Brief von Rudolf Paradies an Erwin Pott
Herrn Erwin Pott,
Stellv. Stadtdirektor,
4811 Oerlinghausen,
Postfach 246 Germany, BRD
Box 806 Stamford,
Ct. 06904
19. Juni 1976
Lieber Erwin,
mit vielem Dank für Deinen interessanten Brief vom 9. Juni zusammen mit den einliegenden Drucksachen und Fotos habe ich gerne Kenntnis genommen von der großartigen Entwicklung Oerlinghausens.
Es ist mir natürlich auch ein großes Vergnügen hierdurch nachträglich meinen Gruß zum 50-ten Stadtjubiläum zu senden mit meinen Wünschen für weiteres Dachsen, Blühen und Gedeihen der Bergstadt.
Die Grüße von Herren Bürgermeister Erich Diekhof und Stadtdirektor Bollhorst will ich hiermit dankend erwidern.
In meiner Geburtsstätte, Hauptstr. 41, war es mir vergönnt den Beginn der Ortsverwaltung, nach Beendigung des ersten Krieges mit zu erleben. Der damalige Gemeinde Vorsteher, Herr August Reuter, wohnte mit seiner Familie in unserem Hause während wir nach dem Tönsberg Besitz (Philosophenweg 350) übergesiedelt waren und meine Eltern ihr Geschäft nur in den unteren Räumen (Laden) an der Hauptstr. fortführten.
Ich glaube mich ziemlich genau erinnern zu können dass Herr Reuter derzeit nur einen einzigen Gehilfen beschäftigte (Herrn Butenholz) und, entsprechend der ungefähr fünfmaligen Einwohnerzahl, sollte der jetzige Verwaltungsapparat wenigstens 10 Angestellte beschäftigen welches sicherlich etwas unterschätzt ist.
Vielleicht wird es Dich interessieren zu wissen dass während des ersten Krieges Hauptstr. 41 das Kommandanten Zentrum der 145-er war und, mit dem Kriegsende im November 1918, war ich unfreiwilliger Zeuge zu der aufregenden Szene in der die Spartakisten die Säbel der Offiziere in unserem Hause zerbrachen. Auch entsinne ich mich des Marsches in dem Herr Hoffbüker, an der Spitze der Parade, eine rote Fahne durch die Straßen tragen musste.
Letzten Sonntag besuchte ich meine 89 Jahre alte Tante (Witwe Rosenfeld, geb. Erda) in Manhattan, die einzige überlebende ihrer Generation und auch meine einzige nähere Verwandte, die auch mit sehr großem Interesse Deinen Brief und die Einlagen bewundert hat.
Es ist mir versagt geblieben eine eigene Familie zu begründen da meine verstorbenen Eltern mittellos geworden waren und auf vollkommene Unterhaltung von mir angewiesen waren. Das persönliche Auswanderungsgut ist im Lagerhaus der Firma F. W. Neukirch, Bremen anscheinend spurlos verschwunden. In den Philippinen, mit Japanischer Militär Besetzung, haben wir dann zum zweiten Male alles verloren und konnten von Glück sagen dass wir mit unserem Leben davon gekommen sind. Nach grausamer Behandlung im Japanischen Gefängnis habe ich natürlich körperlich und geistig gelitten und musste mich später einer Operation unterziehen um die inneren Verletzungen zu heilen.
Nach den Erfahrungen die meine verstorbenen Eltern mit einem unzuverlässigen Treuhänder und Bevollmächtigten (Dipl. Kfm. Karl Eick, Bielefeld) hatten, habe ich davon abgesehen nach ihrem Ableben die Wiedergutmachungsangelegenheit weiter zu betreiben und, mit meinem angeborenen Eigensinn, habe ich es auch unter meiner Würde gehalten um etwas zu betteln das einer "gesetzlich geschützten” Enteignung (Raub) entsprach.
Ohne irgendwelche wohlhabende Hilfsquellen habe ich mich bisher recht und schlecht durchschlagen können, aber mit Inflation und Alter allmählich zu Schwierigkeiten führend habe ich es für angebracht gehalten einen Antrag auf Altersruhegeld zu stellen falls eine solche Rente mir rechtmäßig zusteht. (Augenblicklich in der Landesversicherungsanstalt, Düsseldorf zur Begutachtung).
Die Bilder die Du freundlichst vom Stadtarchiv kopiert hast sind mir vollkommen genügend da ich ja niemand habe der nach meinem Tode ein großes Interesse daran haben könnte und ich danke Dir sehr für Deine Bemühungen in dieser Verbindung.
Wenn Du mal wieder Gelegenheit haben solltest mich mit einigen Zeilen zu beehren, würde es mich interessieren von Dir zu hören ob die Jüdische Begräbnisstätte in der Nähe des Schuhmacherschen Hauses und der Berkemeierschen Besitzung noch existiert. Auch wäre ich Dir dankbar für die Adresse von Walter Soll, der mit mir in 1932 in einen Verkehrsunfall verwickelt war.
Auf dem Gebiete meiner romantischen Errungenschaften habe ich endlich eine Ehre zu verzeichnen die nicht vielen unserer Mitbürger zuteil wird. An ihrem 100-ten Geburtstag habe ich ein hübsches "Mädchen" geküsst. Leider ist sie im vorigen Monat gestorben, aber nicht von meinem Kuss. Sie war Frau Gretchen Blecher, eine ehemalige Detmolder Schönheit und eine Jugendgefährtin meiner verstorbenen Mutter.
Mit meinen besten Grüßen für Dich und Deine Angehörigen,
verbleibe ich
Dein alter Junggeselle
Rudolf Paradies