Zeit des Verbrechens rückt greifbar nahe
Wettbewerb „Alltag im Nationalsozialismus“
1,1 Tonnen Papier oder rund 150 000 Seiten Quellen, Dokumente, Darstellungen wurden von rund 13 000 Schülerinnen und Schülern zusammengetragen und geschrieben, die sich am Wettbewerb „Alltag im Nationalsozialismus. Vom Ende der Weimarer Republik bis zum Zweiten Weltkrieg“ beteiligt hatten.
Aus der Hand des Bundespräsidenten empfingen die sechs Erstpreisträger in der Villa Hammerschmidt ihre Geldpreise und Urkunden. Inzwischen wurden die anderen der 387 Preisträger, für die die Hamburger Körber-Stiftung, die den Wettbewerb ausrichtet, Preise im Werte von über 370 000 DM bereitgestellt hatte, benachrichtigt.
Fast alle Schüler, die sich intensiv in ein lokalgeschichtliches Thema hineingekniet haben, machten dieselbe Erfahrung: die ferne Zeit der ungeheuerlichen Verbrechen rückt heran an die Dimensionen des eigenen alltäglichen Gesichtskreises; die vertraute Stadt wird zum Schauplatz des historischen Geschehens. Sie entdecken, daß die Synagoge am Ort gebrannt hat, ja, daß es überhaupt eine Synagoge gab, daß im Lokalanzeiger 1933 von der Einrichtung des KZ Dachau berichtet wurde, daß das Nachbarhaus bis 1938 einem Juden gehörte, daß sich in Ortsnähe ein KZ-Außenlager befand, daß die HJ ihre Umzüge am Sonntagmorgen auf dem Kirchhof machte, um den Gottesdienst zu stören; sie stellten fest, wie die Schule zu NS-lndoktrination mißbraucht wurde. Daß dies alles „bei uns“ geschehen konnte, ruft Betroffenheit und Erstaunen hervor.
Die meisten Schüler mußten die Erfahrung machen, daß in den Festschriften und Chroniken der Städte, Schulen, Vereine usw. die NS-Zeit ausgeblendet oder mit allgemeinen Floskeln verharmlost wird. Da ist vielfach dann vom „Spuk des tausendjährigen Reiches“ die Rede. Bei dem mühsamen - von öffentlichen Stellen vielfach mustergültig geförderten, manchmal aber behinderten — Versuch, diese Geschichte in Archiven und durch Interviews zu rekonstruieren, kommt es den Schülern durchweg nicht auf sensationelle Enthüllungen und Entlarvungen an. Gerade Interviews bewirken eine große Vorsicht im Urteilen.
Charakteristisch für diese Erfahrung ist der Satz eines Schülers: „Nach den Gesprächen mit meinem Großvater habe ich gelernt, wie schwer es ist, moralisch zu urteilen und wie leicht, moralisch zu verurteilen; wie schwer es ist, zu differenzieren, wie leicht, zu pauschalieren. Ich bin vorsichtiger geworden.“ Mit dieser Vorsicht geht in der Regel eine gewachsene Bereitschaft einher, sich gegen Neonazismus und Antisemitismus wie auch Ausländerfeindlichkeit zu engagieren.
Aus Ostwestfalen-Lippe stammen folgende Preisträger: Zweiter Preis (2000 DM): Andreas Brinkmann, Wihmsfeld 6, 4900 Herford; 4. Preis (500 DM): Georg Krieger, Am Gottesberg 47, 4800 Bielefeld 1, 14 Teilnehmer, Oberstufen-Kolleg, Tutor: Hans-Hermann Schwarz, Bielefeld. 1; 5. Preis (200 DM): Michael Bastian, Wachtelweg 22, 4830 Gütersloh; 2 Teilnehmer, Städtisches Gymnasium, Tutor: Ernst-Wilhelm Voß, Gütersloh, Uwe Gartenschlaeger, Untere Reihe 26, 4811 (Oerlinghausen, Städtisches Gymnasium, Tutor: Gurfter Stratmann, Bielefeld. Susanne Grusdas, Hebbelstraße 6, 4837 Verl 1, Hauptschule, Tutor: Peter Karsten, Verl 1, Christian Gundelach, Adolf-Kolping-Straße 1, 4792 Bad Lipp-springe, 17 Teilnehmer, Hauptschule, Tutor: Friedhelm Beger, Bad Lippspringe, Jürgen Hörnischer, Tulpenweg 5, 4830 Gütersloh 1, Freiherr-vom-Stein-Realschule, Tutor: Hans-Martin Betz, Gütersloh 1, Karl-Peter Müller, Wersestraße 45. 4804 Versmold, 6 Teilnehmer, Hauptschule, Tutor: Manfred Bohle, Versmold, Nikolai Wiens, Iltisweg 18, 4937 Lage, 18 Teilnehmer, Hauptschule I, Schulzentrum Werreanger, Tutor: Adolf Twellmann, 4930 Detmold; Reise (fünf Tage Amsterdam): Marie-Luise Güllenstern, Gesselner Straße 69. 4790 Paderborn, 2 Teilnehmer, St. Michael-Gymnasium, Clemens Menze Schlesische Straße 7 3282 Steinheim, Städtisches Gymnasium, Tutor: Josef Menze, Steinheim.