Notstandsarbeiten in und um Bielefeld
Nationalsozialistische Arbeitsmoral, Notstandsarbeiten, von 36 ans 1461 Notstandsarbeiter im Arbeitsamtsbezirk Bielefeld / Weitere 200 im März
Im Rahmen des gigantischen Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit, den auch das Bielefelder Arbeitsamt mit allen Kräften durchführt. nehmen die Notstandsarbeiten eine überaus wichtige Stellung ein. Sie tragen nicht nur dazu bei, die Arbeitslosigkeit zu mindern, sondern sie haben darüber hinaus einen großen volkswirtschaftlichen Wert: denn durch diese Notstandsarbeiten werden große Teile unseres deutschen Vaterlandes der landwirtschaftlichen Bearbeitung erst nutzbar gemacht.
Auch im Arbeitsamtsbezirk Bielefeld hat man diese Arbeiten energisch in Angriff genommen. Wir haben bereits früher in kleinen Berichten die außerordentliche Bedeutung dieser Arbeiten gewürdigt.
Um der Bielefelder Öffentlichkeit aber einmal einen Überblick über die im großen Arbeitsamtsbezirk Bielefeld im Gange befindlichen Notstandsarbeiten zu geben, hatte die Leitung des Arbeitsamtes die Bielefelder Presse zu einer Besichtigung der hauptsächlichsten Notstandsarbeitsgebiete eingeladen. Vor dieser Besichtigung nahm Arbeitsamtsdirektor Dr. Kuhlo Gelegenheit, in grundlegenden Ausführungen zu diesen Arbeiten Stellung zu nehmen. Arbeitsamtsdirektor Dr. Kuhlo führte dabei u. a. aus, daß bei der privaten und öffentlichen Arbeitsbeschaffung sich die neuen nationalsozialistischen Grundsätze über Wirtschaftsmoral auswirken müssen. Die Wiederbelebung der Wirtschaft sei nur durch eine zweckmäßige Wirtschaftsorganisation und durch wirkliche nationalsozialistische Wirtschaftsmoral möglich. Die Arbeitsmoral habe in der Vergangenheit — als eine Folge marxistischer Anschauung — bedenkliche Formen angenommen. Seit der Übernahme der Regierung durch den Nationalsozialismus aber sei hierin eine grundlegende Wandlung eingetreten. Heute sei nicht mehr der Rentabilitätsgedanke entscheidend. Die Notstandsarbeiten seien deshalb nicht als Selbstzweck anzusehen. sondern zur Ankurbelung der Wirtschaft bestimmt.
Erfreuliche Wandlung
Während früher die Arbeitslosen, die zu Notstandsarbeiten herangezogen werden sollten, allein den Unterschied zwischen Verdienst und vorheriger Unterstützung als Maßstab anlegten und oft das Stempeln der produktiven Arbeit. — die manchmal nur um weniges mehr Lohn einbrachte als das Stempeln —, vorzogen, sei heute doch glücklicherweise eine erfreuliche Wandlung eingetreten Leider aber sei früher auch oft die Beobachtung gemacht worden, daß die Tendenz mancher Wirtschaftsführer daraus hinausging, dem Arbeiter unter Überspitzung des Rentabilitätsgedankens einen möglichst niedrigen Lohn zuteil werden zu lassen. Die nationalsozialistische Wirtschaftsmoral aber habe mit diesen beiden Auffassungen gründlich ausgeräumt. Denn ohne Rücksicht auf die rein materiellen Vorteile müssen sich jetzt beide Teile bemühen. Opfer zu bringen, um dem unmöglichen starren Zustand der Wirtschaft neues Leben einzuflößen. Das ist bisher schon in dem ersten Abschnitt der Arbeitsschlacht gelungen. Aus der einen Leite müssen diejenigen, die Arbeit zu vergeben haben, bei allen Überlegungen das Interesse der Allgemeinheit und somit die Arbeitsbeschaffung für möglichst viele Volksgenossen im Auge haben und nicht etwa, bei aller Berücksichtigung wirtschaftlicher Notwendigkeiten einseitig den Rentabilitäts- bzw. Gewinnstandpunkt vertreten.
Aus der anderen Leite aber müssen auch diejenigen, die durch die Eingliederung in den Arbeitsprozeß bei der augenblicklichen Lage nicht sofort eine wesentliche Verbesserung ihrer materiellen Belange erreichen können, lernen die Einreihung in den Arbeitsprozeß, zunächst auch alle Fälle als ein Aktivum zu bewerten. Hierbei sollen ihm die Aussicht aus die angestrebte bessere wirtschaftliche Entwicklung und aus die dann auch für ihn sich ergebende Besserung seiner Lage, diese Einsicht erleichtern. Die Arbeitsmoral des vergangenen Systems ist noch vielfach ein Hemmnis zur Erkenntnis der augenblicklichen Notwendigkeit.
Es ist eine gewaltige moralische Kraft erforderlich. um aus der einen Leite den Arbeitswillen herbeizuführen.
Auf der anderen Seite aber auch um alle Unternehmer dazu zu bringen, stets bei dem Wirtschaftsauftrieb den Gewinnstandpunkt für sich persönlich nicht zu überspitzen, sondern das im Auge behalten, was für das Gesamtwohl erforderlich ist. Das wird nur die neue Auffassung in der nationalsozialistischen Arbeitsfront fertigbringen. Diese Schwierigkeiten galt es zu überwinden, auch bei der Beschaffung aller zusätzlichen Arbeitsmöglichkeiten, denn der Unterschied zwischen Unterstützung und Lohn ist augenblicklich bei den Notstandarbeiten noch sehr gering, aber meistens unvermeidbar. Ebenso ist es auch schwierig, die Arbeitsbeschaffung durch diejenigen zu erreichen, die Arbeit zu vergeben hatten, die sich im Augenblick nicht sofort rentieren. Auch von dieser Seite muß unter dem Gesichtspunkt „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ weitgehendstes Entgegenkommen erwartet werden.
Arbeitsamtsdirektor Dr. Kuhlo ging dann auf die Notstandsarbeiten und ihre Durchführung und Organisation ein.
In ganz Deutschland find etwa 400 000 Notstandsarbeiter beschäftigt.
Wenn man diese Zahl den in der Landhilfe und im Freiwilligen Arbeitsdienst untergebrachten deutschen Volksgenossen (je 200 000 Mann) gegenüberstellt, so geht allein schon daraus die ungeheure Bedeutung dieser Notstandsarbeiten hervor. In der Hauptsache handelt es sich bei diesen Maßnahmen um Grundförderung. Als Träger dieser Arbeiten tritt meist eine öffentliche Körperschaft auf, die außer dem vom Arbeitsamt bewilligten Zuschuß von 3 RM. pro Arbeitstagewerk. die Arbeitskosten zu tragen hat. Dafür darf der Träger der Arbeit 10 Proz. der Notstandsarbeiter selbst einstellen, während die anderen 90 Prozent fast durchweg Wohlstandslose vom Arbeitsamt zugeteilt werden. Die Arbeiten dürfen nicht in eigener Regie durchgeführt, sondern müssen an Unternehmer vergeben werden.
Die Notstandsarbeiten setzen sich in der Hauptsache aus Entwässerungs-, Kultivierungs-, Umlegung-, Rodungs- und Aufforstungsarbeiten zusammen. Über diese Grundförderung hinaus aber werden die Notstandsarbeiten auch im Rahmen des Reinhardt-Programms (Instandsetzungsarbeiten von Wohngebäuden) durchgeführt.
Der stellvertretende Arbeitsamtsdirektor Groß gab anschließend an die Ausführungen Dr. Kuhlos einen genauen Überblick über die augenblicklichen Notstandarbeiten im Arbeitsamtsbezirk Bielefeld. Die Landeskulturarbeiten, (Ödlandkultivierung, usw.) kommen unmittelbar der deutschen Landwirtschaft und damit dem gesamten deutschen Volk zugute. Deshalb werden auch diese Arbeiten von den Kreisbauernführern weitgehendst unterstützt.
Im Arbeitsamtsbezirk Bielefeld sind augenblicklich 1156 Notstandsarbeiter beschäftigt. Darüber hinaus aber sind auch noch 305 Notstandsarbeiter außerhalb des Arbeitsamtsbezirk Bielefeld untergebracht. so daß insgesamt vom Arbeitsamt Bielefeld 1461 Notstandsarbeiter betreut werden.
Davon sind die Hälfte langjährige Wohlfahrtserwerbslose. Eine Übersicht über die Beschäftigung von Notstandsarbeitern seil dem 1. Juli 1932 ergibt ein ebenso eindringliches wie erfreuliches Bild von der Entwicklung der Arbeitsmarktlage im Bezirk Bielefeld
Danach waren am 1. Juli 1932 nur 36 Notstandsarbeiter beschäftigt. Diese Zahl stieg bis zum 28. Februar 1934 auf 1156 Arbeiter, wozu noch der außerhalb des Arbeitsamtsbezirk Bielefeld beschäftigten Notstandsarbeiter kommen.
Im Stadtgebiet Bielefeld wird augenblicklich an folgenden Projekten gearbeitet: 1. Anlage von zwei Hochwasser-Schutzteichen am Siekerbach Schutz vor Hochwasser; 2. Ausbau der Straßen „Im Drewer Esch“ (Neubau einer Straße zur Aufschließung von Baugelände); bei diesen Arbeiten sind 98 Arbeiter beschäftigt.
Aber das ist natürlich nur ein Bruchteil von all den vielen großen Arbeitsgebieten um Bielefeld herum. Im Amtsbezirk Brackwede sind augenblicklich 232 Notstandsarbeiter tätig, im Amtsbezirk Gadderbaum 24. Im Amtsbezirk Dornberg 39. im Bezirk Jöllenbeck 81. In den Bezirken Halle, Werther, Borgholzhausen und Versmold zusammen 597 und im Forstamtsbezirk Bielefeld 72 Notstandsarbeiter.
Eine Reihe von Arbeiten sind bereits fertig gestellt worden. Wir erinnern hier nur an die Herstellung von drei Staureichen im Lutterbachlauf im Stadtgebiet Bielefeld.
Ferner sind auch eine Reihe von Notstandsarbeiten bereits vom Landesarbeitsamt Dortmund genehmigt, aber noch nicht begonnen. Im Laufe des Monats Marz wird sich infolgedessen die Zahl der Notstandsarbeiter noch um etwa 200 Mann erhöhen.
Außerhalb des Arbeitsamtsbezirkes Bielefeld sind im Kreise Wiedenbrück (und zwar in den Gemeinden Sende, Oesterwiehe, Spexard und Friedrichsdorf) noch 270 und im Lager „Heidequell“ bei Stukenbrock 35 Notstandsarbeiter beschäftigt, die zum Teil mit drei Autobussen von Bielefeld zu den Arbeitsstätten gebracht werden.
An die Ausführungen von Arbeitsamtsdirektor Dr. Kuhlo und stellv. Arbeitsamtsdirekter Groß schloß sich eine Fahrt zu den hauptsächlichsten Notstandsarbeitsgebieten an. die außerordentlich interessant war und die davon Zeugnis ablegte, daß der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vom Arbeitsamt Bielefeld mir Tatkraft und großem Erfolg durchgeführt wird.