Eisenbahn Brackwede-Paderborn

 

In dieser Angelegenheit geht uns von Herrn E. Sch. ein weiteres Schreiben zu, das wir hiermit zum Abdruck bringen. Der Herr Einsender führt ans:

„Das Komitee für die Richtungslinie über Schloß Holte und Hövelhof hat vor einiger Zeit eine Eingabe an den Eisenbahnminister veröffentlicht, unterzeichnet von den Herren Bertelsmann und Th. Möller, welche sich fast ausschließlich gegen das sog. Sennebahnprojekt, entlang dem Gebirge über Oerlinghausen, Schlangen, Lippspringe nach Paderborn, richtet und in dem Petitum an den Minister gipfelt, für diese Sennebahn die beantragten Vorarbeiten nicht zu genehmigen. Dies ungewöhnliche Verlangen (denn durch Vermessungen konkurrierender Linien wird doch jedenfalls manches Wissenswerte in Erfahrung gebracht) erscheint aber umso auffälliger, da einige Wochen vorher die Handelskammer unter Vorsitz des Herrn Bertelsmann den einstimmigen Beschluß faßte, auch für die Richtungslinie entlang dem Gebirge die Vorarbeiten beim Minister zu beantragen, nachdem selbst die Ingenieure der Hannoverschen Eisenbahndirektion nach Vollendung ihrer Arbeiten über Hövelhof einen solchen Antrag als wünschenswert erklärt hatten. — Nach diesen Vorkommnissen hätte man nun wohl erwarten dürfen, daß die Begründungen des gegenteiligen Antrages in der Eingabe recht vollwichtige sein würden, allein mit Nichten ist dies der Fall und wird es uns nicht schwer fallen, die sämtlichen gegen die Sennebahn gerichteten Einwände als vollständig unrichtige nachzuweisen, wozu wir uns verpflichtet halten, da in diesen Blättern uns die Gelegenheit nicht versagt wurde, für das Sennebahnprojekt einzutreten, während der „Wächter“ dem berichtigenden Artikel sachlichen Inhalts in dieser Angelegenheit die Aufnahme verweigerte, trotzdem dieses Blatt uns in schärfster Weise angegriffen hatte.

In der Eingabe des Komitees an den Minister ist irrig, daß die vermessene Linie über Holte und Hövelhof einen kulturfähigeren Boden durchschritte (natürlich durchschnittlich gerechnet); das Gegenteil ist der Fall, denn dieser Boden ist ja zu einem großen Teile sehr geringwertig oder ein grundloser Moor- oder Sumpfboden, dessen Neigung zum Versinken selbst dem Eisenbahnbau nicht unerhebliche Schwierigkeiten entgegensetzt, was neuerdings bei ähnlichen Boden beim Bau von Eisenbahnen im Oldenburgischen sich herausstellte; die Baukosten steigen dadurch ansehnlich und die Fertigstellung infolge des allmählichen Sinkens des Bahnkörpers kann sich sehr in die Länge ziehen.

Irrig ist, daß der Heideboden, durch den die Sennebahn laufen würde, nicht kulturfähig sei, jetzt schon sind namhafte Parzellen davon von kenntnisreichen Landwirten zu einem ausgezeichneten Boden umgeschaffen worden, es wird aber der Eisenbahn bedürfen, um Dungmaterialien auf billigere und bequemere Weise heranschaffen. Wer sich davon über-

[…..] fielen, da im Gegenteil die Bielefelder Bleiche (F. W. Piderit) unmittelbaren Anschluß an die Sennebahn erhielte.

Irrig muß ferner bezeichnet werden, so lange nicht von der Eisenbahnbehörde eine Erklärung vorliegt, daß Oerlinghausen eine kürzere und zweckmäßigere Verbindung mit Bielefeld durch eine Eisenbahn auf der anderen Seite des Gebirges erhielte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird man, falls eine Vollbahn von Bielefeld nach Lage gebaut würde, diese über Heepen, Leopoldshöhe, Pottenhausen zum Anschluß an die Lippische Bahn nach Lage projektieren, dies wäre weitaus die kürzeste Verbindung zwischen beiden Bahnen, am wenigsten beeinflußt durch Höhenzüge und bewegt sich in ungemein dicht bevölkerter Gegend; Oerlinghausen dürfte nicht bedeutend genug sein, um die Mehrkosten der längeren Strecke, des gebirgigen Terrains und, was das schlimmste ist, des fortgesetzt kostspieligeren Betriebes zu motivieren, und schwerlich auch geneigt sein, die dementsprechenden Zuschüsse zu bewilligen. Erhält aber Oerlinghausen durch die Sennebahn dicht am Südabhange des Gebirges einen Bahnhof, so ist die weitere Entwickelung Oerlinghausens nach Süden hin gegeben, und dürfte dieser Ort alsdann durch reizende, originelle und romantische Lage von wenigen anderen Städten in weiter Runde übertroffen werden.

Irrig ist, daß diese Sennebahn auf einen lebhafteren Verkehr, namentlich Personen- und Touristenverkehr nicht zu rechnen habe. Nach den Erfahrungen, die man mit der Bahn von Brackwede nach Osnabrück, ebenfalls entlang dem Gebirge, und ferner mit Herford-Altenbeken gemacht hat, ist es ein starkes Stück, so etwas dem Herrn Minister zu schreiben. Was den Touristenverkehr anbetrifft, der als ein „völlig trügerischer“ dem Minister geschildert wird, so entwickelt sich bekanntlich dieser, wenn ihm keine Eisenbahnverbindungen in die Nähe beliebter Touristengegenden geboten werden; als eine solche ist aber der Teutoburger Wald derzeit anzusehen. In welcher Entfernungen liegen nun die besuchtesten Stationen dieses Gebirges von der Herford-Altenbekener Bahn und der Sennebahn? Letztere berührt unmittelbar Oerlinghausen mit Tönsberg, die Stapelager Berge, Lopshorn, Hartröhren, Breitewelt, Winfeld, Kreuzkrug, Kohlstädter Thal, während alle diese von der Herford-Altenbekener Bahn 8 bis 12 Kilometer entfernt liegen. Von den beiden Bahnen etwa gleichweit entfernt wären Donoper Teich, Grotenburg und Berlebeckerthal, während nur die Externsteine und der Gebirgszug nach Altenbeken hin für die Reisenden über Herford bequemer liegt, d. h. auch nur so lange, bis die Verbindungsstrecke von Schlangen nach Horn nicht fertiggestellt ist. Hieraus ist ersichtlich, daß in den meisten Fällen die Touristen Bielefelds mit Vorliebe die Sennebahn zu ihren Exkursionen in dies Gebirge benutzen würden, selbstredend mehr noch die Reisenden aus den Orten westlich von Bielefeld. Auch führen nicht, wie behauptet wird, Sandwege, sondern nach den meisten Stationen Chausseen und andere gute Wege.

Schließlich mag es auch nur als irrig bezeichnet werden, wenn uns unterstellt wird, die Sennebahntrasse liege in der Flugbahn der Geschosse aus dem militärischen Übungslager nach der Bergseite hin. Schon wiederholt hat man diese Behauptung zur Diskondierung des Projektes ausgesprengt trotz unserer nahen Widerlegung, und sind wir nunmehr genötigt die Behauptung als eine unwahre zu bezeichnen. Zwischen dem Sennelager und dem Gebirge, an dessen Fuße die Bahn herlaufen kann, ist ein Zwischenraum von mindestens 6 Kilometer. In diesem Zwischenraum, nahe am Lager, liegt Haustenbeck und andere kleinere Ortschaften und Gehöfte, die sämtlich noch niemals von den Geschossen belästigt wurden. Diese Geschosse bleiben innerhalb des durch Stangen und auf anderer Weise markierten Lagers, welches gerade aus diesem Grunde eine solch bedeutende Ausdehnung erhalten hat. Schlangen und namentlich Lippspringe liegen dieser Grenze des Lagers wesentlich näher und müßten konsequenterweise die Antragsteller auch befürworten, daß alle diese großen Bezirke, Ortschaften, Gehöfte, Häuser in Stadt und Land mit allem was dazu gehört, Heilquellen etc. dem Militärfiskus überantwortet werden, es sei denn, die Herren wären der Meinung, die Eisenbahn zöge die Geschosse an. Da dies wohl schwerlich der Fall, kann man nur mit Bedauern sehen.

[…..] daß die Diskussionen über die Richtungslinie dieser Bahn, bei der wir uns nicht schuldig glauben, jemals den sachlichen Boden verlassen zu haben, in gekennzeichneter Weise behandelt wird und dem Herrn Minister Mitteilungen gemacht werden, die mit der Wahrheit im direkten Widerspruch stehen.

Wir müssen der Behauptung des Komitees noch entgegentreten, die die Linie über Schloß Holte rc. als die „allein zweckmäßige" dem Minister empfiehlt. Sollte es staatlicherseits als eine condicio sine qua von bei dieser Bahn angesehen werden, das militärische Übungslager und zwar bei Neuhaus mit in die Trasse hineinzuziehen, dann möge das Komitee doch erwähnen, ob es nicht ratsamer die Richtungslinie bis Oerlinghausen zu akzeptieren und alsdann entlang den Landekreuzen mit Stationen zwischen Augustdorf und Stuckenbrock und Haustenbeck und Hövelhof nach dem Sennelager und Neuhaus die Bahn zu projektieren. An einer solchen Bahn könnte sich das Holter Eisenwerk leicht selbst anschließen. Damit würde dem allgemeinen Interesse sicherlich ebenfalls mehr Rechnung getragen."