Das menschliche Deutschland war für lange Zeit begraben
Gedenktafel wurde enthüllt / Zuvor ökumenischer Gottesdienst
Oerlinghausen (Piet). Mit einem ökumenischen Gottesdienst, der gemeinsam von der evangelischen und katholischen Kirche gestaltet wurde, und einer Gedenkfeier an der Synagoge gedachten etwa 60 Mitbürger der Opfer des Nationalsozialismus. Bürgermeister Horst Steinkühler, der Historiker Professor Kleßmann und Landesrabbiner Barsllay erinnerten an den schrecklichen November-Pogrom von 1938, mit dem Hitlers Schergen die Verfolgung der Juden Im gesamten Deutschen Reich einleiteten.
Bürgermeister Horst Steinkühler wertete die über 30 Veranstaltungen, die im Kreis Lippe zur Pogromnacht in diesen Tagen durchgeführt werden, als Beweis dafür, daß das Thema noch nicht hinreichend aufgearbeitet worden sei. Im Umgang mit jüdischen Mitbürgern zeige sich immer noch eine Verkrampfung. Er selbst habe dies am eigenen Leib gespürt, als er Mitte der 80er Jahre zum erstenmal Heinz Kulemeyer begegnet sei, der 1938 mit seinen Eltern nach Argentinien ausgewandert sei. In dem Bemühen, „ja nichts falsch zu machen“, habe die Stadt auch bei der Anbringung der Gedenktafel an der Synagoge „Fehler und Ungeschicklichkeiten begangen". „Die Synagoge, der jüdische Friedhof und die Gedenktafel", so Steinkühler, „müssen uns immer daran erinnern, daß in unserer Stadt jüdische Mitbürger gelebt haben.“
Professor Dr. Kleßmann, der einen ausführlichen historischen Abriß der Judenverfolgung vom Mittelalter bis in die Nazizeit gab, bezeichnete den November-Pogrom als „eine wichtige Etappe und Zäsur auf dem Weg in die völlige Entrechtung, den wirtschaftlichen Ruin und schließlich in die physische Vernichtung der Juden in Europa“. Bei der Beurteilung der damaligen Situation sei vor allem die Frage wichtig, wie die deutsche Bevölkerung auf den Pogrom reagiert habe. Wörtlich sagte Kleßmann: „Daß die Durchführung des Progroms nicht ohne massenhafte Beteiligung fanatischer NSDAP-Anhänger und SA-Mitglieder, aber auch nicht ohne Duldung und Wegschauen der übrigen Bevölkerung möglich war, ergibt sich aus dem Ablauf und dem Umfang der Aktion.“ Gleichwohl lasse sich feststellen, daß die Mehrheit der Bevölkerung diese Gewaltaktion abgelehnt habe. Nicht nur zahlreiche ausländische zeitgenössische Beobachter belegten dieses Urteil, auch in den im Exil zusammengestellten Deutschlandberichten, die auf lokalen Berichten von Augenzeugen aus der sozialdemokratischen Widerstandsbewegung aus allen Teilen des Reiches basierten, bestätigten diese Einschätzung unzweifelhaft. „Alle Berichte stimmen darin überein“, heißt es In einer Zusammenfassung, „daß die Ausschreitungen von der großen Mehrheit des deutschen Volkes scharf verurteilt werden. Man muß sich allerdings — wie groß die allgemeine Empörung auch sein mag — darüber klar werden, daß die Brutalität der Pogrom-Horden die Einschüchterung gesteigert und in der Bevölkerung die Vorstellung gefestigt hat, jeder Widerstand gegen die uneingeschränkte nationalsozialistische Gewalt sei zwecklos“, sagte Kleßmann.
Niemand werde der Forderung widersprechen, daß sich Ereignisse wie der November-Pogrom niemals wiederholen dürften. Aber Geschichte wiederhole sich ohnehin nicht und Lehren daraus zu ziehen sei ein schwieriges Unterfangen. „Konkrete und kritische historische Erinnerung an ein dunkles Datum der jüngeren deutschen Geschichte kann dennoch dazu beitragen, sich klarzumachen, wie labil die Sicherung von Menschenrechten ist/ wenn es keine starken Gegenkräfte gegen diejenigen gibt, die aus Haß, Ressentiments und dumpfen Gefühlen engstirnige Vorstellungen und Weltbilder realisieren wollen und dabei gegen Aufklärung, Vernunft und Kritik zu Felde ziehen“, meinte Kleßmann weiter.
Landesrabbiner Barsilay erklärte, mit dem beispiellosen Pogrom sei jene Phase der Nazi-Schreckensherrschaft eingeleitet worden, die die systematische Vernichtung der Juden zur Folge gehabt habe. „Das menschliche Deutschland war damit für lange Zeit begraben“, sagte der jüdische Geistliche, und niemand könne sagen, er habe nichts davon gewußt. Barsllay warf den Kirchen, die geschwiegen hätten, Versagen vor, und er erhob auch Vorwürfe gegen Ärzte und karitative Organisationen, zu denen er auch das Rote Kreuz zählte, die nichts unternommen hätten. „Die vielgerühmte christliche Nächstenliebe fand nicht statt“, stellte er fest. Man müsse an einem solchen Ort allerdings nicht allein derer gedenken, die verfolgt worden seien, sondern auch derer, die Verfolgten geholfen hätten und ebenfalls zu Opfern geworden seien. Der Landesrabbiner registrierte mit Genugtuung, daß allerorten in diesen Tagen Gedenkfeiern abgehalten würden. Dieses Gedenken dürfe sich aber nicht auf bestimmte Jahreszahlen beschränken und zu sogenannten „Abschlußfeiern“ werden. Wenn die Gedenkfeiern Anstoß zu einer gemeinsamen Bewältigung der Geschichte sein könnten, sei man ein gutes Stück vorangekommen.
[Bild: Diese Gedenktafel wurde von Bürgermeister Steinkühler und dem Landesrabbiner anläßlich einer Gedenkfeier aus Anlaß des Novemberpogroms vor 50 Jahren an der Synagoge enthüllt. Sie soll daran erinnern, daß es auch In Oerlinghausen jüdische Mitbürger gab, die aus Ihrer Heimat vertrieben wurden. Eine Broschüre der Stadt, auf die wir noch zurückkommen, widmet sich der Synagoge und Ihrer Geschichte. Sie wurde am Abend an die Teilnehmer verteilt. Die Gedenktafel trägt unter anderem auch ein Zitat von Th. Litt. Es heißt: „Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht die Seele frei."]