Chronik der Jugendherberge Oerlinghausen
Von Werner Höltke
Als am Anfang des 20. Jahrhunderts das Wandern modern wurde, da entstanden überall im Deutschen Reich die Wandervereine.
Ihre Hauptaufgabe sahen diese neben dem Wandern in der Gestaltung von Wanderwegen und im Anbringen von Wegebeschriftungen.
Von den Heimat- und Verschönerungsvereinen wurden diese Wege unterhalten, gepflegt und mit Bänken versehen.
Jedenfalls wurde hier am Teutoburger Wald, auf dem der Hermannsweg entlangführt, so verfahren.
Einen Dämpfer erhielt die Wanderbewegung durch den 1. Weltkrieg, aus diesem viele junge Wanderer nicht zurückkehrten.
Doch allmählich bildeten sich mit den Wandervögeln, den Naturfreunden und den Pfadfindern - um die Vereine mit den meisten Wanderfreunden zu nennen - Gruppierungen mit einer stetigen Aufwärtsentwicklung.
Allerdings suchten und fanden die Wanderer bis zum Bau von Jugendherbergen nur in den Scheunen der Bauern oder auf Dachböden von Schulen eine preiswerte Nachtunterkunft.
Bezogen auf den Ort Oerlinghausen wissen wir, dass es hier ab dem Jahre 1922 Übernachtungsmöglichkeiten in den Volksschulen gab.
Hierfür waren zwei Räume im Dachgeschoss hergerichtet worden, in denen die Jungen und Mädchen getrennt auf Strohmatten schlafen konnten.
Schon im ersten Jahr wies diese „Notbleibe“ eine Übernachtungszahl von 2000 Jugendlichen auf.
Nachdem die Zahl der Übernachtungen weiterhin rasant gestiegen war, genügte das Provisorium in der Volksschule in keiner Weise mehr den hygienischen Anforderungen und den Brandschutzbestimmungen.
Deshalb wurde in Oerlinghausen, unter dem Vorsitz des Lehrers Wilhelm Holzkamp, ein Verein gegründet, der es als seine Aufgabe ansah, für die wandernde Jugend eine Jugendherberge zu schaffen.
Der „Gau Oberweser“ im ehemaligen Jugendherbergsverband erkannte den Bau einer Jugendherberge am Tönsberg direkt am Hermannsweg an, und die Stadt Oerlinghausen stellte für einen Neubau ein Baugrundstück zur Verfügung.
Nachdem im Mai 1928 die Finanzierung gesichert war, begannen die bei dem steinigen Untergrund nicht einfachen Ausschachtungsarbeiten.
Schon bei der Grundsteinlegung waren viele Zuschauer anwesend.
Nach der Fertigstellung war die Übergabe am 09. Juni 1929.
Dies war ein Freudentag für die Stadt Oerlinghausen, zumal auch honorige Abordnungen des Deutschen Jugendherbergswerkes zugegen waren.
Nachdem Lehrer Wilhelm Holzkamp und Bürgermeister August Reuter einleitende Worte gesprochen hatten, hielt der Landespräsident Heinrich Drake unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Festansprache.
In der Folgezeit hatte die Jugendherberge immer einen guten Zuspruch.
So gingen bis zum Jahre 1933 jährlich etwa 5000 Wanderer durch dieses Haus und fanden hier eine gastliche Aufnahme.
Unter den Nationalsozialisten wurde das gesamte Jugendherbergswerk der Reichsjugendführung unterstellt.
Von nun an diente die Jugendherberge nicht nur den Wanderern zum Übernachten sondern wurde auch von den Klassen der höheren Schulen zur Politischen Bildung genutzt.
Schlimme Tage musste die Jugendherberge bei den Kämpfen um Oerlinghausen an den Ostertagen 1945 über sich ergehen lassen.
Das hochgelegene Haus wurde im Dachgeschoss von einer Granate getroffen und bei den Kampfhandlungen wechselte es mehrmals die Herbergsleitung. In dieser für sie verzweifelten Lage wählten mehrere Hausbewohner den Freitod. Zu ihnen gehörte auch der damalige Herbergsvater Hugo Linde.
Schon einen “Monat nach dem Kriegsende sollten an dem schwer beschädigten Haus die Schäden beseitigt werden, dabei wurden die arbeitslosen Jugendlichen aus Oerlinghausen eingesetzt.
So konnte ich damals als 16-jähriger den Handwerkern für mehrere Wochen für die Erlangung von Lebensmittelmarken helfen.
Lebensmittelmarken waren damals lebensnotwendig denn mit dem Geld war vor der Währungsreform kaum etwas zu erkaufen.
Außer der Jugendherberge waren in Oerlinghausen noch weitere neun Häuser zerstört und viele andere beschädigt worden.
Jedenfalls nahm der Wiederaufbau lange Zeit in Anspruch. Nach der Fertigstellung des Dachgeschosses dauerte es noch einige Jahre, bis es im Jahr 1948 wieder zur geregelten Aufnahme von Wanderern und Schulklassen kam.
In den letzten Jahrzehnten wurden größere An- und Umbauten vorgenommen. 1968/69 kam der Anbau und die Herbergselternwohnung dazu.
In der Jugendherberge haben wir heute 127 Betten in 25 Zimmern. Ferner stehen 4 Tagesräume sowie ein Raum für die Lehrer zur Verfügung.
Seit 2001 wird die Jugendherberge von dem Ehepaar Schneider, die vorher die Jugendherberge in Bad Essen geleitet haben, bewirtschaftet.
Das sie sich hier gut eingearbeitet haben, erkennt man bei einem Rundgang durchs Haus.
Frischer Wind kam auch mit den neuen Programmen herein. Es gibt ausgearbeitete Programme mit dem Archäologischen Museum, mit dem Segelflugplatz, der Adlerwarte und dem Hollywood-Safaripark in Stukenbrock.
Jedenfalls ist seit ihrer Eröffnung vor 75 Jahren manch Wanderer, Sportgruppen und Lehrer mit ihren Schulklassen sowie viele andere Vereine in der Jugendherberge ein- und ausgegangen und man darf ihr auch in den nächsten Jahren stetig wachsende Besucherzahlen wünschen.
Oerlinghausen im Juni 2004
Werner Höltke