Auszug aus dem Protokollbuch der Dorfschaft Oerlinghausen vom Juni 1843- November 1848,

Seiten 129 - 132

Stadtarchiv Oerlinghausen

 

Anfrage bei unseren löblichen Ortsvorstande von Seiten des Küsters F. Lüdeking - allhier; Ob man geneigt sey, aus der Oerlinghauser Dorfskasse jährlich etwa 5 (bis 10) Thaler herzugeben zur Erweiterung unserer Dorf "Bibliothek" die seit dem 1. Mai 1846 im Werden ist.

Unter der Bedingung daß meinem Wunsche gewillfahrt würde, möchte dieselben dann als ein Eigenthum des Dorfs angesehen werden,  die nur unter meiner Aufsicht stände, wie unter der des Ortsvorstandes.

Mit großem Bedauern habe ich schon oft die Bemerkung gemacht, daß gar mancher oft von der peinlichen Langeweile geplagt wird, und in den Sonn- und Feiertagen oder bei anhaltend ungünstigen Wetter zu den gewöhnlichen Arbeiten außer dem Hause wirklich nicht weiß, womit er die Zeit todtschlagen soll.

Ebenso betrübend ist gewiß die Erfahrung, daß soviele junge Leute nach ihrer Confirmation sich durchaus keine Mühe geben, sich weiter fortzubilden.  Höchstens sind einige -noch darüber aus irgend ein Handwerk zu er lernen, wovon sie in der Folge ihr Brod zu haben denken. Alle geistige Ausbildung wird gewöhnlich verabsäumt. Wie ich darüber nachdachte wie solchen Übel möchte abzuhelfen sein, so kämm mir immer wieder zweierlei in den Sinn, was geschehen müsse.

1.  Wir müssen eine Dorfsbiliothek haben, d. h.  eine Sammlung von guten und passenden Büchern, die den unbemittelten umsonst - und anderen gegen eine angemessene Vergütung geliehen würden, wenn sie darin lesen wollten.

2.  Wir müssen eine Sonntagsschule einrichten, worin Männer vom Fache, jeden der Lust hätte, sich noch im Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen, in der Völker- und Länderkunde weiter auszubilden unentgeldlich Unterricht erteiIten. Seit dem 1. Mai dieses Jahres ist wie bekannt, mit beiden der Anfang gemacht.

Die Sonntagsschule wurde bis heute unausgesetzt jeden Sonntag gehalten von 2 bis 5 Uhr des Nachmittags, und in der Sommerzeit jedesmal von 30 bis 60 Besuche; seit dem 1. November kommen jeden Sonntag 70 bis 97. So ist auch mit der Dorfsbibliothek ein Anfang gemacht, seit Anfang Mai d. 3. , die jetzt schon 100 und etliche Bücher zählt.

Da es aber sehr zu wünschen, immer wieder zu neuen Gelde zu kommen, um noch andere gute Bücher anschaffen zu können, so bin ich auf den Gedanken gekommen bei unseren löblichen Orts-Vorstande in Vorschlag zu bringen, derselbe möge zu einem Unternehmen das doch zunächst zum Nutzen und Frommen des Dorfs Oerlinghausen ins Leben gerufen ist, jährlich etwa 5 (bis 10 ) Thaler hergeben zur Erhaltung und Erweiterung unserer Biliothek. Im Fall, daß solches bewilligt würde, könnte die ganze Bibliothek angesehen werden als Eigenthum des Dorfs Oerlinghausen, und mit unter Aufsicht des Orts-Vorstandes gestellt werden, wie sie unter meiner besonderen Aufsicht steht, wie aus den hier angelegten Statuten zu ersehen ist.

In der Erwartung einer geneigten Antwort hierüber unterzeichnet sich

Oerlinghausen

den 15. Dezember 1846.

Hochachtungsvoll

ihr Küster

F. Lüdeking

Nach diesen Antrag von Küster Lüdeking folgen auf den Seiten 132 - 136 des alten Protokollbuches die Statuten der am 1. Mai 1846 geschaffenen Dorfsbibliothek, welche von folgenden Vorstandsmitgliedern unterschrieben ist:

Superintendant Volkhausen - Gehülfsprediger Kracke - Rentmeister Schütz - Kaufmann C. Tölke - Steinhauer A. Reuter - Cantor Steinhagen - Colon Ober-Colon Pollmann - Gastwirt F. Nagel - Küster Lüdeking.

Die Antwort des Dorfs - Vorstandes vom 26. Dezember 1846:

Herrn Küster Lüdeking hier.

Oerlinghausen am 26.  Dezember 1846.

Den Inhalt Ihres Antrages vom 15 d. M.  jährliche Beiträge zur Dorfs-Kasse betr: ist in der Versammlung des Vorstandes am 21 d. M.  zur Beratung gezogen. In Erwägung aber, daß der Vorstand nur für 3 Jahre gewählt ist, und über diese Zeit hinaus über die Mittel der Dorfs-Kasse in den Grenzen der Orts-Statuten nicht verfügen kann, erfolgte der Beschluß, daß Ihren Anträge nicht zu willfahren stehe.

Schütz.

Übersetzt im Januar 1987 - Fritz Soll sen.