Apotheken und Ärzte
Bis in das 19.Jahrhundert
hinein besaß Oerlinghausen keine eigentliche Apotheke. Für Notfälle hatte der
Amtschirurg eine kleine Hausapotheke. Im übrigen
waren die Bewohner darauf angewiesen, ihre Arznei aus Bielefeld zu holen, wohin
zweimal wöchentlich ein Bote ging. Lage, das schon früh eine Apotheke hatte,
war zwar nicht so weit entfernt, aber nach Lage war keine Botenverbindung, und
der Weg dorthin war sehr schlecht. Die Chaussee ist, wie wir schon gesehen haben,
ja viel später gebaut.
1815 wandte sich ein Bruder
des Apothekers Beissenhirtz in Lage an die Regierung
mit der Bitte, ihm zu gestatten, in Oerlinghausen eine Apotheke anzulegen.
Gegen die Konzessionierung wurden aber eine ganze Reihe Gründe geltend gemacht:
Ö Der Amtschirurg Saatkamp würde den Verdienst aus
seiner Hausapotheke, auf den er in Oerlinghausen angewiesen sei, verlieren. Die
benachbarten Apotheken in Lage und Salzuflen. Die Arzneien wurden aber alle aus
Bielefeld geholt. Vor mir liegt eine Rechnung der Krummacherschen
Apotheke in Bielefeld, die ich Herrn Carl Paradies verdanke, sie lautet:
[Fußnote: Herr Horst
beliebten:
1827
Juli 23 Mixtur 9 Sgr
den 25. Mixtur 5
Sgr 8 Pfg
den 27. Mixtur 10
Sgr 2 Pfg 24. 10
30 Mixtur 10 Sgr 2 Pfg
den 31. Äußerlich 3 Sgr 4 Pfg ' 13.6
Aug 2 Pulver 3 Sgr
den 4. Mixtur 14 Sgr 9 Pfg 17.9
7 Mixtur 12 Sgr 1 Pfg
acht Pulver 3 Sgr 4 Pfg 15.5
10 " 16 Sgr 8 Pfg
den 13. Pulver 2
Sgr 4 Pfg 19.-
15 " 14 Sgr 2 Pfg
den 18.Mixtur 14 Sgr 2 Pfg 28.4
21 "1 7 Sgr
den 25. " 17
Sgr 1. 4 - .
Zu Danke bezahlt erhalten 5.2.10
Krummacher
Bitte nachrechnen
! Die Addition stimmt genau]
würden stark benachteiligt
werden, und die neue Apotheke würde nicht lebensfähig sein. Die Fürstin Pauline
bemerkte dazu eigenhändig:
"Die Pflicht des
Staates, für das Wohl eines künftigen Amtschirurgi
und den mehreren oder minderen Wohlstand benachbarter Apotheken zu wachen,
tritt weit zurück, wenn vom allgemeinen Nutzen die Rede ist."
Aber die Erlaubnis wurde
trotzdem an Beißenhirtz nicht erteilt.
6 Jahre später bat der
Provisor Valentin Husemann in Detmold um die Konzession für Oerlinghausen,
hatte aber ebensowenig Erfolg. Nun setzte aber eine
lebhafte Bewegung ein, die darauf abzielte, die Regierung zur Erteilung der
Genehmigung zu veranlassen.
Zuerst wandten sich die
Vorsteher mit einer Eingabe an die Regierung, in der sie die Bedürfnisfrage
eingehend erörterten. Dieser Eingabe folgten mehrere Petitionen, die von
zahlreichen Einwohnern des Dorfes und des Amts Oerlinghausen unter schrieben
waren, und die unmittelbar an die Fürstin Pauline gingen. Der Widerstand der
Regierungsräte war aber immer noch stark. Schließlich nahm sich auch der
Besitzer von Niederbarkhausen, Tenge, mit aller Energie der Sache an. Er drohte
u.a. damit, dafür einzutreten, daß eine Apotheke im
benachbarten Preußischem nahe bei Oerlinghausen errichtet würde. Das führte
dann endlich dahin, daß als 1828 Johann Friedrich
Ernst Melm, ein Sohn des Pastors Ch.
Fr. Melm in Lage [Fußnote: Er war der Sohn des Apothekers Johann Hinrich Melm in Bremen und von 1792-1794 Hülfsprediger
in Oerlinghausen unter L. F. A. von Cölln. Gest. Juni 1843 zu Lage.], sich
meldete, diesem nach langen Verhandlungen die Konzession erteilt wurde. Melm hatte für das auf das ganze Amt Oerlinghausen
ausgedehnte Privileg eine einmalige Abgabe von 250 Thalern zu bezahlen und
ferner einen jährlichen Kanon von 20 Thalern. Er hatte außerdem den
Amtschirurgen Kirchner für die Einbuße an seiner Hausapotheke mit 15 Thalern
jährlich zu entschädigen. Aber auf diese Summe wurde ihm der Kanon angerechnet.
Kirchner hat die 15 Thaler etwa 30 Jahre lang bis zu seinem Tode bezogen.
Friedrich Melm
eröffnete die erste Apotheke im Hause Hauptstraße 68 (jetzt Elbracht),
kaufte aber sofort einen Bauplatz, für den 50 Jahre lang ein Kanon an
Niederbarkhausen gezahlt werden mußte. 1830 wurde mit dem Hausbau begonnen. Man
sieht es den derben Mauern und den Eichenbalken noch an, daß
dem Bauherrn nur das Beste gut genug war. Auch die Inneneinrichtung der
Apotheke, Alle Trecken und Schränke waren aus Eichenholz. 1831 wurde das neue
Haus bezogen. Es erhielt die Kolonatsnummer 95 und
hat jetzt die Nr. 1 der Hauptstraße. 1836 wurde für 30 Thaler ein kleiner
Garten von Niederbarkhausen dazu erworben und die Quelle hinter dem Hause eingefaßt (sie speist heute unseren Papageu
-Brunnen).
Friedrich Melm
war ein äußerst fleißiger und sparsamer Mann, der in den ersten Jahren schwer
zu kämpfen hatte. Einen Provisor oder Gehülfen hat er
nie gehabt, nur Laufburschen oder Apothekerknechte beschäftigte er. Mein
Großvater war als 14-jähriger Junge bei ihm, und einer der einstigen
Laufburschen lebt noch unter uns: der jetzt 83 Jahre alte Rentner August Löhr [Fußnote:
Löhr starb hier als Schuhmacher und Schenkwirt im Jahre 1933. Ihm gehörte
mehrere Jahre das Jägerhaus. Sein Vater war hier am Gehrenberg 5 ein angesehener,
vielbeschäftigter Zimmermann, der ehrenamtlich kurze Zeit
das Vorsteheramt bekleidete.], Hauptstraße 26, dem ich für manche Erzählung
aus Alt - Oerlinghausen herzlich zu danken habe. Melm
hatte 5 Kinder, davon 3 Söhne. Sein Sohn Hermann wanderte früh nach Nord& -
Amerika aus. In den 40.er Jahren kam er zurück, nur um sein Erbteil zu holen.
Um dies auszahlen zu können, sah sich der Vater gezwungen, seinen an der Detmolderstraße gelegenen Garten an Abraham Meyer zu
verkaufen (jetzt Fillies, Detmolder Straße 23).
Hermann Melm fuhr mit seinem Erbteil nach Amerika
zurück; man hat aber nie wieder etwas von ihm gehört. Ein anderer Sohn Fritz Melm war Kaufmann, seine Witwe lebt noch in Weilburg
(Lahn).
Sein ältester Sohn Christian
Friedrich, kurz Christel genannt, wurde Apotheker, studierte nicht nur in
Göttingen, sondern auch in Jena. Sein Vater, der seit Jahren auch die
Postagentur in Oerlinghausen verwaltete, übertrug ihm am 14. Dezember 1863 zum Kaufpreise von 12 600 Thaler die Apotheke, behielt aber
die Postagentur für sich. Friedrich Melm starb 1866
nach einem arbeitsamen, reich gesegneten Leben am Herzschlag.
Christel Melm,
der sich am 30. August 1864 mit Luise Lindemann aus Lemgo verheiratet hatte,
bewarb sich nach dem Tode seines Vaters um die Postagentur. Da aber durch den
Leinenhandel und die Legge der Brief- und Paketverkehr in Oerlinghausen stark
gewachsen war, hielt die Postverwaltung die Anstellung eines besonderen Beamten
für nötig. Deshalb wurde Melms Gesuch abgelehnt und
Postverwalter Martheus aus Rischenau
nach Oerlinghausen versetzt.
Das alte Melmsche
Wappen zeigt einen Querbalken mit zwei nebeneinander liegenden Sparren und 3 Bienen.
Es ist aber auch möglich, daß die Sparren ein
lateinisches 'M' zeigen sollen.
Christel Melm
war ganz anders als sein Vater. Es kam ihm nicht darauf an, auch mal Schulden
aufzunehmen. Er war, wenn ich so sagen darf, ein Grandseigneur, hatte Sinn für
Humor und besaß selber eine gute Portion Mutterwitz. Zeitweilig aufgetauchte
asketische Anwandlungen seiner Freunde machte er nicht mit. Er war ein Lebensbejaher und - kurz gesagt - ein Grandseigneur. Der
junge Dr. Esau sagte ihm mal in ärgerlicher Stimmung: "Was wollen sie
denn, Herr Melm, Sie sind doch weiter nichts als ein
Kaufmann". Darauf Melm: "Sie haben
ganz recht, Herr Esau, ich bin ein Kaufmann, und sie sind mein Reisender!
Bisher hatte ich nur 1 Reisenden, Ihren Kollegen Caspari, der mir immer als
Reisender sehr lieb war, lieber als Sie, denn er bringt mir auch heute noch
bedeutend mehr Aufträge herein".
Christel Melm
hat nur ein Alter von 48 Jahren erreicht; am 17. März 1883 starb er bei einer
Darmoperation. In der Art seiner Persönlichkeit liegt es, daß
er, obwohl er die Apotheke nur 20 Jahre (1863 - 1883) gehabt hat, viel
volkstümlicher war, als sein Schwiegersohn Carl Wachsmuth, der die Apotheke 33
Jahre gehabt hat. Aber Carl Wachsmuth wollte nichts anderes sein als der
gewissenhafte Apotheker und das war er vom Scheitel bis zur Sohle. Was er heute
in seinem 70. Lebensjahr in der Apotheke noch leistet, ist bewundernswert.
Carl Wachsmuth
kam 1891 nach Oerlinghausen und erwarb 1893 von seiner Schwiegermutter die Melmsche Hirsch - Apotheke. Sein Vater war der Apotheker
Heinrich Wachsmuth in Schwalenberg, bei dem er vor 50 Jahren in die Lehre trat.
Er studierte in Marburg. 1893 heiratete er Milly Melm,
die jüngste Tochter von Christel Melm. Während der 33
Jahre seiner hiesigen Tätigkeit hat er sich in unermüdlicher Weise der
Ausbildung der jungen Apotheker gewidmet. Wie viele haben bei ihm ihre erste
praktische und wissenschaftliche Ausbildung erhalten!
1924 übergab er
die Apotheke seinem ältesten Sohn Dr. Carl Wachsmuth.
Bald nach der
Gründung der Apotheke zog auch der erste Arzt in Oerlinghausen ein. Die
Bewohner waren bis dahin auf Chirurgen angewiesen.
Zuerst waren es Feldscheere, die im Nebenamte Barbiere waren. Einen Feldscheer in Oerlinghausen begegnen wir in den Archiv -
Akten zuerst im Jahre 1703, als Bernd Bunte den jungen Grote so blutig
geschlagen hate, sodaß er dem Feldscheer
27 Groschen hatte geben müssen. Aus ähnlichen Anlässen wird dann noch öfter ein
Feldscheer erwähnt, aber meist ohne Namen. 1709 kommt
ein Arnd Henrich Tantz "in der scharfen
Scheeren", 1713 und 1716 ein Franz Dietrich Brandhorst, 1728 ein
"Operateur" Johann Georg Dedolf,
1731 Caspar Henrich Torneken und 1733 ein Franz
Schussel als Feldscheere vor. Einige Jahre später
macht der Feldscheer dem Chirurgus
Platz. Als Chirurg erscheint zuerst 1738 ein Hagemeister, dann 1754 Gerhard
Friedrich Pott oder Pfott, von dem sich eine interessant Rechnung über die Behandlung Kahmanns
erhalten hat: Er berechnet für:
|
2 temperierende Pulvers 4 zerteilende Pflaster 4 Pflaster |
5 Gr. 8 Gr. 8 Gr. |
Ader gelassen und den Weg 8 Gr.
|
den Weg Chirugische
Mühwalt Chirugische
Mühwalt Spiritus Spiritus den Weg Wieder den Weg |
4 Gr. 3 Gr. 3 Gr. 4 Gr. 6 Gr. 4 Gr. 4 Gr. |
Zusammen 1 Thaler 21 Gr.
Der dann folgende
Chirurg Christoph Orthkras hat gesalzenere Rechnungen
geschrieben. Für die Behandlung der Plaßfrau
berechnet er z.B. 8 Thaler, in einem anderen Falle 10 Thaler.
1765 wurde zuerst ein Amtschirurg ernannt; er hieß Reese und
wohnte bei Woestmann im Kruge (Hauptstraße 61). Vor
seiner Aufstellung mußte er folgenden Eid schwören:
"Ich schwöre einen
Eid zu Gott dem Allmächtigen, daß ich als
angestellter Amtschirurg die mir aufgetragenen Kuren, Befestigung und sonstige
Amtsgeschäfte genau mit bestem Fleiß ausrichten und alles dasjenige thun und erfüllen wolle, was einem Amtschirurgen zustehet.“
Im Jahre 1791 war ein Chirurgus Wolfgang in Oerlinghausen. Ihm folgte Saatkamp und zuletzt 1816 Kirchner, mit dem die Reihe der
Amtschirurgen ihren Abschluß fand. Kirchner wohnte in
dem ihm gehörenden Hause Nr. 110, später Nr. 89, jetzt Hauptstraße 5. Er hatte
eine ausgedehnte Praxis, auch weit im Preußischen, und galt als tüchtiger
"Doktor". Abends trank er gern sein Schnäpschen und sang dazu
alte Studentenlieder von Cambambuli und Ca, ca geschmauset und "Jetzt
schwingen wir den Hut" usw. Die Chirurgi
hatten damals auch 1 oder 2 Semester die Universität besucht.
1831 ließ sich Dr. Georg
Papen aus Pyrmont hier als Arzt nieder und hatte gegen Kirchner keinen leichten
Stand. Er starb schon 1837. Sein Nachfolger war Dr. Adolf Gevekot
aus Salzuflen, der später nach Detmold übersiedelte. Dann kam Dr. Otto Caspari [Fußnote:
Caspari wohnte Detmolder Straße 18. Dies Haus erwarb er vom Erbauer Hölter.]
aus Schieder nach Oerlinghausen. Er ist lange Zeit Arzt hier gewesen, und
wohnte Detmolder Straße 18. Weiter sind zu nennen Dr. Schnitger
und der tüchtige Lammers. Letzterer stammte aus Holland; er heiratete in
Deutschland eine Kellnerin, die den fleißigen Mann ruinierte. Er ging von hier
1874 nach Lage. Dort hielt er sich auch nur kurze Zeit auf, war dann
Schiffsarzt und ging hernach in holländische Kolonien. Er soll in Soerabaya gestorben sein.
Dann folgten Knipp und Esau,
die beide nur kurze Zeit in Oerlinghausen blieben. Knipp lebt noch in Lage, und
Dr. Esau ist vor einigen Jahren in Bielefeld gestorben. Er stand dort in hohem
Ansehen und war lange Jahre Stadtverordneter.
Und im Jahre 1887 ließ sich
unser lieber alter Sanitätsrat Dr. Leopold Martheus
als Arzt hier nieder. Er kaufte damals das Kochsiek'sche
Kolonat Nr.83, an dessen Stelle im Jahre 1910 der jetzige schöne Barock - Bau
Detmolder Straße Nr.3 entstand. Eine Würdigung seiner Verdienste muß ich mir für später vorbehalten. Dr. Martheus
war in Rieschenau am 4.11.1856 geboren und starb am
28.9.1932 zu Oerlinghausen (verheiratet mit Lina Beutling).
Bis zum Jahre 1896
praktizierte immer nur 1 Arzt in Oerlinghausen. In diesem Jahre ließ sich ein
zweiter Arzt hier nieder, es war Dr. Max Meyer, Sanitätsrat, der lange Jahre
Detmolder Straße 23 wohnte, dann kurze Zeit in der Bahnhof straße
und seit 1926 in seinem schönen Neubau in der Reuterstraße Nr. 9. Auch über die
Tätigkeit dieses nimmermüden klugen Arztes muß später
berichtet werden.
1920 ließ sich Dr. Paul Rieso aus Düsseldorf als Arzt hier nieder und 1927 Dr.
Adolf Kochsiek, ein Oerlinghauser Kind.
Zur Zeit (im Winter und Frühjahr 1958) ist Dr. Rieso an einer Hüftgelenkentzündung erkrankt. Er sucht
Heilung im Krankenhaus Gilead der Anstalt Bethel bei Bielefeld und jedermann wünscht
diesem hervorragenden, jetzt 70 Jahre alten Arzt baldige Genesung. Während
seiner Abwesenheit vertritt ihn Hans Joachim Krüger; Dr. med. wohnhaft
Marktstraße im Gebäude der Ortskrankenkasse, der sich vor 3 Jahren hier
niedergelassen hat.
An weiteren Ärzten
praktizieren in dem größer gewordenen Oerlinghausen:
seit 1945 Dr. Nitz, wohnhaft Bahnhofstraße 2 und
seit 1946 Dr. Karl Holste, Detmolder Straße 50.
Folgende Zahnärzte sind hier tätig:
1. Marianne
Reuter, Hauptstraße 40, Witwe des im Kriege gefallenen Zahnarztes W. Reuter.
2. Dr.
Erich Kuhlmann, Bahnhofstraße 17,
3. Dessen
Sohn, Dr. Wolf Kuhlmann, seit 1956,
4. Dr.
Ernst Lohweg, Detmolder Straße 23,
5. Dr. G. Burger, Hauptstraße 19.