Geschichte und Kirchengeschichte
Oerlinghausen wird zuerst erwähnt in einer Urkunde vom 25. Mai 1036. Über diese Urkunde heißt es in den von Falkmann und Preuß herausgegebenen "Lippischen Register" unter Nr. 35:
Bischof Meinwerc von Paderborn stattet das durch ihn gegründete Kloster Busdorf an der Ostseite von Paderborn mit dem ihm gehörenden Zehnten von 17 Haupthöfen (curtes dominicales) und 71 dazugehörenden Vorwerken - vorewere - aus, worunter auch folgende genannt werden : Barchusen (Barkhausen) mit den 5 Vorwerken Orlinchusen, Meginchusen, Burchusen, Hepyn (Heepen bei Bielefeld) und Ykamaninctorp (Eckendorf); außerdem schenkt er dem Stifte noch den Zehnten über das Vieh und die Bienenstände in der Sinatha (Senne). [Fußnote: Erhard, reg. hist. westf. I cod. dipl. Nr. 217. Aus einem alten Güterverzeichniss verglichen mit dem Kopialbuch des Stiftes Busdorf; Schaten, annal. Paderb. I p.498, unvollständig und fehlerhaft. Falke, cod. trad. Corb. p.461. Richtiger. Zeitschrift f. vaterl. Gesch. IV. S.115. Fehlerhaft. Cf. Vita Meinwerci bei Pertz, monum. XIII p.159, Nr.217. Mit mehrf. Abweich. in d. Namen. Vgl. Über die beiden früheren Paderborner fflmter Barkhausen und Greste, welche erst 1607 u. 1612 völlig auf Lippe übergingen...: Chr. Antze im "Lipp. Magazin VII, Nr.1 ff.]
So kamen die Paderborner Mönche nach Oerlinghausen, um ihren Tribut zu holen. Ich stelle mir gern vor, wie die ersten Mönche nach mühsamer langer Sennewanderung ermattet hier oben ankamen, wie sie dann von der Höhe auf das liebliche Bild zu ihren Füßen, auf den Laubwald, auf die fruchtbare Ebene des Hafergaus [Fußnote: "Hafergau", so hieß das Land nördlich des Tönsbergs. Wir wissen es aus einer alten Urkunde vom 2. November 1031, wonach der große Meinwerk von Paderborn den Hof im Harergo dem Kloster Abdinghof bei Paderborn schenkte. Daß das Kolonat Harergo Nr.4 in Wellentrup hiermit gemeint ist, ergibt sich aus einem Güterverzeichnis des Klosters Abdinghof aus dem 14.Jahrhundert, außerdem daraus, daß dies Kolonat noch bis 1870 nach dem Salbuche an das Kloster Abdinghof 24 Schf. Korn zu liefern hatte. Vgl. Lipp. Regesten, Nr.34. blickten und dann entzückt ausriefen : "Hier ist's gut sein, hier laßt uns Hütten bauen !".]
Sie werden nicht lange gezögert haben mit dem Bau einer Kapelle, dessen Glöcklein nach allen Seiten hin zu hören war. In unserer Kirche steht im Schlußstein des Gewölbes vor dem Chor die Jahreszahl 1114. Das sind nur 78 Jahre nach der Schenkung des Vorwerkes Oerlinghausen an Busdorf, und es ist nicht ausgeschlossen, daß zu dieser Zeit die Kirche an Stelle einer älteren Kapelle erbaut worden ist. Urkundlich zuerst erwähnt wird die Kirche zu Oerlinghausen zur Zeit der Regierung des Bischofs Bernhard III von Paderborn (1203 bis 1215). Sie ist in ihrer jetzigen Gestalt ein schlichter, aber reiner und schöner dreischiffiger Bau der spätgotischen Zeit. Außen an einem Chorpfeiler (unter der Sonnenuhr) ist in gotischer Minuskel die Jahreszahl 1511 eingehauen, die wohl das Jahr des Umbaus oder der Erweiterung angibt. Ihr recht hohes Alter bezeugt der Name des Schutzpatrons der Kirche, des heiligen Alexander, dem in Niedersachsen nur sehr alte Kirchen geweiht sind. Der Umbau 1511 wurde von Paderborn aus besorgt, und es liegt kein Grund vor, zu bestreiten, daß man 1511 in Paderborn das Gründungsjahr der Kirche gekannt haben sollte, als man im Schlußstein
des Chorgewölbes die Inschrift "Jesus, Maria, Sanctus Johannes MCXIX (1114)" anbrachte. Urkundlich werden zu der Oerlinghauser Kirche 1203 Kachtenhausen, 1334 Werinctrop (Währentrup), 1481 Nidissen [Nidissen ist wohl ein Schreibfehler und muß wohl richtig Didissen heißen. Didissen ist die heutige Gemeinde Oldentrup im Amte Heepen.], 1462 Ebbinghaus (Kolonat in der Senne) und 1524 Ubbedissen gerechnet. Superintendent Weerth (geb. 24.9.1815 in Detmold, gestorben am 14.8.1884 zu Oerlinghausen) durch dessen eifrige Bemühungen die Kirche in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts restauriert und 1878 mit einem 68 Meter hohen Turm versehen wurde, schreibt einmal:
"Nun habe ich in dem jetzt ältesten Theile in der Nordwand des Thurmes etwa 8 Fuß unter dem Fußboden ein uraltes Kapitäl (oder auch vielleicht Säulenfuß) gefunden, welches dort mit vermauert war. Eine genaue Zeichnung von demselbigen sandte ich an Professor W. Lübke, welcher sich dahin äußert: "Das altertümliche Kapitäl - oder ist es gar ein Säulenfuß? - scheint mir noch in das 12. Jahrhundert zu gehören!" - Bei dem Sockel des Thurmes sind außerdem Stücke von Dachschiefer benutzt und in der Wand desselben vielfach behauene Sandsteinwürfel vermauert. Alles dies deutet daruf hin, daß vor dem jetzigen Gebäude schon ein älteres gestanden hat, weshalb man sehr wohl die Jahreszahl 1114 als richtige Zeitangabe für den ersten Bau annehmen kann." [Fußnote: Vergl. im übrigen Drewes, Geschichte der Kirchen, Pfarren etc. des Lippischen Landes, Lemgo 1881 S.117 ff.]
Da unsere Kirche schon früh eine gewisse Bedeutung hatte, geht auch daraus hervor, daß Oerlinghausen um 1200 Sitz eines Archidiakonats war. In den Lippischen Regesten heißt es unter Nr. 132:
"Bischof Bernhard III von Paderborn bekundet, daß die zur Domküsterei seines Stiftes eintragenden gehörenden jährlich 18 Denare Güter zu Kachtenhausen von dem jetzigen Custos mit seinen und seines Kapitels consens den Brüdern zu Waddenhart (Marienfeld) überwiesen worden gegen eine Abgabe von 2 1/2 solidis, welche jährlich zur Herbstzeit, cum Orlinchusen synodus celebratur, in cujus eclesiae parochia hic bona sita sunt, zu entrichten seien (d.h. wenn die Oerlinghauser Synode stattfindet, in deren Kirchsprengel diese Güter gelegen sind)." [Fußnote: Wilmans, Westf. Urk. Buch III A Nr.23. Nach dem Original. Mitteil. des histor. Vereins zu Osnabrück V. S.304. Die undatierte Urkunde muß nach Ausweis der Zeugenunterschrift des Domprobstes in die Zeit von 1203 - 1215 fallen.]
Dem hier genannten Kloster Marienfeld bei Gütersloh war 1185 auch die Kirche und der Meierhof Stapelage übereignet worden. Ferner heißt es in der Regeste Nr.151, Jahr 1299:
"Bernhard, Bischof von Paderborn bekundet, daß der Domküster Volrad dem Kloster Marienfeld gewisse zu seiner Stelle gehörende Güter in Kachtenhausen gegen eine an die Küsterei jährlich in der Kirche zu Oerlinchusen auf der Herbstsynode zu zahlende Abgabe von 3 Soliden schwerer Paderborner Münze überwiesen habe.
Zeugen: Bischof Adolf (von Osnabrück), die Domkanonischen Wigbold, Ulrich, Johann und Gerhard; Volkwin v. Schwalenberg und andere Act. 1219" [Fußnote: Wilmans, Westf. Urk. Buch III A Nr.141. Nach dem Original. Mittheil. des historischen Vereins zu Osnabrück V, S.303. Nach einem Marienfelder Copiare]
Der Vollständigkeit halber sei auch noch auf Nr.191 der Lippischen Regesten (Jahr 1230) hingewiesen, worin es heißt:
"daß der Domkapitel zu Paderborn einen Vergleich seines Thesaurars (Platzmusikers) bestätigt wegen gewisser Einkünfte seines Archidiakonats und zwar mit dem Abte Wigbold von Marienfeld. Es handelt sich um Gefälle aus Ohrsen (Amt Lage) und Billinghausen und Kachtenhausen (et de aliquod agris in Kachtenhusen ecclesiae Oerlinchusen pertinentibus VI modi siliginis, VI modi ordei et II moltia arent denter anmatin ejusdem ecclesiae sacerdoti). Zeugen sind Volkwein von Schwalenberg, Thetmar scholasticus, Hermann camerarius, Volkbert von Elsen, Ludolf cellerarius, Konrad thesaurarius, Ewerwin presbiter in Stapelage, Bertold plebanus in Oerlinchusen u.a. Actum anno 1230."
Siehe Wilmans, Westf. Urk. B. III A Nr.279. Nach dem Original mit den beiden Siegeln des Domkapitels und des Archidiakonats Oerlinghausen [Fußnote: Vielleicht läßt sich mal eine Photographie anfertigen von diesem ältesten Siegel mit dem Namen Oerlinghausen. In der Regel zeigen diese alten Siegel das Bild eines Bischofs mit dem Krummstab.].
So war durch den Kirchenbau Oerlinghausen schnell über den Charakter eines Hofes hinaus gewachsen, Schmied und Stellmacher siedelten sich an, Kötterstellen entstanden, und über allen waltete die milde Hand des Bischofs oder die strengere seines Beamten, des Amtsmeiers, dem die villicatio Oerlinghausen unterstand.
Da wurde im Jahre 1231 von Bischof Bernhard IV von Paderborn, der ein Sohn des Edelherrn Bernhard II zur Lippe war, eine Änderung der Archidiakonatsbezirke vorgenommen, wobei Oerlinghausen dem Archidiakonat Lemgo zugeteilt wurde. Wahrscheinlich hatte die kurz zuvor von Bernhard II gegründete Stadt Lemgo sich mit einer Mauer oder mit einer anderen Befestigungsanlage umgeben, hinter der sich die geistlichen Herren in dieser unruhigen, mit Fehden ausgefüllten Zeit sicherer fühlten als in dem ungeschützen Bergnest am Tönsberg. Oder der Bischof wollte als Sohn des Gründers dazu helfen, die Stadt Lemgo zu Mittelpunkt eines größeren Bezirks zu machen. Lemgo blühte dann auch schnell empor, wurde die bedeutenste Stadt des Landes und trat sogar der mächtigen Hanse bei; von Oerlinghausen aber hören wir in den folgenden Jahren nicht mehr viel. Es blieb das kleine Dorf am Tönsberg, das bei den häufigen Fehden des Mittelalters - als auch die Bischöfe Krieg führten - die Zerstörungswut der Feinde immer zuerst zu spüren bekam. Denn es lag da, wo vier Hoheitsgebiete zusammenstießen: Lippe, Rietberg, Ravensberg und das Bistum Paderborn.
Am Tönsberge heißt das Gelände zwischen der Jägerstraße und der Jugendherberge (Gegend um das Kolonat Hufendiek, Auf dem Berge Nr.7) noch heute "Burghagen". Wenn an dieser an sich hervorragend geeigneter Stelle jemals eine Burg gestanden hat, so kann es sich wohl nur um eine jener Holzburgen gehandelt haben, die in den Kriegen Heinrichs des Löwen, dessen treuer Freund der Lipper Bernhard II war, zerstört worden ist. Zu jener Zeit wurde ja auch die nahe Löwenburg - so genannt von Bernhard II zu Ehren seines oben genannten Freundes -zerstört, und Otto Weerth nimmt an, daß diese Burg auf dem nahen Hünensaut stand und der Gemeinde Lämershagen = Levensberghagen den Namen gab. [Fußnote: Otto Weerths Schrift über die Löwenburg befindet sich in der Landesbibliothek zu Detmold.]
Aus dieser Zeit möge auch eine Urkunde erwähnt werden, die zum ersten Male den Namen eines Bürgers von Oerlinghausen nennt. Es handelt sich um eine Urkunde vom 29. August 1261 (Nr.308 der Lipp. Regesten) geschrieben zu Lemgo, deren Inhalt uns nicht berührt; es ist darin die Rede von einer Schenkung an das Kloster Marienmünster apud Swalenberg.
Als Zeugen sind darin u.a. genannt: Konrad von Billerbike, Berthold von Nethe, Ludolf von Dalberne "dapiter noster" und Gottschalk "capellanus noster"; Ferner: burgenses vero Gerhard von Orlinchusen und Johann von Schwalenberg. Aussteller dieser Urkunde ist Bernhard III zur Lippe.
Nr. 327 der Lipp. Regester lautet :
Johannes Richter und die universitas seabinorum in Lemgo beurkunden, daß zwei Brüder Hermann und Konrad, genannt de Lippia, welche dem Abte zu Marienfeld einen Mansus in Huntinctorp - Hüntrup (Amt Lage) - stritig gemacht haben, gegen Bezahlung einer Mark auf ihre Ansprüche verzichten.
Zeugen: Ritter Heinrich von Summe, Gerhard von Orlinchusen, dessen Schwiegersohn Gerlach von Bielefeld, Johann von Odinchusen (Oetenhausen?), Otbert, Heinrich von Werther,
concives nostri [Fußnote: Kopie im Detmolder Archiv (Landesarchiv).]
Nach diesen Urkunden galten also die Oerlinghauser als Bürger des Landes Lippe? Oder gab es einen Gerhard v. Oerlinghausen, der Bürger der Stadt Lemgo war? In anderen Urkunden habe ich diesen Gerhard v. Oerlinghausen nicht mehr erwähnt gefunden. Jedenfalls scheint mir aus obigen Urkunden hervorzugehen, daß damals nicht der Bischof von Paderborn allein über unser Dorf verfügte, sondern das daneben ein Landesherr, eben der Edelherr zur Lippe, Hoheitsrechte hatte.
Wie haben sich doch diese Hoheitsrechte im Laufe der Jahrhunderte geändert und mit ihnen die Besitzrechte! Zur Zeit als die Römer Germanien sich untertan machen wollten, aber von Hermann, dem Cherusker vertrieben wurden, oder als Tacitus sein Werk Germania schrieb, da wohnten unsere Vorfahren abgesondert und zerstreut, wie dem Einzelnen eine Quelle, ein Feld oder ein Gehölz gefallen hat. Frei nach allen Seiten wollte er sein. Ein Sinn für Unabhängigkeit in Haus und Feld ist darin zu finden. Eine Vorliebe für diese Bauweise ist i n Lippe bis in unsere Tage wahrzunehmen.
Aber der Mensch kann den Menschen nicht entbehren. Auch der Germane schloß sich in seinen Sippen und in seinen Markgenossenschaften oder Hagengenossenschaften zusammen. Von diesen ältesten Gemeindeverbänden bieten sich uns in unserer Gegend noch manche Beispiele in Orts- und Personennamen. Hagemann, Hagemeister, Hohmann, Högermann, Krentrupperhagen, Bexterhagen, Nienhagen, Hambusch (Hagenbusch) gehören hierher. Holzungen und Huden (Weiden, Heide) waren gemeinsamer Besitz der zu einer solchen Genossenschaft gehörenden Teilhaber. Zur Verteilung unter die einzelnen Markgenossen wurden später aus dem gemeinsamen Besitz sogenannte Hoven oder auch Hoben ausgeschieden, die 20-30 Morgen groß waren [Fußnote: Bernhard Meyer, Das Kolonatsrecht. Lemgo / Detmold 1855 S.18 ff.]. Hoven ist abzuleiten von "hauen", plattdeutsch "hobben" oder "Houven", es bezeichnet also ein zum Abhauen angewiesenes Stück Land.
Ich habe dies absichtlich näher ausgeführt, weil die Stadt etwas Hoveland "Unter der Hove" besitzt.
Jede Genossenschaft hatte notwendigerweise ihren Vorstand oder Vorsteher (Vorderste, Vörste, Fürst), der die Gemeindeglieder aus diesem oder jenem Anlaß zusammenrief, die Verhandlungen in der Versammlung leitete, Streitigkeiten schlichtete und Urteile vollstreckte. Er hatte also richterliche als auch vollziehende Gewalt.
Ein weiteres Band bildete die Volksgemeinde, d.i. die Vereinigung einer Anzahl von Markgenossenschaften innerhalb eines Gaues. Als einen solchen Gau haben wir bei uns den Hafergau (Havergo), ferner bei Blomberg - Schieder den Wetigau (Weizengau) bei Paderborn der Pathergau und bei Lemgo den Limgau. Alle diese Gaunamen finden sich in der bei Schaten in dessen Paderborner Annalen Bd. I S.394 abgedruckten Urkunde vom Jahre 1011, worin der Kaiser Heinrich II dem Bischof Meinwerk diese Gaue und noch andere zum Geschenk macht. Zur Sachsenzeit standen an der Spitze der Gaue noch auf Zeit gewählte Führer oder bei Kriegszügen gewählte Herzöge, wie z.B. Widukind. Unter den Karolingern kamen die Gografen in das Land, die als Vertreter des Kaisers über das Land und seine Bewohner "herrschten". Die Freiheit des Einzelnen war so allmählich stark eingeschränkt.
In und um Oerlinghausen lagen die Verhältnisse ja insofern anders, als von Karl dem Großen an die Höfe wahrscheinlich keine freien Besitzer mehr hatten. Denn sie sind ja bald nach der Karolingerzeit in bischöflichen Besitz und der Bischof (bzw. vorher auch der Kaiser) setzte auf diese Höfe Verwalter, die sogenannten "Meier" (von lat. major). Diese Meier waren also ursprünglich Beamte, und zwar in unserem Falle vom Jahre 1036 ab Beamte des Klosters Busdorf, später wieder unmittelbar des Bischofs von Paderborn. Der Haupthof mit dem "Amtmeier" war, wie schon gesagt Barkhausen.
Im Laufe der Jahre aber haben die Meier es verstanden, sich unabhängig zu machen. Aus Beamten entstanden wieder Eigenbesitzer, die nur noch bestimmte Gefälle oder Steuern an den Bischof oder Landesherrn zahlten. In den so frei gewordenen Meierhöfen kam somit das alte germanische Besitzverhältnis wieder zum Durchbruch. Der Hof Oerlinghausen war - wie wir sahen - um das Jahr 1000 nur noch im Vorwerk von Barkhausen. Zwar Besitz des Bischofs von Paderborn! Aber mit dem Unabhängigwerden des Meiers zu Barkhausen auch Besitz dieses Meiers. Was die Kirche an Besitz gebrauchte bei ihrer Gründung, nämlich den eigentlichen Bauplatz, dann das Pfarrhaus und die Pfarrländereien, den Friedhof, das Küsterland usw., hatte der Bischof vom Vorwerk damals gleich abgetrennt. Das war nicht wenig; die Pfarre hatte noch im vorigen Jahrhundert ausgedehnten Besitz in der Senne, Unter der Hove, Am Papengäu u.a.m. Aber das übrige gehörte zum Haupthofe. Nur so ist es zu erklären, daß bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts so viele Kolonate in Oerlinghausen einen Kanon an Niederbarkhausen zu entrichten hatten. Ich werde auf dies Verhältnis zu Niederbarkhausen noch zurückkommen. Erwähnt sei nur noch, daß im Jahre 1747 der Kanzleirat Johann Willibald Barkhausen in einer Eingabe an das Konfistorium behauptete, es habe die auf Gründen seines Hofes Niederbarkhausen errichtete Kirche zu Oerlinghausen nun bereits 633 Jahre bestanden. In der Kirche hatte die Familie Barkhausen einen mit 6 gemalten Wappen versehenen Kirchenstuhl auf dem Chore, und im südlichen Teil der Kirche neben dem Ausgang (der sogenannten Sennetür) ein Erbbegräbnis. Beide sind erst bei dem Umbau im Jahre 1867 beseitigt. [Fußnote: Preuss, Die baulichen Alterthümer des Lipp. Landes. 2. Aufl. Detmold 1881.]
Aber auch der Meier sollte nicht immer der unabhängige Besitzer bleiben. Je weniger sich Paderborn im Laufe der Jahrhunderte um ihn kümmerte, je mehr wurde das Hoheitsrecht eines anderen Mächtigen, nämlich des Edelherrn zur Lippe, wie denn überhaupt in jener Zeit, im 13. u. 14. Jahrhundert das Recht der "Freien" immer mehr verloren ging, die Stellung des Edelherrn, Grafen oder Herzogs dagegen mehr und mehr gefestigt wurde. Der Grundbesitzer, der schon länger sich vom Kriegshandwerk mehr dem Ackerbau zugewandt hatte, opferte, statt dem Aufgebot zu folgen, lieber einen Teil seiner Freiheit und begab sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem Mächtigen und zahlte diesem für den Schutz gewisse Abgaben [Fußnote: Vergl. Meyer, Kolonatsrecht.]; hinzu kam, daß die Kriegführung mehr und mehr der in steter Übung gehaltenen Reiterei oblag.
Die Urkunde vom 1. Januar 1001 (Lipp. Regesten Nr.12) in welcher Kaiser Otto III dem Bischof von Paderborn seine Privilegien erneuert, weil die früheren Urkunden in der Feuersbrunst zu Paderborn im Jahre 1000 zerstört waren, erwähnt ausdrücklich auch den Comitat (also das Grafentum) über die Gaue Patergau, Agau usw. sowie den Forstbann in der Senne vom Dalkebach (Schopke) durch den Osning bis zu dem Wege, der nach Heerse führt. Das ist die weltliche Herrschaft auch über unser Gebiet.
Wie sich im Verlauf von 3 Jahrhunderten das Verhältnis geändert hat, zeigt die Urkunde vom 25.Juni 1332 (Lipp. Regeste Nr.751). Darin heißt es:
"Otto Graf von Rietberg verkauft seinen consangnineus Grafen Bernhard v. Ravensberg alle zu seiner Grafschaft gehörenden eigenen Leute in montibus Orlynchusen et ab illa parte trans montes quibuscungue continentur nominibus in munitionibus, opidis aut villis existentes, moran trahentes vel mansionem habentes für 16 Mark Münst. u. Osnabr. und 9 Mark Bielefelder Denare."
Zeuge ist u.a. Herr Hermann Pfarrer in Orlynghusen. Und nach einer Urkunde vom 3. April 1356 (Reg. Nr.998) verpfändet Bernhard V, Edelherr zur Lippe und seine Frau Richarde eine Rente von 2 Mark aus "ihrem Amte zu Barchosen". Das beweist mithin ein anderes Hoheitsverhältnis als die auf der Vorseite genannte Urkunde.
Wenn auch erst im Jahre 1607 der Graf zur Lippe die Gutsherrlichkeit über das Amt Barkhausen von Paderborn erwarb, so waren in Wirklichkeit viel früher lippische landesherrliche Gerechtsame über das Amt vorhanden. Zur Wahrnehmung dieser landesherrlichen Gerechtsame hatte der Landesherr einen Beamten in Oerlinghausen. Nach einer Urkunde des Salzufler Stadtarchivs war im Jahre 1474 Bartold Mikes Richter des Edlen Herrn Bernd zur Lippe in Oerlinghausen. Vor ihm bekennt am 2. Mai dieses Jahres der Meier Hinrich zu Bexten von Heinrich von Egeldorpe 100 schwere rheinische Gulden erhalten zu haben, wofür er ihm eine jährliche Rente von 6 Gulden verspricht. Später begegnen wir Vögten, die im Dorfe Oerlinghausen ihren Sitz hatten und denen die ganze Vogtei, das spätere Amt Oerlinghausen unterstand. Diese Vögte hatten die niedere Gerichtsbarkeit und Polizei zu verwalten und die Steuern und Rentgefälle beizutreiben. Die Vogtei Oerlinghausen bildete im 16. u. 17. Jahrhundert einen Bestandteil des Amtes Detmold, und die Vögte erhielten ihre Besoldung von der Detmolder Amtsstube. Die Bewohner von Oerlinghausen, die "Lüttken" oder die "kleinen Leute", wie sie in alten Urkunden genannt werden, waren arm und erwarben sich in mühevoller Feldarbeit nur schwer ihr Brot auf dem schlecht zu beackernden, bergigen Gelände, das sie von der Pfarre oder dem Meier zu Niederbarkhausen in Erbpacht hatten. Dieses kümmerlichen Daseins wegen waren sie von vielen Lasten, die anderen Gegenden des Landes auferlegt waren, befreit, z.B. von den Hand- und Spanndiensten.
Ein Mittelpunkt der Gegend blieb Oerlinghausen ja immer durch die Kirche, deren Bezirk sich über Stukenbrock, Kraks, Lämershagen, Ubbedissen, Eckendorf, Heipke, Greste, Wellentrup bis Bokel-Venn erstreckte. Von den Glocken der Kirche hat eine den Weltkrieg überdauert; sie trägt die Inschrift:
Sanderus hete ick,
De Levendigen roße ick,
De Doden beschrie ick,
Deme Donder sture ick,
Johan Albus goet mick.
Anno Domini MCCCCCXLVII.
V.D.M.I.E.
[Fußnote: Sanderus = Alexander war der Schutzpatron der Kirche ; Nachtrag : Laut Mitteilung des Glockenarchivs in Hamburg heißt der Glockengießer nicht Ahus sondern Albus, gez. Reuter 1.9.1956 ; Im Jahre des Herrn 1547 -V.D.M.I.E. heißt Verbum domini manet in eternam = Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.]
Die größere Glocke, die 1917 dem Vaterland geopfert werden mußte, war 1670 zu Lemgo gegossen und hatte die Inschrift:
Im Namen Jesu Christi hat mir gegossen Mester Johann und Christoffel Klemann Gebrüder Glockengeter zu Lemgo.
Die Kirchenuhr ist neueren Ursprungs. Am Gangwerke der früheren Uhr war ein Blechschild angebracht, auf dem zu lesen war, daß ihr Erbauer sie "mit seiner einer linken Hand" geschaffen hatte. [Fußnote: Ausführlicher in meinem Aufsatz "Die Geschichte der Oerlinghauser Kirchenuhr" in der Zeitung "Freie Presse" vom 17. April 1948.]
Über die "Hünenkapelle" innerhalb des Hünenringes oder "Sachsenlagers" am Ostteil des Tönsberges ist eigenartigerweise keinerlei urkundliche Nachricht auf uns gekommen mit Ausnahme der kurzen Erwähnung in Schaten's Paderborner Analen. In der Gestalt, in der das Gebäude auf uns gekommen ist, kann es ohne allen Zweifel nicht aus der Karolinger Zeit herrühren, da es in gotischen Stile gehalten ist, was freilich jetzt kaum noch zu erkennen ist, nachdem die zerstörungssüchtige Jugend in den letzten 60 Jahren große Teile davon abgetragen hat. Im übrigen sind bei Ausbesserungsarbeiten in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts einige Werkstücke ganz falsch vermauert worden. Der dabei beschäftigt gewesene Maurer Georg Obermeier hat mir bestätigt, daß alte Stücke aus Fensterbogen und alte Fensterüberdachungen wahllos bei der Reparatur verwendet worden seien.
Schaten überliefert uns ferner, daß die Kapelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort gewesen und erst mit der Reformation außer Benutzung gekommen sei. Wir haben uns die Sache wohl so vorzustellen, daß mit dem ältesten Bau die Wohnung eines Klausners verbunden war, der die Kapelle dem heiligen Antonius weihte. Der heilige Antonius war vielfach Schutzpatron einsam gelegener Kapellen und Klausen. Er wird auch dem Berge den Namen gegeben haben, der schon 1593 Tönnisberg heißt. Später wird die Hünenkirche ein Zubehör der Oerlinghauser Kirche gewesen sein, zu der an gewissen Festtagen Prozessionen unternommen wurden, wie das in katholischen Gegenden noch heute üblich ist. Mit der Reformation hörte das auf, und der Meier zu Wistinghausen, dem der Grund und Boden gehörte, ließ aus dem nun unbenutzten Gebäude die brauchbaren Werkstücke herausbrechen, um sie beim Bau eines auf seinem Hofe im Jahre 1568 errichteten Hauses zu verwenden., wo man sie jetzt an den darin eingehauenen Steinmetzzeichen erkennen kann. Es war übrigens eine im Mittelalter vielfach geübte Sitte, derartige Wallfahrtskapellen in vorgeschichtlichen Befestigungen anzulegen. Man findet solche z.B. auf dem Fürstenberge bei Neheim, dem Witzenberge bei Schmallenberg, dem Wittekindberge an der Porta Westphalica u.a.m. In allen Fällen dürfte allerdings die Zeit der Erbauung weiter zurückzuliegen, als die Zeit der Einführung von Wallfahrten.
Die Reformation scheint in Oerlinghausen nicht schnell Boden gefaßt zu haben. Von einem begeisterten Übertritt zur neuen Lehre kann jedenfalls keine Rede sein. Auch als die Landesherrschaft den reformierten Glauben als den der Landeskirche bestimmt hatte, ist in Oerlinghausen keineswegs ein besonderer Eifer hierfür zu spüren. Bekanntlich gehörte das im Bezirk des Bistums Paderborn gelegene Stukenbrock zur Kirche in Oerlinghausen. Paderborn aber ist immer katholisch geblieben, es blieb von der Reformation gänzlich unberührt. Stukenbrock wurde also auf Befehl des Paderborner Bischofs von der Oerlinghauser Kirche abgetrennt. Aber das gefiel dem Pfarrer in Oerlinghausen nicht, denn er hatte dadurch einen großen Ausfall an Einnahmen. Ich darf nach den lückenhaften Akten annehmen, daß die Stukenbrocker aber bis um 1600 die Oerlinghauser Kirche besucht haben. Der damalige Pfarrer scheint mithin weitgehende Zugeständnisse gemacht zu haben. Vielleicht hat er auch nicht so sehr viel von der neuen Lehre gehalten.
Ich will hier doch etwas näher auf die eigenartigen kirchlichen Verhältnisse der damaligen Zeit eingehen, damit das Vorhergehende sowohl als auch das Folgende klarer wird.
Im Jahre 1523 - also 2 Jahre nach dem berühmten Reichstage zu Worms - gab Hartwig, gewesener Meier zu Barkhausen und Vater des derzeitigen Meiers vor Notar und Zeugen an: Auf Klage des Pfarrers Küken zu Oerlinghausen, dem der Meier zu Barkhausen das im Barkhauser Berge gehauene Holz abgenommen, habe ihr Herr zu Paderborn einen Tag anberaumt, auf dem sich die Parteien u.a. dahin verglichen hätten, daß der Pastor seine Schweine zwei Tage in den Barkhauser Berg und den dritten Tag in den Berg des Meiers zu Menkhausen treiben dürfe. Dafür hatte der Pastor jeden Monat vor dem Altar Sanct Jürgen in der Kirche zu Oerlinghausen eine Messe zu lesen. Ferner müsse ihm der Meier zu Barkhausen jährlich zwei Bäume zu seiner Feuerung geben, wofür er über dem Stuhle in der Kirche für alle zu bitten habe, welche auf dem Hofe zu Barkhausen verstorben sind.
Der Meier zu Barkhausen wie auch der Pastor zu Oerlinghausen sprechen mithin - wie wir oben sehen - im Jahre 1523 noch von "ihrem Herrn zu Paderborn". Bis zur Reformation hatte das Domkapitel zu Paderborn die Oerlinghauser Pfarre zu besetzen. Als dann nach dem Tode des Grafen Simon V die Reformation in Lippe durchgeführt wurde, gestalteten sich die Dinge zunächst so, daß die Pfarrer paderbornerseits vorgeschlagen und lippischerseits geprüft und, wenn nichts gegen sie einzuwenden war, bestätigt wurden. Der Paderborner Einfluß war mithin trotz Einführung der Lutherschen Lehre in Lippe noch erheblich. Ganz besonders erheblich aber in Oerlinghausen. Im Jahre 1566 nämlich verwenden sich die Oerlinghauser bei der Lippischen Regierung für ihren Prediger Ludolf Koch, der nun schon 12 Jahre die Pfarre mit allem Fleiße bedient habe. Nun hätten sie erfahren, daß ein Hermann Stratmann sich von Paderborn mit der Pfarre habe belehnen lassen. Sie bitten die Regierung, zu veranlassen, daß ihr Prediger mit Weib und Kindern nicht vertrieben werde. "Weib und Kinder" scheinen ihm zum Verhängnis geworden zu sein; denn paderbornerseits hatte man bereits den Vikar Jobst Wetter ausgeschaltet, weil er "zu heiliger Ehe gegriffen" hatte.
1567 übertrug Paderborn die Oerlinghauser Pfarre dem Hermann Stratman (auch Stratemann, Strathmann). Die lippischen Kirchenvisitatoren Moritz Piderit, Johann v. Exterde, Anton v. Donop und Ernst von der Wipper widersetzten sich dem nachdrücklich und bemühten sich, Koch zu halten. Die Regierung aber konnte schließlich die Bestätigung Stratmanns nicht verweigern, nachdem dieser das von der lipp. Regierung geforderte Examen bestanden hatte - was wohl ebenso ins Gewicht fällt - nachdem der Bischof Rembert von Paderborn unter Berufung auf den Augsburger Religionsfrieden stark für ihn eingetreten war. So wurde denn Stratmann 1567 Pastor der Kirche zu Oerlinghausen. Er blieb es bis 1609. Unter ihm werden die Stukenbrocker keinen Anlaß gehabt haben, fortzubleiben. [Fußnote: Später ist Ludolf Koch Pastor in Wöbbel.]
Für die damalige Zeit muß man unterscheiden zwischen Besitzern und Inhabern der Pfarre. Die Besitzer wurden von Paderborn mit der Pfarre belehnt; sie hatten für die Belehnung eine jedesmal zu vereinbarende Summe zu bezahlen. Die Höhe dieser Summe richtete sich nach den Einkünften, die die Stelle dem Pfarrer brachte. Die Besitzer konnten die Pfarre selbst verwalten oder durch einen anderen (Vicecurator) verwalten lassen. Ein solcher Vicecurator war z.B. Ludolf Koch (1554 - 1567).
Als Stratmann sein Amt antrat, muß er das Pfarrhaus in einem trostlosen Zustand angetroffen haben. Er richtete an den Grafen Simon VI zur Lippe folgende Eingabe:
Dem wollgebornem unde Eddellenn Heren Simon Graven unde Eddelen Hern tor Lippe, unde Rethbergh, Hern to Esentz, Stedesdorff unde Withmonde, meinem gnadigen Heren underdenichlich.
Wollgeborner Graff, E.G. syen meine untherdenige Dienste in aller gehorsamb, sampt meinem Innigen gebett to Gode Allmechtig stetz zuvor bereiht. Gnediger Herr, euwer Gnade mach ich in aller underdenichkeit unvormeldet nicht latena, wi ich hir sitte in einem olden boufelligene unde tobrochenen huse, dath stetz, wen de Winth weihet den fall dreuweth, also ich groter gefahr darinne nich verhalte. Kann och keine schuir darinne hebben, demnach mi da grote noith darhenn gedrungenn, dat ik vergangen jares ein olt Steinwerk, dat up dem Howe gestamden unde verfallen war, darnach twe Stücke varn der müren ansericht verbleven, hebbe angefangen ug to bouwen unde fast to unde gebracht, darinne ich mich erhalten konte unde mochte, wen dat ander, dath dachlicher den fall dreuweth, nederfalle, an welch gebouwe Gnediger Herr ich mine armoith und wele unkosten gewendeth. Gelangeth demnach hirmith, Gnediger Her, an euwer Gnade min dinsthwillige unde underdenige bitte, euwer G. mi so Gnedich wollte erschinen, dath unserem Kerspel möchte von euwer Gnade bevolen unde eingebunden werden, dath ich eine betere unde bequemere behusinge bekomme, darinne ich schuir unde Dack hebben mochte, unde wat ich ok an andere steinwerch vor unkosten gewendt und werlacht { ausgelegt }, mochte wadder van dene Kerspel itzundt { jetzt } mi mine verlachte unkost nich erleppen wörde oder vermochte in der ile { Eile }, dat van euwer Gnade darupe, devile idt { derweil es } ein swechlicke tidt is, darinne ich we ein ander fallen unde van dussem Jamerthal mochte gesetzt werden, eine gnedige versicherunge unde vergewisserunge mochte bekommen, dat min lewe Huesfrouwen unde arme Kindere, da ichen abfhallen mochte, daran so lange sich halten mochten, bis da angewendten unkosten ennen erlacht worden. Solch eines sye Ich to euwer Gn. als to minem leven und gnedigen Lantshern trostlicher unde gewisser toversicht, unde erkenne ick solches mit minen stetz plichtigen unde getreuwen Dinsten nach miner utersten { äußersten } vermögenn unde ok sampt minen Innigen unde andechtigen Gebede to Godt Almechtich to verdenen, unde wil hirmith euwer G. den Schutz des Allerhogesten to langwieriger gesundheit unde fredlicher regierunge doen bevelen, unde euwer Gnade trostliche antworth hieruff demotich bittend.
Datum den 14. Augusti Anno 87
Euwer Gnade gehorsamer
unde dinstwilliger
Hermannus Strathmann
Deiner der Kercken to Orlinchusen.
Im Jahre 1588 wurde dann, wohl auf Veranlassung des Grafen zur Lippe ein neues Pfarrhaus an das Steinwerk angebaut. Gerade 100 Jahre später, 1688, war dies Haus wieder baufällig, es wurde vorgeschlagen, es abzubrechen und es an anderer Stelle ein neues Pfarrhaus zu errichten.
1593 wandte sich Stratmann wieder mit einer Eingabe an den Grafen, in der er (wiederum halb plattdeutsch) sagt, vor einiger Zeit hätten die gräflichen Räte Adolf Schwarz und Christoffer Smerheme (Schmerriemen) auf gräflichen Befehl beim Dorfe eine Landwehr aufwerfen lassen, die u.a. auch durch das Pfarrland gelegt worden sei. Dadurch sei das Land verdorben [Fußnote: Auf die Landwehren komme ich später zurück]. Man hatte ihm damals eine Entschädigung in Aussicht gestellt, er hatte aber nichts erhalten. Nun bittet er, ihm stattdessen zu erlauben, auf Pfarrgrund - "up dem Wedemhove an der Strate" - ein paar Einliegerhäuser zu bauen. (Es muß sich hier um die Stelle gehandelt haben, die später die Wehme hieß und an der jetzt die Häuser Hauptstraße 76, 78, 80 u. 82 liegen. Ob es damals zum Bau dieser Häuser gekommen ist, konnte ich nicht feststellen. Die jetzt dort stehenden Gebäude sind viel jüngeren Datums). Das einzige aus dieser Zeit stammende Haus ist das Garnjost'sche Haus Tönsbergstraße 5, das über der Tür die Jahreszahl 1553 zeigt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch dieses Haus auf "Wehmgrund" gebaut wurde. Denn was nicht zu Barkhausen oder zur Vogtei gehörte, das gehörte in der Regel zur Pfarre.
Ich behandle hier die Geschichte der Kirche und Pfarre absichtlich so breit und ausführlich, wie möglich, einmal weil sie die Grundlage für die Geschichte der Stadt bildet und manches folgende erklärlich macht; zum anderen aber auch, weil damals im Leben der Bewohner der Kirche ein entscheidender Einfluß zukam. Nicht die kommunale Verwaltung, sondern die Kirche hatte ausschlaggebende Bedeutung im öffentlichen Leben. Die allgemeine Umgangssprache auch zwischen Pfarrer und Gemeinde - war unser schönes "Platt". Wir haben ja gesehen daß Pastor Stratmann mit dem Hochdeutsch nicht gut fertig wird. Zwar gab es auch mal Differenzen zwischen dem Pfarrer und einzelnen Bewohnern. So erwähnt Stratmann in der oben genannten Eingabe an den Grafen zur Lippe:
"G.H. dat etzliche Oerlinghuser iut Misgunst, Hate unde Nide { Haß und Neid } daröber sich jegen E.G. sollten beklaget hebben als ein Hupen Logen { einen Haufen Lügen } solten vorgebracht hebben, ...das doch nich wahr".
Stratmann kommt zuletzt im Jahre 1609 als Zeuge vor; er hatte damals ein Alter von "fünftehalb stiegen Jahren" und muß bald darauf gestorben sein. Eine Stiege waren 20 Stück. Er hat also ein Alter von 90 Jahren erreicht. Sein Nachfolger war Konrad Schlingmann (auch Slinkmann), der im Jahre 1611 an den Grafen berichtet, daß er das Pfarrhaus vor 2 Jahren dachlos, fenster- und türlos vorgefunden habe. Wahrscheinlich hatte das Haus nach Stratmanns Tode eine Weile leer gestanden, und was dann aus Häusern wird, können wir ja heute noch an dem trotz Wohnungsnot leerstehendem Jägerkotten am Mausoleum des Guts Niederbarkhausen feststellen, der als Werkwohnung nicht von uns mit einem Wohnungssuchenden belegt werden kann und deshalb gänzlich verfällt. Dabei ist es sicher aus besserem Material als das damalige Pfarrhaus.
Auch die Kirche war damals ohne Dach, und die Gewölbe fingen an zu reißen, und waren doch erst vor 100 Jahren errichtet. Die Schule war vor 4 Jahren (also 1607) gebaut, hatte aber noch kein Dach und war "unzugemacht".
Am 26. Februar 1611 gibt Schlingmann an, seine Pfarre sei die geringste im ganzen Lande, und fährt dann fort:
"daß ich aber für'm Jar auf E.G. gnädigen Befelhl mich zu Paderborn beim Thesaurar habe eingestellet, und mit ihm auf 100 Taler gehandelt. Dessen hat er mir zugesagt, die Padesrbornischen, als Stukenbröcker und Pregtmer { Auch Brechtmer, älteste Bezeichnung für die bischöflichen Neubauern in Stukenbrock. Noch heute in "Brechmanns Kolonat" } sollen neben den Ravensbergischen bei der Kirche zu Oerlinghausen bei poena 50 Taler verbotten. Die Ravensbergischen thun auch wenig gut, also daß ich noch das trüge Brot nicht haben kann. Zudem hat er mir mit E.G. Bewilligung auch zugesagt den meine drei Nachjahre und da ich zu Oerlinghausen nicht bleiben mochte, mir solte vom suxcessore das Geld wiedergegeben werden. Item, da ich auch eine bessere Pfarre begehrte, die solte ich auch für dasselbige Geld haben".
War Schlingmann danach schon nicht gerade auf Rosen gebettet, so hatte er später unter den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges schwer zu leiden, sodaß sich Graf Simon VII veranlaßt sah, die allgemeine Mildtätigkeit für ihn anzurufen und ihm ein Patent zu erteilen, in dem es heißt:
"Wir Simon Graf und Edler Herr zur Lippe entbieten den würdigen unsern semptlichen Superintendenten, Pastoren und lieben Andechtigen, auch allen Kirchendechanten und Vorstehern dieser Grafschaft unsere Gnade und fügen ihnen daneben zu wissen, ...was maßen leider etzliche Jar her das beschwerliche Kriegswesen, sowohl mit unterschiedenen Armeen als Regimentern und starken Troupen überzogen und dadurch unser Landt und leut mit logieren, plündern und anderen extorsionen, sonderlich aber unsere Vogtei Örlinghausen vor allen andern merklich und hochschädlich betroffen, unter welchen dann unser Pastor daselbst Ehren Konrad Schlingkman durch unterschiedene plötzliche Ein- und Überfälle um all das seinige gebracht und in große Dürftigkeit erbärmlich gestürzt worden. Nachdem uns den derselbe solchen seinen armseligen Zustand beweglich zu erkennen gegeben und demütig ersucht, wir möchten ihme mit gn. Rhat beispringen, wie er zu etwas Mitteln sich sein Weib und viele Kinder bei diesen sehr beschwerlichen und theueren Zeiten mit Ehren zu seiner hohen Nothturft durchbringen könte, so haben wir ihm dieses unser Patent und Promotorial desgestalt an euch ertheilet, ...daß Ihr ...usw.“
(folgt mit vielen Worten die Aufforderung, diesem Mitbruder eine "Milde Gabe und Zusteuer" zu geben).
Das Patent schließt mit den Worten:
„Geben uff unseren Schloss Detmold den 25 Juni Anno 1626".
Schlingmann ist im Jahre 1634 gestorben. Ihm folgte Johann Marthaeus [Fußnote: Geboren 1601.], der seit 1628 Pastor in Horn war. Er mußte sich verpflichten, der Witwe seines Vorgängers Acker und Gartenland zu überlassen. Im Jahre 1636 berichtet er an das Konsistorium, daß der Canonicus Martin aus Bielefeld ihm mitgeteilt habe, wenn er die Oerlinghauser Pfarre behalten wolle, so hätte er die Collation beim Paderborner Domküster nachzusuchen, anderenfalls würde er, der canonicus, mit Notar und Zeugen erscheinen und einen anderen Pfarrer einführen. Er (Marthaeus) habe darauf geantwortet, Stukenbrock sei von der Oerlinghauser Kirche abgetrennt; dort möchte den Paderbornern die Collation zustehen, in Oerlinghausen jedoch nicht. Die Drohung ist nicht zur Ausführung gekommen, denn wir hören weiter nichts von der Sache. Daß sie überhaupt ausgesprochen wurde, hat vermutlich seine Ursache in einem immer noch vorhandenen gewissen Einfluss des Paderborner Bischofs im Westen des Landes. Obwohl doch im Jahre 1607, also 29 Jahre vorher, der Graf zur Lippe das Amt Barkhausen von Paderborn erworben hatte, ist eine, wenn auch lose Verbindung mit Paderborn unverkennbar.
Marthaeus erreichte ein hohes Alter. Als man ihm im Jahre 1671 [Fußnote: D.h. als er 70 Jahre alt war] einen Adjunkten geben wollte, richtete er ein in beweglichen Worten gehaltenes Schreiben an den Grafen Simon Henrich und bat diesen, ihn mit dem Adjunkten zu verschonen. Man möge berücksichtigen, daß er Zeit seines Lebens viel Ungemach gelitten von Schlägen, von Rauben und Plündern, von Hunger und Durst, auch habe er seine Besoldung von den verdorbenen Untertanen nicht erhalten. Deshalb lebe er in Armut. Er sei aber noch so stark, daß er sein Amt wohl versehen könne. Der Graf habe ihm auch versprochen, daß ihm niemand adjungieret werden solle. Nun aber sei ihm vom Commissarius Dreyer angezeigt, daß er sich einen Adjunkten [Fußnote: Wir sagen heute "Hilfsprediger".] müsse gefallen lassen und dies gar als eine große Gnade anzusehen habe. Der Superintendent Sustmann trat warm für Marthaeus ein, er sei immer ein fleißiger Pfarrer gewesen und, wenn auch alt, doch noch durchaus arbeitsfähig.
Sustmann erhielt dafür einen scharfen Verweis; es schicke sich nicht, gegen einen Beschluß des Grafen Stellung zu nehmen.
Man findet da keinen rechten Zusammenhang: Wir sehen, daß das Konsistorium, in dem doch sicherlich Sustmann eine ausschlaggebende Stimme hatte, es nicht für erforderlich hielt, Marthaeus einen Gehilfen zu geben. Der Graf selber hatte ihm versprochen, daß er mit einem Gehilfen verschont bleiben sollte. Wer mag es nun gewesen sein, der die Sache gegen die ursprüngliche Absicht des Grafen und gegen das Konsistorium durchsetzte? Darf man hier vielleicht sagen: "Cherchez la femme!"? Wenn man berücksichtigt, daß sich in jener Zeit in der Oerlinghauser Kirche eine gräfliche Prieche befand und daß unsere schöne Orgel mit dem Wappen der Gräfin Amalie von Dohna, der Gemahlin des Grafen Simon Henrich zur Lippe, geschmückt ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie mitunter den Gottesdienst in unserer Kirche besucht und daß Marthaeus aus irgendeinem Grunde ihr Mißfallen erregt hat.
Genug, Marthaeus erhielt im Winter 1671/72 einen Adjunkten namens Thomas Hase. Dieser scheint schon krank gewesen zu sein, als er nach Oerlinghausen kam. Schon am 22. Januar 1672 berichtet Marthaeus, daß Hase in Salzuflen, wohin er sich zur Kur begeben habe, gestorben sei. Er verband damit die abermalige Bitte, ihn mit weiteren Adjunkten zu verschonen. Wiederum vergeblich! Am 1. Februar 1672 erhielt das Konsistorium den Auftrag, Johann Weingärtner oder Vineator, welcher sich für die Stelle gemeldet hatte, zu prüfen und einzuführen (examinieren, ordinieren und installieren).
Das Zusammenleben der beiden Pastöre scheint kein erbauliches gewesen zu sein. Weingärtner war ein junger tatendurstiger Mann, der an den kirchlichen Zuständen in Oerlinghausen viel auszusetzen und zu verbessern fand. Er blieb nicht lange in Oerlinghausen, schon nach 2 Jahren kam er als Pastor nach Horn und 1692 wurde er Generalsuperintendent.
Nach ihm wurde Johann Werner Plesmann Adjunkt in Oerlinghausen. Er scheint mit dem alten Pastor Marthaeus auf einem guten Fuße gelebt zu haben. Von Plesmann ist uns ein Bericht an das Konfistorium vom Jahre 1680 erhalten, der insofern von allgemeinem Interesse ist, als er zeigt, wie fest der Teufelsglaube auch unter den Gebildeten damals verankert war. Der Bericht lautet:
"Auf freundl. Begehren von Schmidjost's hausfrau in Greste habe (ich) nicht umhin können, Ew. usw. hiermit Nachricht zu ertheilen, was maßen leider wahr, daß jener (Hausfrau) Tochter von ohngefähr 12 oder 13 Jahren eine geraume Zeit mit dem Satan, welches außer Zweifel, leibßlich besessen gewesen. Man hat anfangs zwar in dem Gedanken gestanden, weil der Satan öfter bei dem Kinde ein Gelaut von sich gegeben als eine Eidexe, welches öfter selbst gehöret habe, es wäre dergleichen Ungeziefer lebendig bei dem Kinde, so hat doch für etliche Wochen die Erfahrung erwiesen, daß der Teufel articuata voce aus ihr gesprochen, wie ich von denen berichtet, die es gehört, hätte auch gesagt, daß er dem Kinde 5 Jahr nachgetragen und vor einen Jahr durch einen Apfel in selbiger gefahren, ...daß (ich) nichts habe bei ihm ausrichten können, als ein andächtiges Gebet zu Gott mit den Umstehenden verrichten... usw..."
Das ist das einzige Dokument, das ich über Satans- und Hexenglauben in und bei Oerlinghausen gefunden habe.
Pastor Marthaeus starb hochbetagt am 31. Oktober 1684 [Fußnote: Er hat also die letzte schwere Zeit des 30jährigen Krieges und die furchtbaren Monate der Invasion des Bischofs Bernhard v. Galen hier erlebt.] bei seinem Schwiegersohn, dem Richter Vogelsang in Salzuflen, seine Leiche wurde in Oerlinghausen beigesetzt. Zu seinem Nachfolger wurde sein Adjunkt Plesmann ernannt.
Im Jahre 1716 (er war damals 42 Jahre lang in Oerlinghausen) bat er, ihm seinen Sohn Johann Georg Plesmann zu adjungieren, was auch geschah. Hierbei erwähnt er, daß das alte Haus, in dem er als Adjunkt des Pastors Marthaeus gewohnt habe, im Jahre 1706 durch einen Windsturm über den Haufen geworfen sei, und das Haus, in welchem er jetzt wohne, sei auch schlecht.
Ich will hier einschalten, daß der Kanzleirat Barkhausen, derzeitiger Besitzer von Niederbarkhausen, im Jahre 1746 berichtet, in früherer Zeit seien zwei Pfarrhäuser vorhanden gewesen, und wenn nur 1 Prediger da gewesen, dann sei das andere Haus mit einem kleinem Garten für 12 Thaler vermietet worden. Vor 50 Jahren sei das zweite Haus, welches damals der Jude Itzig bewohnt habe, der den nahebei wohnenden Pastor wiederholt bestohlen habe, niedergerissen.
Als Plesmann am 20. Nov 1719 nach einer 45jährigen Tätigkeit in Oerlinghausen gestorben war, wurde sein Sohn Johann Georg Plesmann sein Nachfolger. Dieser starb am 22. Januar 1742 zu Detmold.
Ihm folgte 1743 August Franz Hildebrand, ein Sohn des Bürgermeisters Hildebrand zu Detmold. Er hat die Schrecken des 7-jährigen Krieges in Oerlinghausen erlebt und starb 1764. Interimistisch wurde die Pfarrstelle 1 Jahr lang von Adolf Schlegel aus Detmold verwaltet, der hernach Hofprediger in Bielefeld wurde.
Im Jahre 1765 wurde Georg Konrad von Cölln, vorher Pastor in Alverdissen und Heiden, und gebürtig aus Obernkirchen, nach Oerlinghausen berufen. Er erbaute sich im Jahre 1774 auf Pfarrgrund ein eigenes Haus, (zahlt aber 5 Thaler jährl. Canon an die Pfarre), für das er, solange es von ihm und seinen Nachkommen bewohnt sein würde, Lastenfreiheit erhielt, und das später in den Besitz des Kaufmanns Krome überging und, nachdem es 1889 ausgebessert, heute Ullrich's Erben gehört. Es trägt die Nummer "Gehrenberg 1". [Fußnote: Krome war ein sehr reicher Mann, dessen Vermögen zum großen Teil aus der berüchtigten Zeit des Schmuggelwesens stammte, in der gewaltige Mengen von Kolonialwaren über den Schmuggelpfad oberhalb Friedhofs Kolonat (Senne Nr.2) am Menkhauser Berge entlang zum Wellenkruge über die Grenze gebracht wurden. Krome hielt sich ein paar Reitpferde, sein Kutscher hieß Wilkenloh oder Winkelloh. Von seinen beiden Schwestern heiratete die eine einen russischen Offizier, die andere, Jette Krome, verzog nach Detmold, sie war auch mit dem Kaufmann Freytag, Hauptstr. 30, verwandt. Kaufmann Krome ist Mitte der 70er Jahre (wahrscheinlich 1876) hier elendiglich zu Grunde gegangen. Er war schließlich ganz verarmt und man erzählt sich, daß er, über und über mit Läusen behaftet und deshalb von allen gemieden, schließlich ein armseliges Strohlager in der Kegelbahn des Rollkrugs gefunden habe. Beim Umbau des Hauses fand man unter dem Fußboden noch eine große Menge von Kaffeebohnen.]
Das alte Pfarrhaus wurde vermietet. Im Alter hatte v. Cölln schwer an der Gicht zu leiden, weshalb er 1778 darum einkam, ihm seinen zweiten Sohn Dietrich als Gehilfen beizugeben. Seiner Bitte wurde entsprochen. Dietrich v. Cölln wurde Prediger in Oerlinghausen.
Damit begann eine glanzvolle Epoche in der Geschichte der Kirche und Schule von Oerlinghausen. Dietrich v. Cölln war ein geistig hochstehender Mann, vertraut mit Rousseau'schen Ideen und den neuen Bestrebungen des Schweizers Johann Heinrich Pestalozzi über Erziehung, die die europäische Kulturwelt eroberte. Mitleid gegen Arme, Liebe zu Kindern und ein ausgesprochener Sinn für Pädagogik waren in Dietrich v. C. vereinigt, daß sie ihn befähigen, eine große Aufgabe zu erkennen. Er hat das Schulwesen in Oerlinghausen von Grund auf geändert und ist in Lippe zu einem Bahnbrecher auf diesem Gebiete geworden. Vor allem veranstaltete er sogenannte "Schulfeste", die (20 Jahre später) die Fürstin Pauline veranlaßten, sie anderen zur Nachahmung zu empfehlen. In den lippischen Intelligenzblättern berichtete Dietrich v. Cölln eingehend über seine Neuerungen. Leider war ihm nur ein kurzes Leben vergönnt. Schon im Frühjahr 1785 starb er. Kein geringerer als Generalsuperintendent Weerth schreibt von ihm:
"Bemerkenswerth sind aber wohl die Schulfeste, durch welche man im Lippischen vorzüglich auf die Kinder zu wirken suchte. Ihr Entstehen verdanken sie einem edlen Manne, der seiner ihn unaussprechlich liebenden Gemeinde durch einen frühzeitigen Tod zu ihrem großen Schmerz entrissen wurde, dem edlen Dietrich von Cölln, Prediger in Oerlinghausen.“
Nach Dietrichs Tod wurde Pastor v. Cölln's ältester Sohn Ludwig Friedrich August v. Cölln [Fußnote: L.F.A. v. Cölln wurde am 27. Juli 1753 zu Heiden in Lippe geboren. Er ist der Urheber des lipp. Gesangbuchs von 1799 und Dichter des Osterliedes "Er lebt, er lebt! ist herrlich erwacht." (Gesangbuch Nr.90)]. zu seinem Gehülfen berufen. Dieser war vorher Hauslehrer bei dem Landrat v. d. Borg in Langendreer und brachte dessen jüngsten Sohn zur weiteren Erziehung mit nach Oerlinghausen. So erklärt es sich, daß hier in den Jahren 1785 und 1787 Söhne eines Herrn v. d. Borg konfirmiert wurden, der damals holländischer Gesandter in Stockholm war.
Als sein Vater, Pastor Georg Conrad v. Cölln, am 5. Februar 1789 gestorben war, wurde ihm dessen Stelle übertragen. Sieben Jahre später wurde er als Generalsuperintendent nach Detmold berufen, wo er 1804 starb. Auch er hat sich um das Schulwesen in Lippe verdient gemacht und ist Gründer der Lehrerwitwenkasse.
Weitere Prediger in Oerlinghausen waren: Karl Ernst Neubourg 1796 - 1812, vorher in Brake. Ernst Friedrich Ferdinand Hildebrand 1812 - 1835, kam von Heiligenkirchen. Unter ihm ist das gegenwärtige große Pfarrhaus (1823) erbaut worden. Weitere folgten: August Ernst Volkhausen, vorher in Horn, starb hier am 8. August 1851; und dann, am 12. August 1852 gewählt: Wilhelm Weerth, Sohn des Generalsuperintendenten Ferdinand Weerth in Detmold, studierte in Jena, Göttingen und Berlin, 1838 wurde er Rektor in Horn, 1843 zweiter Pastor in Oerlinghausen, 1844 Hilfspastor in Blomberg. Von dort kam er 1852 nach hier. Wie hat dieser Mann für seine Gemeinde gewirkt! - Wie ist er aber auch in allen Kreisen verehrt worden! Noch heute hängt in vielen Oerlinghauser Familien sein Bild, dies geistreiche Gesicht mit den scharfen Augen. Zu den Pietisten gehörte er nicht. "Weisheit, Schönheit, Stärke" kann man sein Leben überschreiben. 1876 wurde er Superintendent, 1878 Vizepräsident der ersten Landessynode. - Er hat für den stilreinen Ausbau der Kirche gesorgt. Seinen Bemühungen gelang es, die Kirche in allen Teilen auszubessern, innen und außen, unter Leitung des Baurats Merckel, Detmold; der vorher niedrige Turm erhielt 1877 seine jetzige Gestalt, wobei der Bauunternehmer Solle - Heidenoldendorf die Maurerarbeit, Zimmermeister Karl Bobe aus Asemissen die Zimmerarbeiten und Schieferdecker Lüdeking aus Detmold die Dachdeckerarbeit ausgeführt hat.
Auf die Instandhaltung des Pfarrhauses [Fußnote: Besondere Pflege ließ er seinem Garten, dem wundervoll gelegenen Pfarrgarten mit den vielen Obstbäumen angedeihen] und der Schule verwandte er große Sorgfalt. Seiner Initiation ist die Gründung der Rektorschule und 1877 der Bau derselben an der Kirche zu verdanken. Eine seiner Töchter war Lehrerin an der Rektorschule und diejenigen, die noch von Frl. Weerth unterrichtet sind, bezeichnen diese Zeit als eine besonders fruchtbare in der Geschichte der Anstalt [Fußnote: Seinen Sohn aber, unserem verehrten Professor Otto Weerth in Detmold, verdanke ich viele Aufzeichnungen für diese Chronik.].
1884 starb Wilhelm Weerth [Fußnote: Sterberegister des hiesigen Standesamts 1884 - Nr.99.], tiefbetrauert von ganz Oerlinghausen. Er liegt auf dem neuen Friedhof an der Bahnhofstraße, dessen Anlage er veranlaßt hatte, beerdigt.
Ihm folgte 1885 Eduard Reber, vorher in Lage. Ein glänzender Kanzelredner! Seine Arbeit ragt in unsere Tage herein, er hat mich und viele meiner Altersgenossen konfirmiert, und wir haben die harten Gichtknoten seiner Hand gespürt. Aber auch das Feine-Frohe und die reine Güte im Pfarrhause! [Fußnote: Vergl. auch Seite 297 (Original).]. Der Abstand ist zu kurz als das seine Zeit in dieser Chronik von mir richtig gewürdigt werden könnte. Einen Vorwurf aber kann ich ihm nicht ersparen: Wir haben es Pastor Reber zu verdanken, daß in Helpup eine Kirche gebaut wurde und damit die Gemeinden Währentrup, Wellentrup, Greste und Mackenbruch von der Kirchengemeinde Oerlinghausen abgetrennt wurden. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn in Oerlinghausen eine zweite Pfarrstelle geschaffen wäre, wie in Schötmar und Lage. Der Bau der Kirche in Helpup hat Oerlinghausen wirtschaftlich stark geschädigt [Fußnote: Ich habe später erfahren, daß nicht Pastor Reber die treibende Kraft für den Bau der Kirche in Helpup war, sondern der Hilfsprediger Butterweck. Vergl.: Wilhelm Butterweok, Geschichte der Lipp. Landeskirche, Verlag Fritz Dröge, Schötmar 1926 S.418f.].
Pastor Reber erlag im Jahre 1906 [Fußnote: Sterberegister des hiesigen Standesamts 1906 - Nr.75.] einem Schlaganfall. Auch er ruht auf dem Friedhof an der Bahnhofstraße. Und neben ihn haben wir am 10. Oktober 1928 seine Ehefrau Emma, geborene v. Stietenkron, unsere liebe, gütige Frau Pastorin, die zuletzt in Detmold wohnte, gebettet [Fußnote: Bei dieser Gelegenheit trafen wir von der großen Kinderschar des Pfarrhauses hier wieder: a) Gottlieb F. Reber, Dr. h.c., wohnhaft in Lugano (Schweiz). b) Martin Reber (geb. 23.11.1883) Kunstmaler in Berlin. c) Ernst Reber, Kunsthändler in Berlin, vorher München. d) Emma, jetzige Frau Pastor Israel in Münster (Westf.), gest. 19. Juni 1939 zu Münster i. Westf. e) Adelheid, jetzige Frau Professor Thiele in Berlin.].
Damit komme ich zum Schluß des Kapitels der Geschichte der Kirche und Pfarre.
Es ist mehr eine Geschichte der Pfarrer geworden. Ich habe mehr über die Personen gebracht als über die Dinge. Nicht ohne Absicht. Denn einmal ist in kleinen Gemeinwesen das persönliche vorherrschend. Man kann über die Menschen mehr berichten als über die Dinge. Zum anderen stehen vor den Dingen hier immer die Personen. Wenn ich z.B. im folgenden über Krugwirtschaften schreiben soll, dann hole ich mir die Kenntnis dieser Dinge von den Personen, die bei einem Streit in der Wirtschaft beteiligt und vor das Gogericht geladen waren. Sodann bin ich aber auch der Ansicht, daß die Menschen die Geschichte machen, für die Entwicklung eines Gemeinwesens jedenfalls mehr ausschlaggebend sind als dingliche Umstände. Gewiß spielen auch letztere ihre Rolle. So war z.B. das klare Wasser der Lutter die Ursache für Anlage von Leinenbleichen und dann für den Leinenhandel in Bielefeld. So ist z.B. die schöne Lage unserer Stadt im Teutoburger Walde von großer Bedeutung für ihre wirtschaftliche Entwicklung auf dem Gebiete des Fremdenverkehrs. - Aber es sind die Menschen, die die Entwicklungsmöglichkeiten erkennen - oder nicht erkennen. Deshalb werde ich mich auch im folgenden zur Hauptsache mit den Menschen beschäftigen.
Von nun an muß ich die Chronik bis zur Jetztzeit in verschiedene Kapitel einteilen, um die Sache übersichtlicher zu gestalten, und da soll auf die "Kirche" die "Schule" folgen. Bevor ich dies Kapitel beginne, habe ich noch einen anderen Bau in Oerlinghausen zu erwähnen: