Warum die Eröffnung der Bahnstrecke 85 Jahre später gefeiert wurde
[Bild: In historischer
Bahnuniform: Pro-Bahn-Vorsitzender Willi Wächter lud Politiker und
internationale Bahnexperten zum Jubiläumsfest 1989 ein. Drei Tage lang feierte
die Eisenbahn-Fangemeinde den Lückenschluss der Strecke nach, der im Jahr 1904
geschah. (© Horst Biere, Stadtarchiv)]
[Bild:
Festlicher Trubel am Bahnhof: Am 4. Oktober 1903 wurde das erste Teilstück der Bahnlinie
eröffnet, die Trasse von Lage bis Oerlinghausen. Ein Jahr später fuhren die
Züge dann bis Bielefeld. (© Horst Biere, Stadtarchiv)]
Oerlinghausen.
Eine solche Verspätung hat es selbst bei der Bahn noch nie gegeben. 85 Jahre zu
spät rollte der Jubiläumszug zur Oerlinghauser Bahnhofseröffnung entlang der
festlich geschmückten Bahnsteige Richtung Bielefeld. Aber alle Ehrengäste
freuten sich trotzdem, dass es nun im Jahre 1989 doch geklappt hatte mit der
Einweihungsfeier für die Bahnstrecke Oerlinghausen - Bielefeld.
Der
erste offizielle Festakt im September 1904 fiel zum Leidwesen vieler
Oerlinghauser Bürger ins Wasser, weil das Oberhaupt des lippischen
Fürstenhauses, Ernst zur Lippe-Biesterfeld, kurz zuvor verstarb. Da war es aus
mit der großen Party, mit vielen Festreden und viel Hurra an einem Bahnhof, der
erstaunlicherweise auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Asemissen liegt.
Asemisser waren sauer
Der
Gemeindevorstand von Asemissen war total verärgert und blieb deshalb den
Feierlichkeiten zur Eröffnung des Bahnhofs fern. Denn der listige Oerlinghauser
Amtsgemeinderat hatte die Spende von 20.000 Goldmark und die 10.530 Goldmark
der Oerlinghauser Bewohner an die Bedingung geknüpft, dass die Bahntrasse etwa
200 Meter nördlich des Scherenkrugs über Asemisser
Gebiet verlaufe, aber die Bahnstation trotzdem den Namen Oerlinghausen tragen
solle.
Seit
1850 die ersten Dampflokomotiven auf der Paradestrecke von Köln nach München
erstmals dahin schnauften, herrschte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
in Deutschland ein regelrechter Eisenbahn-Boom. Die erste lippische Bahnlinie
von Detmold über Bad Salzuflen nach Herford wurde 1880 eröffnet. Oerlinghausen
dagegen musste noch warten.
Kurz
nach der Jahrhundertwende bekam aber auch Oerlinghausen seinen Bahnhof, denn
die Bahnlinie hatte viele Jahre einen großen Bogen um den Westen Lippes gemacht. Lange hatte sich die lippische Regierung
gegen die direkte Schienenverbindung Lemgo / Detmold - Lage - Bielefeld
gewehrt. Man befürchtete eine Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ins
benachbarte Preußen, in die Großstadt Bielefeld. Außerdem lag die Gemeinde
Oerlinghausen an einem Berghang und sehr ungünstig für eine schnelle
Schienenstrecke.
Dann
aber stellte der lippische Landtag die Signale auf Grün für die wichtige
Verbindung zwischen Hameln und Bielefeld - über Lemgo, Lage und Oerlinghausen.
Ganze Heerscharen von Gleisarbeitern, die sogenannten Rottenarbeiter, leisteten
Schwerstarbeit, um die Strecke zum geplanten Zeitpunkt im Herbst 1903
fertigzustellen. Am 21. September fand die Einweihung des ersten Teils statt,
der Verbindung von Lage nach Oerlinghausen - mit viel schmissiger Blasmusik und
stolzen Dankesworten an Kaiser und lippisches Fürstenhaus an der neugebauten
Bahnstation Oerlinghausen. Voller Selbstbewusstsein hatten die Oerlinghauser
einen Ehrenbogen in der Altstadt vorbereitet. Darauf stand: "Lemgo -
Lage - Bielefeld - Oerlinghausen - weite Welt." Der endgültige
Lückenschluss vom Bahnhof Oerlinghausen bis zum Bielefelder Hauptbahnhof folgte
im Jahr 1904 in eher bescheidenem Rahmen, eben wegen des verstorbenen Regenten.
Für die schnelle Überfahrt zwischen dem Bahnhof in Asemissen und der Altstadt
in Oerlinghausen hatte man ein Pferdefuhrwerk organisiert. Die Touristen, die
die "Sommerfrische Oerlinghausen" besuchen wollten, konnten
also damals schon bequem die steile Anfahrt zum Tönsberg bewältigen.
Dass
das ganze Bahnprojekt letztlich mit Volldampf lief, ist sicherlich auch dem
Engagement und der Spendenbereitschaft von Oerlinghauser Bürgern und Firmen zu
verdanken. Etwa 30.000 Goldmark stiftete eine große Unterstützergemeinde für
den Anschluss an das moderne Schienennetz und für den Bahnhof. Allen voran der
Textilunternehmer Carl Weber, der 4.000 Goldmark spendete. Auf der Spendenliste
standen auch kleinere Betriebe wie Heinrich Bremer, Adolf Bobe
oder Fritz Blume. Die Gemeinde Oerlinghausen zahlte den Löwenanteil von 20.000
Mark.
85
Jahre später feierte die Eisenbahn-Fangemeinde offiziell mit einem großen
Dreitagefest die Eröffnung der Verbindung Oerlinghausen - Bielefeld und holte
die ausgefallene Party von 1904 nach. Willi Wächter, engagierter Bahnaktivist
und Vorsitzender der heutigen Initiative "Pro Bahn" hatte im
wahren Sinne des Wortes alle Welt eingeladen, um den Bahnhof Oerlinghausen zu
präsentieren. Chinesische und russische Eisenbahnminister kamen zur
Jubiläumsfeier im September 1989, auch der damalige NRW-Verkehrsminister
Christoph Zöpel hielt eine Rede. Die lokalen Politiker waren natürlich alle zum
Bahnhofsjubiläum angereist. Sie alle erlebten muntere Aktionen rund um Bahnhof
und Gleise, ein Tag allein gehörte den Kindern. Alle spielten mit ihrer
Eisenbahn.