Wie die Naturfreunde ihr Haus an die Nazis verloren
Im sogenannten
Adolf-Hitler-Heim liefen Parteischulungen, später verlebten sudetendeutsche
Kinder hier die Ferien
[Bild: Postkartenidylle:
Aus den 1950er Jahren stammt die Ansichtskarte des Bielefelder Naturfreundehauses.
Der Erweiterungsbau am Gebäude entstand bereits 1952. | © Repro: Horst Biere /
Quelle: Arc]
Oerlinghausen. Sie nannten
sich Touristen, als eigentlich noch niemand eine Reise unternahm. Und sie
gingen auf große Fahrt, als kaum jemand freiwillig seinen Wohnort verließ. Im
Juli 1912 gründete sich in Bielefeld eine neue Ortsgruppe des „Touristenverein
Die Naturfreunde". Die Naturfreunde waren seinerzeit eine recht junge
deutschlandweite Vereinigung, die aus der Arbeiterbewegung hervorging. Ihre
erste „Berghütte" legte die Bielefelder Ortsgruppe nur einen Tagesmarsch
entfernt an: Am Oerlinghauser Tönsberg entstand ein kleines Fachwerkhaus. Das
erste Naturfreundehaus der Region öffnete am Himmelfahrtstag 1914.
Doch der Beginn stand unter
keinem guten Stern, denn im Herbst begann der Erste Weltkrieg. An unbeschwertes
Wandern, flackerndes Lagerfeuer und Stimmung beim Hüttenabend war nicht mehr zu denken. Dafür aber die
Einquartierung von Soldaten auf Genesungsurlaub, Erholung für Kriegsinvaliden,
Nutzung durch das Militär.
[Bild: Bonzenparade:
Nach 1936 übernahm die Oerlinghauser SA-Ortsgruppe das Naturfreundehaus. In der
Mitte in Zivil: Bürgermeister Friedrich Möller, den die Nazis von 1933 bis 1945
ins Amt eingesetzt hatten. | © Repro: Horst Biere /Quelle: Arch]
Die sogenannten goldenen
Zwanzigerjahre gehörten zu den Blütezeiten der Naturfreundebewegung. Das
Oerlinghauser Naturfreundehaus stand im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen.
Erste Heidefeste und Zeltlager sorgten für viel Trubel. Hunderte von Besuchern
trafen sich an Wochenenden hier, um gemeinsame Wanderungen oder Fahrten durch
ganz Ostwestfalen und das Weserbergland zu unternehmen. Das kleine Fachwerkhaus
bot aber nur wenigen Schlafplätzen auf Strohsäcken und platzte bald aus allen
Nähten.
Naturfreunde tricksen die
Nazis aus
Im Herbst 1928 fiel der
Beschluss: Wir bauen ein neues Haus. Viel Eigenleistung, ganz viele kleine
Spenden und noch mehr Engagement führte dazu, dass bereits Ostern 1930 ein
neues Haus eingeweiht werden konnte. 72 Betten und 82 Matratzenlager standen
nun den Wanderern neben Wirtschafts- und Sanitärräumen zur Verfügung.
Doch die Freude währte nicht
lange. Die Naturfreundebewegung passte den Nazis überhaupt nicht ins Konzept,
und sie machten kurzen Prozess. „Am 8. April 1933 wurde das Naturfreundehaus
illegal durch die SA besetzt" beschreibt die Chronik die heißen Tage
nach Hitlers Machtergreifung. Die Vereinsauflösung - das wurde allen schnell
klar - war nur noch eine Frage von wenigen Tagen. Um nicht auch noch das
Vereinsvermögen den braunen Machthabern in den Rachen zu werfen, tricksten die
Naturfreunde die Nazis aus. Eine richtig teure Vereinsfahrt mit vielen Bussen
nach Springe unternahm die ganze Ortsgruppe noch im Mai 1933. Dann war das Geld
aufgebraucht. Bei Zwangsauflösung des Vereins fiel den Nationalsozialisten nur
ein Sparbuch mit einem Minus von sieben Reichsmark in die Hände.
„Das Fliegerkorps der
NSDAP übernahm das Haus von den Naturfreunden", sagt Werner Höltke, der die Entwicklung in frühester Jugend miterlebt
hat. Doch es gab noch kein fließendes Wasser und keinen Strom. Das Wasser
musste in Eimern aus einem Brunnen herangeholt werden. Deshalb übertrug man
1936 der Oerlinghauser SA das ehemalige Naturfreundehaus. „Die örtliche SA
wandelte das neue Gebäude in eine Kreisleiterschule um und nannte es Adolf-Hitler-Heim",
erklärt Werner Höltke. Der „Gau Ostwestfalen-Lippe"
nutzte das Haus nun als politische Aus- und Weiterbildungsstätte für
Parteimitglieder.
Eine neue Situation trat ein,
als deutsche Soldaten im Jahre 1938 das Sudentenland besetzt hatten. „Nun
kamen auf einmal sudentendeutsche Kinder hierher nach Oerlinghausen und wurden
im Naturfreundehaus untergebracht", erinnert sich Höltke.
Man holte die Kinder für einige Wochen auf Erholungsurlaub „ins Reich".
Es war die Aufgabe der
Oerlinghauser Hitlerjugend, sich um die Kleinen zu kümmern. In den Familien der
Bergstadt sammelte man Spielzeug und Puppen für die sudentendeutschen Gäste.
Werner Höltke: „Ich war selbst dabei, um einige
Puppen im Heim abzugeben. Unterwegs kam jemand auf die Idee, die Puppen mit
kleinen Minifallschirmen einmal
probehalber den Steinbruch hinunter zu werfen". Ein Heidenspaß für die Oerlinghauser Jugend. Doch treu und brav
lieferten sie anschließend die leicht angeschmutzten Puppen im „Adolf-Hitler-Heim"
ab.
Waschkessel voll mit
Weißkohl, Rotkohl und Kartoffeln
Bis zum Kriegsende stand das
Haus unter der Regie der SA. Dann, nach der Befreiung, übernahmen die
Naturfreunde wieder ihr angestammtes Haus. Erste Wiedersehenstreffen fanden
recht bald statt. Als besonderes Highlight erwähnt die Chronik schon 1947 ein großes
Kinderfest am Naturfreundehaus. In einem ringsum gelegenen Zeltlager konnten
die Bielefelder Familien übernachten. Die Ernährungsfrage bildete das größte
Problem. „Riesige Waschkessel voll mit Weißkohl, Rotkohl und Kartoffeln
kochte man im Haus. Die Zutaten hatte man zuvor bei den Bauern der Umgebung
zusammengeschnorrt", heißt es in den Beschreibungen.
Auch Wandergästen und
Spaziergängern stand das Haus ab dieser Zeit wieder offen. „Man konnte
damals sogar schon wieder einen Tasse Kaffee nach dem Sonntagsspaziergang
bekommen", erinnert sich Werner Höltke, „allerdings
noch keinen Bohnenkaffee, nur Muckefuck." Doch es ging aufwärts. Für
viele Jahrzehnte bildete das Naturfreundehaus der Bielefelder Ortsgruppe eine
beliebte Wochenendherberge und auch liebgewonnenes Urlaubsdomizil in eigener
Regie. Und das Naturfreundhaus heute? „Ein kinderfreundliches Ferienheim mit
heimeliger Atmosphäre für Selbstversorger. Geeignet ist es für Familien,
Gruppen mit Kindern oder Senioren. Es sind Kurzurlaube und Ferienaufenthalte
ebenso möglich wie Seminare und Tagungen", heißt es in einer
bebilderten Broschüre.