Erinnerungen an Oerlinghausen von Frau Flegel
Die Stadt Oerlinghausen
Oerlinghausen ist eine schöne Bergstadt im Grünen. Ich lernte sie im Kriege 1940 kennen. In diesem Jahr zogen meine Eltern von Stukenbrock-Senne, wegen Truppenübungsplatz, den wir räumen mußten, nach Lipperreihe. Ich war damals fast dreizehn Jahre alt. So gingen wir viel nach Oerlinghausen zum Einkäufen. Über die vielen Geschäfte waren wir sehr erfreut. In Lipperreihe gab es ja nur den Pollmannskrug, der ein Lebensmittelgeschäft hatte. In der Weihnachtszeit waren in Oerlinghausen die Geschäfte so festlich geschmückt. Weil im Kriege verdunkelt werden mußte, gab es abends keine Weihnachtsbeleuchtung, wegen der feindlichen Flugzeuge. Meine Geschwister und ich machten gerne Spaziergänge nach Oerlinghausen. Wir stiegen ab und zu die Himmelsleiter zum Tönsberg hoch, und gingen bis zur Hünenkapelle. Damals, 1942-1943, da waren die Bäume noch nicht hoch. Da konnte man bis nach Lipperreihe und zum Flugplatz schauen. Wir hatten von allen Seiten gute Aussichten.
In. der alten Schule, wo heute das Rathaus ist, da war in den vierziger Jahren auch die Berufsschule drin. Die Lehrer hießen Herr Husemann, Frau Luckas und Fräulein Tölle. Ich ging von 1942 bis 1945 dort hin. 1944 war im Stadthotel eine Zusammenkunft von den Parteileuten. Wir BDM Mädels von Oerlinghausen und Lipperreihe mußten den Herren Kaffee und Kuchen servieren, und auf der Bühne haben wir gesungen. Dann kam der 1. April 1945. Da ich in Lipperreihe nähe Bartholskrug wohnte, sah ich wie die Amerikaner über unser Land nach Oerlinghausen vorrückten. Als sie auf dem Lande waren, bekamen sie von Oerlinghausen her Feuer. Sie warfen sich alle auf den Boden. Aber dann kamen die amerikanischen Panzer, und sie rückten weiter vorwärts auf Oerlinghausen zu. Als sie an der Stukenbrocker Straße waren, wurde bis in die Nacht stark geschossen. Es brannten einige Gebäude ab. Der Schafstall von Bauer Sültemeier, das Wohnhaus von Stölting an der Stukenbrocker Straße und ein anderes Haus, was oben am Menkhauserberg lag. Auch in Oerlinghausen, die Wirtschaft und Bäckerei Ehlebracht, brannten ab.
Es war ein Fachwerkhaus und stand an der Holter Straße gegenüber der Kirche. Heute ist dort ein Parkplatz. Auch an der Detmolder Straße brannte ein Haus ab. Es fielen einige Soldaten im Kampf um Oerlinghausen. Die Toten blieben ein paar Tage liegen. Ich sah, wie ein älterer Herr mit einem alten klapprigen Handwagen, die Toten zusammen holte. Es lagen zwei Leichen über einander, die Köpfe schleiften über die Erde. Er kam aus dem Welschen, und brachte sie zum Friedhof. Es waren noch junge Soldaten. Ein toter Soldat lag an der Oerlinghauser Straße bei Bauer Sültemeier gegen über im Graben. Es war ein junger deutscher Soldat. Er hatte keine Stiefel mehr an. Ich sah ihn liegen, als ich nach Oerlinghausen ging. Da vor der Währung die Oerlinghauser wenig Holz und Kohle zum Brennen hatten, wurde von der Stadt aus, der Wald am Menkhauser Berg bei Schuster Solle gegen über abgeholzt. Jede Familie bekam dann seine Zuteilung. Jetzt sind da Häuser gebaut. Von 1943 bis 1945 gab es russische Zwangsarbeiterinnen in Oerlinghausen. Die wohnten in einem länglichen Gebäude am Triftweg Nähe Germanen-Siedlung. Jetzt stehen da neue Häuser. Das alte Kino an der Tönsbergstraße, war das einzige Kino weit und breit. Weil es keine Veranstaltungen gab, war es in den vierziger Jahren immer voll. Wer nachmittags ins Kino wollte, der mußte die Karte schon in der Mittagszeit holen, weil sie schnell vergriffen waren. Im Herbst 1945 wurde es schon besser. Es wurde nach langen Jahren wieder getanzt. Im Oktober 1945 fing ein Tanzkursus im Kastanienkrug an, den mein Bruder und ich auch mit machten. Während des Krieges war das Tanzen verboten. Der Tanzabend ging von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr. Aber um 21.00 Uhr war Sperrstunde, da durfte keiner mehr auf der Straße sein. Wir liefen so schnell wir konnten nach Hause. Die Straßen waren leer, es gab fast keine Autos. Und wenn dann doch ein Auto ab 21.00 Uhr über die Straße fuhr, konnte es auch die englische Streife sein. Da mußte man vorsichtig sein. Meine Oma ist 1857 in Stukenbrock-Senne geboren. Sie erzählte früher, daß die Leute im achtzehnten Jahrhundert von Stukenbrock-Senne, wo jetzt der Truppenübungsplatz ist, zu Fuß nach Oerlinghausen zur Apotheke gegangen sind. Das ist die Melmsche Hirsch Apotheke. Auch meine Oma wäre zu Fuß dort hingegangen. Das sind etwa achtzehn Kilometer.
Mich interessiert Oerlinghausen sehr, vor allem Dingen, weil es eine alte Bergstadt ist. Da sind so viele alte Spuren aus der früheren Zeit zu sehen. Das müßte erhalten bleiben. Und nicht die alten Häuser abreißen, sondern renovieren. Nach dem Krieg waren auf dem Markplatz viele Veranstaltungen. Wir sind von Lipperreihe dort hingegangen. Wenn Kirmes, Feuerwehrfest oder Martinszug war. Wenn man von Lipperreihe nach Oerlinghausen zu Fuß durch den Menkhauserberg geht, dann kommt man durch einen herrlichen Buchenwald. Diese Stille und Ruhe bietet für jeden Spaziergänger eine Erholung. Dieser Weg führt am Schützenplatz vorbei. Im Krieg und vor der Währung, wenn die Buchecker fielen, traf man viele Sammler in dem Wald an, die die Bucheckern aufsuchten. Anfang der fünfziger Jahre waren die Spuren vom Kriege noch nicht verwischt. In der Villa von Familie Traute Müller wohnten Polen. Ihr gehörte ja der Weberpark und die Weberei. Die Polen hatten die untersten besten Räume beschlagnahmt. Frau Traute Müller mußte mit ihrer Tochter Hilde oben die Dachzimmer bewohnen. Ich war zu der Zeit bei Frau Müller im Haushalt. Ein polnischer Pfarrer wohnte auch im Haus. Jede Woche hielt der Pfarrer in der Antonius-Kapelle eine polnische Messe. In den fünfziger Jahren kam in Oerlinghausen jeden Morgen der Milchmann. Er fuhr mit Pferd und Wagen durch jede Straße. Er hatte eine große Glocke in der Hand, wo mit er kräftig bimmelte. Dann kamen die Frauen mit ihren Milchkannen und holten die frische Milch. Auch erinnere ich mich, daß in den fünfziger Jahren ein Bäckerjunge mit dem Fahrrad durch die Straßen fuhr. Er hatte ein Brötchenkorb vor dem Lenker. Er brachte die bestellten Brötchen zu den Familien. Die hingen abends einen Leinenbeutel an der Haustür. So brauchte der Bäckerjunge nur noch morgens die frischen Brötchen herein tun. Nun möchte ich meine Erzählungen beenden. Das waren Erinnerungen aus meiner Kinderzeit und Jugendzeit.
Angela Flegel geb. Kamp
[Anmerkung: Diese Erinnerungen 1940-1945
kamen aus der Feder von
Angela Flegel, geb. Kamp
Bielefeld-Sennestadt, Bleicherfeldstr.31
Früher wohnhaft – Lipperreihe
Obere Reihe 51 / 8/95 Fritz Soll sen.]