"Dankt Gott, daß ihr leben dürft !"

Pastor H. Albrecht

 

"Was machen Sie denn heute hier auf dem Friedhof, Sie und die Mädchen und Jungen?" So fragt die ältere Dame, die kleine Hacke noch in der Hand. Sie hat wohl ein Grab fertig gemacht, wie es viele in dieser Zeit auf unserem Friedhof mit Liefe und Sorgfalt tun.

"Wir wollen die Gräber der gefallenen Soldaten sehen und das Massengrab" ist die Antwort eines Konfirmanden. "Hier bei uns auf dem Friedhof ein Massengrab?" Verwunderung meinerseits, daß eingeborene Oerlinghauser davon offenbar nichts wissen. Die Frau kommt mit uns. Dicht bei der Friedhofskapelle, da ist es. Zuerst die Einzelgräber mit den Kreuzen, meist Oerlinghauser Namen, alle geschmückt mit Blumen und Zweig. Dann die Steinplatten. 71 Namen und zwei, deren Namen man nicht kannte, unbekannter Soldat. In Stein gemeißelte Namens- und Sterbenszeichen. Der jüngste 15 Jahre, viele 16-jährige. Nur wenig älter sind sie geworden als die Konfirmanden, die nun vor ihrem Grab stehen. Still sind sie jetzt, die jungen Menschen, betroffen, ein wenig hilflos, vielleicht sogar ängstlich. Sie spüren wohl, daß sich in Namen und Daten großes Leid aus unserer Kriegsgeschichte verbirgt. Am 1. und 2. Ostertag 1945 gestorben, gefallen, sinnlos geopfert. Schließlich fragt einer: "Und die Gegner damals ?" Ja, auch bei ihnen gab es Tote, Leid und Trauer. Ihre Gefallenen wurden zurück in ihr Land gebracht und dort beerdigt. Wieder Schweigen. Auch die ältere Dame schweigt mit uns. Ich weiß, daß ihr Ehemann als in Rußland vermißt gemeldet wurde. Sie hat nichts mehr von ihm gehört und kennt auch sein Grab nicht. Schließlich doch ein Satz von ihr, kurz und besser als manche Predigt oder Ansprache vor den Mahnmalen: "Dankt Gott, daß ihr leben dürft!" Sie wendet sich ab, geht fast wie eine Flucht. Wir bleiben noch, wiederum betroffen. Bis dann einer der jungen Menschen das Schweigen bricht: "Darüber habe ich noch nie nachgedacht, das hat mir auch noch keiner gesagt: Ich darf leben, und das ist nicht selbstverständlich!" Als wir dann gehen, löst sich die Spannung und Betroffenheit. Irgendwie sind sie erleichtert, vielleicht auch ein bißchen froh und dankbar, daß sie anders dran sind als die jungen Menschen damals. Als wir auseindergehen höre ich noch: "Wir müssen davon noch mehr wissen!" Gut so.

Am Volkstrauertag oder Ewigkeitssonntag werden hier, wie an vielen Mahnmalen, Kränze niedergelegt und Worte gesprochen. Gemeinsam mit den britischen Soldaten und den Soldaten der Bundeswehr werden wir an den Gräbern stehen. Gott sei Dank, wir leben und müssen Frieden bewahren.