Als Heringe noch aus dem Fass kamen
Die kleinen Tante-Emma-Läden an der „Detmolder“ hatten ihren besonderen Charme. Auf wenigen Metern lagen gleich drei Lebensmittelgeschäfte beieinander.
[Bild: Berta Nüschens Kolonialwarenladen lag an der Detmolder Straße 45. Im hinteren Teil des Geschäftshauses fanden vor 1923 die ersten katholischen Gottesdienste in Oerlinghausen statt. | © Repro: Horst Biere]
Oerlinghausen. Heringe aus dem Holzfass? Schokolade für fünf Pfennige aus dem Uralt-Automaten? Das waren noch Zeiten, als man zum Einkäufen gerade ins Nachbarhaus gehen konnten. Wie zum Beispiel an der Detmolder Straße in Oerlinghausen, wo auf wenigen Metern gleich drei Tante-Emma-Läden und - etwas weiter - eine kleine Bäckerei lagen.
Die Nachbarschaft an der „Detmolder“ beschrieb Werner Höltke in einem Bildervortrag vor den Mitgliedern des Heimatbundes im Jägerhaus. Berta Nüschens Kolonialwarenladen lag etwa in der Mitte der Häuserreihe an der Nordseite der Straße. Sie hatte das Haus Nr. 45 um 1900 vom früheren Kaufmann Wilhelm Plassmann übernommen und versorgte die Nachbarschaft mit allen Lebensmitteln des täglichen Bedarfs.
[Bild: Die alte Detmolder Straße Anfang des 20. Jahrhunderts. Durch die geschmückte Straße marschieren die Teilnehmer des Lippischen Sängerfestes, das seinerzeit in Oerlinghausen stattfand. | © Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke »Ich bin gut zurecht gekommen. Da brauch ich keine Prozente.«]
Ihr Haus allerdings bildete eine Besonderheit im evangelischen Oerlinghausen, denn Berta Nüschen gehörte zu den wenigen Katholiken der Gemeinde. Und da erst im Jahre 1923 die kleine Antoniuskapelle an der Steinbruchstraße gebaut wurde, fanden die frühesten katholischen Gottesdienste im hinteren Bereich von Berta Nüschens Ladengeschäft statt.
[Bild: Werner Höltke erzählte vor den Mitgliedern des Lippischen Heimatbundes im Jägerhaus von den alten Zeiten auf der „Detmolder“. | © Horst Biere]
Sie selbst galt als resolute, tüchtige Geschäftsfrau. Als ihr einmal ein junger Handlungsreisender ein Produkt vorstellte, an dem sie 25 Prozent verdienen könnte, so erzählte Werner Höltke, wies sie ihn mit den Worten zurecht: „Ich stehe hier schon länger im Laden, als sie alt sind. Wenn ich für 20 Mark einkaufe und für 30 Mark verkaufe, dann bin ich gut zurechtgekommen. Da brauche ich keine Prozente.“ Legendär war auch ein anderer Spruch. Da ein junger Mann abends vor Berta Nüschen Haus ihre gutaussehende Tochter Toni durch Pfiffe herauslocken wollte, herrschte sie den Jüngling an: „Du brauchst gar nicht pfeifen, unsere Toni hat bereits Verkehr.“
Unmittelbar neben Berta Nüschens Laden lag Fritz Meiers Geschäft mit Agrarprodukten aller Art: Düngemittel, Kartoffeln, Rüben, Kohl - alles frisch und immer frühmorgens von Sohn Gerd Meier vom Großmarkt in Bielefeld eingekauft. Gestartet war Fritz Meier in früheren Jahren mit Gerätschaften fürs Schweineschlachten. Sein Haus mit der Nummer 43 hatte zuvor dem jüdischen Händler Julius Windmüller gehört, der - von den Nazis vertrieben -1938 nach Argentinien auswanderte. Der Mackenbrucher Bauer August Kropp kaufte das Haus und vermietete es an Fritz Meier.
Bereits im übernächsten Haus an der Detmolder Straße 39, lag ein weiterer Kaufladen. Martha Ladugga betrieb sehr erfolgreich das kleine Geschäft, den Konsum. Von ihrem Vater August Schling hatte sie nach dessen Tod 1932 - anfangs gemeinsam mit ihrer Mutter - den Laden übernommen. Martha Laduggas Spezialität bildeten die eingelegten Heringe, die sie fassweise von der Genossenschaft aus Lage bezog. Aus ganz Oerlinghausen und den umliegenden Gemeinden, so erinnert sich Werner Höltke, kamen die Kunden in das kleine Geschäft an der Detmolder Straße. Immer freitags und samstags, wenn neue Fässer angeliefert wurden, standen die Menschen Schlange in ihrem Laden, um einige der leckeren Fische zu ergattern. Die Geschäfte liefen so gut, dass Martha Ladugga bereits früh eine weitere Verkäuferin einstellte und nach dem Zweiten Weltkrieg sogar noch ein Lehrmädchen anlernen konnte.
Vielen alten Oerlinghausern sind auch noch die Busausflüge für Kunden bekannt. Martha Ladugga nahm sich die Zeit, immer wieder mal ihr Geschäft zu schließen, um mit ihren Nachbarn und deren Familien, also ihrer gesamten Kundschaft, Halbtagesfahrten zu unternehmen. Vielfach suchte sie gemeinsam mit ihrem Nachbarn Leo Rohe ein attraktives Ziel in der Nähe aus und lud dann ihre Kundschaft ein, sich daran zu beteiligen. „Das waren Touren zu den Externsteinen, zum Emmerstausee, nach Hameln oder zur Porzellanmanufaktur nach Fürstenberg“, erzählte Höltke. Natürlich waren ein Nachmittags-Kaffeetrinken und ein Abendessen in die Ausflüge eingeschlossen.
Im hinteren Teil der Detmolder Straße lag die Bäckerei von Friederich Kleimann. Gemeinsam mit seiner Frau, die aus der Bäckerfamilie Diekmann von der Holter Straße stammte, versorgte Kleimann die ganze Gegend mit bestem Brot, Brötchen und Kuchen. Ein Gehilfe radelte sogar des morgens durch die Straßen und lieferte die beliebten Backwaren an die Kunden aus.
Die kurzsichtige Nachbarin fiel auf alle Platenkuchen Bäckersohn Willi Kleimann übernahm später als neuer Bäckermeister das Geschäft. Hochbetrieb herrschte in Kleimanns Backstube immer wenn die Zwetschgen reif waren. Dann strömte die gesamte Nachbarschaft mit großen „Platen“ mit Kuchenteig und Zwetschgen darauf in die Bäckerei, um ihre Kuchen fertigbacken zu lassen.
Leider hatte Kleimann seine Kellerräume so schlecht beleuchtet, dass schon mal Unfälle passierten. Großes Malheur entstand zum Beispiel, als die kurzsichtige Nachbarin Liesel Reuter mit ihrem Kuchen anrückte, mitten über zwei der am Boden liegenden Platen stiefelte und auf der dritten ausrutschte. Der Länge nach stürzte sie auf die gesamten Zwetschgenteigflächen. Doch Bäckermeister Kleimann nahm's nicht krumm und richtete die Kuchen wieder her. Und er sorgte dafür, dass seine Keller besser beleuchtet wurden.
Doch Kleimanns Bäckerei gibt es schon lange nicht mehr. Nach der Aufgabe des Geschäfts wurde das Haus abgerissen und durch ein modernes Wohnhaus ersetzt.
Das gleiche Schicksal ereilte im Laufe der vergangenen Jahrzehnte alle Tante-Emma-Läden an der Detmolder Straße. Die Lebensmittelgeschäfte schlossen, die Häuser renovierte man oder baute sie zu modernen neuzeitlichen Wohnhäusern um. Doch der Charme der früheren Ladengeschäfte ist vielen Oerlinghausern noch gut in Erinnerung.