Erbitterte Schlacht um Verpflegung und Kleidung
Plünderungen in den letzten Stunden
Während die Front auf Bielefeld zurollte und Panzerverbände sowohl im Westen als auch im Osten an Bielefeld vorbeistießen, fand in der Stadt selbst eine unblutige, aber nicht weniger erbitterte Schlacht statt: Bevölkerung und Fremdarbeiter versuchten in diesen letzten Stunden vor dem Einmarsch im Heeresverpflegungsamt und im Luftwaffenbekleidungsamt soviel Lebensmittel und Bekleidung zu „organisieren“, wie nur irgend möglich. Mit Kinderwagen, Bollerwagen, Pferdewagen und Fahrrädern rückten sie an, um auch ihr Teil von den wertvollen Beständen zu ergattern, ehe diese in die Hand der Amerikaner fielen. Man sah Bielefelder, die unter der Last von Stoffballen, Schuhzeug und Mehlsäcken fast zusammenbrachen. Zeitweise herrschte das absolute Chaos.
Schon in der zweiten Märzhälfte war an die Militär- und die Parteidienststellen die Frage herangetragen worden, ob es nicht vernünftiger sei, die großen Bestände an die Bevölkerung zu verteilen. Aber eine rechtzeitige Anordnung erfolgte nicht. Niemand wollte sich dem Verdacht aussetzen, daß er nicht mehr an den Endsieg glaube. Schon der Gedanke, daß der Gegner den Krieg gewinnen könnte, war damals strafbar.
So rief Generalmajor Becher, der Wehrmachtkommandant von Bielefeld, noch am Tage vor Ostern, als er mit Major Düppenbecker die Parteidienststellen im Sedanbunker aufsuchte, einen Sturm der Entrüstung hervor, als er den dort anwesenden zum Teil betrunkenen NS-Kreisleitern vorschlug, die Verpflegungs- und Bekleidungslager aufzulösen und auf die Bevölkerung aufzuteilen. Er sei wohl ein Mann des 20. Juli, schrien ihn die „Goldfasanen“ an. Man solle ihn aufhängen. Generalmajor Becher darauf kurz: „Dann sind wir miteinander fertig.“ Man hatte die beiden Offiziere kühl empfangen und ihnen nicht einmal einen Stuhl angeboten.
So kam es, daß die rechtzeitige Verteilung unterblieb und die Bevölkerung schließlich selbst zur Tat schritt. Am Dienstag nach Ostern setzte die erste Plünderung beim Luftwaffenbekleidungsamt am Stadtholz ein. Wertvollste Bekleidung wurde verschleudert.
Beim Heeresverpflegungsamt an der verlängerten Meisenstraße setzten die Plünderungen erst am Einmarschtag gegen 16 Uhr ein. In den Tagen vorher waren größere Mengen Lebensmittel noch ordnungsgemäß im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung und auf Anweisung der Ernährungsämter an Lebensmittelgroßhandlungen und Krankenhäuser, zum Teil auch an Einzelpersonen, gegen Barzahlung ausgegeben worden.
Der Wert der in jenen Tagen in Bielefeld lagernden Bestände wird mit mehreren Millionen Reichsmark angegeben. Es handelte sich um viele tausend Tonnen Konserven aller Art und Mehl, Zigaretten und Zigarren, etwa 100 000 Liter Wein und Schnaps sowie 4 000 Tonnen Hafer.
Da die städtische Polizei am 4. April befehlsgemäß abrückte und nur noch einige alte, meist unbewaffnete Landesschützen zurückgeblieben waren, gelang es niemandem, Ausschreitungen der anstürmenden, auf mehrere tausend Menschen geschätzten Menge zu verhindern.
Bauern aus der Umgebung fuhren Hafer und Lebensmittel ab. Große Mengen Mehl und Körnerfrüchte wurden in der Umgebung der Lager zertrampelt. Dazwischen sah man verschüchterte alte Menschen, die bescheiden fragten, ob sie auch etwas haben könnten.
In Brackwede, wo auf dem Güterbahnhof etliche Züge mit Kriegsgerät aller Art und viele Waggons wertvollster Verpflegung, wie Fleischdosen, Mehl und Zucker, standen, die für das Ruhrgebiet bestimmt waren, aber wegen Bombenschäden nicht weitergefahren waren, luden Volkssturmmänner am ersten Ostertag die Verpflegung ab und verteilten sie an Soldaten, Krankenhäuser, an das Gefangenenlager und die Zivilbevölkerung. Als später auch hier die Plünderungen einsetzten, waren die meisten Bestände schon verteilt.
Oberbürgermeister Klaus Schwickert erinnert sich, daß er damals als 13jähriges Kind mit seinem Vater ebenfalls zum Bahngelände gelaufen ist: „Wir fanden aber nur noch eine riesige Rolle Butterbrotspapier, die wir dann auf unserm Bollerwagen nach Haus geschafft haben.“ Unterwegs, das war für ihn ein bleibender Eindruck, sahen sie an einer Hecke am Bahndamm bei Ruhrstahl einen toten deutschen Soldaten mit zerfetztem Bein liegen.
In der Folgezeit kam es auch immer wieder zu Plünderungen durch frei herumziehende Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, die in die Wohnungen eindrangen und nach wertvollen Sachen suchten. Am 6. April wurde in Brackwede der Schuhmacher Bockermann von Russen in seiner Wohnung niedergeschossen und sein Gehilfe von Polen erstochen.