Wohin nur mit den vielen Toten?

Stadtgeschichte

 

Der alte Friedhof an der Alexanderkirche war längst zu klein. Doch bis der Neue an der Rathausstraße genutzt wurde, vergingen zwei Jahrzehnte. Hella Sander recherchierte schier Unglaubliches.

[Bild: Die letzte Fahrt in der Bestattungskutsche. Im Jahre 1943 wird Adolf Karl August Büker zum Friedhof gefahren. In Begleitung seiner Feuerwehrkameraden der Freiwilligen Feuerwehr Oerlinghausen. | © User von Horst Biere]

Oerlinghausen. Das Problem mit den Oerlinghauser Toten stank zum Himmel -sprichwörtlich und auch sichtbar und riechbar. Damals, um 1840, lag der Friedhof noch unmittelbar an der Alexanderkirche, und er war total überfüllt. Denn nicht nur die Oerlinghauser Beerdigungen fanden hier statt, sondern auch die aus den umliegenden Dörfern wie Helpup, Greste, Ubbedissen oder Senne.

Aus allen Dorfschaften, die zum „Kirchspiel“ gehörten, transportierte man die Verstorbenen zur Beisetzung nach Oerlinghausen. Hella Sander recherchierte über die Friedhöfe der Bergstadt und stellte das Bestattungswesen der früheren Gemeinde in einem umfassenden Beitrag im Heimatverein vor.

[Bild: Hella Sander recherchiert in der Vergangenheit der Oerlinghauser Friedhöfe - und deckt abenteuerliche Missstände auf. | © Horst Biere]

„Im Jahre 1835, zur Amtszeit von Pastor Hildebrand, schrieben die Kirchendeputierten Löwe aus Greste und der Meier zu Menkhausen an das ,Hochfürstliche Consistorium‘ in Detmold, das der Friedhof nicht mehr für einen christlichen Totenacker geeignet sei“, sagte Hella Sander. „Die vielen darüber führenden und mit Steinen überhäuften Wege, der Unrat, der aus den angrenzenden Häusern und Gärten darauf geworfen wird, das stete Weiden der Kühe und anderer Tiere machen ihn widerlich“, beschrieben die Kirchenvertreter den Zustand. Der Platz sei für eine so große Gemeinde viel zu klein. „Was die oft noch nicht verwesten und wieder ausgegrabenen Särge und Totengerippe beweisen“, erläuterten sie. Das Geld war offenbar knapp in der Gemeinde, denn kurz zuvor - im Jahre 1832 - hatte man ein schönes, großes Pfarrhaus gebaut, in dem auch Pastor Hildebrand wohnte und das auch heute noch dort steht.

Die Klagen rissen nicht ab. Endlich, im Jahre 1845, wurde es auch dem Fürstlich Lippischen Consistorium, dem Kirchenamt, zu viel, und man beauftragte Pastor Volkhausen, den Nachfolger Hildebrands, sich um die baldige Anlegungen eines neuen Totenhofs zu kümmern.

Schließlich hatte Volkhausen selbst bei seinem Amtsantritt fast zehn Jahre zuvor, den Zustand des Friedhofs kritisiert und es als „Scandal“ bezeichnet. „Dass die Gräber schon nach einigen Jahren wieder geöffnet werden müssten und unverweste Leichname auf dem Kirchhof umhergeschlendert würden.“ Doch nun hatte es Volkhausen nicht so eilig mit dem Bau eines neuen Totenhofes. Er meinte, man könne ruhig alles noch ein bis zwei Jahre hinausschieben. „Viel wichtiger sei die Instandsetzung des Dachstuhls der Kirche und die dringende, Erbauung eines ‚Unterrichtslocals‘ für die Konfirmanden“, führte Hella Sander aus. Auch habe er, Pastor Volkhausen, noch nie einen Verwesungsgeruch gespürt, wenn man bei Beerdigungen den neuen Sarg unmittelbar neben den Nachbarsarg gesetzt habe. Der eigentliche Grund für Pastor Volkhausens Widerstand lag aber wohl darin, dass er ein stattliches Gebiet von seinem Gartenland für die Erweiterung abtreten sollte.

Erst im Jahre 1848 nach vielem Hin und Her zwischen der Kirchengemeinde und der Gemeinde Oerlinghausen fand man eine Alternative - ein neues, offenbar geeignetes Gebiet, den „Jagdstaken“. Das ist das Gelände, auf dem der heutige Friedhof an der Rathausstraße liegt. Doch als Erstes liefen die Ubbdisser und Helpuper Bürger Sturm gegen den geplanten Friedhof auf dem Jagdstaken. Die Begründung: der neue Totenhof sei viel zu weit von der Kirche und den christlichen Beerdigungsfeierlichkeiten entfernt. Wieder einmal wurde das Problem verschoben. Im selben Jahr hatte sich bereits die Gemeinde in Senne II von Oerlinghausen abgewandt und einen eigenen Friedhof gegründet. Doch erst im Jahre 1853 kam Bewegung in den Totenhof-Streit. Denn in jenem Jahr, als bereits Pastor Weerth sein Amt angetreten hatte, trafen sich die Dorfschaften Währentrup, Wellentrup, Kachtenhausen, Kachtenhauserheide, Gresterlake, Osterheide und Mackenbruch nochmals. Sie wollten jetzt einen eigenen Kirchhof für 2.400 Seelen in der Nähe der Helpuper Schule bauen.

Nun reagierte die Kirchengemeinde Oerlinghausen. Endlich erfolgte der Beschluss, dass der Jagdstaken, der heutige Friedhof, die unhaltbaren Zustände an der Alexanderkirche verbessern sollte. Hella Sander sagt: „Am 16. Juni 1854 wurde in der Küsterschule mit 19 gegen 4 Stimmen vom Kirchenvorstand beschlossen, den Jagdstaken als neuen Begräbnisplatz zu nehmen - aber nicht vor Beendigung der Ernte zu nutzen. Die bisherigen Erbbegräbnisse an der Kirche sollten vorerst noch bestehen bleiben.“ Die Besitzer der Erbbegräbnisse nämlich waren es vor allem, die den Bau eines neuen Friedhofs verhindert hatten. Und ein weiteres halbes Jahr verging.

Erst als der Totengräber ein Machtwort sprach und sagte, er würde nicht mehr auf dem alten Friedhof die Gräber ausheben, ging der neue Friedhof endgültig in Betrieb. Im Dezember 1854 schrieb Pastor Weerth an das Fürstliche Kirchenamt: „Es geruth mir zu einem großen Vergnügen, Hochfürstlichem Consistorium die gehorsamste Anzeige machen zu können, dass am heutigen Tage, nachdem der Platz planiert, und mit einer vorläufigen Einfriedung versehen war, der neue Totenhof feierlich eingeweiht ist.“