Der Totenacker in der Senne

 

Ende April 1945 treiben die Amerikaner bei Vennebeck an die 3 000 NS-Funktionäre auf freiem Feld zusammen, wochenlang müssen sie hier in Erdhöhlen hausen. Zur gleichen Zeit wechseln in Staumühle bei Stukenbrock die Lagerinsassen. 18 000 Gestapo- und SS-Männer, Wirtschaftsführer, Ortsgruppenleiter, aber auch Leute, die wegen einer Feuerwehruniform für Nazis gehalten wurden, wandern in der Senne hinter Stacheldraht.

„Ich war fünf Jahre im KZ, jetzt kommt es anders, ihr Nazischweine“, werden die ersten Häftlinge von einem ihrer Bewacher empfangen. „Wir, welche wir diesen grauenvollen Haß irgendwie erzeugt hatten“, schreibt der Lemgoer Walter Steinecke, Offizier, Maler, Wahlkampfleiter der NSDAP in Lippe und Adjutant des Gauleiters Alfred Meyer 1955, „wurden gefilzt, mißhandelt und unserer letzten persönlichen Habe beraubt.“ Von „grinsenden Negersoldaten“. „Verbrechertypen mit Stöcken, wildem Gebrüll im Cowboy-Jargon", von vielen Toten unter den Lagerinsassen schreibt Steinecke, 10 Jahre nach Kriegsende noch ganz Herrenmensch, von Hungerrationen. Der Mann, der 1947 wie alle anderen Nazigefangenen nach Hause kann und in seiner Biographie noch 1958 Gauleiter Meyer (der bei der Wannsee-Konferenz die „Endlösung der Judenfrage" mitbeschlossen hatte) als „charakterlich anständigen und vorbildlichen Menschen“ verehrt, verschweigt, daß die Lagerinsassen 200 Kalorien mehr zugeteilt bekamen als die Bevölkerung außerhalb des Stacheldrahts, aufgebessert durch 12 000 Päckchen der Paderborner katholischen Jugend.

Den sowjetischen Kriegsgefangenen war solche Barmherzigkeit nicht zuteil geworden, denn wer ihnen mehr als die Hungerrationen aus Ersatzbrot mit Sägemehl zukommen ließ, beging nach der Naziideologie „Diebstahl am deutschen Volk," So verwandelte sich die Senne bei Stukenbrock zwischen 1941 und 1945 in einen Totenacker. Verhungert, von Seuchen dahingerafft, als Arbeitssklaven zu Tode geschunden, wurden hier zwischen 30 000 und 65 000 Sowjets in 36 Reihengräbern, jedes 112 Meter lang, verscharrt. Man stapelte sie übereinander, nackt, ohne Sarg.

„Ein schmerzliches Bild bot uns der letzte Märztag" notierte ein Pfarrer in Brakel, „als ein Trupp von 60 bis 70 KZ-Häftlingen durch unsere Stadt getrieben wurde ... Abgemagerte Gestalten, spärlich eingehüllt in die zerrissenen Lumpen des blau-weiß gestreiften Häftlingsanzuges, schleppten sich mühsam die Straße entlang.“ Einer bricht zusammen, „ein Schuß peitschte durch das Nethetal und erlöste einen armen Kreuzträger von seinem Leiden.“ Die Konzentrationslager, in denen Millionen Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Jehovas Zeugen, Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter umgebracht wurden, sie waren gar nicht so weit weg.

Mit Unterhemden und Handschuhen aus Zementtüten gegen die Kälte, bei dünner Wassersuppe und Brot mußten die 1 500 Häftlinge des Außenlagers Porta des KZ Neuengamme zwischen März 1944 und April 1945 einen Stollen für kriegswichtige Produktionen in den Jakobsberg treiben. Mehr als 300 von ihnen überleben diese Bedingungen, die grausamen Quälereien der SS-Bewacher, nicht.

Auch im Konzentrationslager Niedernhagen bei Wewelsburg, wo SS-Führer Heinrich Himmler eine Kultstätte seines Ordens unter dem Totenkopf errichtete, war die Todesquote mit 1 285 nachgewiesenen Toten bei 3 300 Häftlingen außerordentlich hoch: Häftlinge wurden durch Abspritzen mit kaltem Wasser, Ertränken im Feuerlöschteich oder durch Herabrollen von Steinblöcken umgebracht, von Bluthunden zerrissen, in den elektrischen Zaun getrieben. Mit welcher Brutalität und Zynismus einzelne SS-Führer dabei vorgingen, haben Überlebende berichtet: Eines Mittags lag ein sterbender russischer Häftling völlig entkräftet und ausgepumpt auf dem Appellplatz. Während er noch röchelnd atmete, habe ihm der SS-Arbeitsdienstführer kleine Steinchen in den Mund geworfen und lachend gerufen: „Seht, der Kerl frißt noch!“  -de