In die Klänge des Oratoriums mischte sich der Gefechtslärm
Kriegsende vor 40 Jahren: In Bethel ging das Leben weiter
Ostern 1945 kam auch für Bethel das Kriegsende in Sicht. Gründonnerstag, 29. März, waren die Amerikaner bis vor die Tore Bielefelds gedrungen und standen mit ihren Panzern in der Senne.
Trotzdem ging in Bethel das Leben weiter, und am Karfreitag versammelte sich die Gemeinde, wie gewohnt, in der Zionskirche, in der Fritz von Bodelschwingh über Lukas 23, 39-43 predigte. „Nun stehen wir im Geist unter Christi Kreuz. Still, ganz still stehen wir da", rief er mit seiner tonlosen und doch so fesselnden Stimme der Gemeinde zu. „Das wilde Getümmel dieser Tage weicht für einen Augenblick zurück. Die weltgeschichtlichen Entscheidungen, die sich jetzt vollziehen, verlieren ihr Gewicht gegenüber der heilsgeschichtlichen Entscheidung, die auf Golgatha gefallen ist."
Als er dies sagte, wußte er, welche Schuld das deutsche Volk auf sich geladen hatte, und daß mit dem Einmarsch der Amerikaner nicht alles fortgewischt war und daß es noch ein bitteres Erwachen geben würde, denn für den national-konservativ geprägten Bodelschwingh war der „ritterliche Kampf“ tapferer deutscher Männer nun „durch Taten hemmungsloser Gewalt so sehr befleckt, daß wir jetzt der Verachtung aller Völker preisgegeben sind“, wie er sechs Wochen später in seinem denkwürdigen Trinitatisbrief schrieb. Mehr als der verlorene Krieg drückten ihn die Verbrechen der Nationalsozialisten, obwohl diese auch ihm in ihrem vollen Ausmaß noch nicht bekannt waren.
Der Ostermontag wurde in Bethel wie ein normaler Feiertag begangen, und in der Zionskirche stand die Aufführung der „Auferstehungshistorie“ von Heinrich Schütz auf dem Programm. Bei der Einstudierung, die der Bethelkantor Adalbert Schütz mit Hilfe Verwundeter aus dem Lazarett in Bethel, in dem er sich übrigens selbst befand, vorgenommen hatte, hatte wohl kaum einer geahnt, daß diese Aufführung zu einem ebenso spektakulären wie symbolischen Ereignis werden sollte.
Die Kirche war, wie in Friedenszeiten, bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Bethelkantor erzählte darüber beim 100jährigen Bestehen der Zionskirche: „Während der Aufführung gab es Fliegeralarm." Es sei der Befehl ergangen, die Aufführung abzubrechen und die „Menschenansammlung in der Kirche aufzulösen“. Aber der militärische „Ortsgewaltige“, der damalige Chefinternist vom „Krankenhaus Sarpta" und Oberstabsarzt, Dr. Marx, der hinten auf der letzten Bank gesessen habe, „nahm die Verantwortung auf sich und ließ weiter musizieren. Auch als Gefechtslärm zu hören war, ging die Aufführung des Oratoriums weiter“.
Der letzte Teil des Oratoriums habe die herrliche Motette für Doppelchor mit dem Text aus 1. Korinther 15, und in der es am Schluß heiße: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben durch Jesum Christum, unserem Herrn.“ In das wogende Musizieren der beiden Chöre habe dann — wie es die Partitur vorschrieb — eine neunte Männerstimme unaufhörlich die Worte „Viktoria, Viktoria" gerufen. „Als die Zuhörer danach aus der Kirche herausströmten, so Schütz, „waren wir Gemeinde auf der Seite des Siegers Christus, zugleich aber die endgültig Besiegten dieses schrecklichen Krieges“.