Oerlinghausen und der Siebenjährige Krieg
Oerlinghausen hatte, auch in diesem Kriege, der von 1756 bis 1763 dauerte, obwohl es neutral war, viel Beschwerden zu ertragen. Die feindlichen Mächte, die sich gegenüberstanden, waren auf der einen Seite: Preußen und England und auf der anderen Österreich, Rußland und Frankreich. Wie im Dreißigjährigen Kriege, so wurde auch jetzt Oerlinghausen wieder mit Einquartierungen bedacht, mußte Fuhren leisten, Pferde abliefern, Knechte, Bauern zu Frondiensten für fremde Mächte bereitstellen, Nahrungsmittel abliefern, Vieh zum Abschlachten bereitstellen, und, wie auch damals, sich manche Plünderungen und Drangsalierungen gefallen lassen.
Die Kämpfe beider Armeen spielten sich in Nordwestdeutschland ab, und so kam es, daß auch Lippe, und damit Oerlinghausen, in den Bereich der Kampfhandlungen hineingezogen wurde, Der Befehlshaber der preußischen Armee war in unserer Gegend der Herzog von Cumberland, der 1757 bei Brackwede ein festes Lager bezog. Seine Aufgabe bestand darin, der Spitze der französischen Armee unter Marschall d'Estrees den Weg des Bielefelder Passes, zwischen der Sparrenburg und dem heutigen Johannisberge, zu versperren. Nicht lange hielt sich indes der Herzog im Lager zu Brackwede auf, er zog sich in nördlicher Richtung bis in die Festung Minden zurück. Den Franzosen bot sich nun zunächst kein Widerstand, so daß sie bei ihrem Vorgehen bald die Herren von Bielefeld und der Sparrenburg waren. Die zurückflutende preußische Armee vernichtete einen Teil ihrer Vorräte, soweit sie diese nicht mitnehmen konnte. Ganze Straßen sollen mit Reis, Korn, Hafer und Kriegsgerät übersät gewesen sein. Die Kunde von dem Rückzug der Preußen drang auch recht bald nach Oerlinghausen, die tollsten Gerüchte trafen ein. Die Erzählungen der Großeltern über das skandalöse Verhalten der Franzosen während des großen Krieges waren Tagesgespräch. Alle waren erregt über erneute Drangsalierungen vonseiten der Franzosen. Es wird erzählt, daß der damalige Amtmann Ramus, der von der Annäherung der Franzosen gehört, die ganze Nacht vom 14. zum 15. Juni auf dem Tönsberge verbracht haben soll. Und die Bewohner des benachbarten Wellentrups sollen ihre Habseligkeiten ins Gebirge gebracht und aus Angst vor den Franzosen ihre Gewehre abgeknallt haben, um diesen Angst einzuflößen. Aber genutzt hat das Schießen auch nichts; denn schon am folgenden Tage erschienen die ersten französischen Husaren in Oerlinghausen. Der erste Schreck legte sich, da diese einigermaßen harmlos waren, nur, daß sie ihre gemachte Zeche nicht bezahlten; doch das wurde ihnen nicht weiter übelgenommen. Doch sollte das bald anders kommen! Schon am 19. Juni trafen etwa 800 Mann ein, die in und um Oerlinghausen bis zum 4. Juli verblieben. Im Rathausflure hängt eine Karte aus jener Zeit. Die Armee stand unter dem Befehle des Marquis d'Armentieres. Wachtposten standen an der Trist, Artillerie an der Wolfseiche. Auch Menkhausen, die Hannegge und vor allem der Stöhnebrink zeigten ein buntes Bild aller möglichen Truppengattungen. Auch nördlich von Barkhausen bis zum Kuhbraken standen Truppen. Furchtbar haben die Franzosen gehaust, namentlich auf Barkhausen. Wiesen und Felder wurden ohne vieles Fragen abgemäht, die 7 Fischteiche nördlich von Barkhausen abgelassen, sämtliche Feldfrüchte gestohlen, zum Teil verfüttert, zum Teil zertreten. Der Besitzer des Gutes, Kanzleirat Barkhausen, gibt einen Schaden von 5000 Taler an. In ganz Lippe soll der Schaden über 1 Million Taler betragen haben. Aber nicht nur das Gut Barkhausen und Menkhausen hatten zu leiden, sondern auch die Oerlinghauser Bevölkerung mußte ihren Tribut leisten. Alles Brennbare: Tore, Schlinge, Holz aus den Wäldern, Hecken und Möbel wurden fortgeschafft und von den Franzosen verbrannt. So schätzt Pastor Hildebrand seinen ihm zugefügten Schaden auf 178 Taler und Kantor Voß auf 81 Taler. Kaum war am 4. Juli dieses Heer abgezogen, als eine neue Hiobsbotschaft bekanntwurde. Von Bielefeld nahten wieder Franzosen unter dem Befehl von Berchiny. Aus jener Zeit hat sich eine Karte erhalten, die ich vergrößert habe und die nun nicht nur im Rathause, sondern auch im Museum hängt. Sie ist zwar in allen Einzelheiten nicht richtig gehalten, ist aber insofern interessant, als die einzelnen Truppenteile beziehungsweise ihr Standort bei und in Oerlinghausen deutlich zu erkennen ist. Oft ist die Richtung der Flüsse und Bäche leider falsch angegeben; so fließt die Schopke zum Beispiel auf diesem Plane nach Norden. Oerlinghausen schreibt er Urlinchausen, Barkhausen Brochos, Mackenbruch Machelbruck usw. Nach dieser Karte stand die Artillerie etwa am Kastanienkrug. Nur einen Tag blieben diese Truppen hier. Ganz Oerlinghausen atmete auf. Aber das dicke Ende kam noch. Die Franzosen mußten infolge ihres schnellen Aufbruches einen großen Teil ihrer requirierten Sachen zurücklassen und — verlangten nun von der Lippischen Regierung dafür eine Entschädigung von 1000 Taler. Was war in Wirklichkeit zurückgelassen? 60 Fuder Stroh (das heißt zertretenes Korn), 20 Fuder Holz (gestohlen aus der Nachbarschaft!) und 281 Fuder Mist. Die Landesregierung schenkt dem Amtmann Ramus „diese Schätze“ zum Verkauf, aber niemand will sie haben. Ramus bedankt sich höflichst bei der Regierung. — Nach der Abberufung des Herzogs von Cumberland als Armeeführer wurde sein Nachfolger der Herzog Ferdinand von Braunschweig. 1758 bezogen die Franzosen wieder ein Lager bei Oerlinghausen. Amtsrat Ramus berichtet auch hierüber. 250 Männer wurden gezwungen, mit nach Rietberg zu marschieren, wo die Franzosen ein Lager aufgeschlagen hatten, und mußten hier Schanzarbeiten verrichten.
Im Sommer 1759 kamen wieder französische Quartiermacher von Süden und forderten 4000 Rationen Heu und Hafer und etwa 6000 Bund Stroh. Amtmann Ramus berichtet auch über diese neue Not, die über Oerlinghausen hereingebrochen ist. Nichts stand mehr auf den Feldern, alles war fortgenommen. Der Meier Zu Menkhausen hat nichts mehr, jetzt kommt die Reihe an Barkhausen und Asemissen. „Die große Armee fouragiert durch die Wistinghauser Schlinge schon in die Bauerschaft Währentrup.“ Die Armee zog dann einen Tag später ab nach Bielefeld. Aber neu Leiden brachen herein; denn der Armee folgte das Hospital mit 800 Kranken und 50 Mann, die nun alle mit Lebensmitteln versorgt werden mußten, dabei haben die Oerlinghauser nicht einmal mehr Brot für ihre Kinder! Die Franzosen zogen sich weiter nach Norden zurück. 1759 schlug sie Ferdinand von Braunschweig bei Minden so, daß sie bis an die Lahn zurückgeworfen wurden. — Ferdinand von Braunschweig fehlte es bald an Soldaten, neu muhten ausgehoben werden. Lippe sollte 500 Rekruten liefern. Der Graf zur Lippe stand diesem Ansinnen ablehnend gegenüber. Jetzt ging man gewaltsam vor. 60 Mann Infanterie und 10 Kavalleristen marschierten von Schlangen nach Oerlinghausen. Der Amtmann sollte 80 Rekruten stellen. Ein Teil der jungen Burschen war aber bereits schon ausgerückt, und der Amtmann weigerte sich, die geforderte Zahl Rekruten zu stellen. Jetzt begann eine Jagd auf die jungen Burschen, waren sie nicht mehr da, so nahm man die Angehörigen fest. Für Ausreißer wurden junge Mädchen verschleppt oder der Vater verprügelt. Neben oder nach den gewaltsamen Rekrutierungen mußten auch alle 14 Tage Männer nach Rinteln zu Schanzarbeiten abrücken, andere wurden dann jedesmal abgelöst. Unser vielgeplagter Ort kam nicht zur Ruhe. Jedermann scheute, noch Feldarbeiten zu verrichten, waren einige guten Willens, dann fehlte es wieder an Arbeitskräften. Junge Leute zogen wegen der Unsicherheit vor, lieber wieder die Tage mit Nichtstun in den Wäldern zu verbringen, als für fremde Herren ihre Haut zu Markte zu tragen. Die Landwirtschaft, und alle Oerlinghauser waren kleine Kötter, Landwirte und so weiter, litt sehr unter den Nöten der Zeit. Viele Äcker lagen brach oder wurden nur notdürftig bestellt. Eine eingebrachte Ernte wurde ja doch nicht bezahlt. Das alles waren bedauernswerte Zustände.
1761 sind wieder Franzosen in Stukenbrock. Da sie dort nicht genügend Fourage vorfinden, muß Oerlinghausen wieder herausrücken. Unter Anwendung von allerlei Maßregelungen und Verschleppen junger Mädchen erzwingen sich die Franzosen ungeheure Mengen von Hafer, Heu, Brot, Butter usw. Durch General Luckner wurden dann die Franzosen vertrieben. Der General wohnte kurze Zeit im Amthause (heute Rathaushotel), hier, und zog Ende Juli mit seinen Truppen weiter nach Lippspringe. Ihm folgten wieder andere Regimenter. Englische Truppen bezogen etwa 14 Tage Quartier im Dorfe. So ging es weiter bis zum Schluß des Krieges 1763.
Oerlinghausen war, wie auch damals zu Großväters Zeiten, wiederum bettelarm geworden. Der Graf zur Lippe hatte zwar alles getan, um die Kriegsnöte dem Lande fernzuhalten. Aber Lippe war zu klein und konnte nur durch Bitten etwas erreichen. Es mußte alles über sich ergehen lassen und war der Gnade und Ungnade der „Freunde“ und Feinde ausgesetzt. Im ganzen wurde dem Lande ein Schaden von über eine Million und dem Dorfe Oerlinghausen ein solcher von 132 500 Taler zugefügt.