oerlinghausern entgegengekommen wäre.

Nach dem ersten Weltkrieg erneuerten die Oerlinghauser ihre Bemühungen. Man empfand es damals als besonderes Unrecht, daß kleinere Städte, nur weil sie Städte waren, einen Anteil von 100 000 Mark an den Reichssteuern erhielten, während die Dorfgemeinden, die dieselben Aufgaben (vielleicht noch mehr) und die gleichen Ausgaben hatten, nur den zehnten Teil erhalten sollten. In dem Antrag von 1920 konnte Oerlinghausen mit Stolz auf eine breite Palette von Industrie- und Gewerbebetrieben hinweisen; 1 Leinenweberei, 2 Wäschefabriken, 1 Zementwerk, 10 Zigarrenfabriken, 5 Möbelhersteller, 1 Marmeladenfabrik, 2 Holzgroßhandlungen, 1 Eisengroßhandlung, 2 Verkaufsstellen des Lippischen Konsumvereins, 63 sonstige Läden und 13 Gastwirtschaften.

Mitglieder der verschiedenen Parteien schrieben an ihre Freunde im Landespräsidium und im Landesparlament.

Es war auch ein geschickter Schachzug der Oerlinghauser, den gesamten Lippischen Landtag zu einem Besuch einzuladen, der am 3. 7. 1925 stattfand. Nadi langen Verhandlungen im Landespräsidium, im zuständigen Ausschuß und im Plenum des Landtages wurde dann das „Gesetz vom 27. 4. 1926, betreffend die Verleihung der Stadtrechte an die Dorfsgemeinde Oerlinghausen“ verkündet. Es ist verständlich, daß die Freude im ganzen Orte groß war. Zahlreiche Gemeinden des Lipperlandes beglückwünschten die neue Stadt. Die Westdeutsche Funkstunde AG in Münster, die als Vorläufer des Westdeutschen Rundfunks erst 1924 gegründet worden war, würdigte über die Ätherwellen das Ereignis der Stadtwerdung.

Tatsächlich hatte Oerlinghausen schon frühzeitig einen städtischen Charakter angenommen, als es seiner damaligen Größe von etwas mehr als 3000 Einwohnern entsprach. Schon beizeiten hatte die Gemeinde sich eine „städtische Infrastruktur“ geleistet: Das Straßennetz war Anfang dieses Jahrhunderts stark erweitert, ein neuer Marktplatz angelegt und ein Bebauungsplan aufgestellt worden; „Gehbahnen“ und Kanalisation entstanden, und 1911 wurde ein Wasserwerk in Betrieb genommen; das elektrische Licht erstrahlte hier, als die meisten Lipper noch im Scheine der Petroleumlampe saßen.

Dieser im zivilisatorischen und technischen Fortschritt begründete Optimismus früherer Jahre vermag heute nicht mehr ganz zu überzeugen. Immerhin konnte schließlich der Schriftsteller Karl Kraus in den 20er Jahren feststellen; „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll, Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung und Warmwasserleitung. Gemütlichkeit bin ich selbst“.

Aber auch an der Gemütlichkeit hat es in Oerlinghausen nie gefehlt. Hier sei nur erinnert an den Weg über den Bergrücken bis zur Hünenkapelle mit dem unvergleichlichen Ausblick über das Lipperland; oder an den Philosophenweg mit der Rundsicht über die Stadt, an das Vereinsleben mit den Gesangvereinen, an den Torkelclub mit den Kegelabenden oder an die Schützen- und Heimatfeste sowie an den Humor der Oerlinghauser.

Zwischen der Stadtwerdung Oerlinghausens und dem heutigen Jubiläum liegen 50 Jahre stetiger Aufwärtsentwicklung. Die Leistungen des Rates und der Verwaltung in der Nachkriegszeit zeigen sich besonders darin, daß in richtiger Erkenntnis und Ausnutzung der Standortgunst in den Jahren 1950-61 zusätzlich 2300 Arbeitsplätze geschaffen worden sind und daß die Einwohnerzahl in der Zeit von 1961-1969 um 23% zugenommen hat.

Wenn man über die Zukunft einer Stadt spricht, dann sollte dabei heute mehr als früher die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt werden, um nicht von einer Zukunft zu reden, die es nicht geben wird. Bis vor kurzem noch diente die ständige Zunahme der Einwohnerzahlen den meisten Gemeinden ebenso als gesicherte Leitlinie wie den Politikern das ständige Wachsen des Sozialproduktes. Hier ist ein Wandel eingetreten. Nach neuesten Schätzungen ist bis zum Jahre 1990 in der Bundesrepublik mit einem Rückgang der Bevölkerung von 57,9 Mill, auf 54,6 Mill, zu rechnen. Das ist eine Entwicklung, die geschichtlich und im internationalen Vergleich ohne Beispiel ist. Sie zwingt dazu, daß wir bei allen Planungen im Grunde keine Zuwächse mehr „verteilen“ können, sondern uns mit der „Verteilung der Abnahmen“ auseinandersetzen müssen. Die Abnahme wird sich jedoch nicht gleichmäßig vollziehen. Die Annahme des Rates der Stadt Oerlinghausen, daß bis 1980 hier ein Bevölkerungszuwachs von 2000 Einwohnern zu verzeichnen sein wird, ist nach alledem sehr optimistisch, wenn auch keineswegs ausgeschlossen. Denn Oerlinghausen gehört ja in landesplanerischer Sicht zu dem Gesamtraum, der sich um die Hauptachse Wiedenbrück - Bielefeld - Minden gliedert und der zu den gesunden Gebieten in der Bundesrepublik zählt. Mit ihren heute guten überregionalen Verkehrsverbindungen und günstigen Standortfaktoren für eine industrielle Entwicklung erscheint diese Stadt in die ostwestfälisch -lippische Wachstumsregion einbezogen. Das setzt aber voraus, daß auch dieser Teilraum durch zielbewußte und koordinierte Planungs- sowie Durchführungsmaßnahmen weiterentwickelt wird, da er sonst bei dem fortschreitenden Strukturwandel ins Hintertreffen geraten könnte.

Verfolgt man die Schwerpunkte, jene neuzeitlichen Versorgungszentren für gesellschaftsbedingte Dienstleistungen, die heute an Stelle der mittelalterlichen Märkte getreten sind, so ist Oerlinghausen / Leopoldshöhe der erste von dem Oberzentrum Bielefeld abgesetzte zentrale Ort an der Nebenachse Bielefeld - Lage - Detmold. Bei der Ausstrahlungskraft Bielefelds ist es keine Selbstverständlichkeit, daß Oerlinghausen mit seinem eigenständigen Umlandbereich seine Zentralität nicht nur erhalten, sondern noch weiter ausbauen konnte. Begünstigt durch ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum und durch Industrieansiedlungen sind in den letzten Jahren die infrastrukturellen Einrichtungen besonders im Bereich der Bildung, der Erholung und des Fremdenverkehrs, der sozialen Einrichtungen sowie der Ver- und Entsorgung stark ausgebaut worden. Dies ist auch bei der kommunalen Neugliederung berücksichtigt worden. Trotz seiner wirtschaftlichen Ausrichtung auf Bielefeld — vor allem im privaten Versorgungsbereich — blieb diese Stadt nicht allein wegen ihrer historischen und kulturgeschichtlichen Bindungen im Kreis Lippe. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Oerlinghausens — so wird in der Begründung des Bielefeldgesetzes ausgeführt — sei auch für die Entwicklung der lippischen Wirtschaft und Industrie nicht ohne Bedeutung.

Ohne strukturelle Probleme ist jedoch auch Oerlinghausen mit seinem Umlandbereich nicht. Problematisch ist vor allem die weit verbreitete Streusiedlung. Landwirtschaftliche und nichtlandwirtschaftliche Kleinsiedlungen, Einzelhöfe, gewerbliche, industrielle        und zentrale Einrichtungen liegen im gesamten Umland           verstreut. Die Gesundheit des gesamten Raumes wird durch diese teils planlose Nutzung ohne gezielte Schwerpunktbildung gefährdet und kann zu hohen Sanierungskosten führen. Es bleibt daher eine vordringliche Aufgabe, der weiteren Zersiedlung der Landschaft durch eine strengere Konzentration der Bebauung in Siedlungskernen entgegenzutreten.

Hier haben Rat und Verwaltung von Oerlinghausen — das sei anerkennend hervorgehoben — früher als manche andere Stadt im Land eine Konzeption entwickelt: Ich meine das Standortprogramm mit der klaren Entscheidung, wonach der Ortskern mit der Südstadt Schwerpunkt künftiger Entwicklungsförderung sein soll. Dieses Standortprogramm ist naturgemäß eng mit der Erwartung nach verstärkter finanzieller Hilfe von Bund und Land verbunden. Richtige Stadtentwicklung ist aber nicht allein eine Frage des Einsatzes staatlicher Mittel, sondern vor allem die Erkenntnis einer guten Konzeption mit dein Willen, diese durchzusetzen. Das Land hat zwar erhebliche Förderungsmittel, aber bei weitem nicht so viele, daß es die Wünsche aller Städte und Gemeinden gleichmäßig und gleichzeitig erfüllen könnte. Sollen die Mittel des Landes politisch sinnvoll und nicht nach Zufall oder gar Willkür verteilt werden, dann sind anerkannte Standortprogramme hilfreich und notwendig, da dadurch auch bestimmte Investitionen auf Schwerpunkte konzentriert werden können.

Bei den Planungen und Investitionen darf indessen nicht übersehen werden, daß zur attraktiven Stadt nicht allein gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse und eine wirtschaftliche Erschließung der Baugebiete gehören, sondern auch das Bedürfnis des Bürgers nach Identifikation und Orientierung in einer zunehmend technisierten Umwelt. Es kommt darauf an, den typischen Charakter dieser Stadt, ihre Topographie, ihre Verflechtung mit der einzigartigen Landschaft zu erhalten. Nicht maximaler Profit, nicht Verstädterung darf das Ziel sein; sonst könnte tatsächlich die Befürchtung Alexander Mitscherlichs eintreten, daß der Mensch als „ein extremer Nesthocker“ damit beschäftigt sei, „sein humanstes Nest zu zerstören“.

Oerlinghausen sollte sein eigenes Gesicht bewahren. Im vorgesehenen neuen Stadtzentrum sollten die landesweiten Nivellierungstendenzen bei der architektonischen Gestaltung vermieden werden. Der Geschmack hinsichtlich der Baukunst hat sich gewandelt; die Bürger sind von Allergie befallen gegen die Beton-Glas-Architektur, gegen die trostlosen Baugebilde, die nur unter Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeit entstanden sind. Der heimatbewußte Mensch will keine Betonwüste und Wohnmaschinen in der ästhetischen Dürre und der Entseelung der sogenannten modernen Bauweise. Erstaunlich ist, daß die Menschen schon vor den Architekten und Baugesellschaften bemerkt haben, daß diese monotonen Baukomplexe mit eintönigen Fassaden an unpersönlichen Straßen zu einer Entfremdung des Menschen mit seiner Stadt führen.

Oerlinghausen wird neben der behutsamen Stadtkernplanung die Ausgleichsund Ergänzungsfunktionen der Stadt für das unmittelbar benachbarte Ballungsgebiet weiter entwickeln. Der Ausbau des Naherholungs- und Freizeitbereichs mit dem Segelfluggelände und dem Freilichtmuseum als Hauptattraktionen sollte nicht vernachlässigt werden, wobei der steigende Bedarf für Kurzzeiterholung zu berücksichtigen und der Wunsch der Stadt zur Erlangung der Anerkennung als Luftkurort zu begrüßen ist.

[Bild: Titelblatt der 48 Seiten umfassenden Fremdenverkehrsbroschüre etwa aus dem Jahre 1900. HERAUSGEGEBEN. VOM VERSCHÖNERUNGSVGREIN.]

Oerlinghausen war schon vor 75 Jahren eine beliebte Sommerfrische und Luftkurort im Teutoburger Wald. Wenn der Gesetzgeber jetzt für die Führung solcher Prädikate Voraussetzungen und Verfahren festgelegt hat, so ist das verständlich, da der Erholungsuchende nicht durch irreführende Werbung getäuscht werden soll.

Oerlinghausen hat mit der Eröffnung eines Stadtparkes aus Anlaß des Jubiläums einen ersten Schritt auf dem Wege zur Anerkennung getan. Ich halte diese Einrichtung für eine sinnvolle Ergänzung zu der Umgebung, deren landschaftliche Schönheit noch weitgehend in Takt ist. Hier findet die erholungsuchende Bevölkerung nicht nur saubere Luft, eine reizvolle, abwechslungsreiche Landschaft und eine ausgezeichnete Gastronomie, sondern auch Erholungseinrichtungen aller Art. Der Lippische Heimatbund begrüßt dankbar die Bemühungen der Stadt Oerlinghausen, die schöne Landschaft zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Aber eine Erholung in der freien Natur kann nur dann sinnvoll und für eine Regeneration stark belasteter körperlicher und geistiger Kräfte nutzbringend sein, wenn der Erholungsuchende ein unmittelbares Verhältnis zur Natur gewinnt und nicht durch unsinnige Verbotstafeln beeinflußt oder verunsichert wird. Das Naturerlebnis und das Erwandern von Feld und Flur dürfen nicht durch gesetzwidrige Sperrungen oder böse Schikanen unmöglich gemacht werden. Die überwiegende Mehrheit der Besitzer von landwirtschaftlichen und bewaldeten Flächen gönnt den Spaziergängern und Wanderern den Naturgenuß. Aber leider gibt es überall schwarze Schafe. Um mit diesen fertig zu werden, hat das 1970 in Kraft getretene Landesforstgesetz jedermann das Betreten aller Waldungen, wem sie auch gehören, zum Zwecke der Erholung gestattet. Einschränkungen dieses allgemeinen Betretungsrechts sind nur in besonderen Ausnahmefällen zulässig. Und die Bürger sollten ebenso wie die Gemeindeverwaltung darauf achten, daß diese Befugnisse nicht in unzulässiger Weise beeinträchtigt oder ausgehöhlt werden.

Den im Forstgesetz beschrittenen Weg setzt das 1975 in Kraft getretene Landschaftsgesetz mit Betretungsregelungen für private Wege, Pfade, Feldraine, Öd- und Brachflächen sowie andere, nicht unmittelbar landwirtschaftlich genutzte Flächen fort.

Auch das Reiten — inzwischen vom Hobby Privilegierter zum Volkssport geworden — ist so geregelt, daß die berechtigten Interessen der Freizeitreiter mit den Belangen der Grundeigentümer und Wanderer in Einklang gebracht werden können. Es darf natürlich nicht — wie manchmal fälschlicherweise behauptet wird — „quer-beet" durch die Landschaft geritten werden, sondern nur auf Straßen und Wegen, soweit nicht die Straßenverkehrsordnung als bundesrechtliche Regelung etwas anderes aussagt. Außerdem können die Landkreise durch Verordnung Gebiete festigen, in denen das Reiten nur auf den besonders dafür ausgewiesenen markierten Reitwegen gestattet ist. Dies soll für solche Gebiete geschehen, die in besonderem Maße der Erholung der Bevölkerung dienen oder in denen durch regelmäßiges und starkes Reitaufkommen erhebliche Schäden entstehen würden.

Der Lippische Heimatbund verfolgt mit Sorge, daß im Stadtgebiet von Oerlinghausen Sandentnahmen und Steinbrüche vorhanden sind, die nicht zur Zierde des Stadtbildes beitragen. Eine noch so schöne Landschaft kann es nicht verkraften, wenn man ihr Wunden zufügt, die nicht repariert werden. Es wäre wünschenswert, wenn die vor Inkrafttreten des Abgrabungsgesetzes verursachten Schäden rekultiviert und bei weiteren Wünschen nach Ausbeutung der Erde nicht vergessen wird, daß Oerlinghausen sich zum Luftkurort entwickeln will. Beinahe das gesamte Stadtgebiet liegt im Naturpark Eggegebirge und Südlicher Teutoburger Wald. Daraus ergibt sich für Bürger und Verwaltung eine Verpflichtung, die Eigenarten und Erholungswerte der Landschaft zu erhalten und zu pflegen.

Wie diese Stadt die vielfältigen Probleme bewältigen wird, hängt nicht nur von Rat und Verwaltung, sondern auch von der Bereitschaft aller Bürger zur Mitarbeit, von der bürgerschaftlichen Solidarität ab. Bauleitpläne, Standortprogramme oder gesetzliche Festlegungen, wie etwa die Bürgerbeteiligung nach der Novelle zum Bundesbaugesetz werden nichts bewirken, wenn sich nicht die ganze Stadt aktiv beteiligt. Nun hat sich das Verhältnis des Bürgers zu seiner Stadt durch den technisch-industriellen Prozeß, besonders durch die Mobilität der Bevölkerung, gewandelt. Stärker als lokale, heimatliche Bindungen sind abgesehen von der Lokalitätswirkung des Sports, häufig berufsständische oder politische Interessen. In jedem Fall Hegt aber in den öffentlichen Einrichtungen und Leistungen ein Element, das alle Bürger verbindet und sie zu eigener Initiative anspornen kann.

Bürgersinn und Unternehmergeist, Eifer und Liebe für die öffentlichen Angelegenheiten haben gerade in Oerlinghausen seit Jahrhunderten geherrscht. Auch über Parteien hinweg bestanden in gemeindlichen Angelegenheiten nie starke Gegensätze. So sei hier erinnert an die Feststellung von Max Staercke als Mitglied des Lippischen Landespräsidiums anläßlich der Verleihung der Stadtrechte „Die Oerlinghauser haben sich das köstliche Gut der Selbstverwaltung selber erarbeitet, sie haben es sich nicht nur in der lebenden, sondern auch in den verstorbenen Generationen ehrlich verdient. Menschen mit solcher Weltanschauung sind der Freiheit würdig".

50 Jahre Stadt Oerlinghausen — eine Stadt, die glückliche Jahrzehnte, aber auch Jahre voll Not und Leid erlebt hat. Die Beharrlichkeit der Menschen, die hier wohnten, ihr unbeugsamer Lebenswille und ihre Bereitschaft, an der Gestaltung dieses Gemeinwesens mitzuarbeiten, haben diese Stadt geprägt. Auf diese Tradition und Geschichte darf heute das ganze Lipperland mit Stolz blicken. Die Sorge um die Weiterentwicklung dieser traditionsreichen, lebendigen und lebenstüchtigen Stadt, die auch immer ihren guten Willen zur kommunalen Neugliederung gezeigt hat, wird den neuen Einwohnern im gleichen Maße gelten wie den alten Bürgern. Möge die Entwicklung so weitergehen damit eine Stadt entsteht, von der man sagen kann: „Es ist eine Lust, darin zu leben!"