Als das Bergdorf Oerlinghausen Schule machte
Schulbildung stand früher stets im Zeichen des Rohrstocks. Im 18. Jahrhundert führte die Pfarrer- und Lehrerfamilie von Cölln in Oerlinghausen so etwas wie moderne Pädagogik ein.
[Bild: Die frühere Volksschule wurde 1887 gebaut, ein Anbau im Jahr 1949. Seit Mitte der 1970er Jahre ist hier das Oerlinghauser Rathaus. | © User von Horst Biere]
Oerlinghausen. Schulen in Oerlinghausen haben eine lange Geschichte. Wo Kinder heute in Grundschulen, Sekundarschule oder Gymnasium umsorgt, gefördert und gebildet werden, herrschte noch vor 300 Jahren Stümperhaftigkeit und rohe Gewalt. Der Rohrstock bildete das wichtigste Erziehungsinstrument, um den Lehrstoff Religion, Schreiben, Rechnen und Singen in die Kinder hinein zu prügeln. „Einen eigentlichen Lehrerstand gab es im 18. Jahrhundert noch nicht“, schreibt der lippische Bibliothekar und Autor Ernst Fleischhack (gest. 2021).
Nach einer hoheitlichen Anweisung von 1722 konnten für den Schulunterricht auf dem Lande auch Handwerker herangezogen werden. „Jeder der es verstand, schwierige Wörter ordentlich zu buchstabieren und die gebräuchlichsten Kirchenlieder sauber vorzusingen, war geeignet. Den Rest besorgte der Rohrstock“, berichtet Fleischhack. In der Regel übertrug man den Schuldienst auf den Küster oder Kantor, auf Menschen also, die den niedrigen Kirchendienst versahen.
Wenn es zu schlimm wurde mit dem Kinderschlagen, so wurden auch schon Lehrer ihres Amtes enthoben. Wie Anfang des Jahrhunderts ein Laienlehrer, der „ein liederliches Leben geführt und die Schule auf den Hund gebracht“ haben soll, so dass nur noch zwei Schüler am Unterricht teilnahmen.
Kinder wurden als Helfer für die Feldarbeit und beim Viehhüten gebraucht
Zwar bestand seit 1684 in Lippe eine Art Schulpflicht, doch von einem vernünftigen Schulunterricht war man meilenweit entfernt. Viele Eltern ließen ihre Kinder gar nicht oder nur selten zur Schule gehen. Sie wurden fürs Viehhüten oder für die Feldarbeit gebraucht. In Oerlinghausen murrten vor allem die Sennebauern über den weiten Anmarsch ihrer Kinder zur Schule.
Der Schulraum lag in der Regel im Wohnhaus des Lehrers. Um 1750 wurde Kantor Voß Schulmeister in Oerlinghausen. Er war ein schlichter Leineweber, aber weitdenkend baute er an der heutigen Pfarrstraße ein neues Haus für den Unterricht. Doch sein Gehalt war äußerst kümmerlich. Für das Orgelspiel in der Kirche erhielt er „vier Thaler“ im Jahr, für den Unterricht „15 Groschen“ pro Kind jährlich.
Er bekam zusätzlich von der Gemeinde ein Stück „Kantorland“ zugewiesen, das von einem Bauern mitbestellt werden sollte. Theoretisch. In der Wirklichkeit kam er mit seinem Gehalt nicht über die Runden und musste sich in der Erntezeit als Tagelöhner verdingen. „Manches Mal griff er zu Gegenmaßnahmen und schickte die Kinder unbelehrt wieder nach Hause und verweigerte den Dienst an der Orgel“, schreibt Ernst Fleischhack.
Positive Auswirkung auf das Staatswesen
Eine ganz neue Entwicklung nahm die Oerlinghauser Schule gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die Pastorenfamilie von Cölln ins Bergdorf kam. Pfarrer Georg Conrad von Cölln, der aus dem Mecklenburgischen stammte, war felsenfest davon überzeugt, dass sich Wohlstand und Bildung auch kleiner Leute positiv auf das gesamte Staatswesen ausüben würden.
[Bild: Schultheater vor fast einem Jahrhundert. Anfang der 1930er Jahre führen die Kinder der Volksschule kleine Stücke auf. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Her]
Sein Sohn, Dietrich von Cölln, noch ein Kandidat auf ein theologisches Amt, ging seinem Vater um 1780 in der Oerlinghauser Kirche zur Hand und betreute als Lehrer die Schule mit. „Einmal im Monat veranstaltete er mit den ihm anvertrauten Kindern ein Schulfest“, erzählt Ernst Fleischhack. „Solche Feste begannen mit einem Gottesdienst, an den sich fröhliche Spiele und das Aufführen kleiner Theaterstücke anschloss.“ Kinder, die besonders fleißig gewesen waren, wurden bei einem Umzug ausgezeichnet.
Für Kinder wie Erwachsene gab Dietrich von Cölln in handgeschriebener Form die „Oerlinghauser Zeitung“ heraus. Darin schrieb er wahre oder erdichtete Geschichten, um das „Moralgefühl“ zu schärfen. Der seinerzeit moderne Pädagoge ging noch weiter. „Die Kinder sollten nicht nur in der dunklen Schulstube sitzen, sondern in der freien Natur sich am Spiel und auf Ausflügen ergötzen“, heißt es in einer Chronik.
Die lippische Regentin war an den neuen Methoden sehr interessiert
Fürstin Pauline, der als lippischer Regentin ein hohes soziales Engagement zugeschrieben wurde, zeigte reges Interesse an den neuen Methoden in Oerlinghausen und hat die Schule des Öfteren besucht. Leider starb der fortschrittliche Dietrich von Cölln noch vor seinem 30. Lebensjahr. Sein Bruder, August von Cölln, übernahm deshalb vom Vater die Pfarr- und Lehrerstelle. Er führte das von seinem Bruder Dietrich begonnene Werk fort und ersetzte das stumpfe Straf- und Rohrstockprinzip durch lobende Anerkennung für ein „ordentliches Leben“.
Sogar ein erstes Buch über das lippische Schulwesen entstand. August von Cölln verfasste das Werk: „Christlicher Unterricht nach der Geschichte und Lehre der Bibel für Kinder auf dem Lande“. Damit hatte er sich endgültig für ein höheres Amt empfohlen. Im Jahre 1797 wurde er als Generalsuperintendent nach Detmold berufen.
Im beschaulichen Oerlinghausen wurde 60 Jahre später die Bildung zweigeteilt. Um 1857 hob man die Rektorschule als „gehobene Privatschule“ aus der Taufe. Einige wohlhabende Bürger Oerlinghausens wie die Familie des Juristen Dr. Caspary, des Amtmanns Wessel und des Leinenhändlers Carl David Weber gründeten gemeinsam mit Superintendent und Pfarrer Wilhelm Weerth am Kirchplatz eine Schule, in der auch Lateinisch, Englisch und Französisch gelehrt wurde.
Dann, im Jahre 1887, machte die kleine Gemeinde einen großen Schritt: Ein neues Volksschulgebäude entstand auf dem Kartoffelacker von Bauer Bollhöfer - hinter den Häusern von Hauptstraße und Bielefelder Straße. Bis 1976 wurde das Gebäude als Schule genutzt - heute ist es das Oerlinghauser Rathaus.