Als Gendarm Grönewald in Oerlinghausen noch für Ordnung sorgte
Stadtgeschichte: Der Polizist war ein korrekter Gesetzeshüter. Ob Unzucht, Diebstahl, oder Bettelei. In seinem Polizeibuch listete er alle Straftäter von 1864 bis 1870 auf
[Bild: Die Oerlinghauser Dorfgendarmen Neese (l.) und Dreischmeier sind spätere Nachfolger von Gendarm Konrad Grönewald in den 1930er Jahren. Gegenüber vom Stadthotel im Amtsgericht lag ihre Polizeiwache. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]
Oerlinghausen. Konrad Grönewald wäre ein unbekannter Oerlinghauser Gendarm geblieben - wenn er sich nicht mit seinem „Dienstjournal“ selbst ein Denkmal gesetzt hätte. Sein Protokollbuch dürfte die präziseste Kriminalstatistik des alten Oerlinghausens sein. Jedes Verbrechen und Vergehen von 1864 bis 1870 listete der lippische Gendarm im Amte Oerlinghausen genau auf. Grönewalds „Diebstähle und sonstige Exzesse“ vermittelt einen erstklassigen Einblick in kleine Gaunereien, Bettelei und unsittliches Verhalten, die er dem „Wohllöblichen Amt“ zur Anzeige brachte.
Nächtliches Schwärmen
Oerlinghausen war ein kleines, ruhiges Bergdorf vor 150 Jahren, bei weitem kein Ort für Kriminalität und Verbrechen. Und so zeigt Gendarm Konrad Grönewalds Polizeibuch im Prinzip nur kleinere Vergehen und Straftaten auf. Bettelei, Vagabundieren oder „nächtliches Schwärmen“ waren im Dorf an der Tagesordnung. Unliebsame Personen schob er einfach ab nach Preußen. „Johann Frese und Wilhelm Emde aus Neudorf (Fürstenthum Waldeck) wurden von mir bettelnd betroffen und am 17.3.1864 bei Eckendorf über die Landesgrenze transportiert“. Oder: „Schlossergesell Böker beim Schlossermeister Moritz hierselbst wurde am 18. Juli nachts um 11.30 wegen Trunkenheit und Ruhestörung arretiert und ans Amtsgefängnis abgeliefert.“ Eine Anzeige und eine Strafe von zwei Silbergroschen erhielt der „Apothekergehülfe Balltauf bei Apotheker Melm hierselbst“, weil er am 11.9.1868 nächtlich randaliert und „beim Straßenunfug betroffen wurde“.
Bei Unzucht - oder was man damals dafür hielt - schritt Grönewald natürlich auch ein und verhaftete schon mal einen nächtlichen Liebhaber ohne gültigen Ausweis: „Schneidergesell Arnold Winkler aus Bielefeld wurde von mir am 11.5. abends um elf Uhr arretiert, weil derselbe ohne Legitimation bei der Witwe Brinkmann hierselbst betroffen wurde“.
Liebe zu dritt ist ein Vergehen
Auch bei Liebe zu dritt im März 1865 wanderte einer der Teilnehmer ins Gefängnis: „Der Schneider Büker aus Senne, welcher im vertrauten und verbotenen Liebensverhältnisse mit der Witwe Windmann lebt, wurde gemeinschaftlich mit H. Blome in der Nacht 15./16. bei Letzterer betroffen, arretiert und an das Amtsgefängnis abgeliefert“.
Dienstmagd mit unzüchtigem Lebenswandel
Zwei Jahre später notierte der Gendarm: „Die Dienstmagd Wilhelmine Gerke aus Senne wurde von mir zur Anzeige gebracht, weil sie einen unzüchtigen Lebenswandel führt“. Doch es waren vor allem kleinere Diebstähle, die Grönewald zu bearbeiten hatte: „In der Nacht vom 10./11. dieses Monats sind dem Schuhmacher Helmich zu Leopoldshöhe verschiedene Gegenstände wie Betten, Wäsche, Leder, Speck und Würste mittels Einsteigen in ein offengelassenes Fenster gestohlen worden“.
Ein Diebstahl auf dem Friedhof galt als schweres Delikt: „August Steinkamp aus Leopoldshöhe wurde von mir arretiert und ans Amtsgefängnis abgeliefert, weil derselbe auf dem hiesigen Todtenhofe Blumen abgepflückt hatte“. Auch Ladendiebstahl mit einer wilden Flucht gab es in Oerlinghausen: „Am 10.12. ist dem Kaufmann Isaak Meyer ein Rest halbwollen Zeug im Werthe von 6 Reichstalern aus dem Laden gestohlen worden. Der Thäter Gottlieb Wiese aus Ubbedissen ist von Meyer auf der Straße ertappt und das Zeug wieder abgenommen worden. Er hat sich dann gewaltsam losgerissen und die Flucht ergriffen. Wohllöblichem Amt ist Anzeige gemacht und die Untersuchung an die königliche Staatsanwaltschaft zu Bielefeld übergeben“.
Diebstahl von fünf Pfund Rindfleisch
Auch im Oerlinghauser Fleischereiladen fand ein Diebstahl statt, den Grönewald aber schnell aufklären konnte: „Dem Metzger Kronshage hierselbst sind 5 Pfund Rindfleisch aus dem Laden gestohlen worden. Die Thäterin wurde von mir sogleich in der Johanne Reumann, Tochter des Einliegers (Mieters) Wilhelm Reumann aus Asemissen ermittelt. Ist mit 3 Tagen Amtsgefängnis bestraft worden“. Eine „schwere Straftat“ ereignete sich in Mackenbruch. „Der Einlieger H. Rottschäfer wurde am 19.7.1867 zur Anzeige gebracht, weil derselbe eine Ziege 2 mal verkauft hatte. Ist zu 8-tägiger Amtsgefängnisstrafe verurtheilt“.
Meldung ans Hochfürstliche Gendarmerie Commando
Eine Messerstecherei notierte Gendarm Grönewald im November 1868. „Der Ziegler Wilhelm Quakernack aus Preußisch Senne wurde an das Amtsgefängnis abgeliefert, weil derselbe dringend verdächtig war, den Wollgarnhändler Fr. Kirchhoff aus Lemgo durch einen Messerstich verwundet zu haben.“ In Anbetracht der Schwere der Tat machte er sogar dem „Hochfürstlichen Gendarmerie Commando“ eine Meldung. Und persönlich übergab er den Messerstecher dem Detmolder „Criminalgericht“.
Auch die ersten Verkehrsunfälle beschäftigen den peniblen Gendarm. „Fritz Schuhmacher aus Wistinghausen wurde dem wohllöblichen Amt zur Anzeige gebracht, weil derselbe in der Nähe des Scheerenkruges dem Geschäftsreisenden Adolph Wellenbrock aus Bremen nicht gehörig ausgewichen war und dadurch des Letzteren Wagen beschädigt hatte“. Ein Verkehrsvergehen beging auch „Metzger Kronshage, hierselbst, weil er während des Fahrens sein ,Hundefuhrwerk‘ bestiegen hatte“. Die saftige Strafe: 15 Silbergroschen.
Bei vielen Vergehen war offenkundig Alkohol im Spiel. Der Tambour (Trommelspieler) Brokmeier und der Einlieger Sprick aus Müssen hatten sturzbetrunken durch „Trommeln und Pfeifen mehrere Bewohner von Wellentrup und Mackenbruch in Angst und Schrecken versetzt“ und erhielten eine höhere Geldstrafe aufgebrummt. Mit einer scharfen Verwarnung kam hingegen der Einlieger Grabbert davon: „Er wurde auf der hiesigen Straße in total betrunkenem Zustand betroffen und arretiert.“
Im Oktober 1870 endeten die Polizeiberichte von Konrad Grönewald. Der Grund lag offenbar darin, dass man einen so korrekten Beamten auch in höheren Ämtern gut gebrauchen konnte: Er wurde im Jahre 1871 ins Hauptsteueramt nach Lemgo versetzt. Grönewald starb 1898 mit 78 Jahren, nachdem er die letzten Lebensjahre im neuen Haus seines Sohnes, dem Malermeister Hermann Grönewald an der Oerlinghauser Marktstraße 1 gewohnt hatte.