Der Truppenübungsplatz Stapelager Senne

von Walter Göbel

 

Obwohl heute nicht mehr Bestandteil des Truppenübungsplatzes Senne, soll hier auch auf die wechselvolle Geschichte des heutigen Panzerübungsplatzes Stapel im Norden von Augustdorf eingegangen werden.

Da einerseits der Truppenübungsplatz Senne nach Hitlers Machtübernahme überwiegend für Übungen größerer Verbände vorgesehen war, andererseits aber den Truppen der 6. Inf. Div. in Bielefeld, der Panzerabwehrabteilung 6 in Herford und dem 18. Inf. Regt, in Detmold keine größeren Standortübungsplätze zur Verfügung standen, sollte ein geeignetes Gelände hierfür angekauft oder angepachtet werden. Man fand dieses nördlich von Augustdorf in der Stapelager Senne. Wohnstätten waren hier nicht vorhanden, nur der Schapeler Hof lag am nördlichen Rand dieses Geländes. Die Grundbesitzer wollten nicht verkaufen, waren aber

nach zähen Verhandlungen bereit zur Verpachtung ihrer Flächen. Beauftragt durch das Wehrkreisverwaltungsamt VI in Münster, schloß die Heeresstandortverwaltung Detmold mit Wirkung zum 1. Oktober 1934 Pachtverträge mit den Eigentümern in der Stapelager Senne über die militärische Nutzung der Grundstücke mit 30-, zehn- und einjähriger Laufzeit ab. Die Pachtdauer wurde ohne Kündigung automatisch verlängert. Verträge schloß man ab mit:

1.         Landrat a. D. Albrecht Tasche, Berlebeck,                über 350,00 ha

2.         Landwirt Karl Krecke, Hof Schapeler,                         über 28,89 ha

3.         Landwirt Gottlieb Büker, Hörste-Uekenpohl,            über 7,54 ha

4.         Landwirt August Kalkreuter, Hörste,                         über 2,47 ha

5.         Landwirt Philipp Neuwöhner, Stukenbrock,              über 0,16 ha

6.         Stadtverwaltung Herne,                                             über 5,70 ha

7.         Landwirt Friedhelm Haniel, Gut Wistinghausen,      über 4,50 ha

8.         Landwirt Heinrich Brechmann, Stukenbrock,            über 0,34 ha

Als am 4. 12. 1936 der Landrat a.D. Albrecht Tasche rd. 270 ha, vorwiegend Waldbesitz, an den Freiherrn Schenk zu Schweinsberg in Frohnhausen an der Lahn verkauft und die Stadt Herne im Oktober 1937 ihren Besitz in der Stapelager Senne an den Bergassessor a.D. Fritz von Velsen in Wanne-Eickel veräußert, treten die neuen Besitzer den Pachtverträgen bei. Der Standortübungsplatz mit rd. 400 ha Gelände war entstanden. Fast täglich übten nun Soldaten hier. Die Führung der nahe liegenden militärischen Standorte war froh, solch ein ideales Gelände für Übungszwecke zu besitzen. Es sollte bald anders kommen.

Bereits im Sommer 1936 war von der Flieger-Ausbildungsstelle Detmold in der Kammersenne, nördlich von Haustenbeck, auf einem etwa 68 ha großen, überwiegend von der Anstalt Bethel gepachteten Gelände ein Bombenabwurf- und Fliegerschießplatz 3. Ordnung angelegt und benutzt worden. Hiergegen erhob der Gauleiter von Westfalen Einspruch, da sich im südlichen Teil dieses Platzes germanische Kultstätten befanden, die erhalten werden sollten. Daraufhin versuchte die Luftwaffe, diesen Platz in westlicher Richtung zu verlegen. Beim Oberkommando des Heeres hatte man aber schon die Vergrößerung des Truppenübungsplatzes Senne ins Auge gefaßt. Ein neuer Standort für den Bombenabwurf-und Schießplatz in diesem Gebiet wurde abgelehnt.

In einer Besprechung am 23.12.1936 beim Wehrkreis Münster entschied man, den bisherigen Standortübungsplatz Stapelager Senne ohne Einschränkungen der Luftwaffe als Ersatz für den aufzugebenen Platz in der Haustenbecker Senne zu übergeben. Das Oberkommando des Heeres erteilte am 19. 1. 1937 die Genehmigung hierzu. Neuer Nutzer wurde ab dem 1.4.1937 die Luftwaffe, die in die bestehenden Verträge eintrat. Noch aber hatte das Luftkreiskommando in Münster etwas andere Vorstellungen von dem einzurichtenden Platz. Man wollte diesen in Richtung Flugplatz Oerlinghausen verlängern. Hierzu sollten mehrere Sennegehöfte angekauft werden. Dieser Plan wurde jedoch wegen der hohen Kosten abgelehnt. In wenigen Wochen richtete nun ein Zielbaukommando der Luftwaffe den neuen Platz für deren Bedürfnisse her. Fast in der Mitte des Platzes wurde das markierte Ziel für die Zementbombenabwürfe gebaut. Dieses konnte von allen Richtungen angeflogen werden. Für die Schießübungen mit Bord-MG, die immer aus westlicher Flugrichtung erfolgten, baute man große bewegliche Zielscheiben auf. Dabei sollte der Höhenzug des Teutoburger Waldes als Kugelfang genutzt werden. Kurzerhand wurden Teile des Waldes, die weder gekauft noch gepachtet waren, zum Sicherungsbereich erklärt und mit Warn tafeln versehen. Es kam zu Einsprüchen der Besitzer und des Fremdenverkehrsverbandes. Geändert hat sich nichts.

Vornehmlich vom IV./Kampfgeschwader 254 in Gütersloh, aber auch von der Kampfgruppe Lippstadt und der Aufklärungsgruppe Münster wurde der Platz fast täglich benutzt. Wegen teilweiser Überlastung verfügte man im November 1937, einen zweiten Bombenabwurfplatz in südwestlicher Richtung des vorhandenen mit einem Radius von 500 m anzulegen. Erneut wurden Pachtverträge mit 20 Eigentümern aus Augustdorf und Stukenbrock abgeschlossen. Hier entstand ein neues Zielgebiet in einer Größe von insgesamt 78,62 ha.

Mitte 1940 legte die Luftwaffe in der Nähe des Schapeler Hofes den Scheinflugplatz Augustdorf an. Hierzu wurden Leerbaracken aufgestellt, ausgemusterte Flakgeschütze nach hier verbracht und eine Anzahl von Flugzeugattrappen aufgebaut. Die gesamte Anlage konnte bei Dunkelheit durch Befeuerungsanlagen beleuchtet werden. Man wollte dadurch feindliche Flugzeugführer verleiten, ihre mitgeführten Bomben hier abzuwerfen. Für die Bedienung der Scheinanlage waren von der Luftwaffe aus Gütersloh ständig ein Uffz. und sechs Soldaten auf dem Platz stationiert.

Anfang 1944 wechselte wiederum der Benutzer des Truppenübungsplatzes Stapelager Senne. Die Luftwaffe benötigte den Platz nicht mehr. Das gesamte Gelände wurde der Truppenübungsplatz-Kommandantur Sennelager übergeben. Die Pachtverträge blieben bestehen. Nun wurden hier die Infanterie-Schießbahnen Stapelage und Hermannsberg eingerichtet und bis Kriegsende ständig genutzt. Die Zuwegung änderte sich. Fuhr bisher die Luftwaffe mit Fahrzeugen fast ausschließlich von Oerlinghausen oder Stukenbrock aus in das Gelände, benutzte nun das Militär die Augustdorfer Gemeindestraßen Senneweg und Kohlenweg als Zubringer. An allen Wegen rings um den Platz wurden Schranken errichtet und bei Schießübungen mit Sicherheitsposten besetzt. Diese Postenstellen waren fernsprechmäßig an die Militärvermittlung Sennelager angeschlossen.

Als im April 1945 amerikanische Truppen dieses Gebiet besetzten, kam ihnen der Übungsplatz Stapelager Senne wahrscheinlich sehr gelegen. Sie benutzten diesen weiter für Übungszwecke. Allerdings fuhren sie schwere Geschütze auf und schossen mit Artillerie in Richtung Teutoburger Wald. War es Unvermögen oder Absicht? Immer wieder landeten Geschosse in der Gemeinde Hörste. Mehrere Wohngebäude wurden getroffen und schwer beschädigt. Die Schule von Stapelage erhielt einen Volltreffer. Einwohner wagten sich kaum noch auf die Straße, weil immer wieder Granaten über den Teutoburger Wald hinweggeflogen kamen. Proteste nützten nichts. Es hatte ein Ende, als Anfang Juli 1945 die amerikanischen Truppen abzogen und britische Einheiten dieses Gebiet übernahmen.

Sofort wurde der Truppenübungsplatz Stapelager Senne von den britischen Truppen requiriert und dem Hauptquartier des „Training Centre“, damals in Bad Lippspringe, unterstellt. Zum 1.8.1945 beschlagnahmte man aus der Gemarkung Hörste rd. 477 ha und aus der Gemarkung Augustdorf rd. 5 ha. Das entsprach ungefähr der Größe des durch Verträge gepachteten Teiles des Platzes. Mit gleichem Datum wurde der Übungsplatz Stapelager Senne von den Briten umbenannt in Truppenübungsplatz Orne — nach einem französischen Departement, wo während der Invasion im Jahr 1944 schwere Kämpfe stattgefunden hatten. Orne vergrößerten die Briten durch Beschlagnahme weiteren Geländes beträchtlich. Das Gebiet nordwestlich des Schapeler Hofes erklärte man zum Bereitstellungsraum für übende Truppen und nannte es Alamein, zur Erinnerung an die im Jahr 1942 bei El Alamein in Nordafrika stattgefundene Panzerschlacht. Im Nordosten verlegte man die Grenze bis unmittelbar an die Gemeinde Hörste und im Süden fast bis zur Waldstraße in Augustdorf. Durch diese Maßnahme kamen zum Truppenübungsplatz hinzu: aus der Gemarkung Hörste rd. 451 ha und aus der Gemarkung Augustdorf rd. 62 ha. Die Gesamtgröße des Truppenübungsplatzes Orne betrug am 1. 9. 1948 insgesamt 995 ha. Im Laufe der folgenden Jahre wurden kleinere Gebiete im südwestlichen Teil und um den Schapeler Hof wieder zurückgegeben.

Orne war in den Jahren bis 1958 hauptsächlich Panzerschießplatz. Aber auch Infanterie- und Artillerieübungen wurden hier abgehalten. Der Platz, von tiefen Panzerspuren zerwühlt, glich einer Mondlandschaft. Die Hauptzufahrtstraße für Kettenfahrzeuge war der Kohlenweg in Augustdorf, der von den Briten mit einer Betondecke versehen wurde. Gegen erhebliche Proteste der Verwaltungen in Detmold und vor allem der Gemeinde Hörste bauten die Briten 1950 die Teutoburger-Wald-Straße von der Dörenschlucht bis Hörste als Zufahrtstraße für den nordöstlichen Teil des Truppenübungsplatzes Orne. Es sah so aus, als ob der gesamte Teutoburger Wald in diesem Bereich, der so wichtig für den aufstrebenden Fremdenverkehrsort Hörste war, für immer verloren war. Nicht nur daß die Grenze des Platzes durch das Freibad in Hörste verlief, nun rollten auch schwere Panzer täglich durch Hörste und Stapelage. Proteste nützten wenig, die Besatzungsmacht war stärker.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte auf, als 1956 die Bundeswehr begann, das ehemalige Nordlager in Augustdorf zu einem Truppenstandort auszubauen. Es ist vor allem dem damaligen Bürgermeister Möller aus Hörste zu verdanken, daß in zähen Verhandlungen mit Regierungsstellen in Bonn im Jahr 1958 ein ungeahnter Erfolg für die Anliegergemeinden erreicht wurde. Die Vereinbarungen sahen u. a. vor:

1.         Der Hellweg/Kohlenweg (südwestlich) und der Sennerandweg (nordöstlich) bilden die   neue Grenze des Platzes.

2.         Die Schießbahn Orne wird in den Truppenübungsplatz Senne verlegt.

3.         Das Gebiet um die Heidehaus-Siedlung wird zurückgegeben.

4.         Der Truppenübungsplatz Orne wird nur zu Panzerfahrübungen benutzt.

5.         Um klare Eigentumsverhältnisse zu schaffen, wird die Bundesvermögensstelle    beauftragt, das bisher gepachtete bzw. beschlagnahmte Gelände anzukaufen.

6.         Zur Entlastung der Gemeinde Augustdorf soll eine neue Panzerzufahrt in der      Dörenschlucht geschaffen werden.

7.         Das Gelände hierfür wird zum Teil durch die Gemeinde Hörste zur Verfügung gestellt,    kleine Teile der „Kleinen Senne“ werden hierzu angekauft.

Im gleichen Jahr wurde Orne umbenannt in Stapel und der britischen Garnison in Detmold als Standortübungsplatz übergeben. Ein Mitbenutzungsrecht in Absprache mit den Briten gestand man der Bundeswehr in Augustdorf zu. Auch in den folgenden Jahren mußte die Augustdorfer Bevölkerung den Panzerlärm in ihrer Gemeinde erdulden. Der Bau der Panzerzufahrt in der Dörenschlucht verzögerte sich. Im Jahr 1968 wurde die Panzerringstraße bis zur Dörenschlucht fertiggestellt. Mit den Arbeiten für das Brückenbauwerk über die L 758 begann man 1970. Erst nach Übergabe desselben konnte die Augustdorfer Bevölkerung aufatmen. Die langersehnte Panzerzufahrt zum Übungsplatz Stapel war geschaffen.

Immer wieder drängte die Bundeswehr darauf, einen eigenen Übungsplatz zu besitzen. Man hatte ein Gebiet in der Wistinghauser Senne um den Schapeler Hof in Aussicht genommen. Im Jahr 1974 führten die Verhandlungen zum Erfolg. Etwa 80 ha einschließlich des Schapeler Hofes, der schon seit 1963 unbewohnt war, wurden angekauft und der Bundeswehr zur Benutzung übergeben.

Heute bietet der Panzerübungsplatz Stapel, von unzähligen Panzerspuren durchzogen, einen trostlosen Anblick. Immer wieder versucht die landwirtschaftliche Betreuungsstelle des Bundesvermögensamtes in Zusammenarbeit mit dem Bundesforstamt Senne durch Anpflanzungen und Einsaaten in Teilbereichen die Erosion zu mildern.

Quelle

Privatarchiv Walter Göbel und verschiedene Zeugenaussagen