Von der Volksschule zum Rathaus

Auf einem Kartoffelacker in der Dorfmitte entstand vor etwa 130 Jahren das Gebäude, in dem später Tausende von Kindern ihre Schulbildung erhielten

 

[Bild: Gruppenfoto auf dem Rathausplatz]

[Bild: Ringelreihen: Durch die offene Schultür sind spielende Kinder in der Pause zu sehen, über der Tür ist die große Uhr angebracht. Das Foto entstand im Jahr 1930. Quelle: Archiv Werner Höltke | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Ländliche Beschaulichkeit herrschte in den 1880er Jahren in der Dorfschaft Oerlinghausen. Nur die Häuser entlang der Detmolder Chaussee und der Hauptstraße bildeten ein schmales Band, das sich rings um den Tönsberg bis zur Holter Straße zog. An der Apotheke zweigte die Bielefelder Straße ab, die hinunter nach Asemissen führte. Hinter den Häusern lagen die Gärten und Äcker, auf denen die Oerlinghauser Dorfbewohner Kartoffeln, Gemüse und Futter für das Vieh anbauten.

Dann, im Jahre 1887, machte die kleine Gemeinde einen großen Schritt auf dem Sektor Schulbildung: Ein neues Schulgebäude entstand auf dem Kartoffelacker von Bauer Bollhöfer - hinter den Häusern von Hauptstraße und Bielefelder Straße. Superintendent Wilhelm Weerth hatte als Vorsitzender des Oerlinghauser Schulvorstands endlich auch am fürstlich-lippischen Hof Gehör gefunden und grünes Licht für eine außerordentliche Bauinvestition bekommen. Nur einen Steinwurf von der Hauptstraße entfernt baute man eine neue Volksschule – als Ersatz für die alte, marode Schule an der Hauptstraße 36, schräg gegenüber vom Hotel Stadt Bremen (Stadthotel).

Die fürstliche Regierung bewilligte 7.000 Goldmark

Ein großer Platz auf Bollhöfers Acker wurde gleich mit eingeebnet und bildete nun den neuen Pausenhof für die Kinder. Die Gasse von der Hauptstraße zur Schule nannte man Schulstraße. Aber da die Gemeinde die hohe Bausumme nicht aufbringen konnte, wandte sich der Schulvorstand an die fürstliche Regierung und bat um Unterstützung. Mit Erfolg. 7.000 Goldmark bewilligte der Fürst als Zuschuss für die neue Oerlinghauser Schule.

Bahnhofsuhr mit Glockenschlag

Eine gut sichtbare Uhr und eine Schulglocke kam erst im Jahre 1895 hinzu. Fabrikant Hölter, der Mitglied im Schulvorstand war, hatte eine „kräftige Spielglocke“ und eine Uhr auf dem Bahnhof in Essen-Steele gesehen, die man dort für 29 Mark verkaufen wollte. Ob der gesamte Schulvorstand einverstanden war, beides für die Oerlinghauser Schule anzuschaffen? Hocherfreut nahm der Vorstand an. Der damalige Vorsitzende Rodewald sah darin einen Vorteil für das ganze Dorf. „Ich bin sehr für eine Uhranlage auf dem Schulgebäude, derart, dass das Schlagen der Stunden (inklusive Viertel) auch in der weiteren Umgebung gehört werden kann und somit dem ganzen Ort zum Vorteil gereicht“, heißt es in einem alten Protokoll.

Gymnasiasten hatten das Gebäude für sich alleine

Von 1887 bis 1949 - über zwei Weltkriege hinweg - behielt das Schulhaus seine ursprüngliche Form. Zahllose Oerlinghauser Kinder lernten in den Klassenzimmern Lesen und Schreiben. Dann zwangen die hohen Schülerzahlen der Nachkriegszeit und die Aufnahme eines Progymnasiums zum Handeln. Ein Anbau an das alte Bruchsteingebäude war nötig. 1949 wurde er eröffnet, viele weiteren Klassenräume kamen hinzu.

Doch zwei Schulen unter einem Dach - das bedeutete enormen Stress für Lehrer und Schüler. Schon acht Jahre später fiel deshalb die Entscheidung für eine Trennung von Volksschule und Gymnasium. Ein neues Schulzentrum entstand im Jahre 1957 an der Weerthstraße, nur ein Jahr später zog die Volksschule um. Nun konnten die Lehrer und Schüler des Progymnasiums aufatmen. Sie hatten jetzt das ganze Gebäude für sich.

Auch auf dem Pausenhof, der damals noch mit feinen Kieselsteinen bedeckt war, ging es nun entspannter zu. Zwar wurde gerauft und gerangelt wie stets, doch es gab feste Regeln und oftmals drakonische Strafen. Wer zum Beispiel im Winter mit Schneebällen warf, der fing sich schnell eine Ohrfeige ein. Und wenn Schüler heimlich unter dem überdachten Fahrradständer rauchten, gab’s schon mal einen Tadel mit Eintrag ins Klassenbuch.

Ausbau zum Vollgymnasium

Doch bald wurde es schon wieder eng. Die Schülerzahl des Gymnasiums stieg innerhalb weniger Jahre um ein Vielfaches. Waren es 1965 noch etwa 260 Schüler, so besuchten 1973 bereits 650 Jugendliche die höhere Schule. Der Grund lag vor allem darin, dass seit 1964 das Progymnasium zum regulären Gymnasium ausgebaut wurde - also noch drei Oberstufenklassen hinzukamen.

Die vorübergehende Lösung bildeten Pavillons, die auf dem Sport-Rasenplatz entlang des Postwegs aufgestellt wurden. Auch in der Fröbelschule fand häufig Unterricht für Gymnasialklassen statt. Dann endlich kam die befreiende Entscheidung: Am 20. März 1973 wurde der Grundstein für das neue Gymnasium gelegt. Und im Juni 1975 bezogen Schüler und Lehrer die neuen Gebäude des heutigen Niklas-Luhmann-Gymnasiums - verbunden mit einem großen Schulfest zu dem sogar NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn angereist war.

Nun begann der vorläufig letzte Wechsel im alten Schulgebäude. Man baute die Räume vollständig um, modernisierte das ganze Innenleben, und die Fassade erhielt ebenfalls eine Generalüberholung. Die Stadtverwaltung zog aus ihrem bisherigen Domizil, dem Eckhaus schräg gegenüber der Apotheke (heute Fliesenhaus), ins heutige Rathaus.