Die Eisenbahn Bielefeld-Brackwede-Paderborn
Wie unseren Lesern bekannt ist, find nunmehr die. setz ca. 50 Jahren gehegten Wünsche auf den Bau einer Eisenbahn von Bielefeld über Brackwede nach Paderborn ihrer Erfüllung um ein Beträchtliches näher gerückt. Veranlaßt durch die Tätigkeit des vor 2 Jahren eingesetztes Komitees für eine solche Strecke hat der Eisenbahnminister vor einiger Zeit die Eisenbahndirektion zu Hannover beauftragt, allgemeine Vorarbeiten für die Linie nebst einer Denkschrift und Ertragsberechnung anzufertigen. Es sind auch Äußerungen von maßgebender Stelle bekannt geworden, wonach beabsichtigt sein soll, die Aufnahme der Streckt Bielefeld-Paderborn in ein Anleihegesetz beim Landtage ev. schon in baldiger Zeit, wenn nicht in der nächsten, so doch in der folgenden Session zu beantragen. Die von dem Minister angeordneten Vorarbeiten sind dem Abschlüsse nahe, denselben ist eine Richtungslinie zu Grunde gelegt, die von Brackwede über Hövelhof und Neuhaus direkt nach Paderborn führt. Es ist dieselbe Linie, die seit Alters her sowohl in Bielefeld als auch in Paderborn als die allein richtige galt.
Da tauchen nun seit einiger Zeit Bestrebungen auf, welche dahin gehen, dem Bau der Strecke Bielefeld-Paderborn sowohl eine andere Richtung als auch einen anderen Zweck zu geben, als bisher für dieselbe stets in Frage gekommen? sind. Man will die Bahn möglichst nahe dem Südabhange des Teutoburger Waldes entlang über Oerlinghausen, Augustdorf, Haustenbeck, Schlangen nach Lippspringe führen und dieselbe nun entweder von Schlangen oder Lippspringe in zwei Strahlen nach Neuenbeken bzw. Altenbeken und Paderborn leiten. Man behauptet zu Gunsten dieses Projektes, dasselbe diene größeren Verkehrsinteressen.
Die gekennzeichneten Bestrebungen haben ihren Ursprung nicht in Bielefeld oder Paderborn, sondern werden auf Seiten vertreten, welche früher niemals dem Eisenbahn-Projekt Bielefeld-Paderborn ihre Fürsorge haben zukommen lassen. Zwar hat das „Bielefeld. Tgb." einem auswärtigen Befürworter dieser Bestrebungen seine Spalten geöffnet und es mag auch hier und da jemand gebe», dem die Ausführungen jenes Blattes plausibel erschienen sind; alle diejenigen Bielefelder dagegen, welche die Idee und den Zweck einer Eisenbahn von Bielefeld nach Paderborn näher kennen, und vor Allem diejenigen, welche berufen sind die Interessen der beiden Kreise Bielefeld zu vertreten, werden die ungeschlagene neue Linie Bielefeld-Oerlinghausen-Lippspringe auf das äußerste zu bekämpfen, sie müssen dieselbe bekämpfen, weil durch dieses Projekt die Bielefelder Interessen auf das Ärgste bedroht sind.
Wie unsere Leser wissen, ist man in den Bielefelder Kreisen bestrebt nicht nur den Bau einer Eisenbahn nach Paderborn durchzusetzen, sondern es wird namentlich auch ein Projekt Bielefeld-Lage betrieben. Für Bielefeld ist die letztgenannte, eine dichtbevölkerte wohlhabende Gegend durchlaufende Linie mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als eine Eisenbahn durch die Senne. Dis Strecke Bielefeld-Lage ist so gedacht, daß sie bei Oerlinghausen möglichst nahe an die Berge herankommt und im weiteren Verlauf ungefähr in der Richtung der Oerlinghausen-Lager Chaussee hinführt. Käme nun die oben gekennzeichnete Eisenbahn Brackwede-Oerlinghausen-Lippspringe zu Stande, so würde diese mit der Strecke Bielefeld-Lage ungefähr parallel laufen, beide Linien näherten sich bei Oerlinghausen auf ca. 5 Km, während der Endpunkt Lage von der Bahn Brackwede-Lippspringe ca. 10 Km. entfernt läge. Wer nun dje Entwickelung unseres Staatsbahnwesen in der letzten Zeit verfolgt hat, wer da weiß, wie schwer es hält, ein Eisenbahnprojekt durchzusetzen, der wird uns zugeben, daß der Bau einer Linie Brackwede-Oerlinghausen-Lippspringe das Projekt Bielefeld-Lage? einfach todt schlüge. Die Staatsregierung wird nicht daran denken, nördlich des Teutoburger Waldes eine Bahn, diesem entlang zu sichern, wenn am Südabhange desselben eine Parallelbahn in wenigen Kilometern Entfernung läuft. Wer also nicht das Project Bielefeld-Lage gefährden will, darf niemals in die von Heytn E. Sch. im „Bielefeld. Tageblatte" empfohlene Linie Brackwede-Lippspringe willigen.
Es kommen aber noch weitere Gründe für die Ablehnung derselben in Betracht.
Für Bielefeld ist die Linie nach Paderborn nicht nur hinsichtlich des lokalen Verkehrs, sondern — wie in diesbezüglichen Aktenstücken stets betont ist auch für den Durchgangsverkehr von erheblichem Interesse. Wer die Geschichte des Projektes kennt, weiß, daß die Bahn als ein als ein Teilglied einer Eisenbahn von Bremen nach Osnabrück, Bielefeld, Paderborn nach Marburg angesehen würde. Auch heute sind die Aussichten noch nicht geschwunden, daß die Strecke Bielefeld-Paderborn für den durchgehenden Verkehr nutzbar, gemacht werden kann. Von Osnabrück nach Brackwede ist eine Bahn im Betrieb, die Eisenbahn Paderborn-Büren ist gesichert, das Stück Büren-Brilon wird sicherlich folgen; auch Kölbe nach Frankenberg läuft eine Bahn. Es sind also nur noch wenige Theile, die der Gesamtlinie Bremen-Marburg fehlen.
Solcherart würde es für Bielefeld wenig klug sein, wollte es in die Bahn über Oerlinghausen-Lippspringe willigen, da diese Linie für den durchgehenden Verkehr einen recht beträchtlichen Umweg erbringen würde. Es ist dabei nicht außer Acht zu lassen, daß in dem uns von auswärts gebrachten neuen Projekt mit auffallender Beharrlichkeit eine Fortführung auch nach Neuenbeken oder wenn irgend möglich nach Altenbeken gefordert wird. Es gehört nun großer Optimismus dazu, um zu glauben, daß Herr Miquel darin willigen würde, die neue Bahn, in zwei Endstrahlen nach Paderborn und dem 10 Kilometer davon gelegenen Neuenbeken laufen zu lassen, also nach zwei Punkten die ohnehin durch eine Eisenbahn schon verbunden sind. Sicherlich würde dieses Projekt als nicht ernst zu nehmen bei Seite geschoben werden, vielleicht sucht man sich aber Neuenbeken oder Altenbeken als alleinigen Endpunkt aus und dann würde wieder Bielefeld benachteiligt sein, denn Bielefeld, erstrebt eine Bahn nach Paderborn und den darüber hinaus, gelegenen, südlichen Landesteilen. Die Ausschließung dieser, bisher vom Verkehr wenig berührten Gegenden darf von Bielefeld aus wirtschaftlichen Gründen nicht außer Acht gelassen werden.
Nun wird von den Verteidigern des Projektes. Brackwede-Oerlinghausen-Lippspringe behauptet, daß durch diese Linie der Stadt Bielefeld eine bevölkerte und wohlhabendere Gegend aufgeschlossen würde als durch die Strecke Hövelhof-Neuhaus, Wir stehen diesen Verheißungen auf wirtschaftlichen Vorteils in Folge dieses Richtungswechsels in der Führung der Bahn recht skeptisch gegenüber. Dabei können wir aber eine Bemerkung nicht unterlassen. Betrachtet man den Bau der Bahn Bielefeld-Paderborn allein vom Standpunkt der Landesmelioration so glauben wir daß der preußische Staat zunächst die Pflicht hat, die wirtschaftlich so zurückgebliebene preußische Senne aufzuschließen. Wir brauchen den Vorwurf des Partikularismus nicht zu fürchten und gönnen Lippe-Detmold alles Gute. Aber wunderbar würde es uns doch erscheinen, wollte die preußische Eisenbahnverwaltung die neue Linie Bielefeld-Paderborn nach ihrem Beginn mit einem erheblichen Umweg in lippisches Gebiet führen, um sie erst kurz vor ihrem Ende wieder auf preußischen Boden zurück zu leiten. Und im Zusammenhang damit noch ein Wort: Wir sind der Meinung, daß die lippische Bevölkerung, und die Interessenten des Ausbaues der Herford-Detmolder Eisenbahn wahrlich keinen Grund haben, Bielefeld den Vorwurf zu machen, daß es sich ihren Interessen und Bestrebungen gegenüber illoyal verhalten hätte. Wenn heute die Bahn-. Detmold-Altenbeken vollendet, Lage-Hameln in Ausführung begriffen. Bünde-Sulingen bewilligt sind und wenn auch Hoffnung, vorhanden ist, daß die Bahnen Sulingen-Bassum- Herford-Bünde von Seiten der Eisenbahnbehörden in baldiger Zeit zugestanden werden, so ist es Tatsache, daß die Agitation und Arbeit für diese Projekte nicht zum Mindesten im Kreise Bielefeld und von Angehörigen des Kreises Bielefeld geleistet ist..
Dabei hat man vielfach von dieser Seite spezifisch Bielefelder Wünsche zurückgestellt, um in der Entwicklung begriffene Dinge nicht zu stören. Da meinen wir aber, daß man von, Seiten der bezeichneten Interessenten der Strecke Herford-Detmold jetzt, wo Bielefeld im Begriff steht, für sich etwas zu erreichen, dieselbe Loyalität zeigen und Bielefeld keine Hindernisse bereiten sollte. Denn wenn auch die Eisenbahnbehörden, was wir sicher annehmen, das Projekt über Oerlinghausen-Lippspringe schon aus technischen Gründen zurückweisen werden, so ist doch zu befürchten, daß die Petitionen, die jetzt von bestimmter Stelle aus in die Welt gesetzt werden, einer baldigen Inangriffnahme der Bahn Bielefeld-Paderborn hindernd entgegentreten. In solchen Dingen ist aber nach alter Erfahrung das aufgeschoben häufig gleichbedeutend mit aufgehoben.
In der Bielefelder Handelskammer haben vor einigen Tagen die Bielefelder Mitglieder in großer Rücksichtnahme auf auswärtige Anträge einer Eingabe au den Eisenbahnminister zugestimmt, in welcher dieser um Anordnung von Vorarbeiten auch für die Linie Oerlinghausen-Lippspringe gebeten wird Vielleicht haben sich die Bielefelder Mitglieder dabei auch von der gewiß zutreffenden Ansicht leiten lassen, daß die Vorarbeiten für dieses Projekt dessen Unzweckmäßigkeit und Unausführbarkeit am Besten darlegen werden.
Am Montag tritt nun auch das Komitee für den Bau der Linie Bielefeld-Paderborn zusammen Hier haben es die Bielefelder Mitglieder nicht nötig, nach irgend einer Seite hin Rücksicht zu nehmen, und wir hoffen von ihnen, daß sie eine entschiedene Stellung gegen alle Bestrebungen einnehmen werden, welche das Projekt Bielefeld-Lage gefährden oder die Inangriffnahme der Strecke Bielefeld-Paderborn verschleppen können. Lieder gar keine Bahn nach Paderborn, als eine solche, welche Bielefelds Interesse aufs höchste gefährdet. Das wird auch der Standpunkt unserer Kreis- und Kommunal-behörden sein müssen, falls sie vor die Frage etwaiger Geldbewilligungen gestellt werden sollten.