Gendarmerie
Die lippische Gendarmerie ist, wenn man das Kind beim rechten Namen nennen will, eine Schöpfung Napoleons I. Fürstin Pauline, die von 1802 - 1820 regierte, gehörte bekanntlich dem von Napoleon gebildeten Rheinbunde an, und der Franzosenkaiser verlangte von den Rheinbundstaaten im Jahre 1809 die Errichtung einer "Sauvegarde", einer Gendarmerie. Deshalb wurde auch in Lippe eine Sauvegarde aufgestellt, die aber nach Abzug der Franzosen wieder aufgelöst wurde. 1829 aber verlangten die Ämter und Städte die Wiedereinrichtung einer "Schutzwache" oder Gendarmerie, weil die Unsicherheit besonders an den Grenzen des Landes zugenommen und weil sich die Sauvegarde in der napoleonischen Zeit bewährt habe. Die Verhandlungen dar über zogen sich aber von 1829 bis 1842 hin. Endlich, im Jahre 1842, wurde eine sogenannte "Schutzwache" aus Korporalen und Mannschaften des Bataillons Lippe gebildet. Sie bestand aus 16 Mann, die auf folgende Stationen verteilt wurden: Kalldorf, Wüsten, Salzuflen, Bexterhagen, Oerlinghausen, Stapelage, Schlangen, Horn, Belle. Man erkennt an der Auswahl dieser Orte, daß die ersten Gendarmeriestationen sämtlich an der Grenze des Landes liegen. Die Grenze nach Ravensberg war allein durch 5 von den 9 Stationen bedacht: Kalldorf, Wüsten, Salzuflen, Bexterhagen und Oerlinghausen, während der Rest an der preußischen Grenze des Paderborner Landes lag. Die Grenze nach dem Königreich Hannover und dem Kurfürstentum Hessen wurde zu bewachen nicht für nötig erachtet. Das hatte seine guten Gründe; aber diese Gründe und die Entwicklung entbehren nicht des Humors, und die darauf aufgebauten Maßnahmen kamen zu spät. Es verlohnt sich, näher darauf einzugehen:
Die Grenze nach dem Leinenland Ravensberg spielte im Anfang des 19.Jahrhunderts eine verhängnisvolle Rolle. Nach dem Sturz Napoleons schlossen sich die deutschen Staaten durch hohe Zollmauern voneinander ab, um ihre Einnahmen zu erhöhen. Die Folge davon war das Schmuggelunwesen, der Schleichhandel mit all den üblen Nebenerscheinungen, die von 1820 bis 1842 viel Staub aufgewirbelt haben. Die Abhandlungen im Lippischen Magazin Band V und VI füllen viele Seiten mit dem Für und Wider der Meinungen über die Zweckmäßigkeit der Zollschranken. Das gerade aus den Kreisen der Oerlinghauser Leinenhändler die stärkste Opposition gegen die Zollpolitik der konservativen Regierung aufstand, ist verständlich, wenn man bedenkt, daß das Hauptabsatzgebiet für Oerlinghauser feines Leinen in Süddeutschland und Italien lag, daß also die Ware auf ihrem langen Wege mehrere Zollmauern zu überwinden hatte. Durch die hohen Zölle wurde die Ware so verteuert, daß Oerlinghauser Leinenpreise Gefahr liefen, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Der Staat aber wollte auf die Zolleinnahmen nicht verzichten.
Lippe kaufte Zucker, Kaffee, Branntwein und andere Lebensmittel in Bremen auf; die Ware kam auf der Weser zollfrei ins Land und zwar dort, wo diese internationale Wasserstraße eine kurze Strecke die Landesgrenze bildete. Preußen erhob auf diese Waren 10 % Zoll. Um diese 10 % ging es bei dem Schmuggelverkehr, der von allen anständigen Kaufleuten streng verurteilt wurde. Aber es gab - wie zu allen Zeiten - auch damals Kaufleute, die aus dem Schmuggelbetrieb Nutzen zogen. In den Grenzdörfern Brackwede und Oerlinghausen saßen die sogenannten "Schmuggelkönige" Schwarz und Krome (Vergleiche Seite 36 und 187 dieser Chronik ). Sie selbst blieben bei diesem dunklen Gewerbe im Hintergrunde, und nur die von ihnen verpflichteten Schmuggler, meist junge Leute aus Oerlinghausen und der Senne, setzten sich der Gefahr aus, gefaßt oder bei nächtlichen Gängen in den Wäldern kurzerhand erschossen zu werden, besonders nachdem Preußen seine Grenzposten im Amte Brackwede durch neue Gendarme erheblich verstärkt hatte. Auf der lippischen Seite aber gab es keine Gendarme. In Lippe verhandelte man seit 1829 nur über Einrichtung einer Gendarmerie und überlegte, in welchen Orten man wohl zweckmäßiger weise die ersten Stationen der "Schutzwache" errichten solle. Dabei kam man natürlich auf die oben erwähnten Ortschaften an der preußischen Grenze, in denen die zahlreichen Schmuggler wohnten.
Zu den gefährlichen Schmugglermärschen durch die Lämershäger Berge wurden die Männer durch die große Not getrieben, durch den Hunger und die Sorge um ihre Familie. Es war die Zeit der schwersten Not. In Lippe und Ravensberg standen die Webstühle still (vergleiche Seite 218). Die Handweberei hatte sich durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls einen vernichtenden Schlag erlitten. Kein Wunder, daß die arbeitslos gewordenen Weber versuchten, auf dunklen Wegen sich Brot zu verdienen, und die Gefahren des Schmuggels auf sich zu nehmen, zumal diese Gefahr ja nur auf der preußischen Seite bestand; denn in Lippe stellte man weiterhin nur Erwägungen darüber an, ob man eine Schutzwache errichten solle oder nicht.
Preußen hatte sich seit 1833 mit süddeutschen Staaten zu einer Zollunion verbunden, und 1834 entstand, nachdem auch Sachsen und die Thüringenschen Staaten sich an das preußische System angelehnt hatten, der erste deutsche Zollverein, der für die Entwicklung zu einem geeinten Deutschland von so großer Bedeutung werden sollte und den ein weitblickender Franzose schon 1840 mit den Worten charakterisierte, der Zollverband sei der deutsche Kaiser (vergleiche Lippisches Magazin VI Seite 656).
Hannover und Braunschweig blieben diesem Bündnis fern, und Lippe, das im Osten an diese Staaten grenzte, zögerte gleichfalls. Aber der Kampf der Freunde des Anschlusses an den Zollverein wurde mit jedem Jahr heftiger. Wir lesen im Lippischen Magazin V Seite 169 Sätze wie diesen:
"Unsere Moralisten haben gegen den Zollanschluß gesprochen, weil dadurch das Schmugglergewerbe in unserem Lande entstehe. Es muß dieser Grund lächerlich erscheinen, da in 3/4 Theilen des Landes sich bei Tag und Nacht Schaaren von Schmugglern, wohl mehrere Tausende umhertreiben.
Wir geben indaß zu, daß der Anschluß an den deutschen Zollverband von manchen Bewohnern unseres Landes Opfer erheischt, insbesondere Anfangs vielen unbequem seyn und vorzüglich den Unwillen derjenigen erregen wird, welche das eigene Interesse nichts dem allgemeinen Besten nachzustellen für Pflicht erachten; wir vermeinen aber, daß die Vortheile so überwiegend sind, daß diejenigen eine große Verantwortlichkeit auf sich laden, welche aus eigennützigen Zwecken ihre einflußreiche Opposition hartnäckig verfolgen, während sie im Fall der Noth nicht im Stande sind, etwas zur Abwendung der Verzweiflung und des Elends nahrungsloser Bewohner zu thun!"
Und ferner auf Seite 332:
"Uns aber scheint es kein freundschaftlicher Act des benachbarten Preußen, daß es unsere Fabricate mit nicht unerheblichen Steuern belegt, unsere Kaufleute in ihrer persönlichen Freiheit beschränkt und den freien Verkehr mit uns hemmt. Es möchte dabey der Zweck, uns zum Anschluß zu zwingen, nicht zweifelhaft seyn."
Der Gegner erwidert unter andere, (Seite 365 des Lipp. Magazins V):
„Die neue Abhandlung scheint ihren Zweck zu verfehlen. Sie ist mehr ein Phantasiegemälde, ein Rohr zur Stütze einer Eiche, eine Fackel, um das Licht der Sonne zu vermehren, und wenn auch der geehrte Herr Verfasser etwa von Oerlinghausen auf uns herabgesehen hätte, wo man von dem Tönsberge bis nach Bielefeld und Herford sieht und wovon es in dem schönen Liede heißt:
Oerlinghausen auf der Höhe
Wo die Mühlenflügel wehn,
Kannst du immer in der Nähe
Wolken, Mond und Sonne sehn.
Soviel Stern' und Himmelslicht
Schaut man auf der Erde nicht."
Das ist eine Strophe aus jenem überschwenglichem Gedicht des Pastors Karl Stockmeyer (gestorben 28.7.1857 zu Bega), das dieser als junger Kandidat in Oerlinghausen verfaßt und am 1. Mai 1825 im "Sonntagsblatt" IX. Jahrgang veröffentlicht hatte.
Ja, die Freunde des Anschlusses saßen zumeist in Oerlinghausen und im industriereicheren Westen des Landes. Ernste Gegner des Anschlusses schrieben (Magazin V S 0eite 101 f):
"Vergleicht der Lipper seine Lage mit dem Nachbarn, so möchte er mit keinem tauschen. Frei und unabhängig auf seinen Bergen lebt er unter einer väterlichen milden Regierung, glücklich und zufrieden im Genusse seiner persönlichen Selbstständigkeit und seines Eigentums. Ist es ihm mitunter auch schwer geworden, seine Abgaben zu zahlen, so hat er sie doch noch gezahlt und er hat noch Geld übrig behalten zu angenehmen Lebensgenüssen. War es ihm oft auch unmöglich, seine Produkte und wenigen Fabrikate auszuführen, so hat er doch noch die freie Weser behalten und die verhaßte, scharfe polizeiliche Aufsicht der (preußischen) Zollbeamten in seinem Hause noch nicht zu erdulden gehabt, er, der eine scharfe polizeiliche Aufsicht seiner Aecker durch die Flurschützen nicht einmal dulden mochte. Fahren Hannover und Braunschweig fort, sich von dem Zoll auszuschließen, dann möchten alle sonstigen Gründe für den Anschluß äußerst bedenklich erscheinen."
Bei dieser zögernden Haltung Lippes zog Preußen schließlich andere Seiten auf. Es ließ zunächst die Grenze bei Oerlinghausen militärisch besetzen, um dem Schmuggel wirksamer zu begegnen. Diese Maßnahme hatte noch nicht den erhofften Erfolg, denn die Schmuggler fanden immer neue Schleichwege und immer neue Mittel, die Grenzwächter zu überlisten, wobei sie von der Bevölkerung der Grenzdörfer unterstützt wurden. Nicht mit der Gendarmerie, sondern mit den Gesetzesübertretern sympathisierte die Bevölkerung, und freute sich offen, wenn den preußischen Grenzwächtern mal wieder ein Schnippchen geschlagen worden war.
Nunmehr erhöhte Preußen die Zollsätze für das lippische Leinen, dem Hauptausfuhrartikel des Landes, so bedeutend, daß allmählich die Straßen nach Bielefeld immer öder und leerer wurden. 1833 wurden in der neu errichteten Zollstelle "Rullkrug" bei Oerlinghausen [Fußnote: Der Name rührt her von der Flurbezeichnung "In der Rulle" = rollendes, wellenförmiges Gelände in der Ubbedisser Feldmark. Vergleiche meine Abhandlung "Rollkrug - Zollkrug und anderes" im Lippischen Heimatkalender 1930, Verlag Fritz Dröge, Schötmar.] noch 30000 Stück Leinen verzollt; 1834 waren es nur noch 25000 Stück, und in den folgenden Jahren sank die Zahl noch erheblich mehr. Jetzt erhob Preußen auch noch für diejenige Leinwand, die das preußische Land auf ihrem Wege nach anderen, meist süddeutschen Ländern nur passierte, recht hohe Durchgangszölle. Die Folge war, daß das Leinengewerbe, das bisher eine Quelle - des Wohlstands für Lippe gewesen war, fast zum Erliegen kam. Hannover und Braunschweig, auf die sich Lippe bei seiner Zollpolitik stützte, konnten hier keinen Ausgleich bieten. So geriet Lippe um 1840 in immer fühlbarere Abhängigkeit vom großen Nachbar Preußen, das ständig neue Schwierigkeiten ersann, alle mit dem Ziel, Lippe zum Anschluß an den Zoll verein zu bewegen. Auf die Dauer konnte sich Lippe doch nicht mehr wehren und begann 1841, mit Preußen in Verhandlungen über den Anschluß einzutreten. Ende des Jahres kam ein Anschlußvertrag mit dem Zollverein zustande. Der Vertrag trat am 1. Januar 1842 in Kraft. Seit diesem Tage war die Grenze zwischen Lippe und Ravensberg kein wirtschaftliches Problem mehr. Der Verkehr ging ungehindert über sie hinweg, und die Zollstelle im Rollkrug wurde nach 9-jährigem Bestehen wieder aufgehoben. Auch die preußischen Grenzwächter verschwanden, und nur 1 Gendarm, in Brackwede stationiert, sorgte von Aufrechterhaltung von Ruhe, Sicherheit und Ordnung, auch im Grenzgebiet des Amtes Brackwede.
In Lippe aber waren endlich die seit 1829 schwebenden Erwägungen über die Errichtung einer Gendarmerie zum Abschluß gebracht, und ausgerechnet mit dem Tage des Beitritts zum Zollverein, dem 1. Januar 1842, als der Schmuggel gegenstandslos geworden war, richtete man an der Grenze des Landes die oben genannten ersten Gendarmeriestationen Kalldorf, Wüsten, Salzuflen, Bexterhagen, Oerlinghausen, Stapelage (Senne!), Schlangen und Horn ein, während die Ostgrenze nach Hannover und Braunschweig unbewacht blieb. Diese beiden Länder blieben weiterhin dem Zollverein fern. Das ist das Kuriosum. Man gewinnt den Eindruck, als ob darin eine Absicht der lippischen Regierung gelegen habe. Sollte an der Ostgrenze weiter geschmuggelt werden? Wollte man den beiden Ländern nicht weh tun? Man durchschaut heute nicht mehr klar die damaligen Überlegungen. Erst 10 Jahre später (1852) traten auch das Königreich Hannover und das Herzogtum Braunschweig dem Zollverein bei. Und - eigenartig - gerade um diese Zeit wurden im Osten die Gendarmeriestationen Alverdissen und Schwalenberg errichtet. Die Städte Detmold, Lemgo und Barntrup waren 1846, also 4 Jahre nach Oerlinghausen, gefolgt; Lage 1850, Blomberg 1852.
Die ersten Gendarmen in Oerlinghausen seit 1842 waren Simon Heinrich Fischer, Korporal, seit 1831 im Lippischen Bataillon, und Simon Heinrich Hermann Redeker, seit 1840 Soldat im Lippischen Bataillon. Sie standen im Range von Unteroffizieren und wurden fortwährend als "Commandirte" beim Lippischen Bataillon geführt. Erst als 1867 das Bataillon aufgelöst, bzw. dem Füsilier - Bataillon des Infantrie – Regiments Nr. 55 einverleibt wurde, wurde die Gendarmerie vom preußischen Heere getrennt und eine selbstständige lippische Organisation. Gendarm Fischer war vom 1. Januar 1842 bis 1. April 1846 in Oerlinghausen und wurde von hier nach Detmold versetzt, als dort eine Gendarmeriestation errichtet wurde. Gendarm Redeker war hier vom 1.1.1842 bis zu seinem Tode, 29.9.1847. Sein Nachfolger wurde am 1.12.1847 Wilhelm Johann Berendt Dreves, geboren zu Bega am 4.7.1819. Er starb hier am 3.9.1862 [Fußnote: In seine Amtszeit fallen die unruhigen Tage der März-Revulotion von 1848, auf die ich in einem späteren Kapitel noch zu sprechen komme. Er war seit 1.4.1860 verheiratet mit Henriette Luise Holzkamp.]. Seine Enkel und Urenkel sind noch heute in Oerlinghausen ansässig. Gendarm Dreves galt als ein ruhiger, gewissenhafter Beamter, der in den 15 Jahren seiner hiesigen Tätigkeit sich manche Freunde erwarb und nur die Langfinger und Tagediebe als Feinde hatte. Ihm folgte am 10.10.1862 Johann Christian Konrad Grönewald, geboren am 28.1.1820 in Bösingfeld. Er wurde im März 1871 an das Hauptsteueramt Lemgo versetzt, ist in hohem Alter als Witwer und im Ruhestand nach Oerlinghausen zurückgekommen und starb hier bei seinem Sohne, dem Malermeister Hermann Grönewald, Marktstraße 1 im Jahre 1898.
Ihm verdanken wir einen tiefen Einblick in die Tätigkeit der Gendarmerie jener Tage, denn Grönewald hat von 1863 bis zu seinem Fortzug im Jahre 1871 über jeden Kontrollgang in seinem Bezirk genau Buch geführt.
Sein Bezirk umfaßte das alte Amt Oerlinghausen, das von Heipke bis Stukenbrock und von Asemissen bis Kachtenhausen reichte. Sein Enkel, Malermeister Hermann Grönewald, Marktstraße 1, hat mir diese Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt. Sie enthalten natürlich manches Unwesentliche. Ein Raub oder Mord ist darin nicht zu finden. Auch andere schwere Verbrechen hatte Grönewald - nicht aufzuklären, und es spricht für ihn, wenn er manche Übertretungen von "Ausländern" einfach dadurch erledigte, daß er die Deliquenten ohne Anzeige selbstständig über die Grenze abschob. Auslandsgrenze, das war für ihn die hohe Grenzsäule am Rollkrug oder der Grenzbach vor Stukenbrock oder der Grenzstein hinter Eckendorf oder in Dalbke.
Seine Uniform bestand aus einem dunkelgrünen Rock mit breiter goldener Tresse an Kragen und Ärmeln und aus grauer Hose. Bis 1866 war die Kopfbedeckung eine "Pickelhaube", d.h. ein hoher unförmlicher Helm mit langer Metallspitze. 1867 wurde der bequeme Tschako eingeführt.
Welcher Art waren nun die Delikte, die Grönewald zur Anzeige brachte? Da finde ich gleich zu Anfang folgende Eintragung:
"Carl Grote, Sohn des Metzgers Hermann Grote in Detmold, wurde von mir am 2 d. Mts. auf der Chaussee zwischen Helpup und Oerlinghausen bei dem Meilensteine 2,22 mit einem Hundefuhrwerk betroffen und hatte derselbe das Fuhrwerk während des Fahrens bestiegen. Wohllöblichen Amte ist am 3. d. Mts. Anzeige gemacht."
Es handelte sich also um Tierquälerei, die schon damals (1863) schwer bestraft wurde. Oder wir lesen:
"Am 5.II.1863: Elias Levi aus Soest wegen unbefugtem Handel arretiert. Ist mit 6 Thalern bestraft."
Ja, was tat denn auch ein ausländischer Händler in Lippe ohne Erlaubnisschein? Oder:
"Am 14.II.1863: Georg Hackmüller aus Churhessen (mit einer Frauensperson) bettelnd betroffen, hatte falsche Legitimation und stellte sich taubstumm. Erhielt 14 Tage Arrest im hiesigen Amtsgefängnis. Elisabeth Wernad aus Churhessen wegen mangelhafter Legitimation über die Landesgrenze gebracht."
Das wohl etwas unsaubere Paar wurde also unbarmherzig von Grönewald getrennt. Nun konnte Preußen sehen, wie es mit der Churhessin fertig wurde. Drei Jahre später wurden die Kurhessen Mußpreußen.
Unterm 5. März 1863 lesen wir folgende kurze Notiz:
"Johannes Feese arretiert, weil derselbe vor 1 Jahr im Amte Schötmar falsches Geld ausgegeben hatte."
Was besagt diese Eintragung? Hatte Grönewald endlich nach einem Jahr einen schlimmen Falschmünzer gefaßt? Keineswegs. Feese hatte nur Geld, das in Lippe keinen Kurswert mehr hatte, ausgegeben. Solch "falsches Geld" war so stark im Umlauf, daß die Kaufleute auf ihren Thresen diejenigen Münzen aufgenagelt hatten, die in Lippe ihren Kurswert verloren hatten, nur um vergleichen zu können, was falsch oder echt war. Wieviel fremdes Geld war aber auch gültig im Umlauf! Da gab es den süddeutschen Gulden, den braunschweigischen Kronenthaler, Speciegsthaler; man rechnete nach Reichsthalern (Rthl geschrieben), Gulden (äfl.), Gutengroschen (ggr), Groschen (gr), Mattiern und Pfennigen. 1 Thaler hatte 24 Ggr. oder 36 Groschen. 1 Gulden wurde zu 5 Rthl. 18 Gr. gerechnet, ein Dukaten zu 3 Rthl. 3 Gr. Louisdore, Dukaten und Kronenthaler sah man nur selten im täglichen Umlauf. Im allgemeinen haben wir es vor 1873 nur mit Reichsthalern, Gulden, Silber- oder Gutengroschen, Groschen und Pfennigen zu tun. Der Mattier war nur noch im Sprachgebrauch. Ein Mattierstuten kostete nach 1874 5 Pf.
Es war schon ein kompliziertes Rechnen, das jedermann, Kaufmann wie Gendarm vor allem, zu beobachten hatten. Ich besitze ein altes lippisches Rechenbuch für Volksschulen von Seminarlehrer Sprütten. Wenn ich darin blättere, so überkommt mich ein Grauen vor dem, was unsere Väter, Großväter und Urgroßväter als Schüler lernen mußten, wenn sie durch den Wust von Münzsorten, Längenmaßen, Gewichten (1 Pfd hat 32 Loth, 1 Loth hat 4 Quentchen) und Haspelarten hindurchfinden sollten.
Wenn wir nun in den Aufzeichnungen Grönewalds lesen:
"In der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1865 wurden gegen 2 Uhr folgende Personen beim Wirt Ortmann in Oerlinghausen beim Pochen - Spiel und Überschreitung der Polizeistunde betroffen: 1. Barbier Reuter [Fußnote: 1. Barbier Konrad Reuter, geboren Oerlinghausen 20.6.1801, gestorben 24.3.1878. Erster Barbier in Oerlinghausen.], 2. Ziegelmeister Carl Reuter [Fußnote: Ziegelmeister Carl Reuter, geboren Oerlinghausen 19.1.1825, gestorben 16.5.1893. Halbbruder meines Großvaters.], 3. Ziegelmeister Massolt [Fußnote: Ziegelmeister Massolt war Schwiegersohn des Barbier Konrad Reuter und ist nach U.S.A. ausgewandert.], 4. Leinen - Mangler C. Henke. Jeder mit 5 Thalern bestraft. 5. Wirth Ortmann wegen Duldung des Spiels 10 Rtl. Derselbe wegen Überschreitung der Polizeistunde 1 Gulden = 1 Rtl 3 Sgr. 4 g. 6. Carl Reuter, Heinr. Obermeier, Fritz Lepper wegen Überschreitung der Polizeistunde je / Gulden = 1 Rtl 20 Sgr.",
so waren das Strafen, die sehr weh taten, und es waren Einnahmen für die Amtskasse, wie sie nur selten vorkamen. Im allgemeinen hatte sich das Amt, das bis 1877 gleichzeitig Verwaltungs- und Justizbehörde war, nur mit leichten Vergehen zu befassen. So lesen wir bei Grönewald unterm 6. September 1864:
"Einlieger Berendt Berkemeier aus Asemissen wurde vonmir am 4. d. Mts. während des Gottesdienstes im Schenklokale des Schenkwirths Bornheim betroffen. Ist am 6. ejus. dem hiesigen Amte zur Anzeige gebracht."
Sowohl der Gast, wie auch der Wirt wurden bestraft, denn während des Gottesdienstes durfte sich niemand in der Wirtschaft aufhalten. Bornheim hat sich noch ein anderes Mal strafbar gemacht laut folgender Eintragung:
"Kaufmann und Schenkwirth Bornheim hierselbst wurde am 30. d.M. eingewrugt, weil derselbe am Sonntag, dem 28. ohne amtliche Erlaubnis Tanzvergnügen in seinem Hause veranstaltet hatte."
Wie haben sich die Zeiten geändert! Ich finde hier noch den alten Ausdruck "wrugen" für Klage, Anzeige. Das Wort ist inzwischen aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Es steht nicht mehr im Sprach - Brockhaus.
Am 13. Mai 1864 ist eingetragen:
"Auditor Melm, Apotheker Melm jun., Kaufmann L. Tölke, R. Busse, Max Dresel (Dalbke) und Meier zu Wrachtrup (Lämershagen) wurden am 11/12 um 12 Uhr in der Thermannschen Kegelbahn betroffen und dem Amte angezeigt."
Die Strafe ist nicht vermerkt, sie ging den Gendarmen schließlich nichts an. Grönewald tat nur seine Pflicht, selbst wenn der Auditor des Amts zu den Gesetztesübertretern gehörte.
Thermann war Besitzer des jetzigen Stadthotel, Hauptstraße 19. Die Kegelbahn lag im Hotelgarten zwischen Hermann- und Jägerstraße und bildet heute einen Teil der Möbelfabrik Fritz Heißenberg.
Den größten Teil der Eintragungen Grönewalds bilden kurze Notizen wie:
"H. Diekmann aus Holte wurde am 25 d.M. beim Kolon Orbke zu Bechterdissen bettelnd getroffen und dann daselbst über die Landesgrenze gebracht."
Wir sehen mithin, es waren keine wichtigen Dinge, die der Gendarm zu erledigen hatte. Auch kleine Diebereien sind nur selten vermerkt. Und wenn wir die Kontrollgangnotizen der nachfolgenden Gendarme durchsuchten, würden wir wahrscheinlich auf keine anderen Übertretungen stoßen. Ich habe die Grönewaldschen Notizen nur eingehender hier behandelt, weil sie uns einen Blick in die damaligen Zeitumstände gestatten. Seine klare und schöne Handschrift erleichterte das Studium seiner Aufzeichnungen. Die schöne Handschrift und sein gutes Deutsch waren vermutlich auch die Ursache seiner Berufung an das Hauptsteueramt Lemgo, wo er noch über 20 Jahre Dienst getan hat. Wir alten erinnern uns noch seiner markanten Person, wenn er, auf seinen schwarzen Stock gestützt, am Marktplatz an der Sonne saß. Er ist 78 Jahre alt geworden.
Nachfolger Grönewalds wurde Johann Friedrich Adolf Langewort, der aber nur 1 % Jahre hier war. Er war 1826 in Detmold geboren und starb 1902 in Bielefeld. Langewort wurde abgelöst durch Conrad Wellner, geboren 1.10.1839 in Niederschönhagen. Gendarm in Oerlinghausen war er von 1872 bis 1875. Später war er Gerichtspedell in Detmold.
Nach Wellner kam der uns Alten noch bekannte Gendarm Wilhelm Tente, geboren 1842 in Nienhagen. Er war 10 Jahre hier, von 1875 bis 1885, kam von hier nach Lemgo und wurde 1894 Oberwachtmeister des Oberwachtmeister - Bezirks Detmold, zu dem auch Oerlinghausen gehört. In dieser Eigenschaft sehen wir ihn häufiger wieder hier. 1908 trat er in den Ruhestand.
Dann kam 1885 der Gendarm meiner Kinderzeit: Bernhard Budde. Er war am 24.6.1854 in Oesterheide, Kreis Lippstadt, geboren, war kinderlos verheiratet mit einer zierlichen, ach, so gütigen und immer freundlichen Frau, die ihn oft bat, doch nicht zu streng zu sein. Zwar war bei uns Jungen der Schreckruf "Budde kommt!" eine beinahe alltägliche Angelegenheit. Aber wann hätten 10-14 jährige Jungens nicht etwas auf dem Kerbholz, das den Warnruf rechtfertigte [Fußnote: Vor einigen Tagen (Juli 1949) kam ich vom Lamback über die Hanegge und sah plötzlich wie 2 Jungens in einem Gehölz eiligst verschwanden. Sie hatten mich eher gesehen, als ich sie, und hatten offenbar Ursache, sich zu verstecken. Gott sei Dank, daß diese Art noch nicht ausgestorben ist.]. Irgendwo und irgendwann mußten wir doch immer das plötzliche Erscheinen des Gendarmen befürchten, sei es beim gefährlichen Schlindern in der Twete oder beim Gebrauch der Gummischleuder am Tönsberge oder beim Stickern auf der Hanegge oder beim Fischen im Dalbker Teich und dergleichen mehr. Und, eigenartig, Budde hat uns mehrfach überrascht; aber er hat uns manchen Streich verziehen und uns nie verpetzt. Trotzdem genoß er bei uns Jungen hohen Respekt und war bei unseren Eltern sehr beliebt. Als er Oerlinghausen 1897 verließ, wurde er Oberwachtmeister in Lemgo. 1912 war er noch im Dienst.
Nachfolger Buddes wurde Gendarm Fritz Graf, geboren 5.1.1854 in Bentorf. Er lebt heute (Juli 1949) noch 95-jährig in Pivitsheide. Graf galt als äußerst streng und hatte in Oerlinghausen nicht viele Freunde. Er war seit 4.11.1876 Soldat, wurde Kammerunteroffizier beim III/Inf. Reg. 55 in Detmold und konnte als Gendarm in Oerlinghausen den "Unteroffizier" nicht überwinden. Das war in Oerlinghausen nicht angebracht. Graf war äußerst gewissenhaft, aber kleinlich. Um 1910 wurde er nach Pivitsheide versetzt.
Ihm folgte Gustav Hummel, der aus Striegau in Schlesien stammte, wo er 17.2.1870 geboren war. Hummel war Unteroffizier beim Detmolder Bataillon und trat 1902 zur Gendarmerie über. 1914 bei Kriegsbeginn war er noch in Oerlinghausen. Sein weiterer Werdegang ist mir nicht bekannt.
Der gestrenge Gendarm während der Zwangswirtschaft des ersten Weltkrieges war Franz Strauss, geboren 20.2.1880 in Rosengarten, Kr. Randow (Ostpreußen). Wir müssen berücksichtigen, daß in Zeiten der Zwangswirtschaft, wo es um kleine Mengen Lebensmittel geht, die Stellung des Gendarmen höchst schwierig ist. Er kann in solchen Zeiten nicht viel Lorbeeren ernten. So wird mir dann erzählt, das Strauss manchen Verstoß bei Hausschlachtungen oder bei Einkäufen von Eiern und anderen Lebensmitteln zur Anzeige gebracht habe. Dagegen höre ich von mehreren Seiten, daß er viel taktvolles Verhalten gezeigt und über viele Verstöße großzügig hinweggesehen habe [Fußnote: Strauss war bis 1917 in Oerlinghausen und kam von hier zu der bekannten, wenig beliebten Kriegsinstitution, der L.W.G = Lippischen Wirtschaftsgemeinschaft in Brake bei Lemgo als Kontrolleur.]. Sein Nachfolger August Brandt war nur kurze Zeit bis 30.9.1918 hier.
Wir sind damit schon in eine Zeit geraten, die nicht weit genug zurückliegt, um über ihre Menschen ein objektives Urteil zu erhalten. Ich beschränke mich daher darauf, nur noch kurz zu erwähnen, daß auf Strauss im Jahre 1918 Wilhelm Schabbon [Fußnote: Schabbon trat ab 1.10.1924 zur Kriminalpolizei in Bad Salzuflen über und ist dort 1930 gestorben.] folgte. Er war 18.2.1879 in Bielefeld geboren und war vorher Gendarm in Silixen. Landrat Krieger - Schötmar nannte ihn ständig "Herr Jabon" in französischer Aussprache. Schabbon ist früh gestorben. Ihm folgte 1.10.1924 der noch unter uns, seit 1946 in Ruhestand lebende Fritz Neese [Fußnote: Neese ist am 22.4.1890 in Kohlstädt geboren. Er wurde am 31.3.1946 in den Ruhestand versetzt und zwar auf Geheiß der englischen Militärregierung. Er starb in Kohlstädt - Schlangen 1957.], den ich während meiner Amtszeit als einen ganz vortrefflichen Beamten und charaktervollen Menschen kennen und schätzen gelernt habe.
In diesem Kapitel will ich einen Beamten erwähnen, der zwar nicht zur Gendarmerie gehörte, aber ähnliche Funktionen auszuüben hatte; den Polizeidiener Fritz Müssmann. Er ist über 40 Jahre hier im Dienst gewesen. Sein Vorgesetzter war der Landrat in Schötmar. Sein Bezirk erstreckte sich über das alte Oerlinghausen, zu welchem folgende Gemeinden gehörten: Oerlinghausen (Dorf bis 1926), Heipke, Schuckenbaum, Leopolshöhe, Evenhausen, Greste, Bechterdissen, Asemissen, Mackenbruch, Währentrup, Wellentrup, Lipperreihe. In den meisten Fällen bestand seine Aufgabe im Botendienst zwischen dem Verwaltungsamt Schötmar und den einzelnen Gemeindevorstehern. Er mußte also gut zu Fuß sein, denn irgendein Fahrzeug stand ihm nicht zur Verfügung. In den letzten Jahren nur wurde ihm ein Fahrrad vom Verwaltungsamt gestellt. Er war sehr sparsam und konnte sich 1900 ein Haus bauen, Detmolder Straße 40. Er starb hochbetagt Ostern 1948.