Erlebnisbericht von Erwin Kleine
Schilderung über das Kriegsende in Oerlinghausen und Schildesche
Erwin H. Kleine
Moltkestr. 37
32105 Bad Salzuflen
Tel.: 05222 638743
Fax : 05222 638742
Heimatland Lippe
Schriftleitung: Herrn B. Meier M. A.
Lippischer Heimatbund
Felix Fechenbach-Str. 5
(Kreishaus)
32756 Detmold
den 27.03.2001
Nr. 3 März 2001 - 75 Jahre Stadt Oerlinghausen
Sehr geehrter Herr Meier,
Bei der Schilderung über Kriegsende und Kampfhandlungen scheint mir doch das wichtigste militärische Ereignis, das sich in der Endphase des letzten Krieges in Oerlinghausen total übersehen worden zu sein. Teilweise wundert mich das nicht, denn die Einwohner haben davon wohl doch nicht soviel mitbekommen aber ich habe bereits vor Jahren an die Stadtverwaltung mit meiner Schilderung gewandt, ebenfalls habe ich Herrn Huttel jun., ein bekannter Segelfluglehrer eine Kopie für den Betreiber des Segelflugplatzes mitgegeben und auch eine Diskussion in der LZ, bzw. in deren Leserbriefspalten, "angezettelt". Nun ja, es kommt alles auf den Standpunkt, was der eine für wichtig hält und was nicht. Jedenfalls anliegend eine nach dem Gedächtnis auf bereiteste Rekonstruktion der Ereignisse
Kriegsende und Kampfhandlungen in Oerlinghausen - Heimatland Lippe Nr. 3 März 2001
Zu dem im Heimatland Lippe veröffentlichten Beiträgen kann ich eine weitere Schilderung aus eigenem Erleben beisteuern. Seit 1943 fehlten den Luftabwehreinheiten Mannschaften und Offiziere, da die meisten kv- (kriegsverwendungsfähig) Soldaten aus ihren Standorten abgezogen waren und an den Fronten eingesetzt wurden. Um die entstandenen Lücken zu schließen, wurden ab Frühjahr 1943 sogenannte Luftwaffenhelfer eingesetzt. Es handelte sich zunächst um Schüler der höheren Schulen zwischen 15-17 Jahren. Diese wurden aber genau wie vollgültige Soldaten an den Kanonen eingesetzt, lediglich aber in der Nähe ihrer Heimatorte, damit sie ihren Schulunterricht, allerdings in etwas verkürzter Form, nicht versäumten. Ich gehörte als Angehöriger des Jahrgangs 1928 zum zweiten Schub, die ersten entstammten den Jahrgängen 1926 und 1927. Seit 1938 besuchte ich in Bad Salzuflen die Oberschule f. J. - heute Math.- Naturwissenschaftliches Gymnasium - die Nationalsozialisten wollten damals den Gebrauch von Fremdworten radikal einschränken - an der Hermannstraße. Die meisten Klassenkameraden waren bereits an den Weserbrücken in Minden und Bad Oeynhausen im Einsatz. Am 11. Januar 1944 war es für den verbliebenen Rest von vier Klassenkameraden so weit, zwei weitere waren nicht kv. Wir wurden von einem Wachtmeister (bei der Artillerie heißen Feldwebel so) aus Bielefeld abgeholt und zwar zur Ausbildung an einer Schnellfeuerkanone, der 2cm Flak 38. Die Ausbildung erfolgte auf einem Gelände oberhalb des Bahndamms am Bahnhof Bielefeld-Brackwede. Nach 6 Wochen Infanterie- und Schießausbildung (heute Rifle Range) kamen wir zur 2. Batterie der leichten Flakabteilung 737 am Eisenbahnviadukt Bielefeld - Schildesche. Schulisch wurden wir von der Helmholtz-Oberschule, Bielefeld, betreut, allerdings nur bis September 1944, dem Beginn der Luftangriffe auf Bielefeld.
Dort hatte man eine Sonderversion der 2cm Flak, vier Geschütze wurden zu einem sogenannten Vierling zusammengefasst, was eine ungeheure schnelle Schießfolge erlaubte, zwischen 700 - 800 Schuß in der Minute. Allerdings schoss diese Kanone nur 2800 m hoch, die anfliegenden Bomberverbände allerdings über 5000 m. So saßen wir auf dem Präsentierteller. Am 30. September kam es zum ersten schweren Bombenangriff auf Bielefeld, worauf weitere folgten. Am Totensonntag 1944 wurde der Viadukt (eigentlich zwei) direkt angegriffen und die Batterie nahezu vollständig aufgerieben. Sowohl einsatzfällige Geschützbesatzungen als auch Geschütze selbst gab es nun kaum mehr. Wir Luftwaffenhelfer, ich war inzwischen zum Oberhelfer, ein Witz, befördert worden und sogenannter K1, der Richtkanonier. Wir LH, abgekürzt, genossen allerdings ein Privileg, wir durften alle zwei Wochen einen 48-Stunden-Urlaub beantragen. Da nach dem schweren Angriff auf den Bahnkörper selbst, die Verkehrsverbindungen beeinträchtigt waren, bin ich meistens mit dem Fahrrad nach Bad Salzuflen gefahren.
Bei der Rückkehr von einem solchen, Anfang Dezember 1944, fand ich in Schildesche keine Batterie mehr vor. Weder Kameraden noch die wenigen verbliebenen Kanonen waren zu entdecken, wohl die leeren Geschützstellungen. Nach vergeblichem Suchen verriet mir am Nachmittag einer der wenigen verbliebenen Anwohner, dass die Batterie nach Oerlinghausen verlegt worden sei. Wegen des frühen Sonnenuntergangs bestand kaum eine Chance, dass ich noch mit dem Fahrrad dorthin gelangen konnte. Ich erinnerte mich an entfernte Verwandte meines Vaters, die in Vilsendorf eine Gastwirtschaft betrieben. Ich habe dort übernachtet und bin dann am nächsten Morgen nach Oerlinghausen losgefahren, wo ich gegen Mittag ankam. Wegen der tieffliegenden Jagdbomber brauchte man damals etwas länger als heute. Als erstes entdeckte ich zu meinem großen Erstaunen jede Menge Soldaten in Kampfanzügen mit den Spezialstahlhelmen ohne breiten Rand, es handelte sich um Fallschirmjäger. Sie probten ausgerechnet in dieser niedlichen lippischen Kleinstadt Straßenkämpfe. Auf Fragen wiesen sie mir den Weg zum Segelflugplatz, dort sei sicherlich meine verlorengegangene Batterie.
Richtig, ich fand sie dort auch, sie hatten inzwischen neue, alte Kanonen bekommen und man hauste in Hütten aus Fertigbauteilen mitten im Wald, verteilt auf vier Zugstellungen rund um dem Segelflugplatz. Aber außer den Leichtbauhütten stand auch der Wald voller Flugzeuge, die gute alte Ju 52, das drei-motorige Transportflugzeug der Luftwaffe, war in mindestens 60 Exemplaren vorhanden. Ich war schnell wieder in den normalen Batteriebetrieb integriert. Wir hatten allerdings einen neuen Batteriechef erhalten, ein Leutnant von Limpenz-Dunrath, ein Österreicher, mit viel Charm und seiner ihm nicht von der Seite weichenden Freundin, was eigentlich verboten war, aber in der Abgeschiedenheit des Teutoburger Waldes nicht weiter auffiel.
Wir sollten der Flakschutz für diese Ansammlung von Flugzeugen und Fallschirmjäger sein und auf keinen Fall schießen, ohne angegriffen zu sein, denn das bevorstehende Unternehmen sollte natürlich geheimgehalten werden. An einem Morgen, wir waren gerade beim Geschützreinigen, tauchten 6-7 Jagdbomber auf, sie flogen in ganz geringer Höhe und umkreisten die Stellung, derartig nahe, dass wir glaubten die Gesichter der Piloten erkennen zu können. Keiner feuerte, wir waren aber entdeckt. Die Folgen sollten sich nach etwa zwei Wochen zeigen. Eines Nachts warfen die anfliegenden feindlichen Verbände sogenannte Christbäume ab, Lichtkerzen, die die Umgebung taghell erleuchteten. Die in den Waldschneisen verborgenen Ju 52 scheinen aber nicht entdeckt worden zu sein.
Das geheimgehaltene Unternehmen ist dann später die Rundstedt- oder Ardennenoffensive genannt worden, der letzte Schlag der deutschen Wehrmacht an der Westfront. Zwischen Weihnachten und Neujahr transportierten die Ju 52 in drei Nächten die Fallschirmjäger über die stark bewaldeten Ardennen, Bastogne ist vielleicht der bekannteste Ort darin, und erzielten starke Anfangserfolge. Sie brachten die amerikanischen Einheiten in arge Bedrängnis und konnten über 100 km vorstoßen. Treibstoffmangel und frisch herangeführte britische Truppen brachten jedoch den Vorstoß nach etwa zwei Wochen zum Stoppen. Jedoch hatten die Jagdbomber ein besseres Gedächtnis. Sie kehrten noch einmal zurück und dieses Mal griffen sie auch an. Ich wurde bei dieser Gelegenheit leicht am Fuss durch einen oder mehrere Granatsplitter verletzt. Man trug mich dann auf einer Tragbahre zu unserem Krankenrevier, das man in einem der Gasthöfe der Umgebung aufgemacht hatte. Ich kann mich aber heute aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie wohl dieser Gasthof geheißen haben könnte. Jedenfalls brauchte ich nur verbunden zu werden, nachdem man die Splitter mittels Pinzette entfernt hatte, und machte danach keinen Geschützdienst mehr, sondern saß auf der Batteriebefehlstelle und las Bücher, während der Leutnant auf dem Bett mit seiner Freundin schmuste. Telefondienst nannte man das.
Ende Januar kam für mich das Ende bei der Flak. Ich wurde entlassen und kurz wieder zum Arbeitsdienst, wahrscheinlich in Everswinkel, eingezogen. Danach folgten noch seit Anfang März Einsatz bei einer Luftwaffenfelddivision, Rückzug durch das Münsterland über Rietberg, Dörenschlucht, zu den Weserübergängen bei Rinteln, die ich nie erreichen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die drei Kameraden waren:
Helmuth Althoff, Vlotho
Fritz Meier, B. S.
Karl Hilker, B.S.
aufgezeichnet von Erwin Kleine, 32105 Bad Salzuflen