Ein vorgeschichtlicher Friedhof
Ein Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen
Geht man von Oerlinghausen aus zum Bartholdskruge durch den Menkhauser Berg, so kommt man, nachdem man das Menkhauser Gebiet verlassen hat, an den Stöltingschen Teil und schließlich an eine Heidefläche, die nur spärlich mit kleinen Föhren bewachsen ist. Hier sind wir auf dem vorgeschichtlichen Friedhof angelangt. Die ganze Heidefläche links vom Wege bis noch etwa 200 Meter über die Landstraße nach Schloß Holte hinaus (Sültemeyer), bildet die Ruhestätte vorgeschichtlicher Menschen. Auf dem Grundstück des Jakobskrügers sind nachweislich 28 Gräber und auf dem des Bartholdskrügers 42 Gräber vorhanden. Äußerlich ist an ihnen nur wenig zu sehen. Größere und kleinere weisen auf eine Bestattung hin. Sie künden von vergangenen Zeiten und Geschlechtern. Bald erheben sie sich einzeln, bald in ganzen Gruppen, immer von Osten nach Westen orientierend, kirchhofähnlich, und ziehen sich an dem damaligen Hauptverkehrswege, dem Hellwege, entlang. Ihre Größe ist verschieden. Das mittlere Ausmaß beträgt etwa 1 Meter Höhe und 10 Meter Durchmesser. Oft sind sie aus Heideplaggen, deren Heidekrautnarbe nach unten gekehrt ist, zusammengesetzt, so daß sie im Durchschnitt gestreift erscheinen. Andere bestehen aus gleichmäßiger Sandaufschüttung, aus dem Untergrund des Bodens. Die Grube, Delle, die bei der Aufschüttung entstand, ist heute noch oft neben dem Grabhügel zu sehen. Im Innern des Hügels ist meistens nur eine Verbrennung, oft sind auch mehrere vorhanden. Die Nachbestattungen sind dann in den höheren Schichten des Hügels untergebracht. Die erste Bestattung liegt gewöhnlich in der Mitte auf ebenem Boden. Die Asche verbrannter Leichen wurde in einer Tonurne, in der Größe einer Suppenschüssel, beigesetzt. Neben den Urnen kamen auch Holzgefäße zur Verwendung, sie mögen da als Aschenbehälter gedient hoben, wo diese scheinbar aus dem Boden lagert. Die Sennegräber gehören verschiedenen Jahrhunderten an. Die ältesten sind die großen Hügel. Für die jüngeren Brandbeisetzungen wurde selten mehr ein eigener Hügel aufgeworfen, wenn doch, so waren diese Hügel sehr flach, manchmal nur 15 Zentimeter hoch. Rings um jeden Hügel ist ein etwa 30 Zentimeter tiefer und breiter Graben gezogen worden, wohl eine dunkle Erinnerung an die Steinhügelgräber der Bronzezeit, die bekanntlich einen Steinkranz zeigen. — In einem Flachgrabe auf dem Grundstück des Jakobskrügers fand ich eine Doppelbestattung. Die Knochen sowie Holzasche waren nicht in einer Urne, sondern in einem Beutelchen oder einer Holzschachtel, die indes vergangen waren, ursprünglich bestattet worden. Neben einer Verbrennung stand ein kleines Beigefäß in Größe und Form einer Obertasse. Hierin hatte man dein Toten Lieblingsspeise mit ins Grab gegeben. Durch den verstorbenen Schulrat Schwanold sind diese Funde dem Landesmuseum übergeben worden. Ein dritter Grabhügel enthielt außer Knochenresten und Holzkohle noch die „Fibel", eine Gewandnadel aus Bronze, mittels derer das Totenhemd festgehalten wurde. — Was für religiöse Anschauungen hatten die hier Bestatteten? Sie spiegeln sich teilweise, wenn auch noch unklar, in der Art der Bestattung wider. Solange wir den Menschen in Europa kennen, hat er seine Toten pietätvoll bestattet. Dadurch zeigt er, daß er an ein Weiterleben nach dem Tode glaubte. Man gab dem Toten tägliche Gebrauchsgegenstände mit, man stellte sich also das Leben nach dem Tode ziemlich gleichartig mit dem irdischen vor. Wenngleich bei Ausgrabung einiger Hügel nicht viel Grabbeigaben gefunden wurden, so sind doch Fälle bekannt, wo man dem Verstorbenen Kleidungsstücke, Mützen, Decken, Waffen, Schmuck, Gefäße usw., vor allem auch das Rasiermesser mit ins Grab gab. Man stellte sich also das Jenseits nicht mühevoll und arbeitsreich, sondern als bequemes, müheloses vor. Infolge der Verbrennung der Leiche wohnt der Tote nicht mehr im Grabe, sondern die Seele lebt weiter, die durch die Verbrennung möglichst schnell für den Eingang in Walhall befreit werden sollte. Von Barbarei ist also hier nicht die geringste Spur. — Daher finden wir in den Sandhügelgräbern auch nur so wenig Beigaben, oft fehlen sie ganz. Vielfach findet man auch nur Miniaturwaffen, das heißt verkleinerte Nachahmungen der wirtlichen Gegenstände. Hierzu trugen allerdings auch die beschränkten Raumverhältnisse bei (Urnen). Von der Ansicht ausgehend, daß nur die Beigaben einen Wert haben, die mit den verbrannten Resten in enger Berührung standen, legte man sie entweder mit in die Urne oder daneben, allerdings als Miniaturbeigaben, für wirkliche Gegenstände war kein Raum. Andere Beigaben mögen auf dem Holzstoß mit verbrannt worden sein. Beim Schapeler fanden wir neben der Urne einen Katzenzahn. Das Tier war als Leichenopfer mit verbrannt worden. — Im allgemeinen kann gesagt werden, daß die hier Bestatteten (etwa 700 bis 400 vor unserer Zeit) nicht auf niedriger Stufe standen, denn Götzenanbeter waren sie nicht!
Die Wohnung, ein strohgedecktes Viereckhaus, stand am Bach oder an einer Quelle (Schopkebach, Wellenkrug). Der Steinbau, der im Wohnungswesen eine tief eingreifende Änderung hervorrief, war nicht beliebt. Unsere Vorfahren paßten ihre Bauweise der sie umgebenden Natur an. Sie führten Holzbauten auf, die in die Natur paßten und diese bucht verschandelten. Wie trostlos nehmen sich heute vielfach die Wohnhäuser in der Landschaft aus! Ist es nicht zum Heulen, wenn neben einem schönen Fachwerkbau ein sogenannter Palästinerbau mit fensterleeren Wänden und plattem Dach aufgeführt wird? Ganz wie unsere Vorfahren! Ein Holzbau mit Lehm verstrichenen Wänden war üblich. Die Häuser vereinigten sich zu einer Siedlung, die meistens auf einer Anhöhe angelegt wurde (siehe weiter unten: Die germanische Siedlung am Barkhauser Berge!). — In diesem Zusammenhange möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß aus jener Zeit auch Erdbauten aus Anhöhen bekannt sind, die wohl teilweise schon auf ältere Zeiten zurückgehen. Es sind Volksburgen, welche mit Wall und Graben geschützt sind. Die Wälle bestehen teils nur aus Erde, teils aus zusammengeschichteten Steinen (siehe Oerlingsburg auf dem Tönsberge!).
Ich glaube hervorheben zu müssen, daß die Träger dieser Kultur Germanen waren, die um jene Zeit, oder schon früher, aus dem norddeutschen Tieflande über das Wesergebirge und den Osning in das Lippetiefland (Senne) vorgedrungen waren. Der Oerlinghauser Paß wird eine der Pforten gewesen sein, durch die sie vorrückten. Die Sippe, die sich hier niederließ, wo die nordsüdliche Paßstraße mit der ostwestlichen Straße am Südfuße des Gebirges entlang kreuzte, mag mehrere Jahrhunderte am Schopkebach gewohnt haben. Auch sie waren seßhaft und betrieben Viehzucht und Ackerbau. Welchem Germanenstamm sie angehörten, vermögen wir heute noch nicht zu sagen, aber sie gehören zu denen, die als Vortrupp neue Wohnplätze suchten, als die Germanen von der Weser zum Rhein vorrückten.