Bahnhof Oerlinghausen feiert Geburtstag

Stadtgeschichte: Im Zur Eröffnung gab es vor 85 Jahren einen „großen Bahnhof“

Personennahverkehr unter der Lupe/ Teil 1

 

Oerlinghausen. Ohne festliche Stunde begeht der Bahnhof Oerlinghausen in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag. Die Leopoldshöher Grünen nehmen dies zum Anlaß, einen Blick nach vorn zu werfen. Während zum 50. Geburtstag noch Feierlichkeiten am Bahnhof und im Stadthotel in Oerlinghausen stattfanden, wurden die folgenden Jubiläen schon in aller Stille begangen. Weder Oerlinghauser noch Leopoldshöher Stadtväter und Politiker haben vom diesjährigen Ereignis Notiz genommen, obwohl die Gründung der Verkehrsgemeinschaft Lippe (VGL) dazu Anlaß geboten hätte.

Zu Anfang des Jahrhunderts gaben die Oerlinghauser noch 20 000 Goldmark aus (damals kostete ein Haus rund 3 000 Goldmark), um dem Bahnhof den Namen „Oerlinghausen“ geben zu können. Heute kommen die Politiker aus der Bergstadt — wahrscheinlich aus Angst, noch einmal Geld ausgeben zu müssen — nicht einmal mehr zu den Leopoldshöher Sitzungen, wenn dort von Politikern die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes diskutiert wird.

Ganz anders war es im Jahre 1903. Zur Bahnhofseinweihung und der Eröffnung des ersten Teilstücks der Bahn von Lage bis Oerlinghausen, drängelten sich viel „Offizielle“ sowie Bürgerinnen und Bürger, um beim Festakt dabei zu sein. Im Zeitalter der Autokultur verblaßte die Bahn eine ganze Zeitlang; heute, während des alltäglichen Verkehrschaos mit langen Staus auf den Straßen, besteht für die Bahn die Chance einer Renaissance.

Gute Signalwirkungen sind die gerade ausgehandelten Preissenkungen für die Lipper Bahn. Darüber hinaus gilt es, ein ganzes Konzept für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu realisieren. Unter welchen Bedingungen Bahn und Bus als bürgerfreundliche Verkehrsmittel heute wieder an Bedeutung gewinnen könnten, haben die Grünen Leopoldshöhe (Arbeitsgruppe Verkehr) unter Leitung des parteilosen Mitstreiters Willi Wächter in einer dreiteiligen Artikelserie aufgezeigt.

Nahverkehrsbahn „Lipperland“

Die Bundesbahn hat in den letzten Jahren eine Menge verkehrspolitische Logistik auf die Schiene gestellt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Schwerpunkt lag allerdings auf der Modernisierung des Fernverkehrs; moderne Intercityzüge verbinden die Großstädte in attraktiven Reisezeiten.

In der. Fläche sieht es dagegen düster aus. Der Kreis Lippe ist dafür ein besonderes Paradebeispiel; schlechte Zugverbindungen, gestrichene Fahrten bei Bahn und Bus sowie unkoordinierter Zubringer- bzw. Verteilerverkehr für die Schiene. Allabendlich wird Lippe zum Getto für rund 150 000 Menschen; wer sich ökologisch verhält und öffentliche Verkehrsmittel benutzen will, bekommt Ausgangssperre verordnet.

[Bild: Vor 85 Jahren wurde der Bahnhof Oerlinghausen seiner Bestimmung übergeben. Die Asemisser und Oerlinghauser Bevölkerung nahm mit großem Interesse an dem Festakt teil.]

Zwei typische Beispiele: Außer samstags ist Bielefeld täglich bis 22 Uhr mit Intercityzügen erreichbar. Der letzte Bahnbus nach Leopoldshöhe, Lage, Detmold verläßt den Bahnhof jedoch schon um 20.20 Uhr (samstags und sonntags um 23 Uhr) dagegen geht der Schienenverkehr samstags bereits um 14 Uhr in die Wochenendruhe. Die Forderung, für Lippe täglich zwischen 21 und 23 Uhr drei „Spätverbindungen“ einzurichten, ist keineswegs überzogen, da solche Verbindungen nicht nur wegen des Fernreiseverkehrs, sondern auch wegen der Abendveranstaltungen dringend notwendig sind.

Schließlich haben die Lipper ein Anrecht darauf, am kulturellen Abendleben der zum Oberzentrum aufpolierten Stadt Bielefeld teilzuhaben. In vergleichbaren Regionen Niedersachsens sind solche Abendverbindungen seit langem eingerichtet.

Detmold ist für Lippe das Verwaltungszentrum (Regierungspräsident, Finanzamt, Kreisverwaltung usw.); eine durchgehende Bahnverbindung vom Bahnhof Oerlinghausen besteht aber nicht. Reisende müssen in Lage umsteigen und haben nach 13 bzw. 24 Minuten Aufenthalt Anschluß nach Detmold.

Zu diesem Dilemma kommen unattraktiv lange Reisezeiten. Auf der Nebenstrecke — Kursbuch-Nummer 204 — müssen die Züge mangels Erneuerung des Gleiskörpers an einigen Stellen fast Schrittempo fahren. 1959 benötigte die Bahn für die Strecke von Bielefeld nach Detmold eine Fahrzeit von 33 Minuten, heute, zu ICE-Zeiten, braucht sie 51 bzw. 62 Minuten.

Mit dieser Politik kann das DB-Management keine neuen Kundinnen und Kunden auf die Schiene locken. Die einst florierende Lipperlandstrecke gleicht heute eher einem technischen Museum. Die Grünen wollen dieser unheilvollen Entwicklung entgegensteuern, bevor der letzte Zug abgefahren ist. Die umwelt- und menschenfreundliche Alternative soll deshalb heißen: RegioBahn „Lipperland“ mit Tandemtriebwagen von Bielefeld bis Lage und Weiterfahrt nach Lemgo bzw. Detmold. Lästiges und zeitraubendes Umsteigen wird dadurch überflüssig.