Die wilden 50er Jahre im Progymnasium Oerlinghausen
Stadtgeschichte: Die Anfänge des Progymnasiums - mit übervollen Klassen, ständiger Raumnot und Lehrern, die unter den Nazis Karriere gemacht hatten
[Bild: Das Kollegium der 50er Jahre: Ännchen Schäfermeier (hinten v. l.), Dr. Arno Dorn, Theo Rubart, Helmut Laabs sowie Friedrich Wilhelm Feldmann (hinten v. l.), Frau Kiel, Frau Hüttemann, Gerhard Venz, Frau Kaul und „Profi“ Ernst Seng. | © Repro: Horst Biere /Quelle Schularchiv]
Oerlinghausen. Heiße Zeiten herrschten in der Oerlinghauser Schule in den 50er Jahren: Drangvolle Enge in den Klassenräumen, eine ständige Wanderschaft von Schülern auf der Suche nach freien Klassenräumen und eine unvorstellbare Unruhe auf den Gängen - vor allem an Regentagen.
Etwa 450 Schüler der Volksschule und um die 250 Schüler des neuen Progymnasiums wurden alle im Gebäude des heutigen Rathauses unterrichtet.
Abiturienten mussten in die nächste Stadt
Seit 1949 existierte das Progymnasium, ein Nachfolger der früheren Rektorschule und ein Vorläufer des heutigen Niklas-Luhmann-Gymnasiums. Es endete in Oerlinghausen aber mit der Untersekunda, der sogenannten Mittleren Reife. Für das Abitur mussten sich die Gymnasiasten täglich auf den Weg zu weiterführenden Schulen nach Bielefeld oder Detmold machen.
Ein Anbau an das alte Schulgebäude, der im August 1949 eröffnet wurde, hatte erst den Betrieb eines Gymnasiums ermöglicht. Die Schüler aber pendelten ständig zwischen den Klassenräumen hin und hier. Manchmal ging’s in die alte Küsterschule (heute Gemeindehaus an der Kirche), mal ins „Stadtcafe“, den kleinen Saal des Stadthotels, oder in den Saal des Jägerhauses. Sport wurde in den Sälen des Essener Hofes (heute Stadtschänke) und des Kastanienkruges getrieben.
Ein unpassender Auftritt
Zwei Schüler, die dabei waren und die später beruflichen Erfolg hatten, können von den „wilden 50ern“ erzählen: die studierte Textilingenieurin Carola Feldmann, geborene Güse, und der langjährige ARD-Korrespondent Nikolaus Bora. Sie berichten von echten Typen, aber auch von engagierten Pädagogen, die ihnen viel Wissen fürs Leben vermittelt haben.
Studiendirektor Gerhard Venz leitete ab Herbst 1949 das „Städtische mathematische-naturwissenschaftliche Gymnasium für Jungen und Mädchen“. Anfangs war es eher die Verwaltung eines ständigen Mangels. Landkarten, intakte Schultafeln, Unterrichtsbücher - nur sehr wenig war vorhanden.
Erst nach und nach und durch Spenden der Eltern gelang es, neue Unterrichtsmittel anzuschaffen. Venz, der als hochgebildeter Mann galt, musste allerdings etwa um 1960 die Schule verlassen, weil er - so hieß es - im betrunkenen Zustand öffentlich vor der Theke des Stadthotels uriniert hatte.
Das Lehrerkollegium des Progymnasiums der 50er Jahre setzte sich aus bemerkenswerten Charakteren zusammen. Da Lehrer generell Mangelware waren, stellte man - wie auch andernorts - viele Pädagogen wieder ein, die dem Naziregime sehr nahegestanden hatten.
Professor Ernst Seng gehörte dazu, der ein erkennbares Zeichentalent besaß und viele Bilder mit Oerlinghauser Motiven malte. „Profi“ Seng hatte seinen Professorentitel, den er für seine Funktion im Kulturwesen der Nazis verliehen bekam, in die neue Zeit hineingerettet.
Hochrangige Nazi-Familie
Er gab Deutsch, Latein und Kunst. Doch alle seine Schüler erhielten eine astreine völkisch-nordische Gesinnung vermittelt - mit der perfekten Beherrschung der germanischen Sagengestalten und Gottheiten. Sengs Frau Else stammte ebenfalls aus einer hochrangigen Nazi-Familie. Ein Foto aus dem Jahre 1934 zeigt Else Seng auf der Trauung eines Gauleiters in unmittelbarer Nähe von Adolf Hitler.
Studienrat Dr. Arno Dorn, der später als strammer Sozialdemokrat im Oerlinghauser Stadtrat saß, bekleidete noch bis zum Jahre 1944 eine Lehrfunktion an der Nazi-Eliteschule NAPOLA in Naumburg/Saale. Im Deutschunterricht lief er zu Höchstform auf, wenn es darum ging, wirkungsvoll deutsche Lyrik aufzusagen.
Olympische Spiele 1936
Helmut Laabs gab das Unterrichtsfach Mathe und war ein sehr guter Turner. Er hatte während des Nazi-Regimes als Pädagoge und Sportfachmann Karriere gemacht und als linientreuer Sportler sogar an den Olympischen Spielen 1936 mitgearbeitet. Irgendwo im Osten hatte er eine Schulleiterstelle übernommen, wurde nach dem Krieg anfangs degradiert und entlassen, doch im Zuge der allgemeinen Lehrerknappheit wieder eingestellt.
Wasser aus der Prilflasche
Robert Scheithauer war da ganz anders gepolt. Der skurrile Biologielehrer (Spitzname: „Kräuterseppl“) hatte im Krieg einen Arm verloren und war ein erklärter Gegner des alten Regimes. Im Unterrichtthronteeraufeinem Podest über den Schülern und spritzte sie oftmals mit Wasser aus Prilflaschen nass, wenn sie unaufmerksam waren. Sein Hobby waren Tafelprüfungen, bei denen Schüler in kleinen Kabinen zwischen Textilfahnen an der Wandtafel ihre Antworten aufschrieben.
Friedrich Wilhelm Feldmann (Spitzname „Phy Phy“) gab naturwissenschaftliche Fächer, aber vor allem Physikunterricht. Er hatte im Reichsarbeitsdienst der Nazis Karriere gemacht und war bei Kriegsende Oberarbeitsführer. Gemeinsam mit seiner Frau Lieselotte Feldmann (Spitzname „Lilofee“), die Englisch und Deutsch unterrichtete, war er aus dem Ruhrgebiet nach Oerlinghausen gekommen. F.-W. Feldmann allerdings zeigte sich auch nebenberuflich sehr aktiv. So rief er schon damals das „Volksbildungswerk“, ein Vorläufer der heutigen Volkshochschule, ins Leben.
Viel Engagement besaß auch der Musiklehrer Ewald Kastner, der außer seinem Schuljob das örtliche Chor- und Musikwesen sehr stark forcierte. Er galt als unbequem, schnell beleidigt und förderte oftmals nur seine Lieblinge, doch konnte er auf die Organisation vieler öffentlicher Musikveranstaltungen verweisen.