Lippische Bankgeschäfte

Die erste Bankfiliale in Oerlinghausen gehörte zur Fürstlichen Landesspar- und Leihekasse - der ältesten Sparkasse Deutschlands

 

 

[Bild: Bankfiliale um 1910: Im Kolonial- und Haushaltswarengeschäft der Familie Freitag lag die Oerlinghauser Niederlassung der Fürstlichen Leihekasse und Landessparkasse, die älteste Sparkasse Deutschlands. | © Repro: Horst Biere/Quelle: Freilichtmuseum]

[Bild: Nachkriegsbank: Die Kreissparkasse an der Detmolder Straße (um 1960) ging aus der Amtssparkasse Oerlinghausen hervor - seit 1977 ist es die Sparkasse Lemgo. | © Repro: Horst Biere/Quelle Sparkasse]

Oerlinghausen. Bankgeschäfte waren eine schweißtreibende Schwerarbeit, damals im Spätsommer 1923. Vor allem vor den Wochenenden, wenn die Lohnzahlungen für Oerlinghauser Betriebe fällig waren, herrschte in der Inflationszeit im Kontor der Lippischen Landesbank - im heutigen Stadthotel - echter Großeinsatz. Berge von Papiergeld stapelten die Angestellten an Packtischen zu großen Bündeln, wickelten sie ein und verfrachteten sie in Waschkörbe auf dem Boden. Heiße Zeiten mit viel Stress vor und hinter dem Schalter.

Im rechten Flügel des großen Gebäudes an der Hauptstraße lag die Bankfiliale, dort, wo heute die Goldschmiede Hess & Rickert ihre Geschäftsräume hat. Denn das frühere Hotel Kiffe, das seit dem 10. Juni 1923 Sitz der Oerlinghauser Gemeindeverwaltung war, beheimatete auch die Büro- und Schalterräume der lippischen Bank.

Zu zweit und zu dritt holten die Prokuristen und Buchhalter der heimischen Firmen wie der Weberei, der Zementfabrik Record an der Oetenhauser Straße oder der benachbarten Möbelfirma Heißenberg an der Hermannstraße ihre Geldpakete ab. Anfangs noch in großen Leinentaschen und Koffern, einige Wochen später benötigten die Abgesandten der Betriebe schon Schubkarren für den Transport. Viel bunt bedrucktes Papier, das am Abend der Auslieferung schon an Wert verloren hatte. Die Inflation strebte dem Höhenpunkt zu. Ein Ei kostete im November 1923 etwa 300 Millionen Reichsmark, ein Liter Milch etwa 350 Millionen Reichsmark.

ÄLTESTE DEUTSCHE SPARKASSE

Doch das Oerlinghauser Bankwesen startete eigentlich sehr solide und unspektakulär. Die erste Sparkassenfiliale im Dorf nahm 1885 ihren Betrieb auf, eine „Nebenrendatur“ (Nebenzahlstelle) der Fürstlich-Lippischen Landesspar- und Leihekasse. Das Bankinstitut, ein Vorgänger der späteren Sparkasse Detmold (heute Sparkasse Paderborn-Detmold), besitzt eine sehr lange Tradition. Bereits 1786 gegründet, ist es die älteste noch existierende Sparkasse Deutschlands. Wer um 1900 die Oerlinghauser Hauptstraße entlang ging, der erblickte an der Fassade des großen Kolonialwarenladens der Familie Freitag - schräg gegenüber von Reuters Bierstuben - ein gut sichtbares Schild mit Hinweis auf die Fürstlich-Lippische Sparkasse. Man stellte fest, dass man dort nicht nur Lebensmittel und Porzellangeschirr kaufen, sondern auch sein Erspartes einzahlen konnte.

FILIALLEITER WAR HEINRICH FREITAG

Denn wer zu dieser Zeit sein Geld zur Kasse trug oder um einen Kredit nachfragen wollte, der lief rechts am Verkaufstresen mit Bonbongläsern und Lakritzstangen vorbei, umrundete Maggi-Flaschen und Persil-Waschpulver und gelangte nach großen Säcken voller Kartoffeln, Zucker oder Mehl ins Kontor der Sparkassenfiliale. Sein Filialleiter war Heinrich Freitag, Bankbeamter und Spross der Kaufmannsfamilie Freitag, ein hochgeachteter Mann in der Oerlinghauser Geschäftswelt.

Täglich wälzten er und seine Mitarbeiter hier in der ältesten Oerlinghauser Sparkassenfiliale am Stehpult stehend schwere Journale oder trugen in leinengebundene Bücher die Ein- und Auszahlungen ein - alles fein säuberlich notiert mit dem Federhalter. Oder aber man schrieb es in neuzeitlichere schwarze Kladden, Sparkassenbücher. Denn um 1890 kam im lippischen Bankwesen die große Neuheit auf: die ersten Sparbücher wurden eingeführt. Sie lösten nach und nach die Obligationen (Sparkassenscheine) ab, die man zuvor als Wertpapier für sein Guthaben bekam.

Umzug ins Hotel Kiffe

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kam der erste Standortwechsel: Die Sparkasse, die sich nach dem Ende der Monarchie nicht mehr „Fürstliche“ sondern nur noch Lippische Landesspar- und Leihekasse und dann Lippische Landesbank nannte, zog in neue größere Räume im Hotel Kiffe um. Da das Hotel keine Soldaten mehr beherbergte und Oerlinghauser Feriengäste längst noch nicht in Sicht waren, lief der Bankbetrieb nunmehr in den umgebauten Hotelräumen.

Aber es ging aufwärts mit dem Oerlinghauser Wirtschaftsleben nach der unsäglichen Inflationszeit - mit einer 1924 eingeführten stabilen Rentenmark und später soliden Reichsmark. Die Bankfiliale im Stadthotel versorgte viele Unternehmen und Bürger mit Münzen, Scheinen und Krediten. Auch in der Nazi-Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lief ein großer Teil des Oerlinghauser Bankgeschäftes über diese Filiale. Sein Filialleiter Dietz war zum Beispiel zuständig für die monatlichen Zahlungen an die Familien der Wehrmachtssoldaten, die überall in Europa an der Front standen.

WEITERE BANK: KREIS SPARKASSE

Eine weitere Bankniederlassung hatte in Oerlinghausen im Jahr 1902 ihre Pforten geöffnet: Die Amtssparkasse Oerlinghausen, eine Vorläuferin der Sparkasse Lemgo. Sie erhielt Anfang der 30er Jahre - zeitgleich mit der Gründung des Kreises Lemgo -einen neuen Namen und durfte sich nun Kreissparkasse Oerlinghausen nennen. Denn die Bergstadt wurde 1932 nach der Gebietsreform dem Kreis Lemgo zugeordnet.

Die Büro- und Schalterräume entstanden in einem vollständig renovierten Gebäude am Anfang der Detmolder Straße, direkt neben der Apotheke. Eine weitere Umbenennung kam Anfang 1939. Dann hieß die Niederlassung offiziell Kreissparkasse Lemgo.