Unsere reformierte Kirche

 

Unsere schöne reformierte Kirche gehört mit zu den ältesten des Landes. In einer Urkunde vom Jahre,1213 wird sie bereits erwähnt. Im Turme ist neben dem Treppenaufgang sogar die Jahreszahl 1114 eingemeißelt. Im Jahre 1203 wird in einer Urkunde erzählt, daß Oerlinghausen der Sitz eines Archidiakonats war. Mit anderen Worten: sie spielte für das geistige und wirtschaftliche Leben der damaligen Zeit eine wichtige Rolle. Einige Jahre später, es war 1231, teilte man Oerlinghausen dem Archidiakonatsbezirk Lemgo zu. — Es wird erzählt, daß ein Teil der Kirche im Jahre 1509 ein Raub der Flammen geworden ist. Die Kirche wurde durch Erweiterung des Chores vergrößert. Die in den Südpfeiler des Chores eingemeißelte Zahl 1511 bezeugt, daß der Erweiterungsbau in diesem Jahre vollendet wurde. — Den Jungen unserer Gemeinde bereitete es von jeher Vergnügen, den Turm, wenn „die Lust rein war“, zu ersteigen. Ich darf wohl annehmen, daß fast alle männlichen Oerlinghauser in ihrer Jugend sich dieser Kletterübungen unterzogen haben. Nur nicht alle werden so hoch gekommen sein, wie Freund Heinrich. Als im Jahre 1931 Dachdeckerarbeiten am Turm vorgenommen werden mußten, und ich den Plan faßte, dafür Sorge zu tragen, daß nun auch der Kirchhahn neu vergoldet würde, erzählte mir Heinrich am Fuße der Kirche folgende niedliche Geschichte, die ich den Lesern nicht vorenthalten möchte. Bemerkt sei noch, daß ich dieselbe Geschichte bereits mit etwas Umgestaltung im „Teutoburger Wald und Weserbergland“ im September-Heft 1933 schon veröffentlichte.

„Ich war damals 13 Jahre und besuchte die Rektorschule. Eines Tages gab es ein heftiges Gewitter, nicht in der Schule, etwa von wegen Schwänzen, Mogeln etceterapepe, sondern draußen. Im allgemeinen war uns eine derartige Unterbrechung des Unterrichts nicht unangenehm. Aber dieses Mal war's fürchterlich. Blitz folgte auf Blitz und Donner auf Donner. Plötzlich ein entsetzlicher Knall. „Es muß unbedingt in den Kirchturm eingeschlagen haben“, sagte unser Rektor, der sich in Schlägen auskannte. Da gab es kein Halten mehr! In wilden Sprüngen eilten wir zum Kirchturm und starrten zum Hahn hinauf. Und tatsächlich! Die eine Stange am Kreuz war verbogen, die Kugel wies eine große, von unten deutlich sichtbare Beule auf, und im Dach sah man zahlreiche Löcher.

Das war vermutlich für die Kirchengemeinde unangenehm, für die es nun hieß: „Zahlen muß sie!“. Aber wir Jungen hatten ungemischte Freude, als die Dachdecker und Lücking aus Lage anrückten, um die Schäden auszubessern. Denn nun gab es viel zu sehen, aber auch allerlei zu tun, wie wir gleich sehen werden.

Eines Mittags, als wir uns wieder auf dem Kirchplatze versammelt hatten und unter dem Einflusse einer gehörigen Portion von großen Bohnen mit durchwachsenem Speck besonders tatendurstig waren, drangen wir in den Turm ein. Die Dachdecker, die im allgemeinen auf unsere Mitarbeit bedauerlich geringen Wert legten, ließen dies ruhig geschehen. Sie pennten nämlich geruhsam, im Schatten der Friedhofsmauer.

Was uns in dem Turme zunächst auffiel, war der Strick der Betglocke, und Männe, der etwas dösig war, streckte schon die Hand nach dem Strick aus, vermutlich weil wir gerade in der Schule gelernt hatten:

„Da zerret an der Glocken Strängen

Der Aufruhr, daß sie heulend schallt

Und, nur geweiht zu Friedensklängen,

Die Losung anstimmt zur Gewalt.“

Wir machten ihm aber mit einigen Püffen klar, daß es mit unserem Unternehmen aus sein würde, wenn wir auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf uns lenkten. Die Knüffe halfen auch; statt der Betglocke heulte Männe, aber nur leise, während wir emsig nach einem Versteck für den Turmschlüssel ausspähten, da wir uns auf alle Fälle den Rückzug sichern wollten.

Nachdem diese Sicherheitsmaßnahme getroffen war, eilten wir die gewundene Treppe hinauf, aber nicht ohne den Blasebalg einer Besichtigung zu unterziehen. Gelegentlich sahen wir auch durch ein Fenster, um zu sehen, ob die Luft rein war. Sie war rein, und deshalb gingen wir nunmehr an die Bezwingung der Zwölf-Meter-Treppe. Das war nicht ganz einfach; aber dann kamen wirklich sehr bedenkliche Leitern. Unserer Kletterkunst widerstanden jedoch auch diese nicht. „Und, wie das mit Recht geschieht — auf die Kunst folgt der Profit. “ Das war in unserem Falle eine wunderbare Aussicht, die uns aber nicht zu lange festhielt. Uns lockten die letzten Leitern, die immer steiler wurden; als erster streikte Adolf, ihm folgte Männe am obersten Fenster. Aus dem wollte er auf keinen Fall hinaus! Ich aber sagte mir, daß ich vermutlich nie wieder Gelegenheit haben würde, mit dem Turmhahne nähere Bekanntschaft zu machen, und beschloß deshalb, die Gunst der Stunde auszunutzen. Schwindelfrei war ich ja, wenigstens in eigentlicher Bedeutung. Vorsichtig schob ich den Kopf durchs Fenster und musterte die ganze Umgebung. Lange Taue, mit Sitzbrettern versehen, hingen am Dach herunter. Es waren Flaschenzüge, mit denen sich die Dachdecker bequem auf- und ablassen konnten. Gleich neben dem Fenster gewahrte ich eine Leiter, die an einem Haken unterhalb der Kugel befestigt war. Vorsichtig, aber mit sicherer Hand ergriff ich mit der Rechten ein Tau, schob den. Oberkörper durchs Fenster und klammerte mit der Linken eine Sprosse der Leiter, setzte erst den rechten und dann den linken Fuß auf die unterste Sprosse, schaute nach meinem Ziele in schwindelnder Höhe und kletterte dann, meinen Leib auf die Leiter gepreßt, langsam, aber sicher empor. So ganz gemütlich war mir allerdings nicht mehr zumute, zumal die Kugel mir zu breit erschien und der Hahn sich hin- und herbewegte. Nach unten mochte ich auch nicht sehen. Rufe wie: „Gleich ist er da“; „Heiner halt dich fest!“; „Heiner komm wieder herunter!“; „O Gotte, wer sitzt denn da oben unter der Kugel!“ drangen zu mir herauf. Auf einmal wurde mir ganz schwiemelig! Langsam, immer den Kopf nach oben, mit den Füßen tastend und mit den Händen die Sprossen krampfhaft umfassend, schob ich meinen Körper auf der Leiter hinunter, erreichte mit vieler Not das obere Dachfenster und . . . fühlte mich als Held des Tages, als ich wieder innerhalb des Turmes war! Meine Freunde, Männe und Adolf, standen da unten und klatschten andauernd in die Hände, ob des gelungenen Kletterkunststückes.

Und wer stand neben Männe? Tante Pauline, die sich emsig die Tränen von den Wangen wischte. Waren es Tränen des Stolzes, einen so hochstrebenden Neffen zu haben? Ich konnte die Frage nicht entscheiden, da in diesem Augenblicke eine weitere Persönlichkeit auftauchte, mein Vater! Und er war nicht allein. In seiner Begleitung befand sich das fatale gelbe Stöcklein. Was waren das für Zeiten! Ich hielt doch zweifellos einen Höhenrekord, denn die Dachdecker kletterten ja außer Wettbewerb; Professionale nennt man so was heute, glaube ich. Anstatt dies anzuerkennen und durch eine Plakette zu belohnen, wie das jetzt gern und oft geschieht, trat tatsächlich das fatale gelbe Instrument in Tätigkeit, glücklicherweise erst, als wir unter vier Augen waren. Na, irgendwelche Komplexe scheint die Sache bei mir nicht hinterlassen zu haben. Wenigstens fühlte ich keine Spur von Manko mehr.

Ich sprach oben schon einmal von der Vergoldung des Kirchhahnes. Im August 1931 wandte ich mich in einem Schreiben an die Bewohner des Ortes mit der Bitte, zu der Vergoldung des Kirchhahns beizusteuern. Im Laufe eines Nachmittags waren rund 120 Reichsmark gestiftet. Es konnte dann nicht nur der Kirchhahn mit echtem Blattgold versehen werden, sondern auch das Gestänge wurde gestrichen. Das Abholen und das Wiederhinaufbringen des Wetterhahnes wurde allen Oerlinghausern zum Erlebnis. Die Vergoldung nahm Malermeister H. Lohweg vor. Nachdem der Hahn mit einer Schleife der lippischen Farben geschmückt war, trugen ihn Schulbuben durch die Straßen der Stadt. — An Sehenswürdigkeiten bietet die Kirche eine schöne Barockorgel, wundervolle Chorfenster und die alte bronzene Glocke im Turm.

Der Umbau des Turmes wurde im Jahre 1878 vollendet. Das Geläut der Kirche bestand aus drei alten Bronzeglocken. Durch die Länge des Weltkrieges wurde die Abgabe von zwei Glocken erforderlich. Die älteste der Glocken, im Jahre 1547, ein Jahr nach Luthers Tode gegossen, blieb uns erhalten.

Die Inschrift lautet:

Sanderus hete ick,

de levendigen rope ick,

de doden beschrie ick,

deme donder sture ick,

johan ahues de goet mick

anno domini MCCCCCXLVII

v. d. m. i. e. (Verbum Domini manet in aeternum)

Zum Gottesdienst wurde die alte Bronzeglocke zum letzten Male am Sonntag, dem 24. Februar 1924, geläutet und am Dienstag, dem 26. Februar 1924, aus dem Glockenstuhl ausgebaut. Als eine der ältesten Glocken des Landes wird ihr der gebührende Ehrenplatz im Glockenstuhl wieder angewiesen werden und ihr schöner Klang noch oft alt und jung erfreuen.

Die neuen Stahlglocken wurden am Mittwoch, dem 23. Januar 1924, nachmittags, in feierlichem Zuge von der Bahn eingeholt, am Dienstag, dem 18. März 1924, vormittags, wurde die kleine Glocke auf den Turm gezogen, am Nachmittag desselben Tages folgte die große, die mittlere wurde am Mittwoch, dem 19. März, vormittags, aufgebracht, und am Sonntag, dem 23. März, zur Prüfung der Konfirmanden, wurden die drei neun Glocken zum ersten Male geläutet:

Inschriften und Gewichte der Glocken.

Jede der 3 Glocken trägt oben, in Kranzform, die Inschrift: „Gegossen vom Bochumer Verein in Bochum 1923. “

Die große Glocke hat einen Durchmesser von 178 Zentimeter, wiegt 2450 Kilo 49 Zentner (ohne Klöppel). Inschrift:

Die Bronzeglocken nahm der Krieg

Für Heimat, Ehre und den Sieg.

Die mittlere Glocke hat einen Durchmesser von 150 Zentimeter, wiegt ohne Klöppel 1405 Kilo — 28,10 Zentner. Inschrift:

Umsonst war Leid und Opfertod

Das Volk zerbrach in Hungersnot.

Die kleine Glocke hat einen Durchmesser von 138 Zentimeter, wiegt 1092 Kilo — 21,84 Zentner (ohne Klöppel). Inschrift:

Bring, Herr, das Volk durch schwere Zeit

Laß es erstehn in Einigkeit

Das Gesamtgewicht der 3 Glocken, einschließlich der Klöppel, beträgt 6470 Kilo 129,40 Zentner.