Oerlinghausen als Garnison von 1915 bis 1918

 

Dem Vorbilde anderer Städte entsprechend, bemühte sich die damalige Dorfsverwaltung, auch nach Oerlinghausen Militär zu bekommen. Wir dürfen wohl sagen, daß hinter der Dorfsverwaltung die ganze Bevölkerung stand und daß namentlich die jungen Mädchen sich freuten, als es hieß: „Morgen kommen die ersten Soldaten nach hier!“ Es würde zu weit führen und über den Rahmen dieser Arbeit hinausreichen, wenn wir alle jene Erlebnisse und Begebenheiten, wie sie sich bei uns abspielten, niederschreiben würden, dazu langt der Platz nicht. Nur das sei hier angeführt und kurz berichtet, was für unsere Jugend von Interesse sein dürfte.

Schon im August 1914 trafen die ersten 40 Verwundeten, die man mittels Autos vom Bahnhof nach hier brachte, bei uns ein. Die Verwundeten kamen unmittelbar aus dem Felde, von der Westfront, und wurden hier auf die beiden eingerichteten Lazarette, Krankenhaus und Detmolder Straße (Mädchenheim der Firma C. W. Co.) verteilt. Die Kleidung dieser Männer war beschmutzt, aus den Notverbänden quoll das Blut, einige trugen auf den Schultern ihre Schnürstiefel, mit Fäden aneinandergebunden, auch ihre Waffen brachten sie mit. Mancher Frau und manchem Mädchen sind damals beim Anblick dieser Unglücklichen Tränen des Mitleides über die Wangen gerollt. Einer dieser Leichtverwundeten im Krankenhause bekam kurz nach seiner Einlieferung den Wundstarrkrampf; man brachte ihn nach Bielefeld zurück, hier starb er den Heldentod! Ganz Oerlinghausen trauerte um diesen „unbekannten Soldaten“. —

Im April 1915 traf die Verwundetenkompagnie der 145er des Ersatz-Bataillons Metz hier ein. Erst wurde sie einigen Sälen anvertraut, um dann später endgültig in den Sternenkrug, Detmolder Straße, verlegt zu werden. — Dann folgten neu ausgehobene Rekruten aus dem Rheinland und dem Elsaß. Unter den Rheinländern erfreuen sich die Krefelder noch angenehmer Erinnerung. Die Hauptschreibstube des Rekruten-Depots war das Bremersche Haus (heute Rathaus). Zur Revierstube wurde anfangs die Küsterschule, später das Weekesche Haus (heute Heißenberg), Jägerstraße, auserkoren. — Selbstverständlich mußte auch „Vater Philipp“ (Gefängnis) vorhanden sein, und das war das obere Stockwerk des Mahrholdschen Hauses, Adolf-Hitler-Straße, während das untere Stockwerk als Wachtstube benutzt wurde. Die stets lustigen Soldaten hatten bald ein nettes Gedichtchen über den „Vater Philipp“ verfaßt, was ich den Lesern auszugsweise nicht vorenthalten möchte:

Oerlinghausen, schönes Städtchen, das im Lipperländchen liegt idealer Luftschnappkurort, nie von der Kultur beleckt, in dich hat ein Bataillönchen Königskinder man gesteckt, und wie freuet sich die Stadt, daß Soldaten sie jetzt hat.

Refrain: In der schönen, in der neun, in der neun, in der grauen, in der schönen, in der neun grauen Felduniform.

In des Dorfes schönster Straße, steht ein schönes, großes Haus, drinnen schaut aus manchen Gründen niemals ein Soldat heraus.

Seine Fenster sind verschlossen, und hinaus dringt nie ein Ton, ob es regnet, schneiet, hagelt, drinnen merkt man nichts davon. In dies Vater-Philipps-Heim sperrt man die Soldaten ein.

Refrain: In der schönen, in der neun . . .

Seine ganz Hochwohlgeboren der Major, Herr Kuhlwein, spricht: „Mir kam so was zu Ohren, nein, so was das duld' ich nicht, hat ein Kerl sich da besoffen, warte Schwein, ich sperr dich ein!“ Ins Arresthaus geht der Mann, das Kommisbrot unterm Arm.

Refrain: In der schönen, in der neun . . .

Eine Kompagnie des Rekrutendepots fand Aufnahme im „Kastanienkrug“, die Schreibstube war im Hause Adolf Büker, Robert-Koch-Straße. Eine weitere Kompagnie lag im „Essener Hof“ und die dritte bei Bremer. Das Ehrengericht legte man in das Haus Paul Steinmeyer, Detmolder Straße.

Die Ausbildung der Rekruten vollzog sich auf dem heutigen Fluggelände. Auch Schützengräben mit Unterständen, Draht- und Astverhau waren dort zu sehen. Diese sind erst nach der Revolution von Arbeitslosen wieder zugeworfen. Um auch für geistige Unterhaltung der Rekruten zu sorgen, richtete man im Hause Asemissen, Adolf-Hitler-Straße, eine große Lesehalle für sie ein. Von allen Seiten flossen dieser Einrichtung reiche Spenden zu, so daß sie von den Soldaten gern und oft ausgesucht wurde. — Nach genügender Ausbildung der Rekruten fand dann die Vereidigung auf dem Marktplatze (Hindenburg-Platz) statt. Auch erfolgte von hier der Abmarsch ins Feld. Die Oerlinghauser überreichten den neun Kampftruppen Blumensträuße, Liebesgaben und dergleichen und begleiteten diese jedesmal mit zum Bahnhof. Leider haben viele der hier ausgebildeten Rekruten ihr Leben auf dem Felde der Ehre lassen müssen. Mancher der 145er hat sich nach dem Kriege hier niedergelassen und eine Familie gegründet.