Eisenbahn Paderborn-Horn

 

Am Sonntag, den 21. Juli d. J. hatte sich das Komitee für den Eisenbahnbau Paderborn-Lipppringe-Horn im Teutoburger Hofe zu Horn unter dem Vorsitze des Bankdirektors Kleine aus Paderborn zu einer Sitzung versammelt, an welcher 24 Komiteemitglieder aus Detmold, Horn, Kohlstädt, Lippspringe und Paderborn Teilnahmen; auch der Herr Fabrikant Engelbert Schönfeld aus Herford nahm an der Versammlung teil. Da auf den bereits am 2. Oktober 1893 von Seiten der Eisenbahnbaugesellschaft Sprickerhoff in Hannover an den Königlichen Herrn Staatsminister und Minister der öffentlichen Arbeiten gerichteten Antrag, die Genehmigung zur Vornahme von generellen Vorarbeiten für diese Bahnstrecke zu geben, eine Entscheidung des Herrn Ministers nicht zu erlangen war, so beschloß das Komitee sich selbst in einer Eingabe an den Herrn Minister zu wenden, um eine Entschließung in der Sache herbeizuführen. Die Komiteemitglieder Herren Stadtbaumeister Rülle und Hofbuchhändler Hinrichs in Detmold übernahmen die Ausarbeitung dieser Eingabe. Aus Anregung des Herrn E. Schönfeld aus Herford beschloß die Versammlung noch, in einer weiteren Eingabe an den Herrn Minister auf eine andere Richtungslinie der Bahn Brackwede-Paderborn aufmerksam zu machen und derer Bedeutung darzulegen, endlich auf Anregung des Herrn H. Todt aus Paderborn, in dieser Eingabe auch das Bahnprojekt Paderborn-Neuhaus-Delbrück-Rheda zu erwähnen, welches, im Falle die neue Richtungslinie gewählt wird, eine größere Aussicht gewinnt. Auch dieser Antrag wurde angenommen. Der Herr E. Schönfeld übernahm es die Eingabe an den Herrn Minister auszuarbeiten und wir teilen dieselbe in Folgendem mit:

Am Sonntag den 21. dieses Monats waren in Horn in Lippe eine größere Anzahl Vertreter der Städte Paderborn und Lippspringe, sowie des Fürstentums Lippe-Detmold versammelt, um über das Eisenbahnprojekt Paderborn nach Horn zu beraten. Es wurde bei dieser Gelegenheit mit großer Genugtuung davon Kenntnis genommen, daß Ew. Exzellenz sich neuerdings geneigt zeigen, dem Eisenbahnprojekt Paderborn-Brackwede näher zu treten und, daß dieserhalb vor Kurzem Vermessungen von Paderborn über Neuhaus, Sennelager, Hövelhof, Schloß Holte, nach Brackwede vorgenommen sind. Namens dieser Versammlung gestattet sich der unterzeichnete Vorsitzender derselben Ew. Excellenz Aufmerksamkeit auf eine etwas veränderte Richtungslinie für das Projekt Paderborn-Brackwede zu lenken und die Bitte auszusprechen, diese mit in Konkurrenz zu ziehen und vor definitiver Festlegung auch die Trasse Paderborn über Lippspringe und Schlangen entlang dem Teutoburger Walde über Haustenbeck, Augustdorf, Dalbke, Senne II nach Brackwede vermessen lassen und die Vorarbeiten genehmigen zu wollen.

Die Richtungslinie würde als erste Station dem Badeort Lippspringe die so lang ersehnte Schienenverbindung bringen, welche diesem aufstrebenden Orte zur weiteren Entwickelung erforderlich ist und die in hohen Maße beitrüge, den diesen Badeort Aufsuchenden, gemeiniglich schwer Erkrankten, die Reise dahin zu erleichtern, was berücksichtigt zu werden verdient, da bereits jetzt dieser Ort alljährlich von mehr als 3000 Leidenden ausgesucht wird.  In der zweiten Station Schlangen würde eine projektierte Eisenbahn durch das Kohlstädter Tal und Externsteine nach dem 12 Kilometer entfernten Horn, Station der neuerdings eröffneten Lippischen Bahn Herford-Altenbeken, abzweigen, für welches Projekt wir gleichfalls eintreten.

Die Kohlstädter Berge, 2 Kilometer von Schlangen entfernt, enthalten den wertvollsten Kalkstein in ganz bedeutender Mächtigkeit und ist trotz der Schwierigkeit des derzeitigen langen Achsentransports nach den Eisenbahnstationen die Ausbeute an Kalk bedeutend, würde aber bei Herstellung der Bahn einen bedeutenderen Aufschwung nehmen können, ähnlich wie dies ja auch in Beckum der Fall gewesen ist und womit die Station Schlangen auch für die Eisenbahnverwaltung die gleiche große Bedeutung erlangen könnte. Auch der in Kohlstädt befindlichen Brauerei, einem Unternehmen von größerer Bedeutung haben wir hier zu gedenken. An Massengütern fielen außerdem aus dieser Station wie auch auf der dritten und vierten in Haustenbeck und Augustdorf (Dörenschlucht) Hausteine, weißer Sand, Holz und landwirtschaftliche Produkte schwer in's Gewicht. Auf der fünften Station Dalbke befindet sich eine bedeutende Papierfabrik, die große Lasten befördert, auch würde daselbst die Industriestadt Oerlinghausen auf 2 bis 3 Kilometer Nähe berührt werden, welcher Ort schon jetzt einen namhaften Transport an Waren und Produkten verschiedener Art zu bewältigen hat und es schwer empfindet außerhalb des Eisenbahnverkehrs zu stehen. Auf der letzten Strecke unserer projektierten Linie bis Brackwede befinden sich schon jetzt namhafte industrielle Werke, Eisengießereien, Dampfmahl- und Sägemühlen, Garn- und Leinenbleichen und das mit Dampfkraft betriebene Wasserwerk der Stadt Bielefeld.

Wenn wir nun damit den Beweis erbracht haben, daß bei dieser Richtungslinie ein namhafter Warentransport in Betracht kommt, der aber nach Herstellung des Schienenweges eine erhebliche Steigerung erfahren würde, so kann dies mit aller Sicherheit auch für den Personenverkehr vorhergesagt werden. Nicht bloß, daß dieser zwischen den verschiedenen Stationen in Folge der regelmäßigen geschäftlichen Verkehrs sich entwickelt, sondern es tritt dazu auch ein Touristenverkehr von und nach den so beliebten Ausflugsorten des Teutoburger Waldes in dessen unmittelbarer Nähe die Bahn entlang laufen würde. Oßning-Bergkette, Tönsberg mit Oerlinghausen, Stapelager-Berge, Lopshorn, Grotenburg mit Hermannsdenkmal, Berlebeck, Kohlstädt, Externsteine etc., werden stets große Schaaren von Ausflüglern an sich locken. Welch ein beachtenswerter Faktor für die Eisenbahnverwaltung dieser Touristenverkehr geworden ist, wird Ew. Exzellenz aus den Resultaten der Bahn von Herford nach Detmold resp. Altenbeken entnommen haben; nicht geringer würde dieser auf der beschriebenen Linie, begünstigt durch die unmittelbare Nähe des Gebirges, sich erweisen. Beide Bahnen nördlich und südlich der Gebirgskette würden sich ergänzen und diesem Touristenverkehr einen weiteren ungeahnten Aufschwung geben, der ja durch die zunehmende Größe der benachbarten Industriestädte ein Lebensbedürfnis für deren Bewohner geworden ist.

Wie steht es nun dagegen mit der jetzt vermessenen Trasse über Hövelhof? Auf der ganzen Linie von Brackwede bis Neuhaus käme nur das Eisenwerk auf Schloß Holte in Betracht, das. aber leicht durch eine Zweigbahn an die beschriebene Bahn etwa in Dalbke angeschlossen werden könnte; sonst ist auf dieser ganzen Strecke weder ein Personen- noch Warentransport zu erwarten mit Ausnahme des durchgehenden Verkehrs in Folge der Abkürzung zwischen Norden und Süden, den wir hier nicht zu berücksichtigen brauchen, da er für beide Richtungslinien derselbe sein wird, weil diejenige entlang dem Gebirge nur kaum 4 Kilometer länger ist. Es würde wohl schwerlich jemals daran gedacht sein, über Hövelhof eine Eisenbahn zu erbauen, wenn nicht unweit Neuhaus das militärische Sennelager davon berührt würde. Eine Berührung desselben könnte aber auch in Haustenbeck und Lippspringe stattfinden, da sich das Lager bis dahin ausstreckt und würde ebenfalls unweit Neuhaus erfolgen können, wenn das Eisenbahnprojekt Paderborn, Neuhaus, Sennelager, Delbrück, Rietberg, Wiedenbrück-Rheda ausgeführt würde, weshalb wir Ew. Exzellenz gehorsamst ersuchen die Vermessungen, bzw. Vorarbeiten auch auf diese Linie ausdehnen zu wollen, die die langgeplante direkte Verbindung Paderborn-Münster verwirklichte. Den militärischen Interessen wäre dadurch in gleicher Weise, oder falls dies erwünscht, bei Berührung in Haustenbeck und Lippspringe in noch höherem Maße Rechnung getragen ohne aber in Widerspruch zu kommen mit den Interessen der übrigen Staatsbürger. Noch sei gestattet darauf aufmerksam zu machen, daß beim Bau der Bahn entlang dem Teutoburger Walde Schwierigkeiten irgendwelcher Art nicht vorhanden find da keine Ausläufer des Gebirges vorkommen, sondern bei ebenem Terrains vortrefflichem Baugrund und nur geringfügigen Wasserläufen, die Herstellung dieser Bahn unter den denkbar günstigsten Umständen sich vollzöge, zumal auch die Regierung des Fürstentums Lippe zweifellos, ähnlich wie bei den anderen Bahnen ihres Ländchens, auch für diese eine angemessene finanzielle Beihilfe gewähren würde, soweit diese Lippisches Territorium berührt.

Alle diese Vorteile gehen bei der Trasse über Hövelhof verloren, außerdem hätte diese aber noch den großen Nachteil, daß bei Ausführung derselben die so wünschenswerte Bahn entlang dem Gebirge, für alle Zeiten unmöglich gemacht und diejenige über Delbrück und Rietberg nach Rheda sehr erschwert, falls nicht ebenfalls verloren gehen würde.

Indem wir uns der Hoffnung hingeben, daß Ew. Exzellenz die Richtigkeit unserer Ausführungen anerkennen werden, bitten wir unsern Antrag die vielversprochenen Linien mit in Konkurrenz zu ziehen und demgemäß dafür die Vorarbeiten an zeitigen zu lassen, geneigtest genehmigen zu wollen. Zur besserer Erläuterung gestatten wir uns eine Kartenskizze beizufügen.