Vorwerk Orlinchusen
Hans Sprenger/Bruno Hunke
Wer sich zu historischen Forschungen und zur Darstellung ihrer Ergebnisse anschickt, fragt zunächst nach geschriebenen, also in der Sprache überlieferten ersten Anhaltspunkten: nach Urkunden. Das gilt für die Welt- und Staatengeschichte im großen wie auch für jede Untersuchung im kleinen und so für die Geschichte des Ortes, die hier nachgezeichnet werden soll.
Oerlinghausen wird zum erstenmal in einer Urkunde von 25. Mai 1036 erwähnt. Dort wird berichtet: „Bischof Meinwerc von Paderborn stattet das durch ihn gegründete Kloster Busdorf an der Ostseite von Paderborn mit dem ihm gebührenden Zehnten von 17 Haupthöfen — curtes dominicales — und 71 dazugehörenden Vorwerken — vorwercs — aus, unter denen auch die folgenden genannt werden: Barchusen, mit den fünf Vorwerken Orlinchusen, Meginchusen, Burchusen, Hepyn und Ykaninctorp”. Das sind das heutige Oerlinghausen, Menkhausen, Borgsen, Heepen und Eckendorf. Der Haupthof hieß Barkhausen; in Oerlinghausen lag ein wirtschaftlich selbständiges, aber in den Verband von Fronhöfen eingeschlossenes kleines Gut. Wohl zu beachten ist, daß es in der ersten Erwähnung heißt, der Bischof habe das Kloster Busdorf mit den genannten Höfen ausgestattet, es steht nicht zu lesen, er habe sie erbauen lassen oder gegründet. Es ist möglich, daß die vormaligen Besitzer der Güter diese oder gar ihr Leben in den grauenvollen Kriegen Karls des Großen verloren hatten und die Höfe in die Hand der Kirche übergegangen waren.
[Bild: Niederbarkhausen, Kopie nach einer Vorlage des 17. Jahrh.]
Aber das ist nur eine Vermutung» zu schwankend und zu schwach, als daß sie für Geschichte ausgegeben werden könnte. Außer Zweifel steht nur, daß der Ort schon lange vor der ersten Erwähnung des Vorwerks bestanden hat.
Vorgeschichtliche Funde beweisen, daß es an dem Durchgang durch das Gebirge schon früh menschliche Siedlungen gegeben hat. Auch der Ortsname läßt auf einen tieferliegenden Ursprung schließen. Es handelt sich um ein hausen-Dorf. Von ihnen gibt es in West- und Ostfalen eine große Zahl, darunter viele auch auf -inghausen. Dieser Wortbestandteil deutet auf eine Namengebung in germanischer, das heißt in einer vor der Christianisierung liegenden Zeit hin. Das auch in vielen Familiennamen auftretende -ing ist eine sogenannte patronymische Sprachform. Sie drückt als solche eine Beziehung zu dem im ersten Wortteil genannten Vater oder Vorfahren aus. Demnach muß man den Namen Oerl als den eines Mannes ansehen, dessen Kinder und weitere Nachkommen die Oerlinge genannt wurden. Oerlinghausen ist nach dieser sprachlichen Ableitung der Ort, in dem jene Oerlinge sich angesiedelt hatten. - Mehrfach ist auch die These aufgestellt worden, daß zwischen diesem Oerl und dem gleichlautenden englischen Earl - dem Titel für einen Grafen - eine Wortverwandtschaft bestehe. Fände diese Hypothese eine Bestätigung, so müßte das Wort Oerl als sächsischen Ursprungs angesehen werden, wie es ebenso für Earl gilt: es waren ja neben den Angeln sächsische Stämme, die um die Mitte des fünften Jahrhunderts aus ihren Wohngebieten aufbrachen, an der britischen Küste landeten und in der Folge die ganze Insel eroberten. Es könnte also sein, daß sie aus ihrer Heimat, die doch mit dem Widukindslande stammesmäßig verbunden waren, jenes Wort als sprachliche Gabe mitgebracht hätten, womit dann eine Sprachbrücke zu unserem Ortsnamen konstruiert werden könnte. - Doch, wohlgemerkt, das letzte ist im Konjunktiv gesagt. Es bleibt ein gedankliches Spiel mit bloßen Möglichkeiten, wenn versucht wird, aus dem Gleichklang auf die gleiche Wortbedeutung zu schließen. Handfeste Belege fehlen durchaus!
Weil die Ortsgeschichte nur bei ständiger Berücksichtigung der geographischen Bedingungen verstanden werden kann und also der Tönsberg als Naturhintergrund immer mit in den Blick genommen werden muß, liegt es nicht außerhalb der durch das Thema gesetzten Grenze, auch seinen Namen abzuhorchen. Der Tönsberg hat, wie es sich ohne weitläufige sprachgeschichtliche Herleitungen versteht, seinen Namen von Tons. Tons ist die niederdeutsche Form von Anton und Anton die entlateinisierte Form von Antonius. Der Tönsberg wäre also der Antoniusberg. Dem Heiligen jenes Namens war die Kapelle geweiht, die, am östlichen Ende des langen Bergrückens gelegen, an die Zeit des frühesten Christentums erinnert. Daß das Kirchlein in der Bergeinsamkeit gerade den Namen dieses Heiligen trug, hatte gewiß seine tiefere Bedeutung. Antonius war als einer der ersten christlichen Anachoreten in die Abgeschiedenheit der Wüste gegangen, um allen Versuchungen der Welt zu entgehen: So konnte der Klausner, der die Kapelle am Ende des Tönsberges hütete, sich als ganz in der Nachfolge des Heiligen stehend fühlen. Was nun in Wirklichkeit eine Wallfahrtsstätte war, wurde von späteren Geschlechtern die Hünenkapelle genannt, wie man eben geneigt war, alles, was vorzeitliche Herkunft vermuten ließ, jenen halbmythischen Riesengestalten zuzuschreiben. Wenn es nun eine Wallfahrtskapelle war, so sind gewiß Pilger aus weiter Runde herbeigekommen, nicht aber nur aus den Ansiedlungen, die in ihrer Nähe lagen. So kann man diese Stätte der frommen Anbetung mit den Anfängen Oerlinghausens kaum in Zusammenhang stellen.
Das gleiche ist von den Ringwällen zu sagen, in deren innerer Lagerfläche die Ruine liegt. Nach archäologischen Untersuchungen sind an dem Wallsystem verschiedene Bauphasen zu unterscheiden. Sie reichen von der Zeit der Römerkriege über die sächsische und fränkische Epoche hinweg bis ins hohe Mittelalter. Die Anlage umfaßte im Ablauf der Zeiten ein weiteres oder engeres Lager, sie war in den Anfängen in der Holz-Erde-Bauweise ausgeführt, später als Steinwall und wieder später als Kalk-Mörtel-Mauerwerk, je nach dem Stande der Bauverfahren und je nach den wechselnden Zwecken der Befestigung.
[Bild: Die Kapelle auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen. Lithographie von Ludwig Menke aus dem Jahre 1875.]
In welchen Kriegs- und Gefahrenzeiten die Burganlage hat Schutz gewähren müssen, wie weit sie als Versammlungsplatz für die Bewohner der umliegenden Siedlungen diente, ob sie ständig besetzt oder nur gelegentlich genutzt wurde - das sind Fragen, die nur durch weitere Grabungen im Innern des Ringwalles beantwortet werden können. Es ist dem Historiker wie dem Prähistoriker aufgegeben, Licht in diese Dunkelheiten der Geschieht zu bringen - es ist nicht die Sorge des Ortschronisten. Zu deutlich ist die Anlage an der östlichen Bergnase nach dem Durchgang durch die Wistinghauser Schlucht hin orientiert, und der Tönsberg hat einen zu langen Rücken, als daß die Ansiedlung an der westlichen Bergseite mit den Wallanlagen in engere Beziehung gebracht werden könnte.
Der Chronist muß sich selbst ermahnen, sich nicht in der Erörterung von Fragwürdigkeiten zu verlieren, sich vielmehr, auf den Anfang zurückgreifend, an das Dokument zu halten, das die erste bezeugte Nennung des Namens enthält. Wenn es auch keineswegs als die Geburtsurkunde des Wohnplatzes gelten kann, so ist es doch wie ein Stück festen Landes in dem Meer der Ungewißheiten.
Wie standen denn die Zeiger auf der Uhr der Geschichte? - Man schrieb - soweit man schreiben konnte - das Jahr 1036. Das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung war dahingezogen; es war die Zeit, die man später bei der Periodisierung der abendländischen Geschichte das frühe Mittelalter genannt hat. Konrad IL, der erste aus dem Hause der Salier, trug die deutsche Kaiserkrone, Benedikt IX. saß auf dem päpstlichen Stuhl, und in Paderborn regierte an seiner Statt Bischof Mein werk. Dieser hatte, durch die besondere Gunst des Kaisers ausgezeichnet, in seiner langen Regierungszeit nicht versäumt, den christlichen Glauben zu festigen und die bischöfliche Macht in seiner Diözese zu stärken. Gerade wenige Jahre zuvor hatte er Wino, den Abt von Helmarshausen, auf die Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten geschickt. Im Jahre 1034 kehrte dieser zurück und brachte „neben vielen Reliquien die Abbildung der Kirche zum heiligen Grabe zu Jerusalem” mit. Nach diesem Muster sollte nun außerhalb der paderbornischen Stadtmauer, im Busdorf, eine Pfarrkirche erbaut werden, und so geschah es. Am 25. Mai 1036 wurde sie in Gegenwart hoher Würdenträger „nach bischöflichem Ritus” eingeweiht. Doch das Kloster, das fortan die Pflichten für die Kirche tragen sollte, brauchte auch eine bessere wirtschaftliche Versorgung. So übergab Mein werk bei Gelegenheit der Feier, nachdem die Messe beendet, den Brüdern eine „Fundationsurkun-de”. Es war die letzte bischöfliche Amtshandlung Meinwerks. Er starb, so wird bei Schaten berichtet, „bald nach der Einweihung von Bustorf, nämlich den fünften Juni des Morgens drey Uhr in der Domkirche, wohin er sich um ein Uhr hatte tragen lassen, um betend zu sterben”.
In der Fundationsurkunde wird die Schenkung, bei welcher der Name Oerlinchusen zum erstenmal auftaucht, verbrieft und verbürgt. Sie ist die ursprüngliche Geschichtsquelle, und auch die Herausgeber der Lippischen Regesten haben sich auf sie gestützt. Nur läßt die originale Darstellung von paderbornischer Seite den Vorgang deutlicher in seinem historischen Zusammenhänge erkennen. Die Stiftung erscheint als ein Akt der Diözesanpolitik und diese wiederum als in das Geflecht der Kirchen- und Reichsgeschichte eingewoben.
Das Kleine hängt am Großen. Die Nennung des Namens ist für die Mächtigen der Zeit nur ein Vorgang von winzigstem Belang - für die Geschichte des Ortes steht sie wie das A im Alphabet.
Auf dem Tönsberg
Zerstreute Trümmer, band- und mörtellos,
Gesunkne Pfeiler, eingefallne Bogen,
Umwuchert vom Gestrüpp, von Heid' und Moos
Vielleicht seit tausend Jahren überzogen;
Rings um des Berges sturmgepeitschten Grat
Die überwachs’nen steinerbauten Wälle,
In ihrem Kreise diese Trümmersaat,
Genannt die Hünenkirche, die Kapelle.
Fern des Cheruskers Bild am dunklen Teut,
Von dessen Gifpel sonn’ge Lichter schwanken,
Verklärend ihn, so scheint’s, von Zeit zu Zeit,
Gleich wie des Weisen Stirne die Gedanken:
— Hier weht’s wie Odem alter Zeit fürwahr,
Wie das Geflüster langentschwundner Tage;
Doch das Verborgne macht’s nicht offenbar,
Hier schweigt der Stein, und stumm ist selbst die Sage.
Vom Tal herüber tönt der Glocke Klang;
Ich seh im Geiste gläub’ge Scharen ziehen
Den Berg hinan in andachtsvollem Drang
Und still auf dem geweihten Boden knieen.
Ob Heid’, ob Christ, kein Wächter weist zurück
Den Wanderer von dieses Betraums Schwelle;
Die Glocke schweigt. Ein letzter Sonnenblick.
Und wie ein Amen haucht’s durch die Kapelle.