Bergstadt legte den Grundstein für würdige Stätte der Bildung

Alter Brauch mußte sich neuen Arbeitsmethoden anpassen. Zweiter Bauabschnitt vielleicht noch 1957

 

Oerlinghausen. Auch wenn ein kalter Wind um die Mauern der beiden fertigen Schultrakte blies, der sogar die Dokumente vom Tisch wirbelte, die darauf harrten, in der langen kupfernen Trommel in den Grundstein versenkt zu werden — alle, die sich gestern nachmittag am Bauplatz der neuen Schule versammelt hatten, waren sich einig, daß dies einer der bedeutendsten Tage in der Geschichte der Bergstadt war. „In dem gemeinsamen Willen, der Jugend eine würdige Stätte der Erziehung und Bildung zu schaffen", beginnt der Text der schmuckhaften, von Prof. Seng entworfenen Urkunde, die neben den drei lippischen Zeitungen, einer Geschichte des Schulbaues und anderen Dokumenten eingehüllt wurde.

[Bild: Bürgermeister Kramer setzte seinen Namen als erster auf die Urkunde, die neben vielen anderen Dokumenten in den Grundstein eingemauert wurde.]

Warum der Grundstein erst gelegt werden konnte, nachdem der Bau bereits einen mächtigen Schritt vorwärts getan hatte, zwei Klassentrakte abgedeckt dastehen, die Turnhalle bis zum Erdgeschoß aus dem Boden wuchs, und auch der Heizungskeller des Hauptgebäudes fix und fertig in der Erde liegt, erklärte Bürgermeister Kramer zu Beginn seiner Ansprache. Es sind die neuen Arbeitsmethoden bei diesem nach modernen Grundsätzen angelegten Bau, denen sich alte Bräuche anpassen müssen.

„Jedenfalls läßt sich keine schönere Stunde denken“, sagte (Oerlinghausens Stadtoberhaupt, „als diese, in der wir den Grundstein für ein Gebäude legen, das unseren Kindern dient“. Der erste Schritt hierzu war der Beschluß des Rats vom 22. März 1955, den Erlös aus dem Verkauf eines Hauses der Schulbaurücklage zuzuführen und einen Schul- und Turnhallenausschuß zu bilden. Auch dieses wird im Grundstein an die Nachwelt überliefert.

Bürgermeister Kramer verwies darauf, daß dennoch alle Kräfte angespannt werden mußten, um die Arbeit an diesem großen Werk beginnen zu können, und dankte allen, die den Bau gefördert haben: Rat und Verwaltung, Planer, Bauleute, Bezirksregierung, Kreis sowie alle Käufer von Bausteinen. Er habe die berechtigte Hoffnung, daß mit dem zweiten Bauabschnitt noch in diesem Jahre begönnen werden könne. „Eine gute Zukunft werden wir nur haben, wenn wir gute Bildungsstätten schaffen.“

Das „Lied der Arbeit" klang dann in dem Gedicht einer Schülerin auf. Vom Kummer der Kleinen, die die Großen am Ende des ersten Bauabschnitts in die neue Schule ziehen sehen werden, sprach „Tintenkleckser" Bärbel. Ihr Wunsch, den die Siebenjährige ohne zu stocken vortrug, war „Ich bitte die Damen und Herren vom Rat, schreitet noch einmal zur großen Tat. Dann werden bei der Einweihung nicht nur die Großen lachen, dann werden auch wir Kleinen jauchzen und Euch Freude machen.“ Was sie sagte, wurde verstanden: Erst nach dem zweiten Bauabschnitt, der den dritten Klassentrakt, die beiden i-Männchen-Pavillons und die Mehrzweck-Aula umfaßt, wird die Schulraumnot in Oerlinghausen endgültig überwunden sein.

Nachdem die Kupferhülle in der vorbestimmten Höhlung verschwunden war, erklangen die symbolischen Hammerschläge. Bürgermeister Kramer begleitete sie mit dem Wunsch: „Freiheit, Friede und Freundschaft allzeit für die Kinder, die Oerlinghauser und die Bergstadt selbst!" Architekt Stüker, Lage, nach dessen Entwürfen der Bau entsteht und in dessen Händen auch die Bauleitung liegt, wünschte, daß „Wollen, Wissen und Können" an dieser Stelle in rechter Weise vermittelt werden mögen.

Einer „Ehrenpflicht“ wollte Rektor Hunke genügen, als er zum Schluß der Feierstunde allen dankte, die sich für das Werk eingesetzt haben, an dessen Ende die Beseitigung der Schulraumnot stehen wird. Daß dieser Augenblick bald kommen möge, in dem der zweite Bauabschnitt dem vollendeten ersten folge, sei auch sein sehnlichster Wunsch.

„Die Gedanken sind frei" sang der Schulchor unter Leitung von Lehrer Kastner, der die Feierstunde auch eingeleitet hatte. Dann trennten sich die Feiergäste, die sich hoffentlich recht bald — beim Richtfest — wieder zusammenfinden werden.                 -hue-

[Bild: Vor einem Jahr trat Bärbel noch als i-Männchen vor die Eltern als sie ihr Gedichtchen am Elternabend deklamierte.]

[Bild: Rat und Stadtverwaltung, Vertreter der Bauleitung und der Baufirmen, Lehrerschaft und Eltern hatten sich gestern nachmittag zur feierlichen Grundsteinlegung der neuen Volksschule Oerlinghausens zusammengefunden. Nach ihrer Fertigstellung, die in zwei Bauabschnitten erfolgen soll, wird die Schulraumnot der Bergstadt überwunden und eine Erziehungsstätte erschaffen sein, die zusammen mit einer modernen Turnhalle und Mehrzweck-Aula vorbildlich ist.                       (Fotos: FP Potthast)]