Ortshistoriker Werner Höltke erzählt vom stinkenden Oerlinghausen
Vortrag: Es stank in Oerlinghausen um 1913. Ortshistoriker Werner Höltke entdeckte, dass einige wohlhabende Bürger deutliche Duftmarken setzten
[Bild: Zeigt das Bild einer historischen Postkarte: Werner Höltke referiert für den Arbeitskreis Alt-Oerlinghausen über eine Phase, als die Oerlinghauser mit starken Geruchsbelästigungen zu kämpfen hatten. | © HORST BIERE]
Oerlinghausen. Es stank zum Himmel an der früheren Bielefelder Straße zu Kaisers Zeiten. Die Geruchsbelästigung an der Ausfallstraße nach Asemissen, heute Rathausstraße, war gerade im Sommer unerträglich. Immer wieder hagelte es Beschwerdebriefe an die Ordnungsbehörde, das "Fürstliche Verwaltungsamt" in Schötmar.
Sogar die Fuhrunternehmer Wille und Hellkamp, die die Touristen für die "Sommerfrische Oerlinghausen" vom Bahnhof abholten, berichteten, dass sich ihre Fahrgäste an dieser Stelle stets die Nasen zuhalten mussten.
Im Sommer 1913 war es besonders schlimm. Die Anwohner rebellierten, auch die Gutsverwaltung Niederbarkhausen beschwerte sich und die fürstliche Regierung dachte ernsthaft darüber nach, Oerlinghausen die Titel "Sommerfrische" und "Luftkurort" abzuerkennen.
Die Ortsgemeinde ging endlich auf die Suche nach dem Verursacher des penetranten Geruchs. Alle Hausbesitzer und Anwohner vom Anfang der Hauptstraße und Detmolder Straße sowie der Bielefelder Straße wurden angeschrieben und befragt, ob ihre Klärgruben in Ordnung seien.
In jenen Jahren Anfang des 20. Jahrhunderts besaß der Weg Richtung Asemissen zwar schon einen Abwasserkanal, doch der sollte nur Regenwasser und ein wenig Spül- und Waschwasser aus den Haushalten aufnehmen. Er endete auch hinter dem Ort, der Inhalt floss dann steil bergab in den Grütebach. Die Oerlinghauser Toilettenabwässer wurden in der Regel von Hausklärgruben aufgefangen. Das waren geschlossene Bassins, die man zweimal im Jahr mit Eimern entleerte und den Inhalt auf die Felder zum Düngen brachte.
Wachtmeister Hummel begleitete die pikante Untersuchungsaktion
Auch Alwine Müller, die Mutter des Fabrikanten und Webereibesitzers Georg Müller, erhielt eine Anfrage der Gemeinde Oerlinghausen. Erbost über den Verdacht gegen seine Mutter antwortete Müller selbst: "Ich protestiere gegen die Unterstellungen und ersuche Sie, erst einmal festzustellen, ob irgendwo ein Closett-Abwasser in den Kanal geleitet wird."
Nun ging der Oerlinghauser Ortsvorstand gründlich vor. Maurermeister Rudolf Oberdiek erhielt den Auftrag, unter amtlicher Begleitung von Wachtmeister Hummel, die Fäkaliensituation von Haus zu Haus zu überprüfen. Alle Küchen, Waschküchen und Toiletten (zumeist Plumpsklos) wurden von den beiden inspiziert.
Das Resultat war ernüchternd. Zwar könne hier und dort die Einleitung von Fäkalien mit dem Waschwasser nicht ausgeschlossen werden, doch einen Hauptverursacher für den Gestank konnten die beiden nicht feststellen. Die Hausklärgruben (Schlammfänger) hielten ja - wie immer "die festen Teile im Abwasser fest". 3,70 Reichsmark erhielt Rudolf Oberdiek für seinen Abschlussbericht. Immerhin war nun jedermann gewarnt, und man achtete nun penibel darauf, das Abwasser nicht zu verunreinigen. Der Gestank in der Gemeinde ging tatsächlich zurück.
Des Rätsels Lösung war letztlich so einfach wie peinlich für die Oerlinghauser Oberschicht: Als in den Jahren ab 1910 in Oerlinghausen die erste Wasserleitung verlegt wurde, schafften sich zuerst die wohlhabenden Bürger und Geschäftsleute im Ortszentrum neue Toiletten mit Wasserspülung an. Diese zusätzliche Spülung brachte im Nu ihre Hausklärgruben zum Überlaufen und die total verschmutzte Brühe gelangte ungehindert in den Abwasserkanal nach Asemissen.
Die Oerlinghauser Toilettenfrage löste sich deshalb alsbald in Wohlgefallen auf. Die Hausbesitzer achteten von nun an auf die rechtzeitige Leerung ihrer Klärgruben, und die Gemeinde begann mit dem Bau eines modernen Klärwerks. Und Oerlinghausen behielt weiterhin die Tourismus-Gütesiegel: "Sommerfrische" und "Luftkurort".