Geschichte des Kinos

Die ersten Kinofilme liefen in den 1920ern im Essener Hof. In Hermann Königs Filmpalast bestrafte später die "Kinohexe" undisziplinierte Besucher

 

[Bild: Heutiges Bürgerhaus: Im alten "Oerlinghauser Lichtspielhaus" liefen von 1936 bis 1947 die Kinofilme. | © Horst Biere]

[Bild: Hingucker: Plakate von Heimatfilmen und Krimis sollten in Hermann Königs Schaukasten die Besucher ins Kino locken. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Sie führte oftmals Regie im Oerlinghauser Filmgeschäft, die "Kinohexe". Wer sich vor der Abendkasse nicht gradlinig anstellte, der bekam ihren Zorn sofort zu spüren. Mit einer langen Latte soll sie für Ordnung gesorgt haben - auch wenn sich Jugendliche auf den plüschigen Stühlen flegelten oder durch den Lärm der Zuschauer der Ton des Films nicht mehr zu hören war.

Die Kinohexe, alias Lisbeth D., war eine äußerst dominante Platzanweiserin in Hermann Königs Lichtspielhaus, dem einzigen Kino der Bergstadt. Im heutigen Bürgerhaus an der Tönsbergstraße betrieb "Kinokönig" seit 1936 sein gutbesuchtes Etablissement. Der große Saal in dem alten Gebäude der früheren Beckerschen Brauerei fasste nahezu 100 Zuschauer. An der Stirnseite stand die schmucklose Leinwand, hinter einer Wand auf der gegenüberliegenden Seite brummte der Projektor.

Doch die Oerlinghauser Kinogeschichte begann bereits etwa ein Jahrzehnt zuvor, in den 1920er Jahren. Damals kamen reisende Vorführer mit großen Lieferwagen in die Bergstadt und bauten im alten Saal des Essener Hofes (heute Stadtschänke) ihre Leinwand und ihren Projektor auf und präsentierten den staunenden Bürgern die frühen Stummfilme mit Stars wie Charly Chaplin oder Buster Keaton.

[Bild: 1972 geschlossen: Königs Filmpalast wurde 1949 an der heutigen Rathausstraße in einer alten Zigarrenfabrik eröffnet. Der neue Saalanbau fasste mehr als 100 Zuschauer. Die Kinogasse erinnert an das letzte Oerlinghauser Kino. | © Horst Biere]

Tarzan oder Feuerzangenbowle

Großes Kino entwickelte sich dann in der Bergstadt, als Hermann Königs Lichtspiele in die umgebaute Brauerei an der Tönsbergstraße einzogen. "Tarzans Rache" mit Jonny Weissmüller in der Hauptrolle flimmerte seinerzeit in Schwarzweiß über die Leinwand. Für die Kinder gab es in der Nachmittagsvorstellung am Sonntag "Emil und die Detektive". In der eher freudlosen Kriegszeit standen lustige Abenteuerfilme und romantische Liebesfilme ganz hoch im Kurs. Heinz Rühmann brillierte in der Feuerzangenbowle, Marika Rökk wirbelte tanzend über die Leinwände.

Noch bis Ende 1944 liefen Filme in den Oerlinghauser Lichtspielen. Obwohl Hermann König bereits als Soldat an der Ostfront kämpfte und seine Frau eher lustlos und mit stets versteinerter Miene im Kassenhäuschen saß, während die Kinohexe den Saalbetrieb regelte. Als Luftschutzkeller diente das Kino in den letzten Kriegstagen. Denn als die Amerikaner im heftigen Häuserkampf in Oerlinghausen vorrückten, hat der Stollen in den Tönsberg hinter dem Kinosaal wahrscheinlich vielen Oerlinghausern das Leben gerettet.

Aber die Kinoszene belebte sich wieder. Alte deutsche Filme, die die alliierte Zensur passiert hatten, und erste amerikanische Streifen liefen nach dem Krieg noch einmal im Kino an der Tönsbergstraße. Doch bereits seit langem suchte Kinokönig, der aus der Gefangenschaft zurückgekommen war, ein neues Domizil. Das Kino schloss letztlich 1947 aus baupolizeilichen Gründen, zwei Jahre später eröffnete König sein neues Oerlinghauser Lichtspielhaus an der heutigen Rathausstraße. Der Kinosaal lag in einem Anbau an das alte Gebäude einer Zigarrenfabrik, die Friedrich August Büker bis Mitte der 1920er Jahre betrieben hatte.

Viele Oerlinghauser standen nun amüsiert vor dem großen Glaskasten mit bunten Filmplakaten, auf denen Hermann König seine Filme anpries. Neue Produktionen waren oftmals zu teuer für das Kleinstadtkino, doch die Kinder und Jugendlichen freuten sich über die alten amerikanischen Streifen wie "Die Schlacht am blauen Berge", "Zorros schwarze Peitsche" oder "Fuzzy, der Held des Wilden Westens". Für die Erwachsenen liefen im Abendprogramm die seichten Heimatfilme wie "Wenn die Alpenrosen blühn", "Grün ist die Heide" oder "Schwarzwaldmädel".

Kurioser Kartenabreißer

Und wieder hatte Hermann König einen kuriosen Kartenabreißer und Platzanweiser beschäftigt. Diesmal sorgte ein Kriegsversehrter mit einer Beinprothese und einer Holzkrücke für Ordnung und Aufsehen. Wer im Kino drängelte, der bekam seine Krücke zu spüren und hörte im reinsten schlesischen Tonfall: "Nu nich drängeln Jungchen, kriegst ne Kricke ins Jenicke".

Die meisten Edgar-Wallace-Filme liefen in den 1960er Jahren: "Der Hexer", "Der Frosch mit der Maske" und so weiter. Doch das Interesse der Oerlinghauser an Königs Lichtspielen ließ allmählich nach. Die nahe Großstadt Bielefeld mit vielen attraktiven Kinos lockte, das aufkommende Fernsehen hielt die Menschen im eigenen Haus und Hermann König war bei weitem kein cleverer Geschäftsmann.

Anfang der 1970er Jahre stieg ein dubioser Investor in Hermann Königs Kinogeschäft ein, der vor allem durch sein schickes Borgward-Cabrio und seine attraktive Beifahrerin in der Bergstadt auffiel. Und letztlich war auch damit Schluss. 1972, als die ersten deftigen Erotik-Streifen wie "Schulmädchen-Report" oder "Nicht fummeln, Liebling", über die Leinwand flimmerten, kam der finale Abspann in der Oerlinghauser Kinoszene, der Filmpalast schloss seine Pforten.