Schulfest in Oerlinghausen
Ein Beitrag zur lippischen Schulgeschichte, von August Reuter
Zum erstenmal seit seiner Gründung im Jahre 1950 veranstaltete das städtische Gymnasium zu Oerlinghausen am 3. April 1954 ein Schulfest.
Das war etwas ganz Neues in der jungen Geschichte des Gymnasiums. Aber schon früher hat Oerlinghausen wegen seiner Schulfeste im ganzen Lande Lippe und weit darüber hinaus einen Namen gehabt. Das erste dieser Schulfeste fand vor genau 175 Jahren im Sommer des Jahres 1779 statt und war veranstaltet worden von dem jungen Prediger Dietrich v. Cölln, dem Sohne des Oerlinghauser Pastors Georg v. Cölln. Dieser, der seit 1765 Pastor in Oerlinghausen war, fühlte sich im Alter von 64 Jahren den harten Anforderungen, die der ausgedehnte Kirchensprengel, damals der größte des Landes Lippe, an ihn stellte, nicht mehr gewachsen. Er litt schwer an der Gicht und konnte die weiten Wege nach Ubbedissen, Frordissen, Heipke, Kachtenhausen, Kracks — alle diese Dörfer gehörten zu seinem Amtsbezirk — nicht mehr zurücklegen. Er kam deshalb 1778 darum ein, ihm seinen zweiten Sohn Dietrich (geboren 25. Juni 1756 zu Heiden) als Gehülfen beizugeben. Seiner Bitte wurde entsprochen; Dietrich v. Cölln wurde 1779 Prediger in Oerlinghausen. Damit begann ein glanzvoller Abschnitt in der Geschichte der Oerlinghauser Schule. Es ist mehrfach über diese Zeit und die vortreffliche Arbeit Dietrich v. Cöllns geschrieben worden. Er selbst hat darüber im Lippischen Intelligenzblatt berichtet, und andere haben ihn als Bahnbrecher auf dem Gebiete der Unterrichtsreform bezeichnet.
Das Unterrichtswesen in den lippischen und preußischen Dörfern lag damals noch im argen. Lehrer waren oft nur die Schäfer auf den Gutshöfen oder Veteranen des preußischen Heeres. Erst mit der Gründung der Lehrerseminare am Ende des 18. Jahrhunderts trat eine Besserung ein. Vorher schon nahmen sich einige junge Pfarrer in wenigen Dörfern der Jugend an. Dazu gehörte Dietrich v. Cölln. Wir erfahren mehr darüber, wenn wir lesen, was der damalige Generalsuperintendent Johann Ludwig Ewald in Detmold, dem das gesamte Schulwesen des Landes unterstand, in seinem Werke „Über Predigerbeschäftigung und Predigerbetragen“, erschienen 1786 im Verlage der Meyerschen Buchhandlung in Lemgo, darüber veröffentlicht hat. Er schreibt u. a. über Dietrich v. Cölln, indem er ihn seinen Amtsbrüdern als leuchtendes Beispiel vorstellt: „Er war Muster von Tätigkeit. Amtstreue. zweckmäßiger Anwendung seiner Kräfte in seinem Kreis." — „Er hatte Vertrauen und Liebe in hohem Grad bei seiner Gemeinde gewonnen." — „Mit Kindern sich zu beschäftigen, an Kindern zu bilden, war ihm nicht Last, sondern Lust; es war ihm zur Leidenschaft geworden, unter ihnen zu leben, und zum Herzensbedürfnis, von ihnen geliebt zu werden ... Er ließ also sogleich zwei Knaben, die ihm gut und lernbegierig schienen, des Abends zu sich kommen, unterrichtete sie, erzählte ihnen allerlei und lehrte sie artige Spiele. Die Bewohner sahen eine Zeitlang zu, und als sie sahen, daß die Knaben was lernten und brav wurden, baten ihn verschiedene um Erlaubnis, ihm ihre Kinder auch schicken zu dürfen. Er sagte ihnen, sein Haus stünde jedem offen, und es wäre ihm lieb, wenn er ihre Kinder etwas Gutes lehren könne. So wurde nun die Gesellschaft immer zahlreicher, und endlich kamen die Kinder aus dem ganzen Dorf. Das war ihm aber noch nicht genug. Zu seinem Kirchspiele gehören noch 3 Schulen, die zum Teil ziemlich entfernt vom Kirchdorfe liegen. Diese wollte er doch auch nicht zurücksetzen . . . Auf seinen Spaziergängen suchte er die Kinder, die das Vieh hüteten, auf, um sich bei ihnen niederzusetzen und sich mit ihnen zu unterhalten. Auch hatten ihn die Kinder so lieb, daß, wenn sie ihn auf den Heiden von ferne reiten sahen — sie erkannten ihn an dem gelben Pferde, das er ritt — sie ihm mit Jubel entgegenliefen, so daß er Mühe hatte, sie zurückzuhaken und zu verhindern, daß das Pferd sie träte.“
Hier muß ich erst einige Fragen beantworten. Wo lag das so offene Haus des Predigers? Sein Vater Georg v. Cölln wohnte in den ersten Jahren seiner Amtszeit im sehr baufälligen Pfarrhause, das dort stand, wo Pastor Wilhelm Weerth 1853 die Pfarrlinde gepflanzt hat, und wo noch heute ein Brunnenrest von der Hofgrenze zeugt. Der jetzige Pastorenweg vom Schopketal kommend, ein alter Kirchweg für die Gräfinghäger, verlief damals südlicher und ging ohne den jetzigen Knick direkt auf die Kirche zu. Er wurde 1823 erst verlegt, als das jetzige Pfarrhaus gebaut wurde. Aber zur Zeit des Pastors v. C. stand noch das alte Haus höchst jammervoll und schief am Wege, und v. C. bat um einen Neubau, den aber die arme Gemeinde, die die Schäden des Siebenjährigen Krieges noch nicht überwunden hatte, angeblich nicht bezahlen konnte. Da baute v. C. kurz entschlossen 1774 ein eigenes Wohnhaus auf „Wehmegrund“, für das er, solange es von ihm und seinen Nachkommen bewohnt sein würde, Lastenfreiheit zugesichert erhielt. Es ist das Haus Gehrenberg 1, das heute Ullrichs Erben gehört. Zu diesem Haus gehörte ein großer Garten, der bis an die Pastorenwiese (jetzt Kindergarten) und an die jetzige Pfarrstraße, früher Wehme genannt, grenzte. Wir müssen dabei bedenken, daß 1774 noch kein Haus an der Pfarrstraße stand. Hier in dem neuerbauten Hause seiner Eltern und in dem großen sonnigen Garten mit den breiten Terrassen (jetzt Jägers und Wendts Haus) hatte Dietrich v. Cölln reichlich Platz für seine Kinderversammlungen.
Und bald sollte ein fröhliches Leben anheben an diesem sonst so stillen Winkel der „Pfarrkötterei", wie man die Gegend am Gehrenberg und an der Pfarrstraße nannte. Damit begann auch eine gänzliche Änderung im Ablauf des Schulunterrichts überhaupt. Wir wollen hierbei nicht außer acht lassen, daß es damals (1779) noch keine Lehrerseminare in Lippe gab, und daß die ersten ausgebildeten Lehrer erst 10 Jahre später aus dem 1781 gegründeten Seminar entlassen wurden.
Was Dietrich v. Cölln bisher an neuen Erziehungsgrundsätzen angewandt hatte, entsprach seiner Herzensneigung und seiner eigenen Anschauung. Wohl waren Rousseau’sche und Dessauer Ideen bis zu ihm gedrungen. Wohl kannte er den guten Lavater in Zürich, den sein älterer Bruder August v. C., der spätere Generalsuperintendent, besucht hatte. Wohl waren ihm die Bestrebungen des Schweizers Pestalozzi eben durch seinen in der Schweiz lebenden Bruder nicht unbekannt geblieben. Aber im Grunde entsprang das, was er in Oerlinghausen schuf, doch seiner eigenen Initiative und Überzeugung. Ohne Einwilligung des Konsistoriums glaubte er jedoch, die Ideen nicht bis zuletzt durchführen zu können. Deshalb richtete er zwei lange Eingaben nach Detmold. Der Wortlaut ist uns erhalten geblieben; er charakterisiert den Verfasser so deutlich, daß ich einige Sätze daraus hier wiedergebe.
„Schon äußerte ich in meinem ersten Bericht den Wunsch, daß gewisse Feste für Schulkinder mögen angeordnet werden; schon lange wünscht ich es, und warum ich es that. dazu waren dies meine Gründe:
Ohn Belohnungen sind alle Strafen ohne Kraft; ohne Belohnung sehen die Kinder die Schule als ein Zuchthaus an. — Sölten es freilich nicht, solten schon gerne hingehen um der Erkenntnisse selbst willen ….. Strafen sollen Besserungsmittel seyn; wo ihnen der Zweck zu bessern fehlt, da sind sie nur grausame Äußerungen des Jähzorns oder mürrischer Laune. Schläge sollten in jeder Schule die letzten Strafen seyn; und sind gemeiniglich die ersten, denn sie sind am leichtesten, erfordern das wenigste Nachdenken, haben aber wo nicht traurige, wenigstens gar keine Folgen.
Glaubt man, der Landmann müsse durchaus sklavisch erzogen werden, so irrt man sich sehr; jeder Mensch haßt das sklavische, unfreie. Und die Tugend, die durch Zwang hervorgebracht wird, dauret nur so lange als der Zwang, der sie hervorbrachte. Belobigungen richten bey unverdorbenen Seelen mehr aus. als der strengste anhaltende Zwang, und Belohnungen haben wir in den Landschulen fast gar nicht….. Ein Fest aber, an welchem die gut gearteten (Kinder) besonders ausgezeichnet würden, besondere Achtung genössen, schiene mir die wirksamste Belohnung. Hoffnung, das nächste mal am Schulfest Theil zu nehmen, würde manches Kind mehr zur Schule treiben, als Untervogt und Bauerrichter. Hinsicht auf das künftige Schulfest würde manchen muthwilligen Knaben gesitteter machen, als sonst die schärfste Ruthe des Lehrers.
Für ein unmittelbar wirkendes Mittel, christliche Tugend auszubreiten, geb ich es nicht aus; aber den Acker vom wuchernden Unkraut zu reinigen, daß er des feineren Samens empfänglich werde, dünkt mich, möcht es wohl dienlich seyn. . . .
Freude, Vergnügen kann der Mensch nicht entbehren, er sey Fürst oder Bauer; aber von der Art der Vergnügen hängt am mehrsten die Sittlichkeit eines Landes ab.
So glaube ich nun, daß durch Schulfeste, wenn Prediger und Lehrer vernünftig denken, ihre Freude regelten und Aufsicht hätten, die zarten Seelen der Kinder mehr biegsam gemacht werden möchten. Die Ehern bekämen mehr Interesse, ihre Kinder bilden zu lassen. Bis dahin haben manche Eltern die Schulzeit und Predigerunterricht nicht angesehen als Einrichtung zum Besten ihrer Kinder, sondern als eine ihnen von Alters her aufgebürdete Last. Diese Eltern würden dann einmal sehen, daß man ihre Kinder liebte und so gerne zu ihrer Freude beitrüge.
So deucht mich, könnte ein Lehrer, der Kinder liebt, sie die Art lehren, sich so zu freuen, daß die Freude nicht Quelle der Reue werde.
Dies sind meine Gründe, ich unterwerfe sie mit unterthäniger Ehrfurcht der Prüfung meiner Hochgebietenden Herren…..
Die Leute hiesiger Gemeinde nehmen aber vernünftige neue Einrichtungen an, sind sehr folgsam und können also auch sehr leicht verdorben werden.
Man fürchte nur nicht, die hiesigen Landleute politisch zu klug zu machen. Klugheit in sogenannten Weltsachen nimmt so wie so sichtbar zu. Davon ist das hiesige Reisen in fremde Länder die Ursache. Es wohnen hier viele Linnenweber und Linnenhändler, die in alle Theile Europas mit ihrer Waare reisen, Leute, die Europa durchreisen vom Nordpol bis an die südlichen Grenzen, die die Alpen sahen, Neapel und seinen Vesuv sahen und Neapels Sünden kennen. Wie wenn sie mit italiänischem Gelde auch italiänische Sünden herbrächten? — Hier muß der Prediger arbeiten, hier muß er mit seinem Pfunde wuchern. Und am besten kann er das, wenn er auf Kinder alle seine Sorgfalt wendet. — durch Kinder findet jedes Unternehmen, etwas zu bessern, den sichersten Erfolg. — Oerlinghausen, den 18. December 1780 D. v. Cölln. Sohn, des Vaters Gehülfe".
Der Vorschlag wurde vom Konsistorium gebilligt und gelobt. Für sein erstes genehmigtes Fest erhielt er sogar 10 Thaler aus der Konsistorialkasse zur Bezahlung von kleinen Geschenken und von Semmeln und Getränken. Er lebte nun ganz in dieser Sache und glaubte, daß sie jeden Menschen so interessieren müsse, wie sie ihn interessierte. Als auch Spötter auftraten, begriff er nicht, wie eine Sache, die seinen Kindern viel Freude machte, wie man sein Schulfest verspotten konnte. Er schrieb auch darüber im Intelligenzblatt und ging nun noch mit mehr Eifer ans Werk. Im Winter versammelten sich die Kinder in einer großen Stube, wo gesungen und vorgelesen wurde. Im Sommer versammelte sich die Jugend am Gehrenberg oder auf dem Platze neben dem elterlichen Hause, wo heute die Häuser Pfarrstraße 1 und 2 stehen. Dort wurden neue Spiele ersonnen, muntere Lieder gesungen, die v. Colln größtenteils selbst für die Kinder verfaßt hatte und selbst mitsang. Wie freuten sich die Kinder im voraus auf diese Stunden! Es war ja alles so neu, so ganz anders als früher.
Und fremde Herren kamen von Detmold und Lemgo, von Heiden und Horn, von Herford und Rinteln, um an einem Oerlinghauser Schulfest teilzunehmen oder die neue Unterrichtsmethode, den neuen Eingang mit Schülern kennenzulernen. Oerlinghausen und Cölln's Schulfeste, sie waren bald ein Begriff geworden, und es dauerte nicht lange, da mußten mehrere solcher Feste im Sommer wiederholt werden, weil auch die Eltern große Freude daran hatten. Die Kinder freuten sich, wenn das eine Fest beendet war. schon wieder auf das nächste im nächsten Monat und lernten voller Eifer die Sprüche, Verse und Lieder, die ihr begeisterter Mentor ihnen aufgab. Dieser Lerneifer, so wird berichtet, erstreckte sich auf alle Schüler. Trotzige Faulpelze sollen eine Ausnahme gewesen sein. Ganz Beschränkte gab es natürlich auch hier, konnten aber den Erfolg nicht aufhalten. Da brach ein Leiden über D. v. Cölln herein, dem sein schwacher Körper allzu schnell erlag. Es begann mit einer Heiserkeit, die ihn monatelang am Predigen und Unterrichten hinderte. Im Sommer 1783 suchte er, da keine Arzneien helfen wollten, mehrere Ärzte in Detmold. Lemgo und Herford auf, die aber den Verfall seines Körpers nicht aufhalten konnten. Im Jahre 1785 ist Dietrich v. Cölln im Alter von 29 Jahren gestorben.
Aber sein Werk ging nicht unter. Nach Dietrichs Tode wurde Pastor Georg v. Cöllns ältester Sohn, August v. Cölln, zum Pfarrgehilfen berufen; er wurde nach dem Tode des Vaters im Jahre 1790 selbst Pastor in Oerlinghausen. Längst halte er den hohen Wert der Schulfeste erkannt und setzte die Arbeit seines verstorbenen Bruders fort. Die Fürstin Pauline, die 1795 nach Detmold gekommen war und ein Schulfest in Oerlinghausen besucht hatte, holte sich nach dem Einzug Ewalds den Oerlinghauser Pastor als Generalsuperintendenten nach Detmold. Sie hat über August v. Cölln u.a. geurteilt:
„Seine Kinderliebe kannte keine Grenzen. Wie herzlich die Wärme, womit er in seiner Nähe Kinder des verschiedenen Alters um sich versammelte, um sie gütevoll zu belehren? — Das Schulfach war sein Lieblingsgeschäft. Er war Vater, Rathgeber jedes Schullehrers."
Auch dessen Nachfolger im Pfarramt Oerlinghausen. Pastor Neubourg, hat die Schulfeste gepflegt und überwacht. Über ihren Schöpfer aber hat kein Geringerer als Generalsuperintendent Ferdinand Weerth geschrieben: „Bemerkenswerth sind aber wohl die Schulfeste, durch welche man im Lippischen vorzüglich auf die Kinder zu wirken sucht. Ihr Entstehen verdanken sie einem edlen Manne, der seiner ihn unaussprechlich liebenden Gemeinde durch einen frühzeitigen Tod zu ihrem großen Schmerz entrissen wurde, dem edlen Dietrich v. Cölln. Prediger in Oerlinghausen." —
1. J. L. Ewald. Ober Predigerbeschäftigung und Predigerbetragen, Lemgo 1786.
2. Butterweck. Geschichte der Lippischen Landeskirche, Schötmar 1926.
3. H. Deetjen: Prediger Georg Conrad v. Cölln u. s. Söhne in: ..Mitt." V, 1907. S. 62 ff.
4. Menschen vom lipp. Boden, herausgegeben v. Max Staercke. Detmold 1936, S. 99 u. 131.
5. L.F.A. von Cölln. Sammlung ausgewählter Predigten. Bielefeld 1806. J. D. Küster.