Die Oerlinghauser Zigarrenindustrie
Ein Auszug aus August Reuters Chronik der Stadt Oerlinghausen
Wie die Zigarette um 1900 ihren Siegeszug gegen die Zigarre antrat, so hatte um 1840 die Zigarre ihren Siegeszug gegen die Tabakpfeife angetreten. Die Zigarre war von Spanien (Sevilla) über Bremen nach Deutschland gekommen. Die deutschen Zigarrenfabrikanten waren offenbar der Ansicht, diesen spanischen Ursprung der Zigarre noch bis in unsere Tage dokumentieren zu müssen, denn ihre Zigarrenkisten zeigten und zeigen noch heute spanische Namen, das spanische Wappen, spanische Bezeichnungen, wie "Flor Fina" oder Fabriqua de tabakos puros, Claro, Maduro usw. und die deutschen lithographischen Anstalten, wie z.B. Gebrüder Klingenberg in Detmold, fanden für ihre kostbaren bunten Zigarrenkisten - Ausstattungen nur Abnehmer in Deutschland, wenn sie in spanischem Stil gehalten waren. Dabei wußte in Deutschland doch jeder Raucher, daß es in Deutschland hergestellte Zigarren waren, die er in den Kisten vorfand.
Um 1840 wurde es in Deutschland modern, statt der Pfeife eine Zigarre zu rauchen. Die Zigarre verdrängte den Pfeifentabak zwar nie ganz, aber sie fand doch immer mehr Liebhaber, so daß die Bremer Händler bald den Bedarf nicht mehr decken konnten. Bremer Fabrikanten gründeten daher Filialen und zwar dort, wo sie genügend Arbeiter anzutreffen glaubten.
In Minden - Ravensberg und Lippe war die Leinenindustrie in den Jahren um 1830 in eine furchtbare Krise geraten. In England war der mechanische Webstuhl< und die mechanische Spinnmaschine erfunden und England überschwemmte den europäischen und westindischen Markt mit dem wesentlich billigerem irischen Leinen und bald auch mit Kattun. Dagegen waren der Bielefelder und lippische Leinenhandel machtlos. Allmählich blieben die Aufträge aus Holland, Dänemark, aus Italien und dem Baltikum aus, und ein Weber nach dem anderen wurde brotlos. In Lippe und Ravensberg begannen die Jahre schwerster Not und viele Menschen starben an Hungertyphus und "Brustkrankheit".
Zwar nahm die aufkommende Ziegelindustrie manchen jungen Handweber auf. Aber das geschah nur langsam. In so manchen Familien herrschte Verzweiflung. Eine Folgeerscheinung dieser trostlosen Zustände war die ständig wachsende Zahl der nach Amerika Auswandernden. In Oerlinghausen gab es um 1850 kaum eine Familie, aus der nicht ein oder mehrere Glieder ausgewandert waren.
Um 1847 fanden einige besonders kräftige Männer Arbeit beim Bau der Köln - Mindener Eisenbahn. Aber diese Arbeit währte nicht lange. Das Elend blieb und nahm besonders in der Senne unvorstellbare Formen an. In Lippe drängten viel fleißige Männer in die Ziegelindustrie, sie gingen "up Tichelwerk", und der lippische Ziegler erwarb sich durch seinen Fleiß und seine Ausdauer hohen Ruf.
Nicht jeder aber konnte die schwere Arbeit auf den Ziegeleien körperlich aushalten. Wer nicht von morgens in aller Frühe bis in den späten Abend hinein die harte Arbeit des Karrens oder vor dem Ofen verrichten konnte, der brachte im Herbst nur geringen Lohn nach Hause.
Im Jahre 1851 endlich wurde in Bielefeld die erste mechanische Spinnerei gegründet. Es ist die Spinnerei "Vorwärts" in Gadderbaum. Ihr folgte 1864 die Aktien - Gesellschaft für mechanische Weberei. Damit blieb das Leinengewerbe an Bielefeld und seine Umgebung
gebunden. Die früheren Hausweber wurden Fabrikarbeiter.
In Oerlinghausen hat keiner der zahlreichen Leinenhändler den Wagemut besessen, den mechanischen Webstuhl einzuführen. Sie ruhten aus, gaben ihren Handel auf oder starben. Einer, der junge Carl Weber aus Bielefeld, der 1852 nach hier kam, blieb absichtlich beim handgewebten feinen Leinen und baute sein Geschäft auf den feinsten Qualitäten auf. Er hat Erfolg damit gehabt und starb 1906 als Geheimer Kommerzienrat. Aber solche Persönlichkeiten sind Ausnahmen.
Im Jahre 1855 wagte ein Oerlinghauser Leinenhändler den Sprung in die Zigarrenindustrie. Er hatte sich durch Augenschein davon überzeugt, daß in Bünde die neue Zigarrenherstellung florierte. Dort hatte im Jahre 1846 der Arbeiter Tönnies Wellensiek, der in Bremen die Zigarrenherstellung erlernt hatte, einen kleinen Betrieb aufgemacht, der schon nach kurzer Zeit vergrößert werden mußte. Wellensiek verband sich 1856 mit dem Kaufmann August Steinmeister, und dann ging es mit der Firma Steinmeister u. Wellensiek schnell aufwärts.
Das lockte natürlich andere, es ebenfalls mit der Zigarrenherstellung zu versuchen, und bald entstanden Manufakturen in Enger, Vlotho und Minden. Diese neuen "Fabriken" nahmen einen Teil der brotlos gewordenen Weber auf. Der Lohn war zwar gering; aber die Arbeitsweise im Sitzen war bequem und glich darin der früheren Arbeit des Webens. Es ging aber nur langsam voran. Und nicht jede neue Firma erlebte den gleichen Aufstieg wie Steinmeister & Wellensiek in Bünde. Unter den damaligen Zigarrenfabriken darf man sich nicht Fabriken im heutigen Sinne vorstellen. Jene Neugründungen der 50.er Jahre begannen in der Regel mit 3 - 4 Zigarrenwicklern und mit einem Sortierer, der gleichzeitig Packer, Expedient und Vorarbeiter war und der außerdem auch noch das Zurichten der Tabake zu besorgen hatte. Mit 3 Arbeitern nun begann jener oben erwähnte frühere Leinenhändler H. in Oerlinghausen die erste "Zigarrenfabrik" im Hause Nr. 88, jetzt Hauptstraße 3. Das Unternehmen wollte jedoch nicht florieren. Die Erzeugnisse sollen - so wird mir berichtet -, zu verschieden ausgefallen sein. 1862 kam es zum Konkurs, und das Kolonat Nr.88 wurde sub hasta verkauft. Meistbietender am Versteigerungstermin blieb mein Großvater, der Schenkwirt Adolf Reuter. So wurde dieser aus einem Pächter des Jägerhauses ein Hausbesitzer oder, wie es damals hieß, ein Kolon, ein Kolonatsbesitzer [Fußnote: Feste Straßenbenennungen mit fortlaufenden Hausnummern sind in Oerlinghausen erst seit 1893, als mein Vater Gemeindevorsteher war, eingeführt worden. Bis 1893 wurden die Häuser nach ihren Kolonatsnummern unterschieden.]. Das Schlafzimmer meiner Eltern mit der runden Ofennische war, wie mein Großvater mir erzählte, diese erste "Zigarrenbude".
Ich bin darin geboren. Aber zur Zeit meiner Geburt (1883) muß wohl kein Rüchlein des edlen Tabakkrauts mehr darin gewesen sein, das seinen Einfluß auf mich hätte ausüben können, denn ich bin kein leidenschaftlicher Zigarrenraucher gewesen. Im Jahre 1923 habe ich das Rauchen gänzlich eingestellt und nur in den Jahren 1945 und 1946, als Amerikaner und Engländer die Stadt besetzt hatten, habe ich wieder geraucht bis es 1947 nichts mehr zu rauchen gab.
Mehr Erfolg als H. hatte der Kaufmann Buckup, der um 186? [Fußnote: Die genaue Jahreszahl war August Reuter nicht bekannt [Anm. d. Ü.].] eine Zigarrenfabrik im Hause Gehrenberg 1 aufmachte. Ihm folgten 1862/63 die Brüder Paradies im Hause Hauptstraße 53. Der eine der Brüder kam aus der Tabakbranche. Es heißt, daß er in der Tabakfabrik Gebr. Colbrun in Bielefeld als "Commis" tätig gewesen sei. Er verstand etwas vom Tabakeinkauf. Diese beiden Firmen (Buckup, Paradies) zogen von außerhalb gewandte Zigarrenmacher und Sortierer heran, die dann immer mehr Oerlinghauser Arbeiter anlernten.
Zu den eingewanderten Familien gehören die noch heute (1948) hier ansässigen Familien Kassen, Plassmeier und Steinmeier. Plassmeier (langjähriges Mitglied und Liedervater des Gesangvereins "Eintracht") und Hermann Steinmeier waren Zigarrensortierer und stammten aus Vlotho und Bad Oeynhausen. (Der jüngste Sohn des Zigarrensortierers Plassmeier, Carl Plassmeier, Detmolder Straße 25 wohnhaft, ist Inhaber der Zigarrenfabrik F. A. Büker.)
In Oerlinghausen entstand so im Laufe der Jahre ein Stamm gewandter Zigarenarbeiter. Ihren Verdienst erhöhten sie in geringem Maße dadurch, daß sie das "Abstruppen", das Abreißen des Tabaks von den Stengeln, durch ihre noch schulpflichtigen Söhne zu Hause besorgen ließen. So kamen die Kinder früh mit dem Tabak in Berührung und waren nach ihrer Schulentlassung der willkommende Nachwuchs in der Zigarrenindustrie.
Ich will hier einfügen, daß die andernorts laut gewordenen Klagen über die gesundheitliche Schädigung vieler Familien durch den bei der Zigarrenherstellung unvermeidlichen Staub hier in Oerlinghausen nicht in Erscheinung getreten sind. Es ist mir bekannt, daß in den Dörfern um Bünde, Enger und Nettelstädt die Lungentuberkulose grassierte und zwar vornehmlich in den Zigarrenarbeiterfamilien. Ich weiß aber auch, daß in diesen Städten und Dörfern viel Frauen und junge Mädchen in der Zigarrenherstellung tätig waren, und daß gerade die weiblichen Arbeitskräfte von der Tuberkulose besonders stark erfaßt wurden.
In Oerlinghausen dagegen sind weibliche Arbeitskräfte niemals in der Zigarrenfabrikation beschäftigt gewesen. Die Arbeiter haben ständig abgelehnt, ihre weiblichen Familienmitglieder anzulernen. Sie hatten das auch nicht nötig, weil in Oerlinghausen nach 1870 sich eine neue Industrie auftat: Die Wäschenäherei, die nach Erfindung der Nähmaschine von Bielefeld herübergekommen war und vielen weiblichen Arbeitskräften guten Verdienst brachte. Bis auf den heutigen Tag! Der erste Unternehmer auf diesem Gebiet war Heinrich Schütte, Hermannstraße 8, der das Zuschneiden von Hemden in der Firma August Reuter & Co. in Nürnberg (August Reuter in Nürnberg war ein Bruder meines Großvaters und in Oerlinghausen geboren.) gelernt hatte. Ich komme auf diesen Zweig der Oerlinghauser Industrie in einem späteren Kapitel noch zu sprechen.
Ich wiederhole: Von schädlichen Einflüssen auf die Gesundheit der Oerlinghauser Zigarrenmacher durch den Tabakstaub kann nicht gesprochen werden. Das hat mir auch einer ihrer namhaften Vertreter, der frühere 1. Beigeordnete und jetzige Bürgermeister Albert Schütte, vorher in Oerlinghausen wohnhaft, seit 1945 Bürgermeister von Heidenoldendorf, mehrfach bestätigt. Wenn einige Zigarrenmacher verhältnismäßig früh gestorben sind, so waren nicht der Tabak oder die Zigarrenherstellung die Ursache ihres frühen Todes. Ich habe vielmehr zahlreiche Zigarrenmacher gekannt, die ein recht hohes Alter erreicht haben.
In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als nach dem Siege über Frankreich die Kriegskontribution von 5 Milliarden Francs ins Reich kam und die deutsche Wirtschaft allgemein mächtig emporblühte, wurden auch in Oerlinghausen mehrere Zigarrenfabriken gegründet.
Zu den Neugründungen gehörten: 1. August Ullrich, geboren 1838 in Oerlinghausen [Fußnote: Als Sohn des Leinenhändlers Johann Heinrich Phil. Ullrich und dessen Ehefrau Friederike Luise, geb. Horst.], Gehrenberg 1 wohnhaft, der die Fabrikräume des verstorbenen Zigarrenfabrikanten Buckup übernahm. Er setzte sich 1900 zur Ruhe und verpachtete die Fabrikräume an die Firma Pfleiderer & Co. Ullrich starb 80-jährig am 28.10.1917 zu Oerlinghausen als Rentner.
2. Aus Brockhagen (Kreis Halle, W.) stammend und als Commis bei Buckup beschäftigt, machte sich nach 1870 der Kaufmann Arnold Elmendorf selbstständig. Er heiratete die Tochter des Brauereibesitzers August Becker, Tönsbergstraße 3 und kaufte mit der Mitgift seiner Frau das Haus des Tischlermeisters Helmich, Detmolder Straße 13. Elmendorf baute das Haus um und legte in der alten Tischlerwerkstatt die Zigarrenfabrik an, die in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts an die 40 Arbeiter beschäftigte. Er starb plötzlich am 18.6.1895 im Alter von 48 Jahren. Seine Zigarren genossen einen vorzüglichen Ruf, besonders im Ruhrgebiet.
3. Ihm folgte Adolf Altenbernd, dessen Vater, in Asemissen geboren, 1847 nach Oerlinghausen gekommen war, weil es hier bessere Verdienstmöglichkeiten gab, als auf dem Lande, obgleich doch gerade in jenem Jahr Handel und Wandel hier darniederlagen. Seine Frau stammte aus Schlangen, und hier sah es 1847 noch trostloser aus als in Oerlinghausen. Fleiß und Sparsamkeit dieser Eheleute sind auf den Sohn Adolf über gegangen.
Adolf Altenbernd war ein gewissenhafter Kaufmann. Ohne Ermüdung reiste er im Lande umher, um seine Ware abzusetzen. Sein Fehler war, daß er gutmütig seinen Abnehmern ein zu fernes Ziel für die Bezahlung der Rechnungen einräumte. Das hätte er nicht nötig gehabt, denn seine Zigarren fanden überall guten und schnellen Absatz. Besonders beliebt war die kleine "Patti", von der 3 Stück 20 Pfennig im Kleinverkauf kosteten. Adelina Patti! Die Berühmte Sängerin, die in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf der Höhe ihres Ruhmes stand, hatte den Namen für diese Zigarre hergeben. Sollte Adolf Altenbernd schon so musikbegeistert gewesen sein wie sein musikbegabter Sohn Heinrich?
Adolf Altenbernd wohnte zunächst im "Handtuch", jenem schmalen, zum Bracht'schen Gut gehörigen Hause Nr. 158, jetzt Hauptstraße 63. Er erbaute sich 1889 das Haus Detmolder Straße 25 und beschäftigte hier an die 50 Arbeiter, nachdem er auch die Herstellung von Rauchtabak (für die Pfeife) aufgenommen hatte.
Unterstützt wurde er in späteren Jahren von seinem Bruder Wilhelm. "Bruder Wilhelm" war eine stadtbekannte Persönlichkeit und zwar deshalb, weil er immer zu spät kam. So kaufte er z.B. die Weihnachtsgeschenke für Frau und Kinder erst am Heiligen Abend nach Geschäftsschluß ein. Wenn er dann keinen Einlaß mehr fand oder im Laden nur noch wenig Reste oder sogenannte Ladenhüter vorfand, nun so war auch das in Ordnung. Wenn der Omnibus nach Bielefeld oder die Postkutsche nach Lage soeben abgefahren waren, nun so ging er eben mit seinem Koffer zu Fuß. Nein, er war kein gewiegter Kaufmann, aber ein herzensguter Mensch. Adolf Altenbernd starb im Alter von 61 Jahren am 28.1.1908.
4. Zwei Häuser weiter, Detmolder Straße 29, gründete Anfang der siebziger Jahre Carl Adolf Reuter eine Zigarrenfabrik. Er hatte bei Buckup, Gehrenberg 1, das Zigarrenmachen gelernt. Das war ungewöhnlich, denn 5 seiner Brüder zogen mit ihrem Vater, dem Ziegelmeister Carl Reuter, "up Tichelwerk" nach Dänemark; 3 von den 5 Brüdern wanderten aus, 2 nach Nordamerika und einer, Albert, in die Schweiz. Sie hatten die überaus harten, oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf der Ziegelei kennengelernt und schreckten daher vor dem Unbekannten der Fremde nicht zurück. Die beiden "Amerikaner" haben drüben ihr Glück gemacht und sind als wohlhabende Bürger der U.S.A. gestorben, beide in St. Louis.
Carl Adolf dagegen blieb in Oerlinghausen und verheiratete sich früh mit Minchen Schnittger. Die ersten 5 Kinder folgten schnell aufeinander. Da merkte er, daß er mit dem geringen Lohn des Zigarrenmachers seine Familie nur kümmerlich ernähren konnte. Und da eine gewisse Unternehmungslust ihm angeboren war und da er bei Kantor Steinhagen eine gute Handschrift und ein fixes Rechnen gelernt hatte, wagte er ohne beachtliche Mittel den Schritt in die Selbstständigkeit und richtete in einem Anbau des elterlichen Hauses eine Zigarrenfabrik ein. Seinen Schwager Fritz Plassmeier gewann er als Sortierer. Es wurden meist billige Sorten hergestellt, die im rheinisch - westfälischen Industriegebiet guten Absatz fanden.
Aus seiner Ehe mit Minchen Schnittger sind 13 Kinder hervorgegangen. Dieser Kinderreichtum war in dem zu einem Industrieort herangewachsenen Oerlinghausen so bedeutungsvoll, daß der dreizehnfache Vater dem Grafregenten Ernst zur Lippe - Bielefeld vorgestellt wurde, als dieser 1897 als Landesherr dem Dorfe Oerlinghausen einen offiziellen Besuch machte, bei dem das Regentenpaar im Park der "Müllerburg" den Tee einnahm.
Die 13 Kinder haben den Vater nicht arm gemacht. Sie haben im Gegenteil dazu beigetragen, daß Carl Adolf Reuter in seinem Alter zu den wohlhabenden und sehr angesehenen Bürgern zählte. Er gründete im Ruhrgebiet Filialen und besetzte sie mit seinen herangewachsenen Söhnen. Sein ältester Sohn Carl wurde z.B. Filialleiter in Bottrop, sein jüngster Sohn Walter in Essen - Borbeck.
Und die Mutter? Haben ihr die 13 Geburten geschadet? Keineswegs! Sie ist kaum jemals krank gewesen und ist, wie ihr Mann, über 80 Jahre alt geworden. Allerdings hatte sie in all den Jahren in ihren 8 Töchtern immer fleißige und treue Helferinnen. Karl Adolf Reuter starb am 25.10.1933 im Alter von 83 Jahren.
Nach dem Tode des Gründers setzte sein Sohn Gustav (geboren 1883) noch einige Jahre die Zigarrenherstellung allein fort und verzog später in das von seinem Schwiegervater Koch erbaute Haus in der Marktstraße. Das alte Haus an der Detmolder Straße brannte während der Kämpfe um den Teutoburger Wald in den Ostertagen des Jahres 1945 ab.
5. Ein Haus weiter, Detmolder Straße 31 [jetzt (1948) Kontorgebäude der Möbelfabrik Gebr. Bobe] war im Jahre 1890 die Zigarrenfabrik Carl Hölter. Sie hat etwa 10 Jahre bestanden. Hölter verzog 1901 nach Minden, wo er Vertreter von Tabakfabriken und Rohtabakhandlungen war. Erst 1939 ist er nach Oerlinghausen zurückgekehrt und lebt heute als dreiundneunzigjähriger im Altersheim "Kiffestift". (Heute d.h. im Dezember 1948.) Noch heute zeugt sein noch immer lebhafter Geist, seine höchst kritische Einstellung zu Personen und zu den Dingen des täglichen Lebens und sein Interesse an der Politik davon, welche Rolle er in jungen Jahren in Oerlinghausen spielte. Er war mehrere Jahre ein recht wachsames Mitglied der Gemeindevertretung. Vor allem war er zeitlebens ein begeisterter Sportler und Turner. Das erste hochrädrige Fahrrad, das erste Dreirad, das erste Tandem in Oerlinghausen besaß Karl Hölter und erregte damit Ende der achtziger Jahre und um 1890 ungeheures Aufsehen. Noch im Sommer 1945 konnte man den fast Neunzigjährigen jeden Morgen beim Schwimmen im städtischen Freibad beobachten. Es bereitet mir noch heute ein Vergnügen, mich mit dem rüstigen Greise über frühere Zeiten zu unterhalten.
An der Detmolder Straße alleine lagen also 4 Zigarrenfabriken: Elmendorf, Haus-Nr. 13; Adolf Altenbernd, Nr. 25; dann C. A. Reuter, Nr. 29 und C. Hölter, Nr. 31. Zusammen beschäftigten diese 4 Fabriken weit über 100 Arbeiter. War das ein Leben in den Straßen, wenn mittags und abends die Zigarrenarbeiter nach Hause eilten! "Nun man schnell den Tisch gedeckt!" rief meine Mutter dem Dienstmädchen zu, "die Fabriker kommen schon!" Oder, um einen Vers von Fontane umzuwandeln: "Dann waren, wenn's Mittag vom Turme scholl, von Zigarrenarbeitern die Straßen voll!"
Die Detmolder Straße war zu jener Zeit (1890) noch Chaussee ohne Gehbahn. Erst 1893 wurde an der Nordseite eine Gehbahn, d.h. eine schmale Aschenbahn ohne Bordsteine angelegt, und 1897 erreichte mein Vater, der von 1892 bis 1907 Gemeindevorsteher war, daß die Hauptstraße und die Detmolder Straße an beiden Seiten eine Gehbahn und Pflaster erhielten. Das bedeutete eine große Verbesserung der Wege- und Verkehrsverhältnisse. Der weiße Kalkschlamm der Chaussee bei Regen- oder Schlackerwetter und der Kalkstaub bei trockenem Wetter waren auch für die vielen Zigarrenarbeiter, die die Chaussee 4 mal täglich begingen, keine angenehme Sache gewesen.
6. Im Jahre 1897 erwarb August Gronemeyer, Sohn des Ziegelmeisters Gronemeyer, Hermannstraße 14, das Bollhöfersche Restgrundstück Schulstraße 2. Dies war die alte Posthalterei. Posthalter Gröppel war seit 1841 der angesehene Hauderer gewesen, der die Pferde für die Post nach Lage und Bielefeld zu stellen hatte. 1874 ging die Posthalterei an Brathuhn, Detmolder Straße 7, über [Fußnote: Vergleiche Ludolph, Postgeschichte des Landes Lippe, Detmold 1928.]. Das Gröppelsche Anwesen ging durch die Erbschaft an Eduard Bollhöfer, von der Bollhowe in Asemissen stammend, über. Dieser verkaufte 1887 einen großen Teil des Besitzes an die Schulgemeinde, die im gleichen Jahr auf dem Grundstück ein neues Schulgebäude errichten ließ, weil die alte "Kantorschule", Hauptstraße 36, zu klein geworden war. Das Bollhöfersche Wohnhaus, die Posthalterei, kaufte 1897 August Gronemeyer und erbaute im gleichen Jahre im Vorgarten das Wohnhaus Hauptstraße 12. Die Posthalterei aber richtete er zur Zigarrenfabrik ein. Die Firma hieß damals Kespohl & Gronemeyer. Der Mitinhaber Gustav Kespohl trat jedoch nach kurzer Zeit aus, und die Firma hieß nun F. Aug. Gronemeyer. Diese Fabrik hat bis 1933 bestanden, und manche gute Zigarre ist aus ihr in die Welt gegangen. Hauptabsatzgebiete waren der lippische Osten und das westfälische Industriegebiet. Ihr Gründer aber war, 58-jährig, schon am 31.5.1925 gestorben.
7. Nach seinem Austritt aus der Firma Gronemeyer richtete Gustav Kespohl in seinem Hause Hauptstraße 62 einen eigenen Betrieb mit nur wenigen Arbeitern ein, der bis zu seinem Tode im Jahre 1921 bestand. Sein Schwiegersohn August Bracht verzog nach Gelsenkirchen und gründete dort ein Zigarrengeschäft. Er folgte damit dem Beispiel anderer Oerlinghauser Tabakarbeiter, die die Hochkonjunktur der 90er Jahre ausnutzten und in die schnell wachsenden Städte der Kohlen- und Eisenindustrie abwanderten, um dort selbstständig zu werden. Zu diesen aus Oerlinghausen ausgewanderten Familien, die im Ruhrgebiet zu Ansehen und Vermögen kamen, gehören neben Bracht auch die Brüder Adolf und August Marten, ferner Heinrich Gronemeyer von der Jägerstraße, August Reuter in Gerthe bei Bochum, Adolf Kollmeier in Kray bei Essen, Fritz Diekhoff in Buer - Erle, Fritz Baum in Herten, August Soll in Recklinghausen, Fr. Posteher in Hattingen, Heinrich Hellkamp in Sterkrade, Carl Pehle in Caternberg, August Hollmann in Bismarck, Adolf Hollmann und andere.
8. Nachdem er die Pachtung des Scherenkrugs in Asemissen im Jahre 1887 wegen Erkrankung seiner Frau aufgegeben hatte, trat F. A. Büker (geboren 29.8.1859) in Breitenheide) als Reisender bei der Zigarrenfabrik Elmendorf in Oerlinghausen ein, erwarb der Firma neue Kundschaft im Ruhrgebiet und assozierte sich nach dem Tode Arnold Elmendorfs mit Carl Adolf Reuter. Auch als Mitinhaber dieser Firma war er meist unterwegs, brachte ihr in Dortmund und Umgegend neue Kunden zu und lernte selbst, vor allem in Lippe, neue Kundschaft kennen. Schon 1896 trennte er sich von C. A. Reuter und gründete eine eigene Zigarrenfabrik unter der Firma F. A. Büker. Er erwarb 1897 das Haus Bahnhofstraße 11 und baute das dahinterliegende Stallgebäude des Vorbesitzers, Maurermeister August Richter, zu Fabrikräumen um. Seine bei Elmendorf und C. A. Reuter erworbene Warenkenntnis und eine glückliche Hand bei der Wahl der Mischung guter Tabake brachten es mit sich, daß seine Zigarren sofort guten Anklang fanden. In Sonderheit war es die Marke "Kornblume" (2 Stück 15 Pfennig), die ihm einen hervorragenden Absatz im Ruhrgebiet lieferte. 1904 errichtete er eine Filiale, d.h. eine Kleinverkaufsstelle, in Langendreer, die sein Sohn Adolf leitete, die aber 1912 wieder aufgegeben wurde, als sein Sohn Teilhaber der Buchloer Holzindustrie wurde und nach Bayern verzog.
1917 nahm August Büker den Zigarrenfabrikanten Albert Schütte, Oerlinghausen, als Teilhaber auf, der jedoch 1920 wieder ausschied. Im hohem Alter verkaufte er seine Firma an den Zigarrenfabrikanten Carl Plassmeier, der das Haus Altenbernd, Detmolder Straße 25, erworben hatte und die Zigarrenfabrikation in die früheren Altenberndschen Fabrikräume verlegte. Die Firma F. A. Büker besteht unter dem neuen Inhaber Carl Plassmeier dort noch heute (1948).
August Büker blieb in seinem Hause Bahnhofstraße 11 wohnen und starb dort im Dezember 1944 im hohen Alter von 85 Jahren. Zur Unterscheidung von den vielen anderen Familien Büker in Oerlinghausen hatte er den Spitznamen "Baller-Büker". Den hatte er schon als Wirt im Scherenkruge erhalten. Er war ein passionierter Jäger und wurde von den Bauern der Umgegend zu vielen Treibjagden eingeladen. Bei diesen Jagden schoß er noch auf Hasen, auch wenn sie schon reichlich weit entfernt waren. Und wurde er dann gefragt: "Mensch, Büker, wie konnten Sie denn auf den noch schießen?", dann antwortete er verschmitzt lächelnd: "Er schießt ja nicht wieder." Es kam ihm also auf einen Schuß mehr oder weniger nicht an, und deshalb nannten ihn seine Jagdfreunde "Baller-Büker".
Sein Haus Bahnhofstraße 11 wurde von seinem in Stuttgart wohnenden Sohn im Dezember 1948 an den Kinobesitzer König in Oerlinghausen verkauft.
Würdigung Albert Schütte
9. Einer der anerkanntesten Vertreter der Oerlinghauser Zigarrenindustrie war Albert Schütte. Geboren zu Oerlinghausen am 29.11.1885 als Sohn des Zigarrenmachers Heinrich Schütte, war er von Jugend auf mit dem Zigarrengewerbe verbunden. Schon als Schulknabe wurde er zum Abschruppen des Tabaks mit herangezogen. Nach der Schulentlassung erlernte er das Zigarrenmachen von der Pike an. 1911 machte er sich selbstständig. In einem behelfsmäßigen Raum im Hause seines Vetters Fritz Schütte, Unter der Howe, begann er mit 2 Arbeitern seinen Betrieb. 1912 siedelte er mit 4 Arbeitern in die leeren Fabrikräume im Anbau des Hauses Elmendorf, Detmolder Straße 13, über und schon 1913 konnte er die unteren Räume des Anbaus hinzumieten. 1914 beschäftigte er 8 Leute. Der im Sommer 1914 ausgebrochene Krieg brachte infolge des großen Bedarfs der Front einen erhöhten Absatz seiner Fabrikate. Doch schon 1916 wurden ihm die Fabrikräume gekündigt, weil das gesamte Elmendorfsche Anwesen zur Unterbringung von Soldaten des nach Oerlinghausen verlegten Ersatzbataillons des Königs - Infantrie - Regiments Nr. 145 gebraucht wurde. Albert Schütte verzog daher am 1.4.1916 in das dem Hotelier Hartwig Breuker gehörige Haus Hermannstraße 2 und setzte dort den Betrieb fort, obwohl ihm durch Einberufung zum Kriegsdienst mehrere Leute genommen wurden. Am 1.10.1917 mußte er selbst noch Soldat werden trotz seines schweren Augenleidens. Aber auch dann gab er seinen Betrieb nicht auf, sondern zog mit seinen Lehrlingen zur Firma F. A. Büker, Bahnhofstraße 11. Er wurde Teilhaber von F. A. Büker und wirkte hier anregend bis 1920. Inzwischen war im November 1918 die Revolution angebrochen, die auch für Oerlinghausen eine Umwälzung im öffentlichen Leben mit sich brachte.
Am Abend des 10. November 1918 hatten sich viele Bewohner auf dem Marktplatz eingefunden. Albert Schütte wurde aufgefordert, zu den Ereignissen zu sprechen. Er sprach hier zum ersten Mal zu einer großen Menschenmenge und konnte es! Zu seiner eigenen Überraschung. Die Gabe der Rede ist ihm in hohem Maße eigen. Wie manches Mal hat er seitdem schöne und treffende Worte gefunden! Wie gern erinnere ich mich seiner Reden im Freundeskreise! Aber wie scharfe und immer treffende Worte fand er auch in ernsten Situationen, wenn es galt, das Wichtige herauszustellen und die Sachlage zu klären! Und wie oft hat er bloße Schreier in die Schranken gewiesen! Wenn wir ihn noch heute gern zu uns bitten, dann horchen wir auf und bewundern wir sein Gedächtnis und seine Kenntnis deutscher Lyrik, politischer Gedichte und passender Zitate. Des Redners Albert Schütte muß ich daher hier besonders gedenken.
Auch am Abend des 10. November 1918 wußte er die Menge zu begeistern und die noch unklare Situation zu klären und zu meistern. Ein Volks- und Soldatenrat wurde gebildet und Albert Schütte zum Leiter bestellt. In mühevoller Arbeit hat er in den ersten Monaten nach der Revolution manche schwierige Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit gelöst und zwar - was besonders hervorgehoben zu werden verdient - mit den geringsten Geldmitteln.
Die Frage ist erlaubt: Wie kam es, daß er, der nur die Volksschule besucht hatte, solche Arbeit bewältigen konnte? Wie kam es, daß er von Anfang an sich des uneingeschränkten Vertrauens seiner Freunde und des hohen Ansehens seiner politischen Gegner erfreuen durfte?
Er hat es sich nicht leicht werden lassen. Gewiß, vieles an seinem Charakter, seine Treue und Ehrlichkeit sind Erbgut. Seine Mutter war eine tief religiöse, stille und kluge Frau; sein Vater ein gemütvoller und verträglicher Mann und Mitbegründer des Gesangvereins "Eintracht" in Oerlinghausen. Aber das Andere, sein erstaunliches Wissen und Können war Arbeit an sich selbst.
Schon als Lehrling mußte er auf der "Bude" (so wurden die Fabrikräume der Zigarrenmacher genannt) die Reden der sozial demokratischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten oder die Leitartikel des "Vorwärts" oder der in Bielefeld erscheinenden Zeitung "Volkswacht" vorlesen und kam so frühzeitig in Verbindung mit der sozialdemokratischen Politik. Er ist zeitlebens der sozialdemokratischen Partei ein unerschrockener Kämpfer und treues Mitglied gewesen.
Als Lehrling auch erlernte er die Gabelsbergische Stenographie. Aber nicht genug damit, er gründete 1907 auch den ersten Stenographen - Verein in Oerlinghausen und wurde dessen begeisternder Lehrer, dem viele junge Angestellte und Handwerker ihre Fertigkeit und "Fixigkeit" in der Stenographie verdanken. Ihre "Fixigkeit" war so groß, daß 1912 der Wanderpreis des Bezirks 2 mal nach Oerlinghausen fiel. Wanderungen mit der Jugend des Vereins lehrten ihn die engere und weitere Heimat, die Schönheiten des Ravensberger und Lipper Landes kennen.
Als ich nach dem I. Weltkriege in seine Wohnung kam, war ich nicht wenig erstaunt über seine gute Büchersammlung. Die neben Werken politischer Schriftsteller zahlreiche Werke der Belletristik enthielt. Und die Bücher zeugten davon, daß sie nicht nur gelesen, sondern durchstudiert waren.
Was hat dies mit der Geschichte der Oerlinghauser Zigarrenindustrie zu tun? Nun, ich denke, es ist bei Albert Schütte angebracht, den Menschen zu kennzeichnen, der in der politischen Geschichte der Stadt eine Rolle spielte, die nicht übersehen werden darf. Ich erwähnte schon, daß er in den Tagen der Revolution von 1918 auf den Schild gehoben wurde. Es war daher selbstverständlich, daß Albert Schütte bei der Wahl der ersten Gemeindevertretung im Februar 1919 an die Spitze der die Mehrheit bildenden sozialdemokratischen Fraktion gestellt und zum Stellvertreter des neuen Gemeindevorstehers gewählt wurde. So wurde er seit Februar 1919 mein engster Mitarbeiter. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs eine treue Kameradschaft und aufrichtige Freundschaft, die bis zum heutigen Tage angehalten hat.
Sein Wohnhaus mit den Fabrikationsräumen ging im Dezember 1922 beim Erwerb des Stadthotels mit in den Besitz der Stadt über. Daß der Kauf des Stadthotels trotz erheblichen Widerstands unserer Gemeindevertreter zustande kam, ist dem energischen Eintreten Albert Schüttes mit zu verdanken. Eine tatkräftige Grundstücks- und Bodenpolitik lag ihm besonders am Herzen.
Wenn wir beiden heute - 30 Jahre nach 1919 - durch die Straßen der Stadt und über den Tönsberg wandern, dann sagt Albert Schütte wohl: "Weißt du noch, als wir dies Kux'sche Haus kauften und darin 4 Familien unterbrachten?" Oder: "Weißt du noch, als wir die Lander erwarben und darin das Vogelschutzgehölz anlegten und Baugelände erschlossen?" Oder: "Weißt du noch, als wir den Beckerschen Besitz kauften und in der „Scheune“ 6 Wohnungen schufen?" Erinnerung über Erinnerung! Von solchen Erinnerungen spricht auch sein schönes Gedicht:
"Wenn wir auch in der Ferne weilen,
Wir bleiben dir in Liebe treu.
Wenn wir zu deinen Höhen eilen,
An deinen Hängen uns verweilen,
Dann fühlten wir uns stark und frei.
Was wir mit vieler Mühe schufen,
Das bleibt uns heilig Jahr um Jahr,
Das weckt in uns ein frohes Rufen
Nach deines Berges Treppenstufen.
Hoch Oerlinghausen immerdar!"
"Wenn wir auch in der Ferne weilen.....". Ja, so ist es leider. Albert Schütte verließ Oerlinghausen nach Anbruch der Naziherrschaft im Herbst 1933 und verzog nach Heidenoldendorf, wo er in geringerem Umfang die Zigarrenherstellung fortsetzte. Er schuf sich auch dort eine gute Existenz und ist seit 1.2.1946 Bürgermeister von Heidenoldendorf.
Er kommt noch gern in seine alte Heimat. Und wenn er, wie zuletzt am Heimatabend des lippischen Heimatbundes am 25. September 1948 in Oerlinghausen, das Bollhöfersche Gedicht "Muine Heume" deklamiert, dann wissen wir, daß das keiner so gut kann wie er und das gerade ihm diese Verse aus tiefstem Herzen kommen.
9. Um die Jahrhundertwende, als August Ullrich seinen Betrieb wegen vorgerückten Alters aufgab, gründete der Zigarrenreisende Carl Pfleiderer und der Kaufmann Louis Meyer, ältester Sohn des Vieh- und Holzhändlers Isaac Meyer, Detmolder Straße 1, die Firma Pfleiderer & Co., die die Ullrichschen Fabrikräume Gehrenberg 1 bezog. Carl Pfleiderer war der Sohn des Zigarrensortierers Pfleiderer, der lange Jahre bei der Firma Elmendorf in Stellung gewesen war. Der alte Pfleiderer stammte aus Süddeutschland und galt allgemein als tüchtiger Fachmann. Er hatte außer 2 Söhnen, Carl und Heinrich, noch 4 Töchter, von denen die älteste den Schlossermeister Friedrich Grote, Tönsbergstraße 2, die zweite den Schuhmachermeister Fritz Iseringhausen (gestorben in Bielefeld), die dritte, Christine, den Zigarrensortierer Fritz Schling, heirateten.
Als die Firmen-Ehe Pfleiderer - Meyer nach kurzem Bestehen in die Brüche ging und die beiden Brüder Carl und Heinrich Pfleiderer von Oerlinghausen fortzogen, übernahm der eben erwähnte Fritz Schling die Firma Pfleiderer & Co. und setzte nun als Fabrikant den Betrieb in den von Ullrich gemieteten Räumen fort. Fritz Schling hat sich 1948 zur Ruhe gesetzt, und damit ist auch die Firma Pfleiderer & Co. erloschen.
Erloschen, verzogen, gestorben. Damit enden die Abschnitte dieses Kapitels über die Zigarrenfabrikanten von Oerlinghausen. Nur eine Firma besteht noch: F. A. Büker, die unter dem rührigen Inhaber Carl Plassmeier, Detmolder Straße 25, steht und heute, im Januar 1949, nach langer Drosselung des Imports durch die Besatzungsmächte, wieder Auslandstabake erhält und mit den Arbeitern Gustav Diekhoff, August Geimke und W. Pehle (66, 75 und 60 Jahre alt) den Betrieb unter ungeheuren Schwierigkeiten fortführt. Er darf die Hoffnung hegen, als letzte Firma in der Reihe ehemaliger Zigarrenfabrikanten wieder zur alten Höhe zu gelangen.
Carl Plassmeier ist seit 1945 Stadtverordneter und als Vorstandsmitglied der Freien Demokratischen Partei (FDP) eine bekannte Persönlichkeit. Er ist auch als eifriger Förderer des Sports im Vorstand des Turn- und Sportvereins Oerlinghausen. Seine Rolle in Oerlinghausen ist noch nicht zu Ende gespielt und wir Alten dürfen wohl von ihm noch manches Gute erwarten.
Zigarrenhersteller mit Geschäft
Nun gab es noch Zigarrenhersteller, die früher in einer der Oerlinghauser Zigarrenfabriken beschäftigt gewesen waren, es aber vorgezogen hatten, selber Tabak von den Großhändlern zu kaufen und zu Hause Zigarren zu machen und diese an Freunde. Die Oerlinghauser Zigarrenindustrie und Bekannte und an die Wirte zu verkaufen. Sie müssen nicht schlecht dabei gefahren sein. Es gab ihrer hier eine ganze Anzahl. Im Laufe der Zeit entstanden mit dem Größerwerden der Gemeinde Oerlinghausen auch einige Zigarrenläden, deren Inhaber gleichfalls ihre Ware selber herstellten und teilweise auch 1 oder 2 Arbeitskräfte beschäftigten. Ich nenne die Zigarrengeschäfte von Adolf Blome, Hauptstraße 49; ferner Heinrich Ober, Holter Straße 6. Dieser war viele Jahre Gemeindevertreter (SPD) und stand wegen seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinnes in hohem Ansehen in der Partei und in der gesamten Bevölkerung. Seine Frau war bis in ihr hohes Alter eine gewissenhafte und - vor allem - gütige Armenpflegerin eines großen Bezirks.
Fritz Schleppenbäumer, Bahnhofstraße 9, erwarb dies Haus um 1900. Die günstige Lage des Ladens und der ungeheure Fleiß des Inhabers brachten das Geschäft auf eine hohe Stufe. Schleppenbäumer (auch Schleppenböhmer genannt; diese Schreibweise ist jedoch falsch, denn sie ist nicht auf einen aus Böhmen stammenden Einwanderer zurückzuführen, sondern auf den zu schleppenden Baum, der einen Schling der Landwehr abschloß, hat ein Alter von 77 Jahren erreicht. Er starb am 24.2.1947. Sein Zigarrengeschäft wird von seiner Tochter weitergeführt.
Zigarrenhersteller ohne Geschäft
Von den Zigarrenherstellern ohne Ladengeschäft, die noch heute ihr Gewerbe betreiben und
in der Regel sehr gute Tabake verarbeiten, nenne ich:
a) Heinrich Bauch, Hauptstraße 59, geboren 1883. (Verzogen nach Hameln.)
b) A. Drewes, Welschenweg 2. Das Ehepaar Drewes konnte im Januar 1949 die goldene Hochzeit feiern.
c) Fritz Recksiek, Welschenweg 17, geboren 2.5.1895 zu Oerlinghausen, verheiratet mit Minna geb. Wille seit 12.11.1921.
d) Ludwig Hellkamp, Welschenweg 7, geboren zu Oerlinghausen am 9.5.1884, verheiratet mit Marie geborene Hollmann. Es verdient festgehalten zu werden, daß Ludwig Hellkamp zu den Gründern des Vereins für Natur- und Heimatkunde in Oerlinghausen gehörte. Ein Herzleiden verhindert ihn leider heute an den Wanderungen und Vorträgen des Vereins teilzunehmen.
Zigarrenhersteller – Originale
Ich erinnere mich aus Jugendtagen noch einiger Originale unter den Zigarrenherstellern, die um 1900 stadtbekannt waren und in der Erinnerung mancher alten Oerlinghauser fortleben. Soll ich in einer Stadtchronik hier auch von ihnen erzählen? Ich will es wagen, selbst auf die Gefahr hin, vom Thema abzuschweifen. Vielleicht wird dadurch das Bild, das ich vom Oerlinghausen der Jahrhundertwende zu zeichnen habe, deutlicher und freundlicher.
1. Friedrich Kiffe, Holter Straße 4, allgemein Kiffen Friedel genannt.
Ich sagte schon: Sie müssen nichtschlecht dabei gefahren sein, wenn sie ihre mit der Hand gemachten Zigarren an den Mann brachten. Ihre Zigarren wurden meistens gelobt, denn vom Tabakmischen, von der richtigen Einlage und vom passenden Um- und Deckblatt verstanden unsere Hersteller schon etwas.
Der gute Verdienst verleitete wohl mal den einen oder anderen zum allzu langen Verweilen in den Schenkwirtschaften. Auch Kiffen Friedel, dieser stattliche Mann mit langem rotem Vollbart und einem selten schönen Tenor [Fußnote: Bis zur Abtrennung der "Solidarität" war Kiffe Mitglied des Gesangvereins "Eintracht". Meiner 89 Jahre alten Mutter ist Kiffes angenehme Tenorstimme noch in guter Erinnerung von einem Ständchen, das die "Eintracht" um 1895 einem ihrer Mitglieder zur Silberhochzeit brachte. Beim Vortrag des bekannten Liedes "Es liegt ein Weiler fern im Grund....." sang Kiffe den Solorefrain "O Röslein rot, o Röslein schön, ach, hätt' ich nimmer dichgesehn!". Meine Mutter lobte noch vor kurzem die Zartheit und Innigkeit des Kiff'schen Vortrages. (1.10.48)], trank hin und wieder einen über den Durst zum hellen Ärger seiner resoluten Frau. Als er in einer schönen Sommernacht spät heimkam, empfing seine Frau ihn mit einer heftigen Schimpfkanonade, in der es an derben, lauten Ausdrücken nicht fehlte. Friedel hatte seine Frau schon mehrfach zu unterbrechen versucht durch den Zwischenruf "Sühl, Pühl, Pühl!" (Sühl, auch Paulen oder Paul war damals ein örtlicher Ausdruck für "Quatsch" oder "Unsinn"), war jedoch nicht damit durchgedrungen und wollte nun dem Geschimpfe ein Ende bereiten, indem er sagte, er würde sofort das Haus verlassen und nicht wiederkommen, wenn sie mit ihrer Zankerei nicht aufhöre. Da rief seine Frau wütend: "Muinthalben gong teon Duibel!" - Friedel antwortete höflich: "Nein, Mamme, de Duibel nimmt mui nich; de säggt: Herr Kiffe - seggt heu - Sie haben mit dem Weibe schon die Hölle auf Erden gehabt, Sie gehören in den Himmel, Herr Kiffe! Jo, Mamme, dat seggt mui de Duibel." - Da erwiderte die Frau: "Dann laup man innen Hemmel!" - Sogleich nahm Friedel seinen Wickeltisch, seine Formen und seinen Tabakvorrat, lud alles auf eine Schiebkarre und zog damit in Louis Niewald's Kegelbahn. Er kannte hier Hausgelegenheit und machte sich dort ein Lager zurecht aus den Matten des Turnvereins. Louis Niewald, der gutmütige Nachbar Kiffes, ließ ihn einige Tage gewähren, weil er wußte, daß es ja doch nur eine kurzfristige Episode sein konnte. So macht Friedel 4 Tage lang Zigarren in der Kegelbahn des Gasthofs "Essener Hof" und unterbrach seine Arbeit natürlich gern und oft durch Besuche in der Gaststube. Nach 4 Tagen kam seine Frau weinend zu ihm und bat um seine Rückkehr. In Niewalds Küche wurde Versöhnung gefeiert, wobei es Frau Niewald nicht darauf ankam, für Frau Kiffe Kaffee und süßen Likör zu spendieren. Einige Gäste haben lange mitgefeiert an diesem Versöhnungsfeste.
2. Fritz Recksiek, Friedrichstraße 4, geboren 9.8.1867. In meiner Erinnerung steht er vor mir als der schlanke sehnige Turner. Als 1889 in Oerlinghausen ein Kreisturnfest auf dem Schützenplatze stattfand, zu dem viele auswärtige Vereine erschienen waren, war Recksiek der einzige, der die Riesenwelle am Reck vorführen konnte. Wie waren wir Jungens stolz auf diese Leistung eines Oerlinghauser Turners!
In späteren Jahren kam seine Liebe zum Gesang des öfteren zum Durchbruch. Im frohen Kreise ließ er sich leicht bewegen, Soli zum Besten zu geben. "Ein Schäfermädchen weidete" und "Hamburg ist ein schönes Städtchen" waren seine Lieblingslieder.
Als öffentlicher Ausrufer war er unerreicht. Wenn er die Klingel schwang, so geschah das mit einem Ernst und einer Würde, die schon von vornherein jeden aufhorchen ließen. So deutlich vorgetragen, wie von Recksiek, war das "Ausrufen" zweifellos die beste Methode zur Bekanntgabe neuer Verordnungen oder sonstiger Ankündigungen. Die allzeit spottlustige Jugend rief ihm wohl seinen "Frischjen Schjelltisch" nach, wenn er ankündigte, was es "morgen auf dem Wochenmarkt" zu kaufen gab. Aber Recksiek kümmerte sich niemals um die Spottrufe, sondern ging gewichtigen Schrittes zur nächsten Ausruf-Ecke, deren er in der Stadt im ganzen 35 hatte. Für das Ausklingeln erhielt er 3 - 5 Mark, je nach Länge der Bekanntmachung. 35 mal das Gleiche ausrufen, das machte die Kehle trocken, die unterwegs auch mal angefeuchtet werden mußte. Dann und wann wußte er den Bekanntmachungen eine besondere Wirkung zu verschaffen durch persönliche Bemerkungen, die er dem amtlichen Wortlaut anhängte. Nach dem I. Weltkriege rief er z.B. nach gehörig langem Klingeln den vor die Haustür tretenden Frauen zu: "Nui lustert moll teo! Heute wird auf dem Marktplatze Brennholz an die Haushaltungen verteilt. Der Gemeindevorstand. Seo, niu laupt man tenger, dat jui wat metkruijet." Nach Recksieks Tode hat es längere Zeit gedauert, bis hier wieder ein guter Ausrufer gefunden war. Man findet eben nicht immer Männer mit solch lautem und deutlichen Organ. Die Litfaßsäule ist kein vollwertiger Ersatz für den guten Ausrufer.
So gewissenhaft Recksiek beim Ausklingeln war, so fleißig war er auch beim Zigarrenherstellen. Oft saß er schon morgens um 5 Uhr am Wickeltisch.
Er starb im Alter von 76 Jahren am 2.10.1943. Sein Zigarrengeschäft ging auf seinen Sohn, Fritz Recksiek jr., Welschenweg 17, über. Sein Haus in der Friedrichstraße erbte seine Tochter, Frau Anna Haase.
3. Carl Creudum, Hauptstraße 7 wohnhaft. Vorgänger Recksieks als Ausrufer war Carl Creudum. Auch er hatte ein kräftiges und deutliches Organ. Aber diese Eigenschaft zu erwähnen ist bei ihm Nebensache.
Über Creudum zu schreiben ist schwieriger. Er hatte eine scharfe Zunge und besaß einen angeborenen Witz, den er dem politischen Gegner gegenüber in gefährlicher Weise aufblitzen ließ. Es band deshalb niemand gern mit ihm an. Carl Creudum war, wie alle Zigarrenmacher, Sozialdemokrat. In politischen Versammlungen ergriff er das Wort, um seinen Gegner in schonungsloser, zynischer Weise mundtot zu machen. Ein geistreicher Mensch, durch politische Schriften mannigfach gebildet, hatte er in Wahlversammlungen der 90er Jahre, in denen es oft heiß herging, manchen Augenblickserfolg. Wenn er trotzdem sogar unter seinen Parteigenossen wenig Freunde hatte, so wohl deshalb, weil er auch ihnen gegenüber seinem bissigen Witz spielen ließ und dabei oft über das Ziel hinausschoß. Allzu scharf machte auch seine Klinge schartig.
Creudum war natürlich sein Spitzname. Es heißt, erhabe ihn von seinen Genossen erhalten, als er in Wahlreden häufiger von seinem "Credo" (= ich glaube) sprach. Der Oerlinghauser Zunge habe das lateinische Wort nicht gelegen, und so sei aus dem Credo ein Creudum geworden. Von anderer Seite wird das Wort "Kreudum" als "der Regsame" ausgelegt. Carl Kreudum sei - so wird mir berichtet - in seiner Jugend sehr regsam, sehr aufgeregt gewesen. Seine Mutter stammte aus Süddeutschland. Er ist 1842 geboren. Mit 24 Jahren (1867) wurde er zum 1. Vorsitzenden des neu gegründeten Gesangvereins "Eintracht" gewählt.
Im privaten Leben konnte er die Freundlichkeit selber sein. Ich erinnere mich deutlich an folgendes Gespräch, das ich in meiner Jugend mit ihm hatte. Als ich - 12 oder 13-jährig - eines Tages aus der Rektorschule kam, stand Creudum in blauer Schürze vor seinem stattlichen Hause, der "Mangel [Fußnote: Ich hatte, als ich Ende April 1945 nach zwölfjähriger Abwesenheit wieder in die Heimat zurückkehrte, die Freude, mein Aquarell, das ich vor vielen Jahren von der "Mangel" angefertigt habe, noch in einem Zimmer des Rathauses anzutreffen.]". Er hielt mich an und wies auf den Querbalken über der Haustür, auf dem in großen Goldbuchstaben die Worte standen: SOLI DEO GLORIA. Da fragte Creudum: "Du hast doch in der Schule auch Latein. Kannst du den Spruch über der Tür schon übersetzen?" "Ja", erwiderte ich, "das kann ich, aber es steht ja auch im Gesangbuch, wie es auf deutsch heißt." - "Im Gesangbuch? Was steht denn da?" - "Da steht über dem Gesang `Allein Gott in der Höh sei Ehr` auch das lateinische Soli Deo Gloria, und das ist das selbe." - "Sieh mal einer an! Im Gesangbuch! Dann heißt also soli so viel wie allein?" - "Ja." - " Und deo heißt dann?" - "Dem Gott." - "Richtig! Und gloria?" - "Gloria heißt Ehre oder Ruhm." - "Ja, mein Junge, wo steht denn `in der Höh`?" - Da wußte ich nicht weiter. Ich stammelte etwas von "Das steht nicht dabei" oder ähnliches. Creudum sagte: "Dann heißt es also richtig übersetzt: `Allein dem Gott sei die Ehre, ja, so wollen wir es man lassen, denn mit der Höhe - das ist so'ne Sache; es könnte auch Tiefe oder Herz sein; aber das brauchst du noch nicht zu wissen."
Ich habe damals darüber nicht darüber lange nachgedacht, was die letzten Worte des Gesprächs bedeuten sollten, aber vergessen habe ich sie nicht.
Eine andere Unterredung, die ich Richard Sprenger verdanke, sei hier wiedergegeben:
Ort: Uhrmacherwerkstatt des Georg Sprenger, Gehrenberg 2. Zeit: Um 1910.
Am Arbeitstisch sitzen Georg und Richard Sprenger, Vater und Sohn, eifrig mit Uhrenreperaturen oder mit dem Putzen geflickter Ohrringe oder Broschen beschäftigt. Sie kehren dem im Sofa sitzenden Besucher Carl Creudum den Rücken zu.
Creudum spricht in pointierter Manier nur zu dem damals etwa 27 Jahre alten Sohn seines Freundes Georg Sprenger.
"Der Uhrmacher Sprenger, was ihr werter Herr Vater ist, der hat es nämlich dick hinter den Ohren. Der spielt seinen Freunden schlimme Streiche. Ich kann ihm nicht vergessen, daß er mich mal mit einem Dompfaffennest betrogen hat. Das war 1855. Wir 13 oder 14-jährigen Jungens kannten natürlich jedes Eichhörnchen- und jedes Vogelnest im Bruche oder auf dem Lamback [Fußnote: Lamback ist der Bergrücken zwischen Menkhausen, Niederbarkhausen und der Chaussee Rollkrug -Gräfinghagen. Nach Prietze abzuleiten von "Landback" = Höhe, auf der das Landesthing abgehalten wurde. Danach muß der Name aus einer Zeit stammen, als es noch keine Grenze zwischen Lippe und Ravensberg gab, also vor 1810.] oder in den Lämershäger Bergen. So fanden wir eines Sonntag auch ein Dompfaffennest unter halb der Hellkuhle. Es saß sehr hoch auf einer Buche und war nur von geübten Kletterern zu erreichen. Zwei Junge lagen drin. Sie mußten erst vor kurzem ausgekrochen sein und waren deshalb noch zu minner (=klein), um sie zu Hause im Bauer aufziehen zu können. Deshalb wurde, nachdem jeder in das Nest gesehen hatte, unterm Baume beschlossen, die Jungen noch 8 Tage von ihren lieben Eltern füttern zu lassen. Am nächsten Sonntagmorgen wollten Ihr werter Herr Vater und ich dann das Nest ausnehmen, und jeder sollte ein Junges erhalten.
Als ich am nächsten Sonntag Ihren werten Herr Vater abholen wollte, rief er mir aus dem Fenster zu "Ech kann nich met. Gong man alleune, Karl, eck häbbe keune Tuit."
Was blieb mir anders übrig, als ohne Ihren werten Herrn Vater mit meinem kleinen Bauer zur Hellkuhle zu gehen. Als ich mit vieler Mühe den Baum erkletterte, fiel mir schon auf, daß die lieben Vogeleltern sich nicht sehen ließen und nicht lärmten. Und als ich oben am Neste war, fand ich es leer. Sollte ein böser Räuber, ein Marder oder ein Rabe es ausgenommen haben? Ich fühlte hinein. Und was fand ich im Neste? Zwei Schafköddel! Jetzt wußte ich, wer der Räuber war und wer mir den Streich gespielt hatte. Nicht darüber war ich erbost, daß Ihr werter Herr Vater die beiden Jungen am Tage vorher an sich genommen hatte, sondern nur darüber, daß er mir die beiden Schafköddel in's Nest gelegt hatte. Und nun sitzt er da und tut, als ob ihn die ganze Geschichte nicht anginge."
Der Dompfaffenräuber putzte derweil seine Uhren und lachte vergnügt vor sich hin in Erinnerung an die schon 50 Jahre zurückliegende schöne Jugendzeit.
Als Creudum diese Geschichte breit und genießerisch an einem Tabakstengel kauend wiedergab, hatte er sein Zigarrengeschäft schon aufgegeben und den Laden vermietet. Er hatte in Oerlinghausen den ersten Zigarrenladen aufgemacht. Seine Zigarrentüten trugen folgenden, von ihm verfaßten Vers:
"Wie herrlich ist's, wenn's qualmt und glüht,
Wenn Rauch mir um die Nase zieht,
Wenn Wohlgeruch die Luft erfüllt
Und mir des Herzens Sehnsucht stillt.
Dann drück ich mich ins Sofa süß
Und träume wie im Paradies,
Schließ' sanft die müden Augen zu
Und denk', Europa braucht ja Ruh'
Ihr Raucher, wollt ihr solches Glück,
Dann schaut mit eurem Kennerblick
Nach Kreudums Laden gleich hinein.
Dort gib's Zigarren groß und fein.
Er tritt an euch heran, macht sein honneur
Und spricht: "Was wünschen Sie noch mehr?"
Sein schönes Fachwerkhaus, die "Mangel", brannte 1906 ab. Kreudum starb am 14.4.1916 im Alter von 73 Jahren an Magenkrebs.
Zigarrenarbeiter
Ich wende mich nun den Zigarrenarbeitern zu, deren es um 1900 weit über 100 gab. Im politischen Leben des Dorfes haben sie eine wichtige Rolle gespielt. Zwar waren sie unter der Herrschaft des Dreiklassenwahlrechts lange Zeit von der Mitarbeit im Gemeindeparlament zunächst ausgeschlossen, obgleich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein im Jahre 1890 schon 160 Mitglieder in Oerlinghausen zählte.
Aber schon 1893 gelang es ihnen, die 4 Sitze der dritten Klasse zu erobern und damit zogen die Zigarrenarbeiter Karl Grote, Kolonats - Nr.13, Hauptstraße 57; Heinrich Gronemeyer, Jägerstraße 5 und Fritz Hansing, Hauptstraße 72 in die Gemeindevertretung ein; außer diesen dreien noch Bäckermeister Carl Diekmann für die 3. Klasse, der aber wohl schon damals kein Sozialdemokrat war.
Nur 4 Sitze von 12; trotzdem war der Einfluß der Sozialdemokraten in Oerlinghausen durch diesen Ausfall der Wahl gewaltig gestiegen. Und nicht nur der Einfluß auf den Gang der Gemeindepolitik, sondern auch - was hervorzuheben ist - ihr Ansehen! Denn sie haben von Anfang an in selbstloser, vorbildlicher Weise an der Arbeit für das Gemeinwohl teilgenommen. Das zu betonen, ist mein Vater, der von 1892 - 1907 Gemeindevorsteher war, nicht müde geworden.
Besonders lebhaft war die politische Tätigkeit der Zigarrenmacher vor den Reichstags- und Landtagswahlen. Sie waren, wie ich schon erwähnte, sämtlich Sozialdemokraten und hielten strenge Disziplin. Die sitzende, fast geräuschlose Arbeitsweise brachte es mit sich, daß während der Arbeitszeit politisiert werden konnte. Die Belegschaft einer Fabrik hielt den Berliner "Vorwärts" oder die Bielefelder "Volkswacht", letztere auf alle Fälle. Daraus wurden Leitartikel und andere Aufsätze vorgelesen. Besonders die Reden Bebels, Molkenbuhrs, Vollmers, Liebknecht und Schönlanks im Reichstag wurden ein gehend durchgenommen. Wie mancher Sonntag ist dazu benutzt worden, Flugblätter in Asemissen, Bechterdissen, Greste, Währentrup und Senne zu verteilen oder Wahlversammlungen in diesen Gemeinden abzuhalten.
Der Erfolg dieser eifrigen Propaganda blieb nicht aus. Die sozialdemokratischen Stimmen stiegen allmählich auch in den Landgemeinden der Umgegend. Bald saß auch ein Oerlinghauser Zigarrenmacher im lippischen Landtag. Es war Karl Becker, Sproß der alten Leinenhändlerfamilie Becker, der 1900 gewählt wurde.
Ja, es ging in jenen Jahren, als die Oerlinghauser Zigarrenindustrie auf ihrem Höhepunkt stand, d.h. in den Jahren 1890 bis zum I. Weltkrieg auch auf den Zigarrenbuden recht lebhaft zu. Diese Debatten und Vorlesungen waren eine politische Schulung erster Ordnung. Aber es war nicht so, daß dort nun ein fanatischer Haß gegen Andersdenkende großgezogen wurde. Das hätte unseren Oerlinghauser Arbeitern schon rein Die Oerlinghauser Zigarrenindustrie volkstumsmäßig nicht gelegen. Wir Lipper sind nicht so gehässig veranlagt.
Vielleicht waren dazu auch die verwandtschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen in Oerlinghausen zu enge. So war z.B. der oben erwähnte Landtagsabgeordnete Karl Becker ein Schwager des konservativen Zigarrenfabrikanten Carl Adolf Reuter, oder: der oben erwähnte sozialdemokratische Gemeindevertreter Karl Grote war Schwager des konservativen Ziegelmeisters Ernst Reuter; oder: der sozialdemokratische Ziegelmacher Ernst Saak, Reuterstraße 4, war Schwager des nationalliberalen Tischlermeisters Fritz Heissenberg senr., Jägerstraße 6. Solcher Beispiele könnte ich noch viele aufführen. Wie mancher der alten Zigarrenmacher kehrte Sonntag für Sonntag in der Wirtschaft meines Vaters ein, um in der Gaststube mit Handwerksmeistern und anderen Bürgern eine Partie Schafskopf oder Solo oder Skat zu spielen. Ich habe sie noch vor mir, diese biederen Zigarrenmacher Hansing, Hellkamp, Heinrich Schütte oder wie sie alle heißen, die mit den ebenso biederen, ehrsamen Handwerksmeistern, wie Schneider Posteher, Maurermeister Stücke, Fuhrmann Holzkamp, Tischler Balk, Schmied Brand - Oetenhausen, Tischler Pröter und anderen unbedenklich ihr Spielchen machten. Nein, von politischem Fanatismus und Haß konnte in jenen Jahren in Oerlinghausen nicht gesprochen werden.
Die sozialdemokratischen Arbeiter waren politisch besser geschult, als die Angehörigen der bürgerlichen Parteien; und zweifellos waren sie durch eine gewisse Kluft und durch ihren Stand voneinander getrennt. Diese Kluft konnte auch Verwandtschaft und Nachbarschaft nicht überbrücken. Aber es war nicht so, daß der eine nun in fanatischem Haß den Untergang des anderen wünschte, wie politische Schlagworte besagen. Ich muß sogar - der Gerechtigkeit halber - sagen, daß ich später als Leiter der Gemeindeverwaltung bei einigen Vertretern der bürgerlichen Parteien mehr Haß, Voreingenommenheit und Unverständnis angetroffen habe, als auf Seiten der Arbeiterschaft. Die Revolutionen sind in Oerlinghausen ruhig verlaufen und standen im Zeichen der Besonnenheit und Disziplin der Oerlinghauser Arbeiterschaft.
Die Oerlinghauser Zigarrenmacher als politisch geschulte Sozialdemokraten fühlten sich stets als mitverantwortlich für das Wohl der Gemeinde. Sie sind dieser Verantwortung nie aus dem Wege gegangen.
Nun soll man nicht glauben, daß auf den Zigarrenbuden nur politisiert wurde. Ich wollte nur betonen: Die Beschäftigung mit der Politik machte die Zigarrenarbeiter hellhörig. Sie gingen mit offenen Augen durch die Welt und wußten, was sie wollten. Sie ließen sich kein X für ein U vormachen, wir finden viel Intelligenz unter ihnen. So kam es, daß auch allerlei Streiche auf den "Buden" ausgeheckt wurden.
"Die Oerlinghauser Zigarrenarbeiter sind ein lustiges Völkchen", sagte mir einmal ein fremder Fabrikant. Das war übertrieben. Ihr Lohn war gering und ihre Arbeitszeit ging von 7 bis 19 Uhr mit 1 Stunde Mittagspause. Ihre Einkommensverhältnisse waren nicht dazu angetan ein "lustiges Völkchen" zu sein, abgesehen davon, daß sie als Lipper und Westfalen rein stammesmäßig zu schwerblütig dazu waren.
Gewiß gönnten sie sich das wenige, daß das Leben ihnen bot. Sie machten die Schützenfeste mit, besuchten mit ihrer Familie die Kirmeß und waren eifrige und begeisterte Mitglieder des Gesangvereins. Und auch den kleinen Genüssen des Alltags waren sie nicht abhold. Montags wurden die Groschen zusammengelegt, und der Lehrling oder ein "Abstrupper" - meistens ein Schuljunge, der unter dem Arbeitstisch versteckt wurde, sobald die Ankunft eines Gewerbeaufsichtsbeamten gemeldet wurde - mußte marinierte Heringe holen. An warmen Sommertagen war auch Geld für einige Liter Bier vorhanden. Im Herbst, wenn zu Hause die Osßen [Fußnote: Ohßen" heißt die Bühne, in der die hausgeschlachteten Speckseiten, Schinken und Würste aufbewahrt werden. Sie ist gewöhnlich auch zum Räuchern eingerichtet.] leer war, kaufte man abends bei Mutter Schmidt noch schnell eine Portion Rinderwurst. Sogar bescheidene "Budenfeste" gab es und zwar im Herbst um Michaelis und im Frühjahr die sogenannten "Lichtfeiern" oder Lampenfeste. Wenn nämlich Ende September zuerst die Petroleumlampen angezündet werden mußten und erst recht Anfang April, wenn keine Lampen mehr bei der Arbeit zu brennen brauchten, sondern wenn man um 19 Uhr bei Tageshelle nach Hause gehen konnte, dann ließ der Fabrikant ein Fäßchen Bier auflegen. Das waren die Lichtfeiern. Nach Einführung des elektrischen Lichts (1901) sind, soweit ich unterrichtet bin, diese Lichtfeiern allmählich eingeschlafen. Bescheidene Feste, harmlose Fröhlichkeit!
Nein, übermütig konnten unsere Zigarrenmacher nicht so leicht werden. Sie mußten schon sehr fixe und sehr fleißige Arbeiter sein, wenn sie bei ihrem Akkordsystem einen für den Unterhalt der Familie ausreichenden Lohn erzielen wollten. Und sie waren fleißig. Zur gewerblichen Arbeit gesellte sich bei den meisten ja noch die Garten- und Feldarbeit nach Feierabend oder in der Frühe vor Beginn der Fabrikarbeit. Es gab viele Frühaufsteher unter ihnen, die man schon um 5 Uhr auf dem Acker sah.
Und doch hatte der fremde Fabrikant nicht so ganz unrecht; er hatte vielleicht von einigen lustigen Streichen der Zigarrenmacher erfahren. Denn Humor besaßen sie "trotzdem".
Die meisten dieser Streiche sind wegen ihrer Derbheit hier nicht wiederzugeben. Zur Kennzeichnung der ganzen Art will ich hier 2 oder 3 solcher harmloseren Streiche erzählen:
Der alte Klöpping mit dem Spitznamen "tideltei", einer der ältesten Oerlinghauser Tabakarbeiter, der den späteren Fabrikanten Adolph Altenbernd angelernt hat, trug einen langen Vollbart. Er war bei Altenbernd in späteren Jahren als Anfeuchter beschäftigt. Als er mal im Tabaklager auf seinem Stuhle eingeschlafen war, band man seinen Vollbart mit feinen Zwirnfäden an einer Leiter fest. "Onkel Wilhelm" Altenbernd konnte ihn nur durch Abschneiden einiger Bartenden befreien. Wilhelm B. [Fußnote: Geboren zu Oerlinghausen am 14.6.1867; gestorben am 9. Juli 1916.], ein Frühaufsteher und im Sommer schon um 5 Uhr auf seinem Felde, hatte eine Hamsterfalle aufgestellt und überprüfte sie nun jeden Morgen auf die Erfüllung ihrer Aufgabe. Leider bisher vergeblich. Der Hamster ließ sich nicht fangen. Eines Morgens aber fand B, einen toten Kanarienvogel in der Falle. "Um ihn zu trösten" hatte sein Freund Kassen - Blitz ihm dies zweifelhafte Geschenk hineinpraktiziert.
Im Jahre1904 war - wie die Volkswacht meldete - der russische Sozialist Spiritunowa vom zaristischen Regime nach Sibirien verbannt worden. Als dies in Altenbernds Fabrik aus der Zeitung vorgelesen wurde, äußerte Wilhelm Sch. etwas überheblich: "Wenn ich Spiritunowa wäre, ich hätte mich befreit!". Über die Befreiungsmöglichkeit wurde noch eifrig debattiert, als ein Arbeitskollege dem Sch. plötzlich einen großen Sack über den Kopf zog und ihn auf seinem Stuhle festband. Dann rief eine tiefe Stimme: "Spiritunowa, befreie dich!". Auch in diesem Falle mußte "Onkel Wilhelm", der mit leeren Formen in den Arbeitsraum kam, den Vorlauten aus seinen Fesseln befreien.
Eines Montags erzählt Adolf Schütte auf der Bude: "Ich war gestern in Bielefeld im Zirkus Barnum und Beileid. Kerls, wat häbb' eck do ollens teo ßeuhn kriegen! Do was euner, de konn'n Teller up eunen Stock balanßieren un inne Höchte haulen. Das will eck doch probeuern," meinte der lange G., "wenn eck den Teller unter der Decke fasthaulen kann.....".
Und nun spielte sich eine Szene ab, die zwischen Adolf Schütte und dem langen G. zu bestimmtem Zweck verabredet war.
In fast jeder Belegschaft ist einer, der den Hänseleien seiner Kameraden ausgesetzt ist. Bei Altenbernd arbeitete einer mit dem Spitznamen Plüns. Er war dumm, eingebildet und geizig und deshalb oft die Zielscheibe des Spottes seiner Kameraden. Plüns benutzte für seinen Hering oder für andere Waren einen Porzellanteller, während alle übrigen sich mit einem Blechteller begnügten. Mehrfache ironische Bemerkungen wegen des "vornehmen" Porzellantellers hatten nicht vermocht, daß Plüns ihn gegen einen Blechteller umtauschte.
"Wenn ich den Teller unter der Decke festhalten kann", hatte G. erwidert. "Auk dann nich!" sagte Adolf Schütte bestimmend und eifrig. Nun stieg G. auf einen Stuhl und hielt, da er lang genug war, seinen Teller mit dem Finger unter der Decke fest. "Jo", meinte Schütte, "dat es keun Kunststück. Öbber met'm Stocke, dat es wat anners! Ich gebe eine Mark, wenn das einer macht." - "Dat will eck doch mol seuhn," sagte Plüns, den der leichte Gewinn von 1.- Mark reizte. Mit Hilfe des langen G. brachte er seinen Porzellanteller glücklich unter die Decke und bat nun um einen Stock, der ihm bereit willig gereicht wurde. Es glückte ihm schließlich, den Teller mit dem Stock unter der Decke festzuklemmen, und nun stand der kleine, steife Mann in dieser Lage fest. Sofort war es mit der Aufmerksamkeit der Arbeitskameraden vorbei. Selbst auf seine Aufforderung, doch zuzusehen, wie er die Bedingung erfüllt habe, reagierte niemand, sondern jeder ging seiner Arbeit nach, als ob Plüns garnicht vorhanden wäre. Der aber konnte es auf dem Stuhle in der unglücklichen Stellung, den Blick immer auf seinen Teller gerichtet, nicht lange aushalten. Loslassen durfte er den Stock auch nicht, denn dann wäre sein Porzellanteller heruntergefallen. Es kam, wie es kommen mußte und wie es von Anfang an beabsichtigt war. Plüns konnte seinen Arm nicht länger hochhalten. Schon rief jemand: "Hermann der Cherusker!" Da ließ Plüns endlich den Teller los in der Hoffnung, ihn im Fall auffangen zu können. Klack! machte es, und der Teller lag zertrümmert am Boden. Nun hatte Plüns seine Strafe weg. Sein neuer Teller war aus Blech.
Solche und ähnliche Döhnken hat mir dieser und jener der alten Zigarrenmacher schmunzelnd und mit Behagen erzählt.
Ich komme zum Schluß. Da taucht die Frage auf: Wo sind die vielen Zigarrenmacher geblieben? Man merkt doch heute nur noch wenig von der einst blühenden Oerlinghauser Zigarrenindustrie. Ist es ein trauriges Kapitel, das ich hier zu schreiben habe?
Ach, ich nehme wenig Traurigkeit wahr, wenn ich mal mit alten Zigarrenmachern über den Niedergang der Oerlinghauser Zigarrenindustrie spreche. Im Gegenteil! Ich spüre bei ihnen eine gewisse Befriedigung darüber, daß es damit vorbei ist. Man spricht noch von ihr, wie man von einer lieben, alten Verwandten spricht. Man erinnert sich gern dieser oder jener Begebenheit; man erzählt sich gern die alten Döhnken; aber man weint ihr keine Träne nach. "Wir haben es jetzt besser, und unsere Kinder arbeiten in gesunderen Räumen, an besseren Arbeitsplätzen." Oder: "In der Holzindustrie verdienen wir mehr, und unsere Söhne lernen ein richtiges Handwerk." - So ist es. Die Holzindustrie hat die Tabakindustrie verdrängt.
Als nachdem I. Weltkriege die Möbelindustrie sich immer mehr ausbreitete, als in ihr auch ungelernte Arbeiter eingestellt wurden und lohnende Beschäftigung fanden, wechselten immer mehr Tabakarbeiter zur Möbelindustrie über. Aber die Möbelindustrie war es nicht allein, die den Niedergang der Zigarrenindustrie verursachte. Die Tabakarbeiter selber trugen dazu bei: Sie haben nach 1920 keinen Lehrling in der Zigarrenherstellung mehr angelernt. Die Söhne wurden Tischlerlehrling oder Maurerlehrling oder sie kamen bei einem Kaufmann in die Lehre.
Und der dritte Grund: Die Zigarette verdrängte die Zigarre mehr und mehr. Dieser Siegeszug der Zigarette ist nicht mehr aufzuhalten.
Und die Fabrikanten? Wo sind siegeblieben? Ich erwähnte auf Seite 235 schon kurz: Erloschen, verzogen, gestorben. Der eine starb allzu früh. Der andere mußte einen Vergleich mit seinen Gläubigern suchen, weil während der schlimmen Inflations- und Deflationszeit
(1922 - 1926) das Ruhrbecken als Absatzgebiet verloren ging. Der dritte verkaufte seinen Betrieb günstig, als sein Absatz eine bestimmte Höhe nicht mehr erreichte. Das alles geschah nicht plötzlich. Nur allmählich wurde es stiller in den Zigarrenbuden. Einige mußten 1943 ihren Betrieb auf behördliche Anordnung schließen, wenn ihr Tabakbestand nicht aus 10 % Überseetabaken bestand.
Vorbei! Fast 100 Jahre hat die Zigarrenindustrie das wirtschaftliche Leben in Oerlinghausen wesentlich beeinflußt. Und das politische nicht minder. Andere Industrien sind an ihre Stelle getreten.
Ich bin nachträglich gefragt worden, ob das Dutzend Zigarrenfabrikanten, von denen oben die Rede war, auch zu nennens wertem Vermögen gekommen sei. Diese Frage muß verneint werden. Nicht einer von ihnen hat Reichtümer erwerben können. Sie alle haben wohl ihr Auskommen gehabt; oft war es nur ein bescheidenes Auskommen; und wenn sie besonders sparsam lebten, kamen sie in die Lage, sich ein Haus zu bauen. Das war alles.
Wie viele aber haben ihre geschäftlichen Sorgen gehabt, ihre täglichen Sorgen mit Gläubigern, Geldinstituten, Wechseln, Hypothekenzinsen und dergleichen! Derjenige unter unseren Fabrikanten, der als "wohlhabend" bezeichnet wurde, hat noch erleben müssen, daß seine Ersparnisse zum größten Teil durch die Inflation der Jahre 1922 / 23 in nichts zerflossen. Den gleichen Verlust erlitten auch die übrigen, damals noch in 0253Betrieb befindlichen Fabriken.
Nachruf
[Fußnote: (Im Original folgt an dieser Stelle ein Zeitungsausschnitt über Albert Schütte, dessen Text hier wiedergegeben wird. [A.d.Ü.]) Vergleiche Seite 230.] Freie Presse, Sonnabend, 3. Juni 1950:
Der Heimat verbunden - Albert Schütte
"Ja, Albert, da wirst du das wohl machen müssen!" So hieß es in Oerlinghausen, als Krieg und Fürstenherrlichkeit zu Ende waren und es galt, einen Vorsitzenden des Volksrates zu wählen. Albert tat es, stellte sich zur Verfügung, wie stets, wenn es darauf ankam, der Allgemeinheit, einer sozialen Aufgabe, der Arbeiterschaft zu dienen.
Albert Schüttewurde am 29. November 1885 in Oerlinghausen geboren, erlernte den Beruf seines Vaters und wurde Zigarrenmacher. Als 1900 erstmalig Sozialdemokraten in den Landtag einrückten, war er so begeistert, das er als vierzehnjähriger der getarnten sozialdemokratischen Organisation "Milchmann" und wenig später offiziell der SPD beitrat.
Albert Schütte sah seine Hauptaufgabe in der bildenden Arbeit. Er rief die Arbeitersänger - Bewegung und die Freie Turnerschaft mit ins Leben und gründete den Stenographenverein "Gabelsberger". Gerade hier, wo er als "Lehrer" mit allen Schichten zusammenkam, bot sich ihm Gelegenheit, im sozialistischen Sinne zu wirken. Als 1911 die Tabakarbeiter ausgesperrt wurden, gründete Albert Schütte selbst einen kleinen Betrieb, in dem er im besten Einvernehmen mit seinen alten Kollegen schaffte.
In den Jahren 1919/20 gehörte Albert Schütte dem Lippischen Landtage an, saß 1919/26 im Amtsgemeinderat Oerlinghausen und war 1. Ratsherr. Einen "Wechsel der Fahne" lehnte er 1933 ab, zog die Konsequenzen und verließ die altvertraute Heimat. In Heidenoldendorf schuf er sich unter mancherlei Entbehrungen eine neue Existenz und lebte bis 1945 ziemlich zurückgezogen. 1946 wurde er zum Bürgermeister berufen, 1949 wiedergewählt; die "Iusendörper" wissen, was sie an ihrem Bürgermeister haben.
Albert Schütte ist seinen Idealen stets treu geblieben, hat in Hunderten von Versammlungen die Arbeiterschaft aufgerüttelt, und auch heute noch gilt sein Wort etwas, in der Gemeinde wie im geliebten Heimatlande überhaupt.