Der 7-jährige Krieg

(Zusammengestellt nach Aufzeichnungen von Professor Otto Weerth, Detmold, und nach dessen Buch: Die Grafschaft Lippe und der siebenjährige Krieg, Detmold, 1888.)

 

Friedrich der Große führte Krieg um Schlesien mit Maria Theresia von Österreich.

Man fragt sich: Was hat nun Oerlinghausen mit den Händeln dieser beiden Großen zu tun? Es liegt doch so weit ab von Berlin und Wien.

Und doch ist unser Dorf durch die Kämpfe furchtbar in Mitleidenschaft gezogen worden. Das kam so: Maria Theresia verbündete sich mit Frankreich. Der Preußenkönig dagegen hatte England, Hannover und Hessen, Braunschweig und Sachsen-Gotha auf seiner Seite. Zwischen diesen Alliierten einerseits und den Franzosen andererseits spielten sich 1757 verschiedene Kampfhandlungen in Nordwestdeutschland ab. So rückte Oerlinghausen in den Bereich der kämpfenden Heere.

Die Armee der Alliierten stand unter dem Befehl des Herzogs von Cumberland, der im Frühjahr 1757 ein befestigtes Lager bei Brackwede bezogen hatte, um den Bielefelder Paß gegen die von Süden heranrückende französische Armee unter dem Marschall d'Estrees zu versperren. Plötzlich gab der Herzog von Cumberland das Lager bei Brackwede auf und zog sich mit seiner Armee auf die Festung Minden zurück. Nun rückten die Franzosen näher. Anfang Juni standen sie in Paderborn; am 14. Juni waren sie Herren von Bielefeld. Das Lipperland lag ihnen offen, auch unser Oerlinghausen.

In den zunächst von dem französischen Einmarsch bedrohten Ämtern Oerlinghausen, Schötmar und Lage herrschte Furcht und Schrecken, wußte man doch aus den Erzählungen der Großeltern, die die Münstersche Invasion erlebt hatten, was Krieg bedeutet. Bald sollen hier, bald da feindliche Husaren gesehen worden sein; man fragt Handwerksburschen und Marketender aus, die von Bielefeld kommen, und läßt sich von ihnen erzählen, wie die Franzosen in den Besitz der Stadt und der Sparrenburg gelangt sind; wie sie die noch auf dem Marsch befindlichen Preußen verfolgt und niedergeschossen haben; wie die Alliierten vorher ihre Vorräte, soweit sie dieselben nicht mitnehmen konnten, vernichtet haben, sodaß alle Straßen voll Korn, Hafer, Reis usw. liegen. Und man schickt Kundschafter aus, um das Herannahen der Franzosen frühzeitig genug zu erfahren.

Auch Amtmann Ramus in Oerlinghausen, damals schon etwas zerbrechlich, brachte die Nacht vom 14. auf den 15. Juni auf dem Tönsberge zu, um Ausschau nach den Franzosen zu halten und um die Einwohner rechtzeitig warnen zu können. In Wellentrup und Währentrup flüchteten die Bewohner mit ihren Habseligkeiten "in die Gebürge und knallten dort, um den Franzosen Angst zu machen, ihre Gewehre ab."

Am 16. Juni 1757 erließ Graf Simon August eine Bekanntmachung, wonach es allen Untertanen gestattet wurde, ihre beste Habe, Dokumente und dergleichen nach Detmold auf das Schloß in Sicherheit zu bringen. Am gleichen Tage erschienen auch die ersten französischen Husaren in Oerlinghausen, die sich wider Erwarten durchaus menschlich betragen. Ramus schreibt: "alleine sie thun Niemanden etwas zu Leide". Das sie das Bier, welches sie vertrinken, nicht bezahlen, nimmt man ihnen weiter nicht übel.

Die Freude über das manierliche Betragen der Franzosen hielt aber nicht lange an. Bald kamen, nach dem Einrücken größerer Truppenabteilungen, von allen Seiten Klagen über rücksichtslose Fouragierungen, Wegnahme von Pferden und Wagen, ja über Raub, Plünderung und Mord.

Nach Oerlinghausen kam am 19. Juni 1757 ein Korps von 8000 - 9000 Mann unter dem Befehl des Marquis d'Armentieres, das bei Oerlinghausen ein Lager bezog, in dem es bis zum 4. Juli blieb. Ein Wachposten lag in der unteren Kuhtrift; Artillerie stand an der Wolfseiche. Bei Menkhausen und auf der Hanegge lagen mehrere Truppenteile. Das Hauptlager aber lag am Stöhnebrink bis Wellenbruch und nördlich des Gutes Niederbark hausen bis zum Mausoleum.

Diese 15 Tage waren für das Dorf Oerlinghausen und seine Umgebung eine große Leidenszeit. Nachdem die Franzosen alle Vorräte an Heu, Hafer und dergleichen fortgenommen hatten, gingen sie daran, das Korn auf den Feldern abzumähen und Feld- und Gartenfrüchte wegzunehmen. Das Gut Niederbarkhausen hatte natürlich am meisten zu leiden. Dem Besitzer, Kanzleirat Barkhausen, wurden sämtliche Feldfrüchte, die für das Jahr eine besonders gute Ernte versprachen, abfouregiert, mit Pferden und mit den Ochsen und Schafen des Trosses abgehütet oder von den Truppen zertreten. Barkhausen besaß nördlich vom Hofe 7 Fischteiche. Diese wurden von den Soldaten abgelassen und bis auf den Grund ausgefischt. Der halbe Tönsberg, der damals zu Niederbarkhausen gehörte, wurde kahl abgeholzt. Im Barkhauser Bruche wurden mehr als 300 junge (30 - 60-jährige) Eichen abgehauen und im Lager verbraucht. Außerdem mußten 168 Fuder Buchenbrennholz aus den Waldungen (Barkhauser Hinterberg usw.) angefahren werden. Kanzleirat Barkhausen berechnet seinen Schaden auf mehr als 5000 Thaler, von denen er niemals auch nur einen Pfennig wiedergesehen hat.

Aber auch die Bewohner des Dorfes Oerlinghausen wurden entsprechend geschädigt. Von dem Pastor Hildebrand liegt ein genaues Verzeichnis des Schadens den er erlitten hat vor. Ihm wurden gleichfalls die Felder, Gärten und Wiesen kahl "abfouragiert" und alles Holz, alle Einfriedungen, Hecken, Tore und Schlinge aufgebrannt. Er berechnet seinen Schaden auf 178 Thaler, der Küster Voß den seinigen auf 81 Rthlr. Ähnlich erging es allen Einwohnern. Und es war eine Erlösung, als das d'Armentierc'sche Corps am 4. Juli nach der Weser hin aufbrach.

Wenige Tage darauf setzte sich der Hauptmann der Franzosen unter den Befehl des Generals de Berching von Bielefeld in Marsch, kam am 8. Juli bei Oerlinghausen an und bezog hier und in dem Raum zwischen Oetenhausen - Währentrup und Mackenbruch ein großes Lager. Einzelne Teile lagerten wieder bei Menkhausen, und die Artillerie am Ausgang von Oerlinghausen nach der Senne. Von diesem Lager hat sich eine Darstellung in einem von Du Bois, Marechal general der Logis der französischen Armee, herausgegebenen Kupferwerk erhalten, die für uns von besonderem Werte ist, weil sie die meines Wissens erste Planzeichnung des Dorfes und seiner Umgebung zeigt. Die Entfernungen auf dieser Karte stimmen zwar nicht immer, aber man kann den Plan im ganzen als leidlich und in historischer Hinsicht als sehr interessant bezeichnen. Lehrer Diekmann hat eine wohlgelungene Vergrößerung dieser Karte (Lichtbild) angefertigt. Es bereitet Vergnügen zu sehen, wie der Franzose die Ortsnamen darin wiedergegeben hat: statt Oerlinghausen schreibt er Urlinchausen, statt Barkhausen Brochos, statt Mackenbruch Mackelbrüch.

Monsieur de Berching zog am folgenden Tage mit seiner Armee weiter. Diese wird also wohl keinen allzugroßen Schaden angerichtet haben. Die Sache hatte jedoch noch ein Nachspiel: die Franzosen verlangten nämlich und erhielten auch von der lippischen Regierung für das, was in den Lagern von Oerlinghausen, Detmold, Horn und Lemgo von ihnen zurückgelassen war, eine Vergütung von 1000 Thalern. Nach dem Abzug ergab sich nun, daß im Oerlinghauser Lager 60 Fuder Stroh, 20 Fuder Holz, Knüppelholz und Braken, "davon die Hütten gebauet", war aus der Nachbarschaft - natürlich ohne Bezahlung - zusammengetragen, und das Stroh bestand aus zertretenem Korn. In Anbetracht der vielen Beschwerden (Beschwernisse sagen noch heute die Leute hier), die der Amtmann Ramus während der Anwesenheit der Franzosen auszustehen gehabt hatte, - bei aller Unruhe dieser Tage hatte der arme Mann u.a. in den zwei Wochen zwei Rieß Papier verschrieben - schenkte ihm die Regierung die Reste des Oerlinghauser Lagers. Amtsrat Ramus bedankt sich dafür pflichtschuldig, berichtet dabei aber wehmütig, daß das Holz niemand kaufen will und kann, und "den Mist machen die Bauern selber". - Neben dem sonstigen Schaden, den sie erlitten, mußten die Oerlinghauser während der Anwesenheit der französischen Truppen Botendienste verrichten, und der Amtmann Ramus hatte seine liebe Not, die nötige Zahl von Boten zusammenzubringen. So wurden z.B. Ebbinghaus, Jäger, Bergmeister, Berkemeier, Holtmann, Düning und Kramer beim Gogericht angezeigt, weil sie aus dem Amthause fortgelaufen und beim Abrufen der Boten weggewesen sind.

Zur selben Zeit mußte das Amt Oerlinghausen ungeheure Mengen Wagen und Pferde für die französische Armee stellen. Von diesen Fouragewagen sind einige nie zurückgekehrt.

Als die Franzosen sich in den Besitz der kleinen Festung Lippstadt gesetzt hatten, waren sie darauf bedacht, die Befestigungen der Stadt zu verbessern. Zu diesem Zwecke mußte Lippe ständig 150 Mann zur Schanzarbeit stellen; diese Leute mußten sich auf 8 Tage mit Geld und Lebensmitteln versehen, da sie in Lippstadt weder Bezahlung noch Brot erhielten. jedesmal nach 8 Tagen wurden sie durch neue Mannschaften abgelöst. Es ist begreiflich, daß unter solchen Verhältnissen bei der lippischen Bevölkerung keine Neigung bestand, sich dieser Arbeit, bei der sie bettelarm werden mußte, zu unterziehen. Außer der "roten Ruhr", die die Lippstädter Schanzenarbeiter mit heimbrachten, war im Gefolge der französischen Armee ein anderer unheimlicher Gast in das Land eingezogen: die Blattern! Beide Krankheiten im Verein mit Nahrungsmangel, Strapazen und Entbehrungen aller Art bewirkten eine erschreckende Zunahme der Sterblichkeit.

Noch ein anderes Unheil hatte der Durchzug der Franzosen zur Folge. Einige Ochsen, die der Armee als Schlachtvieh nachgeführt wurden, brachten eine Viehseuche mit, welche sich nach und nach über das ganze Land verbreitete. Manche Bauern verloren ihren ganzen Viehbestand. Auf Niederbarkhausen fielen 20 Kühe der Seuche zum Opfer, in Oerlinghausen 18.

Der Feldzug von 1757 endigte bekanntlich mit der berüchtigten Konvention von Kloster Zeven. Eine Folge davon war die Abberufung des Herzogs von Cumberland und die Berufung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig zum Oberbefehlshaber der alliierten Armee.

Diesem gelang es in kurzer Zeit, die Franzosen bis zum Rhein zurückzudrängen.

Auf dem Rückzuge kamen große Teile der französischen Armee wieder durch das Lipperland und marschierten über Oerlinghausen nach Rietberg und weiter nach Lippstadt. Bei Oerlinghausen bezogen sie am 18. März 1758 ein Lager, in dem sie sich bis zum 20. März aufhielten. Amtsrat Ramus schreibt darüber:

"Endlich hat uns der Höchste gestern von den bösen Gästen erlöset. Höllenangst hat ein Jeder mit Zusetzung des Seinigen ausstehen müssen. Wie das Holz, Dielen und Faschinen behuf der Brücken ausblieb, ließ mich der General zu sich rufen und sagte mir durch einen Adjutanten, welcher dabei schwur, daß es zum Effekt kommen sollte, wenn nicht obbesagtes stündlich da wäre, ich und ein Bauer gehenket und das Dorf abgebrannt werden sollte. Die Dielen wurden denen Unterthanen von den Bodens genom men, 250 Arbeitsleute mußten mit nach dem Rietberg, die noch übrigen Pferde wurden durch Kommando geholet und mit fortgenommen, und über 200 Boten habe ich verschaffen müssen. Ungefähr gegen Mittag gestern kam ein Troup schwarzer Husaren hier an, welche alle Franzosen, welche in hiesiger Gegend sich noch befunden, zusammenbrachten; selbe streifen schon bis Verl.“

Das Gogerichtsprotokoll bemerkt, daß unsere Bauern, welche durch mehr als 10 Boten aufgefordert waren, bei der Retirade der Franzosen Faschinen und Holz zu fahren, ausgeblieben waren. Es heißt wörtlich:

"Da nun der Amtsrat desßhalb Lebensgefahr von der Generalität gelaufen, und endlich selber auf die Dörfer laufen müsse an, in der Not noch einige Wagen zusammen zu kriegen, so ist dieser Excess am Leibe zu strafen."

Den Franzosen folgte dann bald die alliierte Armee, und als diese im Herbst 1758 die Winterquartiere bezog, wurden zu ihrer Verpflegung in Warendorf, Lippstadt und Paderborn Magazine angelegt, für die aus dem Hinterlande Proviant angefahren werden mußte. Hierzu mußte das Amt Oerlinghausen unaufhörlich Fuhrwerk stellen. Amtsrat Ramus schreibt darüber am 11. September 1758:

"Es sind zwar die 30 Wagen aus hiesigem Amte befohlener maPen bestellt worden, wovon 24 erschienen, 6 aber ausgeblieben sind und zwar von denjenigen, als Meyer zu Menkhausen, Asemissen u.a., welche voriges Jahr nich 6 Pferde behalten und die Unmöglichkeit die Fuhren zu praestiren, vorstellen, weil deren mehrsten Pferde von den Franzosen totgetrieben worden, und die noch lebendig zurückgekommen sind, wegen Mangels des Futtersexpost krepieren müssen, sodaß viele den Acker ...nicht wieder gehörig besamen können, die dann, welche noch etwas Kredit haben, sich mit enormen Gelde einige wieder angeschafft, um das Korn einscheuern zu können       So habe ich von dem hiesigen Elend berichten wollen, daß durch diese und künftige Fuhren das ganze Amt total ruiniert wird."

Weiter berichtet Ramus am 15. September 1758,

"daß die Knechte, die die zu stellenden Wagen nach Warendorf, Minden, Hameln, Lippstadt usw. begleiten, stumpf arm werden, indem sie aus ihrem Beutel zehren, mühsame Wege thun, wobei die Kleidung aufgeht und zu Hause alles versäumen müssen, folglich nicht ferner aushalten können.“

Diese Fuhren dauerten den ganzen Winter hindurch bis weit in das Frühjahr 1759 hinein.

Im Sommer 1759 rückte dann wieder die französische Armee von Süden heran, und am 1. Juli erschienen in Oerlinghausen die Quartiermacher der sogenannten kleinen Armee, die unter dem Befehle des Herzogs von Broglie stand. Die Quartiermacher befahlen dem Amtsrat Ramus, auf den folgenden Morgen um 9 Uhr 4000 Rationen Heu und Hafer und 6000 Bund Stroh für die Brogliesche Armee, die vor dem Dorfe ein Lager beziehen werde, bereit zu halten.

Für Oerlinghausen und seine Umgebung begann damit von neuem eine Zeit großer Trübsal, ähnlich derjenigen, als vor 2 Jahren das Armentiere'sche Korps hier lagerte. Am 3. Juli schrieb Ramus an die Regierung:

"Gestern Morgen hatten wir große Hoffnung, daß die Armeen abmarschieren würden. Diese Nacht zu 12 Uhren aber ist Contraordre gekommen, daß beide Armeen noch eine Zeitlang hierstehen bleiben werden; wenn dies geschieht, so ist niemand imstande, hier mehr zu bleiben, indem der Anfang des Fouragierens schon zeiget, was dessen continuation für suiten nach sich ziehen wird, indem der Meyer zu Menkhausen und alles, was vor Oerlinghausen steht, schon abfouragiert ist. Jetzt ist es an dem Kanzleirat Barkhausen und den Assemissern, welches auch bald alle ist. Die große Armee fouragiert durch die Wistinghauser Schlinge schon in die Bauerschaft Währentrup, weil in der Senne nichts mehr zu haben ist. Alle Wagen, welche Fourage zugefahren haben, werden von den Franzosen behalten."

Glücklicherweise dauerte diesmal der Aufenthalt der französischen Armeen nicht so lange, wie 1757. Am 4. Juli brachen sie nach Bielefeld auf. Ramus schreibt am 4. Juli:

"Jetzo 9 Uhr sind die Armeen eben im Begriff aufzubrechen. Da der größte Teil aber noch hier ist, rückt das Hospital der großen Armee wieder hier ein. Derer kranke sind 800 Mann und das dabei befindliche Commando 50 Mann. Diese alle müssen Quartier und Lebensmittel haben, welch letztere bei keinem Unterthanen mehr vorrätig sind, indem Alte und Kinder nach Brot winseln und bei fernerer Dauer dieser lamentablen Zustände auszuwandern gezwungen werden; ich selber bin nicht imstande mehr, mit meiner Frau und 7 unmündigen Kindern hier länger zu bleiben, wenn ich nur mit meinem elenden kranken Körper vom Fleck kommen könnte."

Auch in den folgenden Tagen hatte der kranke Amtmann mancherlei Drangsale auszuhalten. Am 5. Juli mußte er, trotzdem er das Haus voll hatte, den General Fischer logieren und speisen, und fortwährend kam noch neue Einquartierung. Der Kriegskommissar des Hospitals machte, da der vorgeschriebene Strohvorrat nicht schnell genug herbeigeschafft wurde, Anstalten, ihn von seinem Krankenlager zu reißen und in Arrest bringen zu lassen, was auch geschehen wäre, wenn seine Frau und Kinder "solches nicht mit Tränen abgebethen hätten".

Von Bielefeld rückte die französische Armee nordwärts, überschritt die Weser, und am 1. August 1759 kam es zu der Schlacht bei Minden, in der Ferdinand von Braunschweig einen solch glänzenden Sieg errang, daß die Franzosen sich bis zur Lahn zurückziehen mußten.

Der vielgeprüfte Amtmann Ramus starb am 31. Dezember 1759 an den Folgen der ausgestandenen Strapazen und seiner Krankheit, sein Nachfolger wurde Alexander Meyer.

Es war dem lippischen Lande vorbehalten, im Jahre 1760 eine Kriegsplage kennen zu lernen, die ihm bis dahin ferngeblieben war: die Leiden einer gewaltsamen Werbung! Der Mangel an Mannschaften zwang den Herzog Ferdinand von Braunschweig, in allen besetzten Ländern -auch in den neutralen - Rekruten ausheben zu lassen. So richtete er zu Beginn des Jahres 1760 an den Grafen Simon August zur Lippe die Aufforderung, 500 Rekruten zu liefern. Da der Graf sich weigerte, seine Untertanen zu verkaufen (wie es z.B. in Hessen geschah), so schritt Herzog Ferdinand zu gewaltsamer Aushebung. Einer der dazu kommandierten Offiziere erhielt die folgende Instruktion:

"Der Herr Hauptmann nehmen 5 Offiziers und 10 Unteroffiziers. Sie maschieren morgen früh 3 Uhr nach dem Dorfe Schlangen, woselbst Sie ein Detachement von der hannov. Garde und grenadiers a cheral vorfinden werden, hiervon nehmen Sie 60 Mann Inf. und 10 Cav., maschieren damit sogleich auf Oerlinghausen, lassen daselbst ohngefähr die Hälfte Ihrer Herren Offiziers und Detachements, welche sich der Person des dasigen Beamten versichern und der Herr Hauptmann maschieren mit dem Überrest nach Schötmar, um sich gleichfalls der Person des dasigen Beamten zu versichern, und Sie teilen Ihren Herren Offiziers die Instruktion mit, so Sie selbst erhalten, wie folgt: Der Herr Hauptmann sind bestimmt, die junge Mannschaft aus besagten Ämtern auszuheben. Sobald Sie sich des Beamten versichert, suchen Sie selbigen zu vermögen, daß er die jungen Leute selbst ausnehme und Ihnen liefere. In diesem Fall giebt Oerlinghausen 80 Mann. ---Will der Amtmann liefern, so muß selbiges augenblicklich geschehen, damit--- die jungen Leute nicht Weile haben mögen, sich aus dem Staube zu machen, welches der Herr Hauptmann auf das sorgfältigste zu verhindern suchen muß….. usw.

(Paderborn, 22. Febr. 1760

Ferdinand H. z. B. u. L.)“

Am 25. Februar ging die allgemeine Razzia los. Da der Amtmann die Rekruten nicht liefern wollte, schritt man zur gewaltsamen Aushebung. Wo die jungen Leute ausgerückt waren, da wurden meistenteils deren Angehörige festgenommen und in Arrest gesteckt. Prügelstrafe für die Väter der Ausreißer, Verschleppungen junger Mädchen, die nur gegen Gestellung eines Rekruten oder gegen hohes Lösegeld wieder freigegeben wurden, und andere Ausschreitungen kamen vor. Natürlich desertierten die gewaltsam eingestellten Rekruten in Massen, flüchteten in die Wälder und hielten sich hier wochenlang verborgen. Neue Aushebungen waren die Folge. Erst im Herbst 1760 waren sie beendet, um im nächsten Frühjahr umso rücksichtsloser fortgesetzt zu werden.

Eine neue Plage für die Bewohner bildeten neben den ausdauernden Fouragelieferungen die Schanzarbeiten, die Herzog Ferdinand in Hameln und Rinteln ausführen ließ. Unsere Gemeindeakten entfalten gerade über die Rintelner Schanzarbeiten Aufzeichnungen, die deutlich zeigen, wie furchtbar die Oerlinghauser Bewohner unter diesem Zwange zu leiden haten. Alle 14 Tage mußte eine neue Kolonne nach Rinteln abrücken, um die müden Leute abzulösen. Das es bei diesem dauernden Fernsein eines großen Teils der Oerlinghauser Bevölkerung um die Bestellung der Äcker und der Hauswirtschaft übel aussah, ist klar, zumal die Leute nicht den geringsten Lohn erhielten.

1761 rückten die Franzosen wieder vor und standen im Juli an der Lippe und an den Grenzen des Landes. Sie wurden von General Luckner etwas zurückgedrängt, letzterer beschränkte sich aber darauf, mit seinem Heere diesseits des Teutoburger Waldes zu bleiben; in die Senne ging er nicht. So kamen die Franzosen wieder näher in unsere Gegend, und am 7. Juli 1761 erschien von Stukenbrock kommend, ein französisches Detachement unter Oberst Monet in Oerlinghausen, forderte ungeheure Mengen Heu, Hafer, Brot, Butter, Fleisch usw. Die Soldaten erpressten dabei unter Anwendung von schändlichen Verschleppungen junger Mädchen Geld und vieles andere, obwohl sich die französischen Offiziere Mühe gaben, den Unfug und wildem Treiben zu steuern.

Dann rückte General Luckner wieder vor, vertrieb die Franzosen und kam am 27. Juli mit seinem Stabe in Oerlinghausen an, wo er im Amthause (jetzt Rathaus) Quartier nahm. Der Amtmann Meyer berichtet darüber u.a., daß General Luckner 75 Pferde aus dem Amte, die er schon 3 Wochen lang mit sich führte, und die größtenteils abgetrieben und krank seien, nicht entlassen wolle, vielmehr verlange er fortwährend neue Courir- und Vorspannpferde. Er schreibt ferner:

"Die Fouragierungen der Feldfrüchte sind so übermäßig und übertrieben fortgesetzt, daß, wer es sieht, die Thränen in die Augen fallen; was nicht abfouragiert wird, wird ohne Noth vertreten und verschleißet und wenn die Unterthanen bei den Officiers hiergegen Vorstellung thun, so werden selbige noch dazu von ihnen verlachet."

Man sieht also: ob Franzosen oder Preußen hier lagerten, die Leidtragenden waren in jedem Falle die Oerlinghauser.

Am 29. Juli 1761 zog Luckner nach Lippspringe weiter, ihm folgte Anfang August der General Spörken, der mit 3 Regimentern, 15 Bataillonen und 16 Schwadronen bei Oerlinghausen lagerte und am 11. August nach Lemgo abzog. Ihm folgte am gleichen Tage eine englische Armee unter Lord Granby. Die Avantgarde der Engländer war im Dorfe einquartiert, während das Gros vor dem Dorfe lagerte. Am 13. August 1761 marschierten die Engländer nach Detmold.

Was derartige Truppenansammlungen in damaliger Zeit für unseren Ort bedeuteten, wird man nach dem früher Gesagten leicht ermessen können.

Herzog Ferdinands Operationen gegen den Marschall Broglie verliefen erfolgreich, sodaß die Franzosen trotz großer Übermacht sich genötigt sahen, von einem weiteren Vorgehen Abstand zu nehmen. Herzog Ferdinand bezog Winterquartier in Lippe und in den angrenzenden Grafschaften bis in den Mai des folgenden Jahres hinein. Im Mai 1762 nahm er den Vormarsch wieder auf. Am 5. Mai lag das Regiment Wrede in Oerlinghausen und Umgebung; am 15. Mai kamen englische Carabiniers, über deren Rücksichtslosigkeit vielfach Klage geführt wird. Sie nahmen den Leuten "dat Lehste iud'n Schappe". Die Schanzarbeit in Rinteln nahm während des ganzen Jahres 1762 ihren Fortgang. Im Dezember 1762 kam auch wieder % Bataillon nach Oerlinghausen in Quartier, das Ende Dezember abmarschierte. Das waren trübe Weihnachten 1762! So arm und so Kalt! Dann kam 1763 der Friede.

Welchen Schaden der siebenjährige Krieg in unserer Gemeinde angerichtet hat, läßt sich in Zahlen garnicht ausdrücken. Aus den "General - Schadentabellen", die die Lippische Regierung zusammenstellte, geht hervor, daß das Amt Oerlinghausen am schwersten von allen Bezirken betroffen worden war. Der angemeldete Schaden beläuft sich:

1757 und 1758 auf     72 538 Thaler

1759 auf                     41 404 Thaler

1761 auf                     18 601 Thaler

Das sind allein in diesen 4 Jahren: 132 543 Thaler, von denen nicht 1 Heller erstattet worden ist. Die Tabellen sind lückenhaft, sie nennen nicht allen angemeldeten Schaden. Aber die vorgenannte Summe ist allein gewaltig genug. Sie würde heute einem Millionenbetrage entsprechen.

Von dem anderen Schaden, den der Krieg im Gefolge hatte, sagen die Tabellen nichts, vor allem sagen sie nichts von dem Schaden durch Einschleppung von Viehseuchen, Ruhr, Typhus und Geschlechtskrankheiten, sie entfalten nichts von denen, die mutwillig erschossen und erschlagen wurden und nichts von denen, die gewaltsam zu Soldaten gemacht und nicht aus dem Kriege zurückgekehrt sind.

Warum mußte Oerlinghausen all dies Leid erdulden? Weil Lippe, wie 100 andere Glieder des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, ein ohnmächtig - hilfloser Staat war, der zum Nutzen fremder Nationen geschunden wurde.