Die Revolution von 1918

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Die fluchwürdige Revolution brach aus! Was sich da alles hier zugetragen hat. niederzuschreiben, muß der Zukunft vorbehalten bleiben. — Anfangs wollte niemand so recht an eine Revolution glauben: Gerüchte waren zur Genüge im Umlauf. Überall standen Grüppchen von Menschen auf den Straßen zusammen. Man erzählte, daß die Revolutionäre Bielefeld erobert, und daß nur die Sparrenburg noch von den Truppen verteidigt würde. Dann kam eine Botschaft aus Paderborn: Die Marine sei Herr der Lage! Von dort würden in kurzer Zeit auch Marinesoldaten hier eintreffen, die Militärs absetzen, die Truppen entwaffnen und die Macht übernehmen: Die Soldaten machten an diesem Tage keinen Dienst mehr. Alle gingen ohne Gewehr zu vieren oder zu sechsen in die Stadt. In den Nachmittagsstunden traf dann auch „das Auto aus Paderborn“ mit, ich glaube es waren 4 Matrosen, in der Holter Straße ein. Aus dem Wagen wehte eine rote „Fahne“, ein roter Lappen, die Fahne der Revolution. Die Insassen hatten dem Alkohol sehr zugesprochen und grölten. Im Rathaus wurde Haltgemacht. Die Ereignisse überstürzten sich.

Ganze 4 Männer führten die Revolte hier durch. Die Offiziere wurden abgesetzt und mußten ihren Degen abliefern. Mancher ehrbare Mann zerbrach den Degen und warf diesen dann den Revolutionären vor die Füße. Viele Soldaten rissen ihre Achselstücke von den Schultern und die Kokarden vor den Mützen weg. So war es „befohlen!“ Dann mußten die Gewehre abgeliefert werden. Man fuhr sie zum Schützenplatz, wo sie einen großen Berg bildeten und wochenlang im Regen lagen. Der Haufen wurde dann immer kleiner! Buben und halbwüchsige Burschen holten nach Bedarf dort weg. Abends war überall Schießerei im Dorf, namentlich am Steinbült. Der „Arbeiter- und Soldatenrat“ wurde eingesetzt. Viele drängten sich an die „Futterkrippe“. Das Staats- und Gemeindevermögen wurde vergeudet in der schlimmsten Art. Natürlich gab es damals auch geschäftstüchtige „Leute“, die sich die Situation zunutze machten, sich den Revolutionären anschlossen und die „Verbrüderung“ durch das Aushängen einer roten Fahne bekundeten. — Nachdem die 145er zwecks Demobilmachung nach Driburg verlegt waren, trafen die 39er hier ein. Die Schule mußte für sie geräumt werden. Von soldatischer Zucht und Ordnung war keine Rede mehr. — So sah die Revolution in Oerlinghausen aus!