Die Wasserversorgung in Oerlinghausen
Wasser, eines der Lebenselemente der Menschheit, war immer mir ausschlaggebend wenn Menschen sich irgendwo ansiedelten. Auch hier bei uns zeugen Siedlungsspuren, z. B. am Barkhauserberge (Gemanengehöft) und in der Lander, davon daß Wasser in der Nähe war. Auch bei der Kirche (Pfarrhof) befand sich seit jeher ein ausgiebiger Brunnen. Man kann sagen: Die erste Besiedlung von Oerlinghausen fand rund um die Kirche und dem Brunnen statt. Im Laufe der Jahrhunderte bebaute man dann den Bergabhang oberhalb der Kirche, weil Barkhausen bereit war hier Gelände zur Verfügung zu stellen. Das Wasserproblem war aber immer die Hauptsorge der Einwohner. Schon um 1800 holten sich die oberen Häuser (Auf dem Berge) durch eine Röhrenleitung ihr Wasser aus einer Quelle am Philosophenweg in die Nähe ihrer Häuser. Als man in den Jahren 1814 -1824 wieder mal damit begann unter dem Tönsberg Kohlen zu suchen und von der Hermannstraße aus Stollen in den Tönsberg trieb, wurde diese Quelle plötzlich trocken und die Benutzer saßen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Trockenen. Diese Hausbesitzer und einige andere die noch dazu kamen bauten 1828 dann den sogenannten "Weberbrunnen" der heute zwischen den Häusern Tönsbergstraße 1+3 verdeckt in der Straße liegt, als Interessentenbrunnen. Die Bautätigkeit nahm immer mehr zu. Die Hauptstraße war entstanden, die Detmolder Straße war gebaut und alle brauchten Wasser. Da entschloß sich 1845 der Dorfsgemeindeausschuß zum Bau einer Holzröhrenleitung vom Kalderberg bis zum Simonsplatz. Der Auftrag für die Holzröhren wurde an Zimmermeister Fritz Löhr, Hauptstraße, vergeben. Erst 1850 kam es zur Verlegung dieser Röhren. Nun war die Versorgung eines großen Teiles der Bevölkerung gesichert, aber der Ort dehnte sich aus und alle wollten Wasser und mehr Wasser haben. Die neuverlegte Holzleitung lag nur 20 -30 cm unter der Erde und war sehr reparaturanfällig. Von Bremer bis Blume lag sie stellenweise im Straßenkörper und wurde von schweren Fuhrwerken regelrecht zerfahren. Die Wasserleitung verschlang einen großen Teil des Gemeindeetats, denn aus ihr wurden auch 3 Löschwasserbassins gefüllt. Man baute zum Teil um, mit Tonröhren und mit Gußeisernen Röhren, aber es half alles nichts. Da auch noch viel Leinen in Oerlinghausen gebleicht wurde, entschloß sich 1861 der Gemeindevorstand 1861 die Schopkewiese durch Tausch mit Menkhausen zu erwerben. Seit mindestens 100 Jahren wurde hier Leinen gebleicht da genügend Wasser aus dem Sandsteinfelsen zutage trat. Nun konnte der Ortspolizist tätig werden und die Viehbesitzer die ihre Kühe auf diese Bleiche trieben, auch wenn das Leinen ausgelegt war, in Strafe nehmen.
Der Schrei nach Wasser aber wurde im Ort immer lauter. Ab 1870 jagt eine Eingabe der Bürger die andere. Nun wollen auch die Inhaber der Interessentenbrunnen diese los sein. Sie sagen, wenn das Geld des Ortes zum großen Teil für die Wasserleitung aus Holz verbraucht wird für einen kleinen Teil der Bevölkerung, dann muß auch für uns was getan werden. Denn Hermannstraße, Holterstraße, Rathausstraße, Tönsbergstraße usw. wollten als Steuerzahler gleich behandelt werden. Es wurden Pläne gemacht und Experten herangezogen. Aber wenn man die Kosten sah, legte man alles wieder beiseite. Um das Geld herbeizuschaffen hätte man höhere Steuern ausschreiben müssen und das hätte diejenigen getroffen die im Gemeindeausschuß saßen. Andererseits war auch die Technik noch nicht soweit Pumpen für Dauerbetrieb zu bauen. Ein Plan sah vor das Wasser der Snakenbachquelle aus eigener Kraft in den Ort fließen zulassen. Auch die Quelle beim Hedwigsheim sollte ins Dorf geleitet werden.
Als dann 1893 Gemeineausschußwahlen stattfanden, änderte sich mit einem Schlage fast alles. Bei dem Dreiklassenwahlrecht besetzten die Handwerker und Kaufleute die gesamte 2. Klasse und die Sozialisten (Tabakarbeiter die gesamte 3. Klasse. Sie alle wählten gemeinsam August Reuter (Vater des Altbürgermeisters Reuter) zum Gemeindevorsteher.
Schon im selben Jahr holte man die Firma Scheven - Düsseldorf nach hier um ein Gutachten zur Wasserversorgung erstellen zu lassen. Dieses lenkt nun entgültig den Blick zur Schopkewiese. Hier war inzwischen eine Waschanstalt entstanden, die neben den Interessentenwaschanstalten Hellkuhle und Schulwiese sehr stark benutzt wurden. Etwa 80% der Oerlinghauser Familien spülten dort ihre Wäsche. Es war leichter die Wäsche zum Wasser zu bringen als das Wasser von irgendwoher ins Haus zu schleppen. Außerdem war es für die Frauen immer ein Erlebnis hier beim Spülen der Wäsche die Neuigkeiten auszutauschen. Scherzhafterweise nannte man die Waschanstalt in der Schopke auch "Landtag".
Im Jahre 1896 wurde laut Beschluß des Gemeindeausschusses die alte ehemalige Holzwasserleitung privatisiert. Die bisherigen Benutzer mußten sie in eigene Regie übernehmen und unterhalten. Die Gegner einer total neuen Wasserleitung waren nun zum großen Teil ausgeschaltet. Nur ein Rest auf der Detmolderstraße blieb noch zurück. Schon 1898 fand die erste Beratung über die Anlage eines Wasserwerkes statt in Verbindung mit einen Elektrizitätswerk.
Im Jahre 1901 wurde die Anlage eines Wasserwerkes grundsätzlich beschlossen. 6 lange Jahre gehen ins Land, die durch Verhandlungen ausgefüllt sind um die Finanzierung klar zu bekommen. Im Juni 1907 beschließt der Dorfsausschuß daß die Firma Scheven eine Probebohrung auf der Schopkewiese, mit anschließenden Probepumpen durchführen soll. Der Probebrunnen ist 17 mtr. tief und gibt genügend Wasser welches von einwandfreier Qualität ist wie das Untersuchungsamt in Bielefeld feststellt. Bei den Pumpversuchen wurde die Waschanstalt vorrübergehend trockengelegt.
Am 8. Januar 1908 beschließt der Gemeindeausschuß einstimmig -nach einem Vortrag des Herrn Scheven-Düsseldorf- den Bau eines Wasserwerkes . Dieser Tag kann als Geburtsstunde unseres heute noch bestehenden, wenn auch erweiterten Wasserwerkes angesehen werden.
Die Planungen laufen nun schnell an. Prof. Stiller bekommt den Auftrag sich in Oerlinghausen noch nach anderen Wassergewinnungsgebieten umzusehen, insbesondere am Tönsberg. Ende 1908 kommt das Gutachten des Prof. indem er den Tönsberg total verwirft.
Inzwischen hat der bisherige Gemeindevorsteher August Reuter, aus Krankheitsgründen sein Amt niedergelegt. Sein Nachfolger Herr Liekefett setzt sich ebenso vorbehaltslos für den Bau einer Wasserleitung ein.
Am 4. Mai 1909 hält Herr Kargass, von der Firma Scheven, einen Vortrag über die im großen und ganzen abgeschlossenen Vorarbeiten. Ebenso hat der Dorfsvorstand inzwischen die von der Firma Scheven errichteten Wasserwerke in Rothenfelde, Melle und Stommeln besichtigt.
Um die Finanzierung zu unterstützen will man WasserzinsanteiIscheine im Ort verkaufen. Aber eine Rolle beim Bau des Wasserwerkes haben sie nie gespielt.
Am 14. Juli 1909 beschließt der Dorfsausschuß dann den Bau einer Wasserleitung, mit den Schopkequellen als Wassergewinnungsgebiet. Hierfür stimmen 4 Ausschußmitglieder - 3 stimmen dagegen bei einer Enthaltung. Da Stimmengleichheit herrschte machte der Vorsteher von dem Recht seiner Doppelstimme Gebrauch. Die Geldmittel in Höhe von 130 000 Mark sollen durch eine Bankanleihe gedeckt werden. Am 3. August erläutern Herr Heinrich Scheven und Herr Kargass den vorläufigen Bauplan. Es wird beschlossen außer der Firma Scheven noch 2 weitere Angebote einzuholen. Ebenso wird beschlossen keine E-Motoren im Pumpwerk einzusetzen, sondern Sauggasmotoren. Ebenso wurde eine Anschluß und Verbrauchssatzung beraten. Ein Antrag, daß nach Fertigstellung der Wasserleitung sämtliche öffentlichen Brunnen geschlossen werden, wurde vertagt.
Da der Bau der Straße nach Lämershagen (heute Ravensbergerstraße) gerade fertiggstellt war, beschloß der Dorfsvorstand auch den Bau einer Straße von Herklotz (Menkhauser Kötterhaus) bis zum Wasserwerk, um dieses mit größeren Fuhrwerken erreichen zu können Die Aufgabe die sich die damaligen Gemeindevertreter gestellt haben, ist für das kleine Dorf Oerlinghausen so gewaltig, daß das ganze letzte Halbjahr 1910 und das erste Halbjahr 1911 mit Finanzverhandlungen und Beratungen über ein Statut dahingehen. Aber dann tritt ein Ereignis ein, welches alles beschleunigt. Infolge der totalen Trockenheit des Frühjahres und Sommers fällt ein Brunnen nach dem anderen trocken. Wasser wird nur noch an den wenigen Brunnen die noch Wasser führen, stundenweise ausgegeben. (Jede Familie pro Tag zwei Eimer). Am 29. Dezember 1911 liegen der Dorfsvertretung 5 Angebote zum Bau des Wasserwerkes vor. Der Ausschuß entscheidet sich für Naphtalin-Motoren für das Pumpwerk und für Gußeiserne Rohre für das Leitungsnetz. Nach nochmaligen harten Verhandlungen erklärt sich die Firma Scheven bereit, für eine Pauschalsummen von 95 000 Mark die Wasserversorgung zu bauen und bekommt den Zuschlag.
Die Gemeinde Senne protestiert gegen den Bau des Wasserwerkes.
Auch im Jahre 1912 wurde von dem Dorfsausschuß manche Entscheidung verlangt, z. B. mehr Oerlinghauser Arbeiter beim Bau einzusetzen, die Anschluß- und Benutzungsordnung zu beschließen und eine Einschätzungskommission zu biIden. Ebenso mußte festgelegt werden, wo die 9 Überflurhydranten aufgestellt werden sollten. Hiermit sollte die Feuerwehr, im Brandfalle, besser mit Wasser versorgt werden. Auch ein Maschinenmeister für das Pumpwerk muß eingestellt werden. Dieser hat nicht nur die Pumpen zu überwachen, sondern er muß auch die Reparaturen am Leitungsnetz ausführen und die Wasseruhren ablesen.
Das Ortsstatut für das Oerlinghauser Wasserwerk wurde am 14. Dezember 1911 erlassen.
Auf dem Tönsberg wird ein Wasserbehälter gebaut, er faßt 125 m3 und nimmt das überschüssige Wasser, welches direkt in das Leitungsnetz gepumpt wird, auf. 20 Hausanschlüsse werden beim Bau des Leitungsnetzes ausgeführt. (Mehr hatten sich wohl noch nicht gemeldet, denn es herrschte noch immer große Unruhe wegen dem Wasserzins).
Schon am 19. August 1912 bittet die Firma Scheven um Abnahme des Wasserwerkes. Das Pumpen kann losgehen und die schon fertig gestellten Leitungsstrecken füllen sich mit reinen Schopkewasser. Am 16. Dezember 1912 liegt die Abrechnung der Firma Scheven vor. Da die vereinbarte Pauschalsummen von 95 000 Mark hierin überschritten wird, fordert der Gemeindevorstand die Firma Scheven auf keinerlei Forderungen über 95 000 Mark zu stellen. Nach einem langen Schriftwechsel hat sich der Gemeindevorstand dann durchgesetzt.
Im April 1913 werden auf Antrag des Dorfsvorstehers sämtliche öffentlichen Brunnen geschlossen und die alte Wasserleitung von 1850 stillgelegt.