Revolution und Flucht von Hennerk Berkemeier

Der Wind kam übern Berg, Dokumentenabschrift von „emo“

 

Was der Amtmann nicht erreichte, waren Bewaffnete für Oerlinghausen, die den "Unruhen" ein Ende bereiten sollten. Überall war Revolution und die Lageschen Bürgerschützen hatten sich schon im Amt Lage mit den dortigen Aufrührern solidarisch erklärt und gingen nicht gegen diese vor. So mußte der Amtmann alles geschehen lassen. Angesichts des Riesenhaufens Rietberger Bauern blieb den Bürgern sowieso der Bissen im Hals stecken.

Bei der Apotheke bog der Bauernzug durchs ehemalige Messtor auf dem Weg nach Niederbarkhausen, ein, begleitet von vielen Oerlinghausern, die ehrliche Sympathien bekundeten und Eimer mit Wasser zur Seite anboten. "Auf nach Tenge!”, war die Losung und die pflanzte sich fort von Mund zu Munde. Die Spitzbäuche und Zylinderkerls hatten sich in die letzten Winkel verkrochen sofern sie annehmen mußten, dass ihnen vielleicht aus diesen oder jenen unschönen Grunde auch etwas geschehen könnte.

Auch bis zum Herrenhaus nach Niederbarkhausen war schnelle Kunde von dem Zug geeilt, doch überraschte es den Tenge nebst Familie, die sich eingekreist sah und nicht mehr ausweichen konnte.

Der Amtmann tat nun alles, um wenigstens dem Tenge einige Hilfe zu schicken. Unter falscher Darstellung zogen einige aus der Umgebung und auch Lagesche Bürgerschützen nach Niederbarkhausen, wo die Rietberger den Tenge gestellt und von ihm verlangten, daß er Pacht, und Lebensmittel senke, die Deputate verbessere und Land den Bauern verbilligt überließe. Die ganze ehemalige Grafschaft Rietberg gehörte dem Tenge fast und der Mitgekommene Landrat riet diesen zu Zugeständnissen. Als aber Tenge ablehnte und keinerlei Bereitwilligkeit zeigte, nahm eine Spitze ihn nebst Frau kurzerhand zwischen sich und nun setzte sich der ganze Heersturm wieder in Richtung Oerlinghausen in Marsch. In Rietberg wollte man den Tenge soweit bekommen, daß er Bauernland abgeben würde und den Knechten bessere Bezahlung zugestand. Natürlich hatte man sich auf Niederbarkhausen den nötigen Mundvorrat beschafft und Bedienstete in der Küche und auf den Hof waren den Männern aus Rietberg sympathisch genug, um sie mit den Nötigen zu versehen. So zog der Lindwurm wieder ins Dorf ein und unter Gesang und Zurufen gings der Senne wieder zu, den Tenge nebst Frau an der Spitze führend.

Des Amtmanns Geschäftigkeit hatte mit Eilboten die Nachricht auch nach Detmold gebracht und hier trat nun, ob des auswärtigen Einfalls fürstlich-lippischen Gebiet das Kriegsministerium zusammen. Man erwog ernsthaft eine formelle Kriegserklärung an die ehemalige Grafschaft zu richten, ließ die dann aber fallen als man bedachte, daß die Grafschaft ja seit den Befreiungskriegen zu Preußen gehörte. Berittene stoben aber der Augustdorfer Senne zu, wo per Order eine Kompanie dort übender Residenzsoldaten sofort in Richtung Oerlinghauser Schlucht zu marschieren hatte, um die Rietberger auseinanderzuschlagen und den Tenge zu befreien. Im Eilmarsch über die Senne gings zur Oerlinghauser Bleiche (Tölcke) und hier trafen die beiden Züge aufeinander, die militärische Macht der Detmolder zerstob den Rietberger Bauernhaufen sehr schnell und die Tenges wurden befreit.

Nun sorgten der ebenfalls herbeigeeilte Amtmann von Oerlinghausen und seine Gehilfen, die den Kommandierenden der Truppen die Liste der "Anführer" am Sonnabendaufmarsch vorlegten dafür, daß diese Schmach jetzt ebenfalls mit getilgt würde und die Festnahmen erfolgten.

Das erste Opfer, dass die Detmolder Soldateska aus den Wohnungen holte, war Karl und dann Solls Herm in der Lander. Dann gings auf den Berg. Schuster Lepper, Hilbrinks, einer der Hölters wurden geholt. Vergeblich aber sucht man nach Hennerk Berkemeier; der war gewarnt worden und Freunde hatten ihn unauffindbar versteckt, zum großen Ärger des Amtmannes.

Inzwischen war aber noch etwas anderes geschehen. Auf Niederbarkhausen hatten Leute aus der Umgebung, als sie die Rietberger nicht mehr vorfanden, ebenfalls Keller und Küche des Rittergutes in Anspruch genommen. Beamte aus Oerlinghausen sollen sie schließlich unter Zureden und Geldbezahlung zum Abmarsch in ihre Gemeinden bewegt haben, wobei es aber in Währentrup noch zu "Randalierungen" gekommen sein soll.

Als das Militär in Oerlinghausen die "Haupttäter" nach des Amtmanns Angaben , außer den unauffindbaren Hennerk Berkemeier, in der Mitte nach Detmold abführte, holte man aus Währentrup auch noch Simon Plaßmann, der die dortige Revolution angeführt haben sollte. 16 Hauptübeltäter traten den Gefangenenmarsch nach Detmold an und warteten dort auf ihren Prozess, der Aufruhr, Bedrohung und Landfriedensbruch zum Inhalt hatte, wobei das ganze eine harmlose Demonstration gewesen war. Macht hat immer Recht und das sollten die 15; Simon Plaßmann konnte aus der Haft entweichen und nach Amerika flüchten, in ihrem Prozess bald merken, obwohl ihr Verteidiger wieder der Advokat Vette war, der die Berger schon in der Brunnensache verteidigte. Seine Verteidigungsrede gipfelte darin das, wenn alle Vorkommnisse zur Aburteilung gelängen, die Hälfte des Volkes einsitzen müßte und die andere Hälfte zu dessen Bewachung notwendig wären. Aber die Urteile waren alle harte Gefängnisstrafen und erst später konnten die Inhaftierten Milderung erfahren.

An einen frühen Morgen im Märzende trat aus der Seitentür eines Kottens in Ubbedissen Hennerk Berkemeier. Seit der Verhaftungswelle in Oerlinghausen hatten Freunde ihn bei einem Freund hier untergebracht, wo ihn die suchenden Häscher nicht habhaft wurden. Er hatte diesen Morgen einen kräftigen Wanderstock in der Hand und an einem Riemen über der Schulter baumelte ihm an der linken Seite ein Reisegepäck; notdürftig aber doch mit allem für die nächsten Tage versehen. Die Morgensonne schien ihm auf seinem Weg, den er nordwärts, links von Milse und Eckendorf einschlug. Sein Name war ja allen Gendarmen und Häschern im lippischen bekannt und darum mied er auf seiner Wanderung lippisches Gebiet. Aber auch vor eventuellen Fängern auf preußischem Gebiet galt es Vorsicht zu haben. Wenn erst das Wesergebiet erreicht sein würde, war wohl das Erkennen seiner Peron nicht sehr zu erwarten. Seine Verwundung war soweit ausgeheilt, daß er wieder ganz gut marschieren konnte und er hatte einen weiten Weg vor sich. Altenhagen und Elverdissen, immer nahe der lippischen Grenze, waren sein Ziel und bald kniete er in die Senke der Werreniederung zwischen Herford und Salzuflen. Ein Bootsmann brachte ihn für einen Groschen übers Wasser und nun, nachdem der Herfordsche Postweg passiert, gings mit ganzer Kraft den Stuckenberg hinan. Sich umblickend sah er die Morgensonne den Kirchturm am Tönsberg bescheinen und vollends oben, wand er sich noch einmal und zum letzten Mal zum Tönsberg, zu seinen Heimatort Oerlinghausen, für immer. Ihm kamen die Tränen und doch mußte er nun alle Kraft zusammennehmen um sein

Ziel, zunächst Rehme zu erreichen. Nun blieb das lippische Land zurück und übers schwarze Moor und die hohe Egge gings dann ins Wesertal. Breit glänzte das Silberband des zum Meer fließenden Flusses ihm entgegen und in Rehme, wo er sich unauffällig zu dem Bootsanleger wandte, setzte er sich zunächst ans Ufergestein und kramte einen Laib Brot und ein Stück Speck hervor und stärkte sich an diesen Freundesgaben. Es war schon Mittag und von Vlotho kam ein größeres Schiff und als es schon nahe, winkten zwei Arme ihm zu. Das waren Gustav und Herm Koch. Sie hatten In Vlotho einen Platz besorgt und dem Kapitän, den sie kannten, einiges anvertraut. Der war nicht abgeneigt, den Flüchtling an Bord zu nehmen und ihn bis Bremen als "Schiffsbesatzer" mitzunehmen. Gustav und Herm arbeiteten in Hemelingen bei Bremen auf Ziegelei. Manchmal mußten sie das Schiff mit den Staken in der Fahrbahn halten und bis Bremen waren es wenigstens drei Tage. Als das Schiff nachmittags Minden passierte, ging Hennerk doch in ein angewiesenes Versteck nach unten; man konnte nicht wissen, ob in Minden die Polizei informiert war. Es ging aber gut und am Abend machte man in Windheim fest.

Erster April Morgen auf der Amerikafahrer-Mole in Bremen ging Hennerk Berkemeier, der gesuchte und gebrandmarkte "Revolutionsheld" von Oerlinghausen, zu dem Dampfsegelschiff "Hoffnung" und betrat die Laufplanken. Noch einmal schüttelte er dem Helfer in Bremen, einem Tabakreisenden, der Freunde per Brief gebeten hatte, sich des Hennerk anzunehmen und seiner Überreise nach den Staaten behilflich zu sein, die Hand und das war der Abschied auch vom alten Kontinent. Wie Segel blähten sich im Wind und die Dampfsirene, heulte einen letzten Gruß. Dann wurden die Anker gelichtet und abwärts gings dem Meere zu, einer neuen Heimat entgegen.