Als in Oerlinghausen noch die Postkutschen fuhren

Stadtgeschichte: Im Bergdorf am Tönsberg hat Apotheker Melm sonntags nach der Kirche von der hohen Treppe aus die Post für die ganze Region verteilt

 

[Bild: Im Zeichen des Posthorns: Vor der Posthalterei an der Detmolder Straße 15 stellen sich die Bediensteten für ein Foto auf. Mit dabei ist übrigens Ernst Höltke, der Großvater des heutigen Ortshistorikers Werner Höltke, der in früheren Jahren als Briefbote für große Teile Oerlinghausens, Asemissen und Helpups zuständig war. | © Horst Biere]

[Bild: Zu Kaisers Zeiten: Im Jahre 1906 eröffnete die Reichspost das Oerlinghauser Postgebäude mit den markanten Türmen an der damaligen Bielefelder Straße (heute Rathausstraße). | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Ein Sonntagmorgen in Oerlinghausen im Jahre 1840. In der großen Alexanderkirche ist der Gottesdienst beendet, die Kirchenbesucher aus der Gemeinde oder aus dem Umland wie Ubbedissen, Lipperreihe oder Asemissen strömen ins Freie. Wie immer ziehen viele Männer in die Schankwirtschaften rund um die Kirche zum Frühschoppen. Andere Gottesdienstbesucher aber wandern direkt zur Apotheke. Nicht nur, um eine Arznei zu kaufen, sondern um für sich oder die Nachbarn der umliegenden Höfe die Post abzuholen - oder aber um Briefe und Päckchen aufzugeben.

Denn dort, auf der hohen Treppe zum Apothekeneingang steht jeden Sonntag nach der Kirche der Apotheker Melm und ruft die Post für ganz Oerlinghausen und Umgebung aus. Was nicht abgeholt wird, wandert für eine Weile in sein kleines Schaufenster und wird vielleicht in der nächsten Woche mitgenommen. Seit einiger Zeit mischt Apotheker Melm nicht nur seine Arzneien und Mixturen. Er mischt auch im Postgeschäft kräftig mit, denn er ist der erste "Postexpeditor" Oerlinghausens.

Schon lange lief durchs Dorf Oerlinghausen in früheren Jahrhunderten die Botenpost des lippischen Grafen von Detmold nach Holland. Der lippische Hof besaß dort die niederländischen Gebiete Vianen und Ameiden. Als der Graf im Jahre 1725 die holländischen Besitztümer abgab, übernahm das Königreich Preußen einige der lukrativen Postrouten.

Etwa ab 1775 unterhielt die "Königlich Preußische Post" einen regelmäßigen Beförderungsdienst von Briefen und Paketen zwischen Bielefeld und Detmold. Mal mit Postkutschen, mal mit reitenden Boten, aber auch mit einfachen Briefträgern. Immer mehr übernahm der Kutschenverkehr in jenen Jahren auch den Transport der Textilpakete, die die Oerlinghauser Leinenhändler in alle Welt schickten. Und Dreh- und Angelpunkt des Postwesens wurde im Bergdorf seit 1840 immer mehr die Postfiliale des Apothekers Friedrich Ernst Melm, der seit 1831 an der Hauptstraße seine Apotheke betrieb.

Der große europäische Postkonzern hieß damals Thum und Taxis. Seit vielen Jahrhunderten bereits unterhielt das Adelsgeschlecht aus Süddeutschland für die Kaiser- und Königshäuser aber auch für große Teile von Gewerbe und Handwerk den Brief- und Paketdienst. Die Taxis schluckten allmählich alle kleinen Postanbieter und eine Postroute nach der anderen. Im Jahre 1845 schließlich übernahmen sie auch die Postlinien im westfälischen Teil von Preußen. Apotheker Melm bekam einen neuen Dienstherrn für sein Postgewerbe, er wurde "Thum und Taxis Postexpeditor". Das Transportgeschäft blühte immer mehr auf in Oerlinghausen. Immer mehr Postgüter - Briefe, Päckchen und Pakete - waren vom wachsenden Kirchdorf am Tönsberg aus zu verschicken. Die kleine Postfiliale in der Apotheke kam bald an ihre Grenzen, und der fleißige und gewissenhafte Apotheker Melm erweiterte sein Geschäft, indem er einen weiteren Anbau an sein Haus setzte und weitere Mitarbeiter einstellte. Bald war der ganze rechte Teil des Gebäudes nur noch der Posthalterei vorbehalten.

Nach Friedrich Ernst Melms Tod übernahm 1865 ein externer Postbetreiber die Geschäfte: Martheus aus Rischenau. Er verlegte sein Geschäft in das Haus des Leinenhändlers Friedrich Hölter an der Detmolder Straße 6. Dort hatte er anfangs genügend Platz, vor allem für die Pakete aus dem stark gewachsenen Oerlinghauser Leinengeschäft. Das Haus wurde übrigens später von der Firma Carl Weber erworben und bildete nach einem Umbau im Jahre 1923 den Westflügel des großen Ceweco-Kontorgebäudes.

Martheus aber zog 1869 mit der gesamten Posthalterei in sein neu erworbenes Haus an der Detmolder Straße 15. Im Jahre 1888 ging Martheus in Ruhestand, sein Nachfolger wurde sein Schwiegersohn, Postverwalter Beckmann. Ihn löste 1901 Postverwalter Gehring ab.

Anfang des 20. Jahrhunderts war aber in der Reichspost längst die Entscheidung gefallen, im Dorf im Zuge des gestiegenen Verkehrsaufkommens ein größeres Postamt, eine "Postniederlassung zweiter Klasse" einzurichten. Am 1. April 1906 schließlich fand die feierliche Eröffnung statt: das neugebaute Postamt an der Bielefelder Straße ging in Betrieb. 90 Jahre beinhaltete das rote Backsteingebäude an der heutigen Rathausstraße 15 das Oerlinghauser Postamt. Erst im Jahre 1995 verkaufte man das Gebäude, die Deutsche Post AG betreibt seither ihr Geschäft mit Postfilialen.