Unsere Apotheke

Auszug aus Hermann Diekmanns Buch „Die Geschichte der Bergstadt Oerlinghausen“

 

Wenn wir uns mit der Geschichte Oerlinghausens beschäftigen, ist es wohl eine Selbstverständlichkeit, daß wir eines Unternehmens gedenken, das für das Wohl und Wehe unserer leidenden, kranken, verunglückten und der sonst sich kränklich fühlenden Bewohner eintritt: der Apotheke. Dem jetzigen Inhaber dieses Unternehmens, Pg. Dr. Wachsmuth- Melm, verdanke ich die Daten zu folgenden Aufzeichnungen:

Bis zum Jahre 1830 erfolgte die Arzneiversorgung der Bewohner des damals rund 3.000 Einwohner zählenden Amtes (nicht Ortes) Oerlinghausen notdürftig durch die Hausapotheke des hier angestellten Amtschirurgen Kirchner. Im übrigen waren die Patienten darauf angewiesen, aus den benachbarten Apotheken in Lage, Bielefeld und Paderborn ihren Arzneibedarf zu decken. Nach jahrelangen Verhandlungen erhielt dann der Apotheker Friedrich Melm aus Lage im Jahre 1830 von der Landesregierung die Erlaubnis, ab 1. Januar 1831 in Oerlinghausen eine Apotheke zu betreiben mit allen Pflichten und Rechten, die einer Vollapotheke schon damals zukamen. Bei der geringen Einwohnerzahl war es kein geringes Wagnis, hier in Oerlinghausen eine Apotheke zu begründen und gleichzeitig einen Massivbau von erheblichen Ausmaßen zu errichten. Großzügig und weitschauend hat der alte Melm ein Gebäude erstehen lassen, welches noch heute in seiner langgestreckten, architektonischen Einheit sich dem Straßenbild unserer Bergstadt wuchtig und behaglich zugleich einfügt. Die massiv eichene Einrichtung in den Apothekenräumen erfüllt nach über 100jährigem Dienst noch heute ihren Zweck in moderner Aufmachung. Am 1. Juni 1840 wurde der Apotheker Melm als erster Postexpeditor in Oerlinghausen verpflichtet. Dieses Amt versah er 25 Jahre bis zu seinem Tode im Jahre 1865. Melm hatte zur Aufnahme der Postbüros einen erheblichen Anbau ausführen lassen. Er führte sein Amt mit Gewissenhaftigkeit und Treue und durfte sich als Apotheker und als Postexpeditor großen Ansehens erfreuen.

Am 1. Januar 1864 übergab er die Apotheke seinem ältesten Sohn Christian Friedrich Melm, der sie im Sinne seines Vaters weiterführte und ausbaute. Eine tückische Krankheit setzte seinem Leben ein frühes Ziel, so daß seiner Witwe Frau Luise Melm im Frühjahr 1883 die gewiß nicht leichte Aufgabe zufiel, die Apotheke 10 Jahre lang verwalten zu lassen. Ihrer Sparsamkeit und Umsicht ist es gelungen, trotz großer Schwierigkeiten den Besitz ihrer Familie zu erhalten. Im Jahre 1893 konnte sie die Apotheke ihrem Schwiegersohn, dem Apotheker Carl Wachsmuth aus Schwalenberg, übergeben, der sie als Apotheker von altem Schrot und Korn gewissenhaft weiterführte und sich bei der Bevölkerung von Oerlinghausen und Umgebung großer Achtung und Beliebtheit erfreute.

Nach einunddreißigjähriger Arbeit übergab er am 1. Mai 1924 die Apotheke seinem ältesten Sohne, Dr. Carl Wachsmuth, dem derzeitigen Inhaber. Mit dem Tage des 100- jährigen Bestehens und gleichzeitigen Familienbesitzes der Apotheke nahm Dr. Carl Wachsmuth am 1. Januar 1931, einem Wunsche seiner Melmschen Vorfahren folgend, mit Genehmigung der Landesregierung den Namen Wachsmuth-Melm an, um den in männlicher Linie ausgestorbenen Namen dieses alten seit 1703 in Bremen ansässigen Apothekergeschlechtes Melm der Familie zu erhalten. — Im selben Jahre wurde an der Ostfront der Apotheke ein Erweiterungsbau ausgeführt, welcher alten und neun Baustil glücklich miteinander verbindet. Viele junge Pharmazeuten haben seitdem in unserer Oerlinghauser Apotheke ihre erste Berufsausbildung erhalten. Im Reichsministerialblatt vom 18. Februar 1935 finden wir die Melmsche Apotheke unter den wenigen im Reich als „Lehrapotheke“ verzeichnet.

Eine Besonderheit an dem Neu- und Anbau stellen die bleiverglasten Fenster dar. Das erste Fenster zeigt den Schlafmohn (Papaver somniferum), darunter den Namen des Gründers: Apotheker Friedrich Melm, 1831-64. Auf dem zweiten Fenster finden wir den Fingerhut (Digitalis purpurea), darunter den Namen: Apotheker Christian Friedrich Melm, 1864-83. Das vierte Fenster zeigt uns die Tollkirsche (Atropa Belladonna), darunter den Namen: Wwe. Luise Melm, 1883-93, während wir auf dem fünften Fenster die Küchenschelle (Anemone Pulsatilla) dargestellt finden, darunter den Namen: Apotheker Carl Wachsmuth, 1893-1924. Das Mittelfenster trägt das Firmenzeichen der Melmschen Apotheke: den äsenden Hirsch vor der Windmühle - dem Wahrzeichen unserer Bergstadt. Außerdem sehen wir alte Apothekergeräte: einen Mörser, eine Waage und eine chemische Retorte. Über den Pflanzen und den Apothekergeräten steht der Spruch aus dem Buche Sirach: „Der Herr läßt die Arznei aus der Erde wachsen, und ein Vernünftiger verachtet sie nicht!“