Die Post
Der seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Oerlinghausen nachweisbare Garn- und Leinenhandel wird schon früh Anschluß an die im Reich bestehenden Postkurse, Botengänge genannt, gesucht haben, den zunächst die halb Europa bereisenden Leinenhopser herstellten. Unter dem lippischen Grafen Simon Henrich, dem auch die holländischen Besitzungen Vianen, Ameyden und Utrecht unterstanden und der deshalb dorthin einen lebhaften Verkehr unterhielt, wurden 1693 die „Kleinen“ in Oerlinghausen im Frondienst zu diesen „Brieftragen der post Brieffe“ von Detmold bis Bielefeld stark herangezogen. Erst auf Grund einer flehenden Eingabe wurde ihnen als Entgelt für diese Leistungen das Stellgeld von ihrem „Wörketowen“ — Webstuhl — um die Hälfte erlassen.
Regelmäßige Postverbindungen erhielt Oerlinghausen 1774 mit der Einrichtung des preußischen Postkurses Bielefeld—Detmold, der bis 1840 bestand und nur während des Bestehens des Königreichs Westfalen von 1806 bis 1814 unterbrochen war. In Oerlinghausen fand ein Pferdewechsel statt, der die Einrichtung einer Posthalterei erforderlich machte. Sie wurde nach den Freiheitskriegen durch die Posthalter Becker und Gröppel unterhalten. Nach ihnen übernahm Brathuhn die Posthalterei; dieser mußte nach Hinzutritt weitere Postkurse zeitweise 9 Pferde und 3 Postillone halten.
Vor Errichtung einer Postanstalt unterhielt der Einwohner August Kramer aus der Wehme, genannt „Posts-Jüsken“, mit seinem Esel, der mit 2 Tragkörben ausgerüstet war, eine wöchentlich mehrmalige Verbindung mit Detmold. Die lebhaften Geschäftsbeziehungen der Leinenhändler machten bald die Einrichtung einer Poststelle, die lange Jahre von Preußen und Thurn und Taxis umstritten war, erforderlich. Als Taxis 1840 seine Absichten verwirklichen wollte, beschwerte sich Preußen nachdrücklich bei der Lippischen Regierung und erhielt daraufhin die Genehmigung zur Einrichtung einer Postexpedition in Oerlinghausen, die am 1. Juni 1840 im Hause des Apothekers Melm, Adolf-Hitler-Straße 1, eröffnet wurde. Melm wurde Postexpeditor.
Preußen trat jedoch schon am 1. Oktober 1845 vom Postvertrag zurück und überließ Thurn und Taxis die Postgerechtsame, behielt jedoch eine tägliche Personenpost zwischen Oerlinghausen und Bielefeld gemeinsam mit Taxis bei. Der lebhafte Geschäftsverkehr nötigte Melm, der von Thurn und Taxis in seinem Amt bestätigt worden war, 1857 zum Anbau eines Postlokals an die Apotheke, der noch heute zu erkennen ist. Nach dem Tode Melms übergab Taxis die Postexpedition einem Fachmann, dem Postexpeditor Martheus aus Rischenau, weil der durch den aufblühenden Leinenhandel stark gestiegene Postverkehr eine volle Kraft benötigte. Martheus verlegte die Expedition in das Haus des Leinenhändlers F. Hölter, Detmolder Straße 6, jetzt ein Teil des Geschäftshauses der Firma Carl Weber & Co. Nach dem Eingehen der Taxisschen Posten übernahm Preußen am 1. Juli 1867 wieder die Verwaltung der Post. Am 16. März 1868 wurde Oerlinghausen an das Telegraphennetz angeschlossen und vermittelte lange Jahre den lebhaften Verkehr mit Leopoldshöhe, Dalbke (Papierfabrik) und Schloß Holte (Eisenhütte). 1869 erwarb Martheus das Haus Detmolder Straße 15, weil infolge des stetig steigenden Verkehrs die bisherigen Räume wieder unzulänglich geworden waren. Hier verblieb die Post nach mehreren Umbauten und Erweiterungen bis 1906. Als hier jedoch im Laufe der Jahrzehnte die Raumnot nicht mehr zu bannen war, wurde 1906 auf Veranlassung der Postverwaltung von dem Bauunternehmer Stücke mit dem Bau eines zeitgemäßen Posthauses in der Bahnhofstraße 13/15 begonnen, das am 1. April 1906 bezogen wurde.
Oerlinghausen hatte in der Taxiszeit zuletzt täglich zweimalige Verbindungen nach Detmold und Bielefeld. 1873 kam eine Botenpost von und nach Schloß Holte hinzu, die kurze Zeit auch als Personenpost verkehrte. 1874 wurde eine mittägliche Botenpost nach Bielefeld eingerichtet. Als am 1. Januar 1881 die Eisenbahn Herford—Detmold eröffnet wurde, endeten die Posten nach Detmold in Lage. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Lage— Oerlinghausen am 1. Oktober 1903 fielen die Personenposten Oerlinghausen—Lage und mit der Eröffnung der Teilstrecke Oerlinghausen—Bielefeld am 1. Oktober 1904 die übrigen Personenposten sowie ein seit 1891 zur Postbeförderung benutztes Privatpersonenfuhrwerk des Unternehmers Wille weg. Damit war das fröhliche „Trara“ der Postillone, mit dem sie fast anderthalb Jahrhunderte lang den Bergbewohnern die Ankunft der Post angekündigt hatten, für immer verklungen. In schneereichen Wintern hatte es manchmal viel Mühe gekostet, die schweren Postkutschen durch die verschneiten Hohlwege an den Ort heranzubringen. Noch im Januar 1897 mußten sie tagelang in Helpup und Rollkrug zurückbleiben und die Sendungen mühsam zu Pferde zur Bergstadt geschafft werden.
Die Postverbindung mit der Eisenbahn wurde durch Bahnhofsfahrten der sehr zusammengeschmolzenen Posthalterei aufrechterhalten, bis diese 1910 aufgelöst und die Leistungen dem Fuhrunternehmer Hellkamp, der ein Personenfuhrwerk zum Bahnhof unterhielt, übertragen wurden. Seit dem 9. September 1921 werden die Verbindungen zum Bahnhof durch Kraftposten hergestellt, zu denen sich 1932 eine täglich dreimalige Kraftpost nach Bielefeld über Lämershagen—Hillegossen—Heepen gesellte.
Vor Einrichtung einer geordneten Landzustellung wurden die Briefe in der „Apotheke“ ausgegeben oder Sonntags nach dem Gottesdienst vor der Apotheke ausgerufen. Die 1859 eingerichtete Landzustellung umfaßte ursprünglich das ganze Amt Oerlinghausen. Bei der Größe dieses Bezirks kam der um 11 Uhr abgehende Bote häufig erst abends zwischen 9 und 10 Uhr zurück. Diesen schwierigen Dienst versah der älteste Zusteller Fritz Bahle 15 Jahre lang und gab die Stelle erst auf, als er den großen Anforderungen des Dienstes nicht mehr gewachsen war. Sein Nachfolger Friedrich Schütte kam im August 1887 bei einem Brande des Hilbrinkschen Hauses im Gehrenberg mit seinen vier Kindern auf schreckliche Weise ums Leben: Schütte wurde zwar noch lebend, aber furchtbar verbrannt den Flammen entrissen und starb einige Tage darauf, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben. Drei seiner Kinder konnten nur als Leichen geborgen werden, während die Überreste des vierten Kindes erst bei den Aufräumungsarbeiten gefunden wurden.
Im Laufe der Zeit verkleinerte sich der Zustellbereich des Postamts durch die Einrichtung weiterer Postanstalten, wie Leopoldshöhe am 16. Mai 1881, Kachtenhausen am 1. Mai 1894, Asemissen am 5. April 1899 und Helpup am 15. Juli 1913. Er umfaßt heute zur Hauptsache nur noch die Gemeinden Oerlinghausen, Währentrup und Lipperreihe.
Im Personalbestande des Postamts traten zu Beginn des Weltkriegs umwälzende Verhältnisse ein, als die waffenfähigen Angehörigen der Fahne folgten und Ersatz für sie eingestellt werden mußte. Eine Reihe von Helferinnen aus Oerlinghausen mußte sich in kurzer Zeit in die Dienstverhältnisse einarbeiten, die sich durch die Versorgung des 1915 nach hier verlegten Ersatzbataillons des Königs-Infanterie-Regiments 145 noch schwieriger gestalteten. Hier haben die Helferinnen Steuernagel, Heißmann, Bremer, Branding, Kronshage und andere die Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs ermöglicht. Von den zum Kriegsdienst einberufenen Beamten kehrte der Landbriefträger August Heitmann nicht wieder, er fiel am 6. August 1916 auf dem Felde der Ehre.
Am 1. August 1901 wurde in Oerlinghausen eine Stadtfernsprecheinrichtung in Betrieb genommen, die 1919 zum Vielfachbetrieb und am 1. Juli 1933 zu einem neuzeitlichen Wählbetrieb übergeleitet wurde. Gleichzeitig verschwanden die in schweren Bergwintern mehrfach zusammengebrochenen Außenleitungen von den Dächern.
Vorsteher des Postamtes waren:
1840 bis 1865 Postexpeditor Melm,
1865 bis 1888 Postexpeditor Martheus,
1888 bis 1901 Postverwalter Beckmann,
1901 bis 1906 Postverwalter Gehring,
1906 bis 1908 Postmeister Weber,
1908 bis 1912 Postmeister Schweers,
1912 bis 1916 Postmeister Lüdeking,
1916 bis 1932 Oberpostmeister Dirks, seit 1932 Postmeister Holzkamp.
Aus kleinen Anfängen heraus hat sich auch in Oerlinghausen die Post entwickelt, allzeit bemüht, als Mittlerin des Verkehrs der Geschäftswelt zu dienen und im Familienleben in Freud und Leid Verbindungen mit aller Welt herzustellen. Möge es ihr vergönnt sein, das ihrige zu einem neun Aufschwung der Stadt Oerlinghausen in einem blühenden Deutschland beizutragen.