Die Hünenkapelle

Gedicht über die Hünenkapelle

 

Verstreute Trümmer, band- und mörtellos,

Versunk‘ne Pfeiler, eingesunkene Bögen,

Überwuchert von Gestrüpp, von Haid und Moos

Vielleicht seit tausend Jahren überzogen;

 

Rings um des Berges sturmgepeitschten Grat

Die überwachsenen steinerbauten Ställe,

In ihrem Kreise diese Trümmersaat,

Genannt die Hünenkirche, die Kapelle;

 

Fern des Cheruskers Bild am dunklen Teut,

Um dessen Gipfel sonn‘ge Lichter schwanken.

Verklärend ihn, so scheint's, von Zeit zu Zeit,

Bleich wie des Weisen Stirne die Gedanken:

 

Hier weht's wie Odem aller Zeit, fürwahr,

Wie das Geflüster langentschwund'ner Tage.

Doch das Verborgne macht's nicht offenbar,

Hier schweigt der Stein und stumm ist selbst die Sage.

 

Ob einst mit dem Gebraus des Abendwinds

Sich einte hier des Kriegshorns Geschmetter,

Wenn auf dem Plan die Schaaren Wittekind's

Um Sieg anriefen ihre heim'schen Götter?

Ob hier am ersten christlichen Altar

Der Dankeshymnos siegreicher Franken.

Nachdem der Reihen Heiden Schaar um Schaar

Im Kampf für ihren Herd und Glauben sanken?

 

Ob einst in dem zerbröckelten Gestein,

Tiefsinnend über dunkle Zeichen hockend,

Ein Klausner lebte, mit dem Heilgen‘schein

Die Gläub'gen durch den Sand der Senne lockend?

Grau liegt der Schleier der Vergessenheit

Auf diesem Steingetrümmer, jenen Grüften,

Die in der braunen Heide rings verstreut,

Und keine Hand vermag es, ihn zu lüften.

 

Vom Thal herüber tönt der Glocke Klang,

Ich sah im Geiste gläub'ge Schaaren ziehen

Den Berg hinan in andachtsvollem Drang

Und still auf dem geweihten Boden knieen.

Ob Heid‘, ob Christ - kein Römling weißt zurück

Den Wanderer von dieses Betraums Schwelle.

Die Glocke schweigt, ein letzter Sonnenblick,

Und wie ein Amen hallt's durch die Kapelle.