100 Jahre Melm’sche Apotheke in Oerlinghausen
Von Bürgermeister Reuter - Oerlinghausen
Als vor 100 Jahren unsere Apotheke aufgemacht wurde, hatte das Dorf Oerlinghausen nur etwa 900 Einwohner. Das Apotheken-Privileg war auf das ganze Amt Oerlinghausen ausgedehnt. Dieses Amt zählte 1830 rund 3000 Einwohner, die aber zum Teil 9 km entfernt wohnten. Es war deshalb für den Gründer der Apotheke kein geringes Wagnis, sich hier niederzulassen und gleich ein großes, festes Gebäude zu errichten. Man sieht es den dicken Mauern und derben Eichenbalken unserer Apotheke noch heute an, daß dem Erbauer nur das Beste gut genug war. Auch die gesamte Inneneinrichtung war aus gutem Eichenholz; einen Teil der alten Trecken und Schränke können wir auch heute noch in den hinteren Räumen der Apotheke bewundern. Außer den Konzessionsgebühren von 250 Thalern. mußte der Gründer für den Bauplatz einen jährlichen Kanon von 30 Thalern und ferner eine Entschädigung von 15 Thalern jährlich an den Amts-Chirurgen Kirchner für dessen Einbuße an seiner Hausapotheke zahlen. Ein Teil der unmittelbaren Umgebung von Oerlinghausen, die weife Senne, unsere heute so viel gepriesene Heide, gehörte damals zu den armseligsten Landstrichen des Fürstentums Lippe und des Bistums Paderborn.
Nur äußerster Fleiß und größte Sparsamkeit mußten deshalb zusammenkommen, wenn das Unternehmen der Apothekengründüng von Erfolg sein sollte. Beide Eigenschaften vereinigten sich in Johann Friedrich Ernst Melm. Er war der Sohn des Pastors Christian Friedrich Melm in Lage. Gleichwohl darf man sagen: Er entstammt einer alten Apothekerfamilie. Christian Friedrich Melms Vorfahren waren Apotheker in Bremen. Schon 1703 finden wir als Besitzer der Hirsch-Apotheke in Bremen (an der Mündung der Langen Straße in den Marktplatz) einen Johann Hinrich Melm, der 1720 starb. Seine Witwe ließ die Apotheke bis 1726 für ihren Sohn Johann Wilhelm Melm verwalten, der dann bis 1760 Besitzer war. Ihm folgte bis 1777 Johann Henrich Melm. Dessen Witwe blieb bis 1819 Besitzerin. In diesem Jahre wurde die Hirsch-Apotheke verkauft. Johann Friedrich Ernst MeIm, der Enkel, war noch zu jung. Seine Ausbildung war 1819 noch nicht beendet, um die großväterliche Apotheke in Bremen übernehmen zu können. Aber zwölf Jahre später, am 1. Januar 1831, eröffnete er die Apotheke in Oerlinghausen.
In den ersten Jahren kamen ihm die Zeitumstände entgegen. Oerlinghausen war damals Sitz einer aufblühenden Leinenindustrie. Hier saßen die bekanntesten Leinenhändler des Lipper-landes, und die nahe Leinenstadt Bielefeld wirkte befruchtend auf Handel und Wandel in Oerlinghausen ein. Eine einzige Firma hatte 1800 schon einen Umsatz in Oerlinghauser feinem Leiner von 105 000 Thalern. Im Jahre 1818 wurde die Bleiche angelegt - 1821 die große Leinen-Mangel errichtet. Später kam die fürstliche Leinen-Legge hinzu, so daß in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts ein bedeutender Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens und ein stetes Wachsen der Gemeinde zu beobachten war. Die Apotheke, die 1831 an der östlichen Grenze des Dorfes lag und als ein weit vorgeschobener Außenposten galt, war 15 Jahre später Mittelpunkt eines neuen Siedlungsgeländes. Heute liegt sie im Verkehrszentrum der Stadt, dort, wo Hauptstraße, Bahnhofstraße, Detmolder Straße und Jägerstraße Zusammenstößen.
So konnte Friedrich Melm in den ersten Jahren dank seinem Fleiße und seiner Gewissenhaftigkeit, aber auch dank der damaligen guten Konjunktur Erfolge buchen. Einen Provisor oder Gehilfen hat er nie gehabt. Nur einen Laufburschen oder Apothekerknecht beschäftigte er. Aber dann kam für Oerlinghausen die Zeit der schweren Not. Englische Garne, englische Maschinen kamen nach Deutschland und mancher Leinenkaufmann wurde kopflos. Die Hausweberei ging rapide zurück, Firmen fallierten, Armut kehrte in viele Familien ein. Auch für die Apotheke kamen schwere Jahre. Friedrich Melm verstand es damals sich eine Nebeneinnahme zu verschaffen, er wurde 1840 preußischer und 1845 erster Taxisscher Postexpeditor. Wir finden in jenen Jahren mehrfach Apotheker als Postverwalter, so in Lemgo von 1774 bis 1811 den Ratsapotheker Krohn und bis 1845 Ratsapotheker Heynemann, in Varenholz von 1856 bis 1868 den Apotheker Becker.
Melm stand bei der Thurn und Taxisschen Postverwaltung in hohem Ansehen. Während der 20 Jahre, in denen unsere. Post in der Apotheke war, hat nur einmal ein Revisor sein Bureau betreten [Fußote: Ludolph, Postgeschichte des Landes Lippe, Detmold 1928.]. Zur Gewinnung eines „vortrefflichen, hellen und geräumigen Postlokals“ führte er 1857 mit erheblichen Kosten einen Anbau aus. Für die Bevölkerung blieb Melm „de Afteuker“ und seine Briefe brachte man damals „zur Apotheke“. Die Landbriefe wurden in der Apotheke ausgegeben oder Sonntags nach der Kirche von der hohen Apothekentreppe ausgerufen. Friedrich Melm starb am 17. August 1865, nachdem er am 1. Januar 1864 seinem ältesten Sohne die Apotheke übergeben hatte.
Christian Friedrich Melm übernahm dieses wohlgeordnete Hauswesen in einer Zeit, als alles einem Höhepunkte zustrebte, als die Leinenweberei sich zu neuer Blüte hier entfaltete, als die Tabakindustrie in Oerlinghausen ins Leben gerufen wurde, als Bismarck in der Politik neue Wege beschritt, als Preußen bei Düppel und Alsen siegte. Er erlebte die Siege des lippischen Bataillons 1866 bei Kissingen und Tauberbischofsheim, er begrüßte 1869 in edler Begeisterung den aus der Verbannung zurückkehrenden Dichter Freiligrath, er verkündete 1870 als Erster mit die Siege von Weißenburg und Wörth, von Metz und Sedan und erlebte die Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre. Er war in eine andere Zeit gestellt als sein Vater und lebte anders als sein Vater. Er war eine Grandseigneur-Natur. Aber er war, was nicht vergessen werden darf, auch ein hervorragender Apotheker und besaß eine gute Portion Mutterwitz. Christian Melm hat nur ein Alter von 48 Jahren erreicht. 1885 starb er bei einer Darmoperation. Das war für die Frau mit ihren vier Töchtern ein furchtbarer Schlag. Wieder kamen Jahre der Sorge, der sparsamsten Einschränkung, Jahre vorsichtigen Rechnens und Überlegens. Zehn Jahre lang hat die Witwe Luise Melm die Apotheke verwalten lassen. Ihrer Umsicht und Sparsamkeit ist es gelungen, alle Schwierigkeiten zu überwinden und den Besitz der Familie zu erhalten. Der Familie! Denn 1895 heiratete Apotheker Carl Wachsmuth aus Schwalenberg die jüngste Tochter. Er erwarb damit die Apotheke, und nun brachen auch für Frau Luise Melm Jahre friedlichen Zurückschauens, ruhigeren Alters an.
Wie Carl Wachsmuth seine Aufgabe angefaßt hat, wie er seinen verantwortungsvollen Beruf ausgeübt hat, das ist 1928 anläßlich seines 50-jährigen Apotheker-Jubiläums in dieser Zeitschrift von berufener Stelle gewürdigt worden [Fußnote: „Apotheker-Zeitung“ 1928, S. 1560.]. Dieser Artikel schließt mit den Worten: „Möge ihm diese Gesundheit noch recht lange erhalten bleiben“ — Ein tragisches Geschick hat es anders gewollt. Am 18. Februar 1930 ist Carl Wachsmuth nach kurzem Kranksein von uns gegangen. Alle, die ihn näher kannten, werden seiner in hoher Verehrung gedenken. Es sei mir gestattet, etwas zu erwähnen, das jener Jubiläumsartikel der „Apotheker-Zeitung" nicht enthält. Er entstammt gleichfalls einer alten Apotheker-Familie, die die Apotheke in Schwalenberg fünf Generationen hindurch innegehabt hat. Wer mit Carl Wachsmuth zusammenkam, der spürte immer zuvörderst den vornehmen, gütigen Menschen und dann auch den peinlich gewissenhaften Fachmann und — last not least — kenntnisreichen Botaniker. 31 Jahre lang hat er hier stets nur mit einem Lehrling gewirkt.
Am 2. Mai 1924 übergab er die Melm sehe Hirsch-Apotheke seinem Sohne Dr. phil. Carl Wachsmuth. Hier müßte mein Bericht schließen, denn was soll ich von ihm, der unter uns lebt, groß erzählen. 35 Jahre ist er alt, Marburger Hessen-Preuße und ein Draufgänger mit unverbrauchter Kraft. Aber ich darf zu kurzer Kennzeichnung doch nicht unterschlagen, welche Posten er bekleidet. Er gehört zum Vorstand des Deutschen Apotheker-Vereins. Er ist Mitglied des Kirchenvorstandes Oerlinghausen, Vorsitzender des hiesigen Kriegervereins, Vorsitzender des Verschönerungs- und Verkehrsvereins. Was heißt das? Es heißt nicht mehr und nicht weniger als „Arbeit am Gemeinwohl“.
Nun geht er daran, die Apotheke durch einen Anbau zu vergrößern. Warum? Um den alten Bau den gesteigerten Verkehrsverhältnissen anzupassen! Nur darum? — Was er ererbt von seinen Vätern hat, er erwirbt es neu, er kämpft täglich darum, um es zu besitzen.
Daß er seiner Väter gern gedenkt, beweist folgendes: Auf seinen Antrag ist ihm zur Erhaltung des in der männlichen Linie ausgestorbenen Namens Melm von der obersten Landesbehörde gestattet worden, mit dem Jahre des 100-jährigen Bestehens der Apotheke den Familiennamen Wachsmuth-Melm fortan, zu führen.
Nun zum Schluß ein Blick voraus: 100 Jahre Apotheke in Oerlinghausen. 100 Jahre Leben in einer deutschen Kleinstadt. 100 Jahre Verbundensein mit dem Wohl und Wehe dieser Stadt 100 Jahre Arbeit und Treue, Erfolg und wieder Arbeit, Wagemut und sorgendes Schaffen. Wie wird’s die nächsten 100 Jahre gehen? Ein neues Geschlecht wächst da in der alten Hirsch-Apotheke heran. Zwei gesunde Kinder hat seine Frau unserem Freunde geschenkt. Was sollen wir sorgen und fragen! —
Ist die Wurzel heilig, sind es auch die Zweige.